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Der zunehmende Mond

Chapter 36: DER FEIGENBAUM
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About This Book

A sequence of short lyric poems observes childhood and maternal bonds through rural imagery and intimate scenes. Poems imagine a child's sleep, play, fears, and origins, often addressed by an adult speaker who watches, comforts, and wonders. Natural elements, including moon, sea, trees, and birds, become metaphors for tenderness, loss, and imagination. The collection alternates lullaby rhythm, gentle narrative vignettes, and reflective meditations, inviting readers into the small rituals, songs, and inner world of infancy and parental devotion.

DER FEIGENBAUM

O Du zottelköpfiger Feigenbaum am Ufer des Teichs, hast Du den kleinen Jungen vergessen wie die Vögel, die in Deinen Zweigen genistet haben und Dich verließen?

Erinnerst Du Dich nicht, wie er am Fenster saß und sich wunderte über das Gewirr Deiner Wurzeln, die unter die Erde tauchten?

Die Frauen kamen immer, ihre Krüge zu füllen am Teich, und Dein riesiger, schwarzer Schatten räkelte sich über das Wasser wie Schlaf, der sich anstrengt, aufzuwachen.

Sonnenlicht tanzte auf den Wasserwirbeln wie ruhlose, winzige Weberschiffchen, die eine goldne Tapete wirken.

Zwei Enten schwammen am verwilderten Rande über ihren Schatten und der Junge saß still und sann.

Er wollte der Wind sein und durch Deine rauschenden Zweige blasen, Dein Schatten sein und mit dem Tage länger werden auf dem Wasser, ein Vogel sein und auf Deinem höchsten Wipfel sitzen, und wie jene Enten unter Unkraut und Schatten schwimmen.

SEGNUNG

Segne dies kleine Herz, diese weiße Seele, die des Himmels Kuß für unsere Erde gewonnen hat.

Er liebt das Licht der Sonne, er liebt den Anblick von seiner Mutter Antlitz.

Er hat mich gelehrt, den Staub verachten und nach Gold trachten.

Schließ' ihn an Dein Herz und segne ihn.


Er ist in dieses Land der hundert Kreuzwege gekommen.

Ich weiß nicht, wieso er Dich wählte aus der Menge, an Dein Tor kam und Deine Hand faßte, um seinen Weg zu fragen.

Er wird Dir folgen, lachend und plaudernd und ohne Zweifel im Herzen.

Erfüll' sein Vertrauen, führe ihn zum Rechten und segne ihn.


Leg' Deine Hand auf sein Haupt und bete: wenn auch die Wogen unten bedrohlich werden, so möge doch der Odem von oben kommen und seine Segel füllen und ihn in den Hafen des Friedens wehn.

Vergiß' ihn nicht in Deinem Hasten, laß' ihn an Dein Herz kommen und segne ihn.

DAS GESCHENK

Ich möchte Dir was schenken, mein Kind, denn wir treiben auf dem Strom der Welt.

Unsre Leben werden auseinandergehn und unsre Liebe wird vergessen werden.

Aber ich bin nicht so töricht, zu hoffen, ich könnte Dein Herz mit meinen Geschenken kaufen.

Jung ist Dein Leben, Dein Pfad lang, und Du trinkst die Liebe, die wir Dir bringen, auf einen Zug, kehrst Dich um und läufst weg von uns.

Du hast Dein Spiel und Deine Gespielen. Was tut's, wenn Du nicht Zeit, nicht Sinn für uns hast.

Fürwahr, wir haben Muße genug im Alter, die Tage zu zählen, die vergangen sind, in unseren Herzen zu hätscheln, was unsre Hände für immer verloren haben.

Der Fluß läuft schnell mit einem Lied, alle Schranken durchbrechend. Aber der Berg steht und erinnert sich und folgt ihm mit seiner Liebe.

MEIN LIED

Dies Lied von mir will seine Musik winden um Dich, mein Kind, wie die zärtlichen Arme der Liebe.

Dies Lied von mir will Deine Stirn berühren wie ein Segenskuß.

Wenn Du allein bist, wird es an Deiner Seite sitzen und Dir ins Ohr flüstern; bist Du in der Menge, wird es Dich einfrieden mit Entrücktheit.

Mein Lied wird ein Flügelpaar für Deine Träume sein, es wird Dein Herz an die Grenze des Unbekannten reißen.

Es wird wie der getreue Stern zu Häupten sein, wenn finstre Nacht über Deiner Straße liegt.

Mein Lied wird in den Sternen Deiner Augen sitzen und Deinen Blick in das Herz der Dinge führen.

Und wenn meine Stimme still ist im Tod, wird mein Lied in Dein lebendes Herz sprechen.

DER ENGEL

Sie schreien und kämpfen, sie zweifeln und verzweifeln, sie wissen kein Ende ihren Zänken.

Laß' Dein Leben unter sie kommen wie eine Flamme Licht, mein Kind, ohne Flackern und rein, und entzücke sie zum Schweigen.

Sie sind grausam in ihrer Gier und ihrem Neid; ihre Worte sind wie verborgene Messer, dürstend nach Blut.

Geh' und stelle Dich unter ihre schelen Herzen, mein Kind, und laß' Deine milden Augen auf sie fallen wie der verzeihende Abendfriede über den Streit des Tags.

Laß' sie Dein Antlitz sehn, mein Kind, und so den Sinn aller Dinge erkennen; laß' sie Dich lieben und so einander lieben.

Komm' und wohne im Busen der Unendlichkeit, mein Kind. Mit Sonnenaufgang öffne und erhebe Dein Herz wie eine blühende Blume, und zum Untergang neige Dein Haupt und vollende im Schweigen des Tages Gottesdienst.

DER LETZTE VERTRAG

»Komm und miete mich«, schrie ich, als ich des Morgens auf der steingepflasterten Straße ging.

Das Schwert in der Hand, kam der König in seinem Wagen.

Er hielt meine Hand und sagte: »Ich will Dich mieten mit meiner Macht.«

Aber seine Macht war mir nichts wert, und er fuhr davon in seinem Wagen.


In der Hitze des Mittags lehnten die Häuser mit geschlossenen Türen.

Ich wanderte entlang die krumme Gasse.

Ein alter Mann kam heraus mit seinem Sack voll Gold.

Er sann nach und sagte: »Ich will Dich mieten mit meinem Geld.«

Er wog seine Münzen, eine nach der andern, aber ich wandte mich fort.


Abend war's. Die Gartenhecke stand ganz in Blüte.

Das liebliche Mädchen kam heraus und sagte: »Ich will Dich mieten mit einem Lächeln.«

Ihr Lächeln blaßte und schmolz in Tränen, und sie ging zurück allein im Dunkel.


Die Sonne glitzerte im Sand, und die Meereswellen brachen landeinwärts.

Ein Kind saß da, mit Muscheln spielend.

Es hob seinen Kopf und schien mich zu kennen und sagte: »Ich miete Dich mit Nichts.«

Von da an machte mich dieser Vertrag, im Kinderspiel geschlossen, zum freien Mann.

ANMERKUNGEN UND NACHWORT DES ÜBERSETZERS

Zu Seite

7: Arēka-Palme (malayisch arik). Eine Abart, Arēca cātechu, die Betelpalme, trägt orangerote, hühnereigroße Früchte, deren Kern, mit den Blättern des Betelpfeffers umwickelt, gekaut wird.

Kokos-Palme (von spanisch coca »Nuß« oder portugiesisch coco »Popanz« wegen der gesichtsähnlichen, daher schreckhaften Früchte). Die Kokosnuß gehört in Indien zu den heiligsten Früchten, die der Göttin der Wohlfahrt, Sriphāla, geweiht sind.

Brotfruchtbaum (englisch jack-fruit aus malayisch chakka; sanskrit pānasa). Die kopfgroßen Früchte werden roh und geröstet genossen. 2 bis 3 Bäume versorgen einen Menschen ein Jahr mit Nahrung.

20: Feigenbaum (englisch banyan tree, sanskrit vaṭa; ficus indica). Die Luftwurzeln der Äste greifen in den Boden ein und werden zu neuen Stämmen. So wächst der Baum nach allen Seiten hin durch Jahrtausende und bildet einen Wald, der Tausende von Menschen aufnimmt. Er ist der Zeit, Kāla, heilig und gilt als Sinnbild der Unsterblichkeit. Beim Pflanzen des Baumes wird gewöhnlich das Gebet gesprochen: »Möchte ich so viele Jahre im Himmel weilen als dieser Baum auf Erden wächst.«

Mango (malayisch māngāy, sanskrit āmra; magnifera indica). Gelbblühender Baum mit gelblichen, bis zu einem Kilo schweren Früchten, die ein beliebtes Obst sind. Der Ārmra gilt als Inkarnation der Liebesgöttin. Nach einer Legende übte die Göttin Pārvati unter einem Mangobaum Buße, dort, wo jetzt der Ṡaiva-Tempel steht. Hier erschien ihr ihr Gatte Ṡiva, der als Ekāmranātha »der unvergleichliche Herr des Mangobaums« verehrt wird.

21: Bakula (mimusops elengi), Baum mit wohlriechenden Blättern und Blüten, die ein ätherisches Öl liefern. Die süßen Früchte sind eßbar.

35: Kadam (sanskrit Kadamba; nauclea cadamba), Liane mit orangefarbener duftender Blüte.

Dādā (Hindustani), Großvater väterlicherseits, dann auf jede ältere Person angewendet, hier: der ältere Bruder.

40: Champa (sanskrit champaka; michelia champaka), den Magnolien ähnliche Holzgewächse mit duftenden, zarten, weißen und gelben Blüten, die Götzenbildern dargebracht werden, besonders am 14. Iyeshṭh (ungefähr unserm Juni entsprechend). Das wohlriechende Champakaöl ist sehr beliebt.

41: Rāmāyana (sanskrit ayana = gehend, vonay = gehen), »Die Taten des Rama«. Das große Sanskrit-Epos, das dem Vālmiki zugeschrieben wird und im 5. Jahrh. v. Chr. entstanden sein dürfte. Vgl. Alex. Baumgartner, das Rāmāyana und die Rāma-Literatur der Inder. Freiburg 1894.

43: Tulsi (sanskrit tulasi; ocimum sanctum), heiliges Basilikum. In Ostindien berühmteste Arzneipflanze, der Legende nach aus dem Haar einer Nymphe erzeugt, die Vishnu in seiner Inkarnation als Krishna liebte. Vaisnawa-Rosenkränze bestehen aus 108 Perlen von diesem Holz. Alljährlich wird in Indien eine Art Vermählungszeremonie zwischen dieser Pflanze und einem Salagramammoniten (versteinerte, ausgestorbene Tintenschneckenart, Symbol des Vishnu und als Amulett weiblicher Fruchtbarkeit) als Sinnbild der Muschelinkarnation Vishnus vollzogen.

50: Tamarinde (arabisch tamr hindi, indische Dattel; tamarindus indica), bis zu 25 Metern hoher, immergrüner Baum mit gelblichen, purpurgeäderten Blüten. Die Frucht wird als Obst, Nahrungs- und Arzneimittel verwendet.

53: Shiuli (bengali; nyctanthes arbor tristis), Gattung der Oleaceen. Bis zu 9 Metern hoher Baum oder Strauch, vom Jasmin hauptsächlich durch Blütenfarbe (Röhre und Schlund orange, sonst weiß) und Fruchtform verschieden. Tropische Zierpflanze mit wohlriechenden, nur nachts geöffneten Blüten, die zum Färben von Speisen und zur Bereitung von ätherischem Öl dienen.

55: Indischer Flachs (englisch jute, bengali jūto »die Haarflechte«; corchorus olitorius). Die Faser wird zur Erzeugung von Matten und groben Sackleinen, Jute, verwendet.

56: Rāmachandra. Das Wort chandra wird oft an Namen angefügt, um die Schönheit auszudrücken. Der Retter der Welt, der triumphierende Dämonentöter, der rührendste Dulder, in den sich Vishnu bei seiner siebenten Herabkunft verwandelte. Rāmas vierzehnjährige Verbannung mit seiner Gattin Sitā wird im zweiten und dritten Gesange des Rāmāyana geschildert.

71: Ganesh (Sanskrit Ganeça »der Anführer des Gefolges« Shivas, als dessen Sohn er gilt). Er wird oft mit seinem Bruder, dem Kriegsgott Skanda verehrt. Er ist der Entferner von Hindernissen, die Verkörperung allen Erfolges. Indische Handschriften pflegen mit einer an ihn sich richtenden Verehrungsformel zu beginnen, damit er den hindernden Einfluß böser Dämonen vom Schreiben abwehre: so ist der Schein entstanden, als sei Ganesha eigentlich ein Gott der Wissenschaft. Sein in Indien unendlich verbreitetes Bild zeigt ihn mit einem Elefantenkopf, oft auf einer Ratte reitend.

75: Madar (sanskrit mandāra; erythrina indica), Dadapbaum, als Stütze in Pfeffer-, als Schattenbaum in Kaffeeplantagen verwendet. Mit meist scharlachroten Blütentrauben, zur Gattung der Korallenbäume gehörig.

83: Palankin Tragsänfte.

89: Puja (sanskrit) bedeutet Verehrung überhaupt. Als Fest ist das Durgāpūjā oder Navarātra gemeint, die »Neun Nächte«, beginnt am ersten und endet am zehnten Tag der lichten Hälfte von Āṡvina (September-Oktober). Es wird namentlich in Bengal gefeiert als Erinnerung an den Sieg von Durgā, Shivas Frau, über einen büffelköpfigen Dämon. Ihr Bild wird mit zehn bewaffneten Armen dargestellt, ihr rechter Fuß auf einem Löwen ruhend, ihr linker auf dem Büffeldämon. Nach neuntägiger Verehrung wird dieses Götzenbild am zehnten Tage ins Wasser gestürzt.

Näheres vgl. Monier-Williams, Brāmanism and Hindūism or Religious Thought and Life in India. London, 1891.


Die Gedichte 2, 3 und 9 sind mit den Gedichten 60–62 der Sammlung »Gitanjali« identisch.

Es scheint mir wichtig, zu betonen, daß die englische, von Tagore selbst geschaffene Form als die beste europäische Mittlerin seiner Gedanken und Gefühle zu gelten hat. Selbst die Kunst eines Rückert könnte uns die Umdichtung aus dem bengalischen Urtext nicht so nahebringen, wie eine möglichste Nachbildung der englischen Umdichtung uns rühren kann.

Bei den Anmerkungen danke ich wieder vieles der Freundlichkeit des Berliner Sanskritisten, Herrn Professor Heinrich Lüders.

GEDRUCKT BEI POESCHEL & TREPTE IN LEIPZIG