Nun ging ich, meine wichtige Vergangenheit in der Adjustier- und Probierwage tragend, feurig auf und nieder. Der Pontak mußte – ich weiß wohl, daß es hinieden nur unechten gibt – ein noch unechterer gewesen sein; so sehr jagte er meine Phantasie in ein Feuer nach dem anderen. Ich sah jetzt in ein weites, glänzendes Leben hinein, wo ich ohne Amt lebte, bloß von Geld; und das ich gleichsam mit den delphischen Höhlen und Zenonischen Gängen und Musenbergen aller der Wissenschaften übersäet sah, die ich ruhig treiben konnte. Besonders konnte ich mich mehr auf Preisschriften bei Akademien legen, deren (nämlich der Schriften) sich kein Urheber jemals zu schämen braucht, weil eine ganze krönende Akademie in jedem Falle für den Koronanden steht und errötet. Schießt auch der Preiswerber neben der Krone vorbei, so bleibt er doch stets unbekannter und anonymer (da man seine Devise nicht entsiegelt) als ein anderer Autor, der zwar namenlos ein Langohr von Buch ediert, den aber doch bald ein literarisches Eselbegräbnis (sepultura asinina) öffentlich vor der halben Welt einsenkt.
Nur etwas dauerte mich voraus, das Leid meiner Berga, welcher ich morgen, der lieben Müdegereisten, die Ankunft und die abgekürzte Marktschau mit meiner abschlägigen Nachricht versalzen mußte. Sie wollte so gern in Neusattel – und wer verübelt's einer reichen Pächterstochter – etwas vorstellen und manche Honoratiorin ausstechen. – Jeder Mensch verlangt sein Paradeplätzchen und eine frühere lebendigere Ehre, als die letzte Ehre. – Besonders will eine so gute Niedriggeborene, sich vielleicht mehr ihres metallischen als ihres geistigen Schatzes und Tilgungsfonds bewußt, doch bei Ehrengelagen Meisterin von irgendeinem Stuhl oder Stühlchen sein und über die erste beste dumme Gans loci hinaufsitzen.
Dazu sind nun Ehemänner so unentbehrlich. Ich nahm mir daher vor, mir und folglich ihr einen der besten Titel, womit die Höfe in Deutschland (gleichsam wie in einem Auerbachshof in Leipzig) vom Adel und Halbadel an bis zum Rate herunter in einem fort feilstehen, anzukaufen und dieser geadelten Seele durch meinen Viertelsadel einen solchen Achtelsadel zuzuspielen, daß (hoff' ich) manche gemeine nebenbuhlerische Neusattlerin vom Neide halb geborsten sagen und rufen soll: »Ei du dummes Pächtersding! Seht doch, wie das schwänzelt und wedelt! Es denkt nicht daran, was es mit ihm wäre, wenn es keinen Geldsack und keinen Hofrat hätte; –« Denn letzteres nämlich müßt' ich etwa vorher geworden sein.
Aber ich sehnte mich in der kalten Einsamkeit meines Zimmers und im Feuer meiner Erinnerungen unbeschreiblich nach dem Bergelchen – ich und mein Herz waren müde vom fremden treibenden Tage – niemand um mich her sagte mir ein gutes Wort, das er nicht in die Wirtsrechnung zu bringen verhoffte. – Freunde, ich schmachtete nach der Freundin, deren Herz gern das Blut zum Balsam für ein zweites vergießt – ich verfluchte meine überklugen Maßregeln, daß ich nicht, um die Gute sogleich mit mir zu nehmen, lieber das dumme Hauswesen allen Spitzbuben und Feuerschäden preisgegeben. – Im Auf- und Abgehen ward es mir immer leichter, alles zu werden, jeder Kammerrat, Akzisrat, anderer Rat, und wie sie nur befahl, wenn sie ankäme.
»Mach dir nur einen guten Tag in der Stadt!« sagte Bergelchen diese ganze Woche hindurch. Aber wie ist einer ohne sie zu machen? Unsere Trauertränen trocknen auch Freunde ab und begleiten sie mit eigenen; aber unsere Freudentränen finden wir am leichtesten in den Augen unserer Frauen wieder. – Verzeiht, Freunde, diese Libationen meiner Rührung – ich zeig' euch nur mein Herz und meine Berga. – Bedarf ich eines Ablaßkrämers, so nehmt den Pontakskrämer dazu. 79 Schwache und verschobene Köpfe verschieben und verändern sich am wenigsten wieder, und ihr innerer Mensch kleidet sich sparsam um; ebenso mausern Kapaune sich nie.
Erste Nacht in Flätz.
Gleichwohl nahm mir der Wein die Besonnenheit nicht, vor dem Bettegehen unter das Bett zu sehen, ob jemand darunter lauere, zum Beispiel die Hure, der Zwerg oder der Legationsrat, ferner den Schlüssel unter den Türdrücker (die beste Sperrordnung unter allen) zu schieben, dann zum Überflusse meine Nachtschraube an die Türe einzubohren und endlich davor noch die Sessel übereinander zu bauen und Beinkleider und Schuhe anzubehalten, weil ich durchaus nichts besorgen wollte.
Ich hatte aber noch andere Sachen des Nachtwandels wegen abzutun. Mir war's überhaupt von jeher unbegreiflich, wie so viele Menschen zu Bette gehen und darin gesetzt liegen können, ohne zu bedenken, daß sie vielleicht im ersten Schlafe sich aufmachen 89 Die Alten heilten sich im Zeitenunglück mit Philosophie oder mit Christentum; die Neueren aber z. B. in der Schreckenszeit griffen zur Wollust, wie etwa der verwundete Büffel sich zur Kur und zum Verband im Schlamme wälzt. als Nachtwandler und auf Dächer hinauskriechen und irgendwo erwachen, wo sie den Hals brechen und den Rest. Ja, es wäre mir schon Gefahr genug, wenn ein unbescholtener Mann, ein Feldprediger, im eigenen Bette einschliefe und etwa auf den Seidenpolstern im Schlafgemache der vornehmsten Dame in der Stadt aufwachte, von der er vielleicht sein Glück erwartet. Bin ich zu Hause, so wag' ich wenig mit Schlaf; – weil ich, da meine rechte Fußzehe jede Nacht mit einem drei Ellen langen Wickelbande (ich nenn' es scherzend unser eheliches Band) an die linke Hand meiner Frau angeschlungen wird, die Gewißheit habe, daß ich, falls ich aus dem Bettarrest herausginge, mit dem Sperrstrick sie wecken und ich folglich von ihr, als meinem lebendigen Zaun, an der Nachtschnur wieder ins Bett würde zurückgezogen werden. Im Gasthof aber konnt' ich nichts tun, als mich einige Male an den Bettfuß schnüren, um nicht zu wandern; obgleich alsdann einbrechende Spitzbuben neue Not mitbringen konnten. Ach, so gefährlich ist alles Schlafen, daß leider jeder, der nicht auf dem Rücken wie ein Leichnam daliegt, besorgen muß, mit dem Ganzen schlafe auch ein oder das andere Gliedmaß, ein Fuß, ein Arm ein; und dann kann das entschlummerte Glied – da es in der medizinischen Geschichte gar nicht daran an Exempeln fehlt – am Morgen zum Amputieren gereift daliegen. Deshalb lass' ich mich häufig wecken, damit nichts einschläft.
Als ich an den Bettpfosten gut angebunden und endlich unter die Bettdecke gekommen war, wurde ich wegen meines Pontaks Feuertaufe aufs neue bedenklich und furchtsam vor meinen zu erwartenden Kraft- und Sturmträumen – welche leider nachher auch nichts Besseres wurden als Helden- und Potentatentaten, Festungsstürme, Felsenwürfe; – noch aber seh' ich wenig diesen Punkt ärztlich beherzigt. 108 Verwundert las ich, der Gruß im Gotthardstal sei: Allegro! – Denn nie wurd' ich in Wetzlar, in Regensburg oder Wien anders gegrüßt als: Andante di molto! – zuweilen jedoch: Allegro, ma non troppo! – Ja, alte Generale grüßten sich Medizinalräte und ihre Kunden strecken sich alle ruhig in ihren Betten aus, ohne daß nur einer von ihnen befürchtet oder untersucht, ob ihm ein wütiger Zorn (zumal wenn er schnell darauf kalt säuft im Traum), oder ein herzzerreißender Harm, was er alles in den Träumen erleben kann, am Leben schade oder nicht. Wär' ich, ich bekenn' es, eine Frau und mithin weiblich-furchtsam zumal in guter Hoffnung, ich würd' in letzter über die Frucht meines Schoßes in Verzweiflung sein, wenn ich schliefe und folglich im Traum alle die von medizinischen Polizeien verbotenen Ungeheuer, wilden Bestien, Mißgeburten und dergleichen zu Gesicht bekäme, wovon eine ausreicht (sobald die bestätigte Lehre des Versehens wahr bleibt), daß ich Kreißende mit einem elenden Kinde niederkäme, das ganz aussähe wie ein Hase und voll Hasenscharten dazu, oder das eine Löwenmähne oft: Poco vivace. – Ich erkläre mir es daher, daß der Deutsche, wenn alle Völker, die Füße und Schuhe zu ihren Maßen nehmen, lieber mit Sessions-Steißen und Hosen abmißt. hinten hätte oder Teufelsklauen an den Händen, oder was sonst noch Mißgeburten an sich haben. Vielleicht wurden manche Mißgeburten von solchem Versehen in Träumen gezeugt.
Nachts kurz vor zwölf Uhr erwacht' ich aus einem schweren Traum, um eine für meine Phantasie zu geisterhafte Geistergeschichte zu erleben. Mein Schwager, der sie mir eingebrockt, verdient für seine ungesalzene Kocherei, daß ich ihn euch als den Braumeister des schalen Gebräues ohne Schonen nenne. Wäre Argwohn mit Unerschrockenheit verträglicher, so hätte ich vielleicht schon aus seinem Sittenspruche über dergleichen unterwegs sowie aus dem Fortbehalten seines Nebenzimmers, an dessen Mitteltüre mein Lager stand, leicht alles geschlossen. Mir war nämlich, als würd' ich angeblasen von einem kalten Geisteratem, den ich auf keine Weise 181 Gott sei Dank, daß wir nirgends ewig leben als in der Hölle oder im Himmel; auf der Erde würden sonst wahre Spitzbuben aus uns, und die Welt ein Haus von Unheilbaren, aus Mangel der aus den entfernten und versperrten Fenstern herzuleiten vermochte; – worin ich's denn auch traf, denn der Schwager hatt' ihn aus einem Blasebalg durchs Schlüsselloch eingeschickt. Alles Kalte bringt in der Nacht auf Todes- oder Geisterkälte. Ich ermannte mich aber und harrte – nun fing gar das Deckbette an, sich in Bewegung zu setzen – ich zog es an mich – es wollte wieder weiter – behend' setz' ich mich plötzlich im Bette auf und rufe: »Was ist das?« – Keine Antwort, überall Stille im Gasthof – das ganze Zimmer voll Mondschein –. Jetzt hob sich mein Zugpflaster, das Deckbett, gar empor und luftete mich, wobei mir war wie einem, von dem man ein Pflaster schnell abhebt. Nun tat ich den Rittersprung aus dem Teufelstorus und zersprengte springend mein Nachtwandlersleitseil. »Wo ist der dumme Menschennarr,« rief ich, »der die erhabene unsichtbare Kurschmiede (der Scharfrichter) und der ableitenden Haarseile (am Galgen) und der Ekel- und Eisenkuren (auf Richtstätten). So daß wir also wirklich unsre sittliche Riesenkraft gerade so auf der Schuld Geisterwelt nachäfft, die ihm ja auf der Stelle erscheinen kann?« – Aber an, über, unter dem Bette war nichts zu hören und zu sehen. Ich schaute zum Fenster hinaus; überall geisterhaftes Mondlicht und Straßenstille, und nichts bewegte sich, als (wahrscheinlich vom Winde) auf dem fernen Galberg ein Neugehenkter.
Jeder andere hätt' es so gut für Selbsttäuschung gehalten als ich; daher wickelte ich mich wieder in mein passives lit de justice und Luftbette ein, darin erwartend, inwiefern ich an Erschrecken erkalten sollte oder nicht.
Nach einigen Minuten fing das Deckbette, der teuflische Faustsmantel, sein Fliegen und Schiffsziehen (ich allein war der Verurteilte) wieder an, der Abwechslung wegen hob auch wieder der unsichtbare Bettaufhelfer empor. Verfluchte Stunde! – Ich möchte wissen, ob es im ganzen gebildeten Europa einen gebildeten der Natur, die wir zu bezahlen haben, beruhend, finden, als die Politiker (z. B. der Verfasser des neuen Leviathans) die Übermacht der Engländer, auf deren Nationalschuld gestützt, erweisen. oder ungebildeten Menschen gäbe, der bei so etwas nicht auf Geisterteufeleien verfallen wäre; – ich verfiel darauf, unter der (sich selber) fahrenden Habe des Deckbettes, und dachte, Berga sei Todes verfahren und fasse nun noch geistig mein Bette. Dennoch konnt' ich sie nicht anreden, sowenig als den Teufel, der hier einspielen konnte, sondern ich wandte mich bloß an Gott und betete laut: »Dir übergeb' ich mich ganz, du allein sorgtest ja bisher für mich schwachen Knecht – und ich schwöre, daß ich anders werde.« – Ein Versprechen, das dennoch von mir soll gehalten werden, so sehr auch alles nur dummer Lug und Trug gewesen ist.
Mein Gebet verfing nichts bei dem unchristlichen Dragoner, der mich einmal im Zuggarn des Deckbetts gefangen hielt – unbekümmert, ob er ein Gastbett zum Parade- 63 Die, welche vom Völkerlichte Gefahren befürchten, gleichen denen, die besorgen, der Blitz schlag' ins Haus, weil es Fenster hat; da er doch nie durch diese, sondern durch deren Beeinflussung fährt oder an der Rauchwolke des Schornsteins herab. und Totenbette mache oder nicht. – Er spann meine Nerven wie Golddraht durch engere Löcher hindurch immer dünner bis zum Verschwenden und Verschwinden, denn das Bette marschierte endlich gar herab bis an die Mitteltüre. –
Jetzt war es Zeit, ohne Umstände erhaben zu werden und mich um nichts mehr hienieden zu scheren, sondern mich dem Tode schlicht zu widmen: »Rafft mich nur weg,« rief ich und schlug unbedenklich drei Kreuze, »macht mich nur schnell nieder, ihr Geister; ich sterbe doch unschuldiger als tausend Tyrannen und Gottesleugner, denen ihr leider weniger erscheint als mir Unbeflecktem.« Hier vernahm ich eine Art von Lachen, entweder auf der Gasse oder im Nebenzimmer; vor diesem warmen Menschenton blüht' ich plötzlich wie vor einem Frühling an allen Spitzen wieder auf. Ich verschmähte gänzlich die weggehaspelte 76 Die ökonomische predigende Poesie glaubt wahrscheinlich, ein chirurgischer Steinschneider sei ein artistischer; und eine Kanzel oder ein Sinai sei ein Musenberg. Decke, die jetzt von der Türe nicht mehr weg konnte; ich legte mich unbedeckt, doch warm und schwitzend genug, bald in den Schlaf. Übrigens schäm' ich mich nicht im geringsten vor allen aufgeklärten Hauptstädten – und ständen sie vor mir –, daß ich durch meinen Teufelsglauben und meine Teufelsanrede einige Ähnlichkeit mit dem größten deutschen Löwen bekommen, mit Luther.
Zweiter Tag in Flätz.
Am Frühmorgen spürt' ich mich aufgeweckt durch das bekannte Zudeckbett; es hatte sich wie ein Inkube auf mich gesetzt; ich gaffte auf; in einem Winkel saß still ein rotes, rundes, kernhaftes, aufgeputztes Mädchen wie eine volle Tulpe von Lebensfrische aufgebläht und leise flatternd mit bunten Bändern gleichsam 415 Nach Smith ist die Arbeit der allgemeine Maßstab des kameralen Werts. Dies haben aber, wenigstens in bezug auf geistigen und poetischen Wert, die Deutschen noch früher eingesehen und meines Wissens stets den gelehrten Dichter über den genialen und das schwere Buch der Arbeit über das flatternde voll Spiel gesetzt. als mit Blättern. »Wer ist dort, wie kommt man herein?« rief ich halbblind. – »Ich habe dich nur leise zugedeckt, und du solltest erst ausschlafen,« sagte Bergelchen, »ich bin die ganze Nacht gegangen, damit ich recht früh käme; sieh nur her!« Sie zeigte mir ihre Stiefel, das einzige Reisestück (die Achillesferse), das sie vor dem Tore, als sie in der Mauser der Toilette war, nicht hatte abstreifen können. – »Brach,« fragt' ich, über ihre um sechs Stunden beschleunigte Nachkunft um so mehr bestürzt, da ich es die ganze Nacht und selber jetzt über ihr unbegreifliches Hereinkommen gewesen, »brach etwa frischer Jammer über uns aus und ein, Brand, Mord, Raub?« – Sie versetzte: »Der Ratz«, sie wollte sagen die Ratte, »ist gestern verreckt, dem du so lange nachgestellt; weiter passierte eben nichts.« – »Und auch alles ist richtig nach meinem Ordnungszettel zu Hause besorgt?« fragt' ich. »Jawohl,« versetzte 4 Der Heuchler kehret die alte Methode, wonach man mit einem nur an einer Schneidenseite vergifteten Messer die Frucht zerschnitt und die damit sie, »ich hab' ihn aber gar nicht gelesen, er ist mir weggekommen, du hast ihn wohl mit eingepackt.« –
Indes, ich verzieh alles der blühenden, kecken Ritterin oder Fußgängerin. – Ihr Auge, dann ihr Herz brachte mir ja frisches, kühles Morgenwehen mit Morgenrot in meine schwülen Vorstunden. Auch mußt' ich ja ohnehin nachher der freundlichen, ins Leben hineinhoffenden und hineinliebenden Seele den verdienten Himmel des heutigen Tages mit der trüben Nachricht der fehlgeschlagenen Professur verfinstern. Daher vergab und verschob ich möglichst. Ich fragte, wie sie hereingekommen, da noch das ganze spanische Reiterwerk von Sesseln an der Türe feststehe. Sie lachte, sich dabei nach Dorfsitte bückend, stark und sagte: sie hätte es vorgestern mit ihrem Bruder verabredet, daß er sie durch seine Stube, da sie meine Sperrvorrichtung kennte, in meines einließe, damit sie mich heimlich geätzte Hälfte dem Opfer hinreichte und die gesunde zweite selber aß, so uneigennützig gegen sich selber um, daß er gerade die gute moralische Hälfte wecken könnte. Jetzt fuhr der Dragoner laut lachend ins Zimmer und sagte: »Wie geschlafen, Herr Schwager?«
Aber auf diese Weise war mir freilich die halbe Gespenstergeschichte wie von einem Biester und Hennings aufgelöst und aufgedeckt; und ich durchschaute sogleich des Dragoners ganzen Gespensterplan, den er ausgeführt. Etwas bitter sagte ich ihm meine Vermutung und der Schwester meine Geschichte. Aber er log und lachte, ja er versuchte, noch frech genug, mir am hellen Morgen Geister zum zweiten Male weiszumachen und aufzuhalsen. Ich versetzte kalt, an mir find' er hierin sehr den unrechten Mann; gesetzt auch, ich wäre einem Luther, Hobbes, Brutus ähnlicher, die sämtlich Geister gesehen und gefürchtet. Er erwiderte – und riß die Tatsachen aus ihrer Motivierung: – er sage ja weiter nichts, als daß er nachts irgendeinen armen Sünder ganz erbärmlich habe und Seite dem andern zeigt und gibt und nur sich die giftige vorbehält. Himmel, wie schlecht erscheint einem solchen Manne gegenüber der Teufel! krächzen und lamentieren hören; und daraus habe er geschlossen, es sei eine arme, desperate Nachtmütze von Mann, der ein Gespenst zusetze. Endlich gingen auch seiner Schwester die Augen über die gemeine Rolle auf, die er mit mir zu spielen vorgehabt; sie fuhr ihn derb an, schob ihn mit zwei Händen aus meiner und seiner Türe schnell hinaus und rief nach: »Warte, du Schadenfroh, ich gedenk' dir's!« Darauf kehrte sie schnell sich um und fiel mir um den Hals und dabei am falschen Ort ins Lachen und sagte: »Der dumme Junge! Aber ich konnte das Lachen nicht mehr verbeißen; und der Narr soll doch nichts merken. Vergib dem Pinsel, du als ein gelehrter Mann, seine Eselei.«
Ich fragte sie, ob sie auf ihrer Nachreise auf keine Geisterwelt gestoßen sei – wiewohl ich wußte, daß ihr Tiere, ein Wasser, ein halber Abgrund nichts sind; – »nein, aber vor den geputzten Stadtleuten«, sagte sie, »habe ich mich am Morgen gescheut«. O wie lieb' ich diese weichen Harmonikasbebungen weiblicher Furcht!
Endlich mußt' ich den Koloquintenapfel anbeißen oder anschneiden und ihr die Hälfte davon zureichen, nämlich die Nachricht der Fehlbitte um die Professur. Da ich aber das freudige Herz mit der vollständigen rohen Wahrheit verschonen und einer schweren Fracht etwas abschneiden mußte, die sich besser Männerschultern aufpackt, so begann ich: »Bergelchen, die Professorssache geht einen anderen, aber an sich guten Gang – der General, nach welchem ich den Teufel und seine Großmutter frage, legt es auf einen Generalsturm an – und den soll er haben, so gewiß, als ich die Nachtmütze aufhabe.« – »So bist du also noch nichts geworden?« fragte sie. »Vorderhand zwar nicht!« versetzt' ich. »Aber doch bis Sonnabend abend?« sagte sie. »Das nicht,« sagt' ich. »Nun, so bin ich hart geschlagen, und ich möchte zum Fenster hinausspringen,« sagte sie und drehte das Rosen- und Morgengesicht 66 Wenn die Bemerkung des Verfassers der Glossen richtig ist, daß die Postmeister in den größern Ländern zugleich auch die gröbern sind: so hat Napoleon, der viele kleine Länder zu einem großen weg, um die feuchten Augen darin mir nicht zuzukehren, und schwieg sehr lange. Dann fing sie mit schmerzhaft zitternder Stimme an: »Du großer Heiland, stehe mir am Sonntag in Neusattel bei, wenn mich die hochtrabenden, vornehmen Weiber in der Kirche sehen und ich blutrot werde aus Scham!«
Jetzt sprang ich im Mitjammer aus dem Bette vor die liebe Seele hin, der die hellen Zähren über die schönblühenden Wangen flossen und rief: »Du treues Herz, zermartre mich doch nicht so ganz! Gott soll mich strafen, wenn ich nicht noch in den Hundstagen alles werde, was du nur willst. – Sprich, willst du Bergrätin werden, oder Baurätin, oder Hofrätin, Kriegsrätin, Kammerrätin, Kommerzienrätin, Legationsrätin, oder des Henkers- und Teufelsrätin: ich bin dabei und werd' es und such' an. Morgen schick' ich reitende Boten nach Hessen und Sachsen, korinthischen Erze zusammenschmolz und brannte, die Postmeister und Posthalter, z. B. im höflichen Sachsen, gewiß nicht noch höflicher gemacht, sondern sie eher aus der Komplimentierschule herausgeschickt. nach Preußen und Reußen, nach Friesland und Katzenellenbogen und begehre Patente. Ja, ich treib's weiter als einer und werde zugleich alles, Flachsenfinger Hofrat, Scheerauer Akzisrat, Haar-Haarer Baurat, Pestitzer Kammerrat (denn wir haben das Geld), und stelle dann allein und eigenhändig mit einem einzigen Podex und Corpus eine ganze Ratssitzung von auserlesenen Räten vor – und stehe als eine ganze Ehrenlegion und ein Ehrengelag, bloß auf zwei Beinen da – dergleichen hat noch kein Mensch getan.«
»O! Nun, du bist ja engelgut!« sagte sie und frohere Zähren rollten, »du sollst mir selber raten, was die vornehmsten Räte sind, damit wir's werden.« – »Nein,« fuhr ich befeuert fort, »dabei bleib' ich nicht einmal; mir ist's nicht genug, daß du dich ordentlich bei der Kaplänin kannst als Baurätin melden lassen, bei der Stadtpredigerin als Legationsrätin, Was sie indes an Höflichkeit verloren, gewinnen sie vielleicht an Briefporto wieder, da ich mir nicht denken kann, daß der Kardinal Pretettore del S. Imperio, dessen Briefe bekanntlich bei der regierenden Bürgermeisterin als Hofrätin, bei der Chausseeeinnehmerin als Kommerzienrätin, oder wie du wo willst.« – »Ach du mein gar zu gutes Attelchen!« sagte sie. »Sondern,« fuhr ich fort, »ich werde auch korrespondierendes Mitglied verschiedener besten gelehrten Gesellschaften in verschiedenen besten Hauptstädten (worunter ich bloß zu wählen habe), und zwar kein gemeines wirkliches Mitglied, sondern ein ganzes Ehrenmitglied; und dann streck' ich wieder dich als ein auf mir Ehrenmitglied wachsendes Ehrenmitglied aus.«
Verzeiht, Freunde, diesen Breiumschlag oder Täuschungsbalsam für eine verwundete Brust, deren Blut zu rein und köstlich ist, als daß man es nicht mit allen möglichen Stillungsmitteln aus Spinnweben ins schöne Herz zurückzuschließen trachten sollte.
Jetzt kamen schöne, schönste Stunden. Ich hatte die Zeit besiegt, wie mich Berga; selten sonst alle postfrei durch das heilige römische Reich gelaufen, nicht jetzt alles frankieren sollte was er etwa zu melden hat. beseligt, so wie ich, ein Sieger, zugleich die überwindende und die überwundene Partei. Berga holte ihren alten Himmel zurück und zog die staubigen Stiefel aus und blumige Schuhe an. Köstlicher Morgentrunk! Wie berauscht ein liebendes Herz! Ich spürte ordentlich (ist die niedere Redeblume erlaubt) ein Doppelbier von Mut in mir, seitdem ich ein Wesen mehr um mich zu beschirmen hatte. Überhaupt werd' ich – was der treffliche General nicht ganz zu wissen scheint – nicht wie andere Mutige mutiger, sondern am stärksten durch Hasen, weil an mir das schlechte Beispiel sich zum Widerspiel umdreht. Kleine Pinselstriche mögen hier Mann und Frau mehr abschatten als verschatten! Als der nette Kellner mit der grünseidenen Schürze 67 Einzelne Seelen, ja Staatskörper gleichen organischen Körpern; man zieht aus ihnen die innere Luft heraus, so erquetscht sie der Dunstkreis; pumpt man unter der Glocke die äußere widerstehende hinweg, so schwellen sie von innerer über und zerplatzen. Demnach behalte jeder Staat inneren und äußeren Widerstand zugleich. Morgenbrezeln heraufbrachte – weil ich gesagt hatte: »Johann, zwei Portionen!« – so sagte sie zu ihm: er verbände sie sehr damit, und hieß ihn Herr Johann.
Bergelchen – mehr in Marktflecken als Hauptstädten aufgewachsen – wurde ordentlich bestürzt über die Kaffeebretter, Waschtische, Papiertapeten, Wandleuchter, alabasterne Schreibzeuge mit ägyptischen Sinnbildern und über den vergoldeten Klingeldrahtsknopf, den ja jeder abdrehen und einstecken konnte. Daher hatte sie nicht den Mut, durch den Saal voll Kronleuchter zu gehen, bloß weil ein pfeifender, vornehmer Federhut darin auf- und abspazierte. Ja, ihrem armen Herzen wurde ordentlich die Brust zur Schnürbrust, wenn sie zum Fenster hinaus auf so viele geputzte und fahrende Städter guckte (ich pfiff frisch ein gaskonisches Liedchen darunter hinein) – und wenn sie daran dachte, 19 Mehr als ein Schriftsteller hat es hinter Hermes nachversucht, das Beispiel der Gattinnen und Ärzte, welche einem Trunkenbold das Lieblingsgetränk auf immer durch einen eingeschwärzten, krepierten Frosch wie sie nachher samt mir mitten durch dieses blendende Vorzimmergewühl brechen müßte. Hier verfangen Schlüsse noch weniger als Beispiele. Ich wollte mein Bergelchen durch einige meiner nächtlichen Traumgigantesken heben – z. B. durch die, daß ich auf einem Walfisch reitend mit einer Dreizacksgabel drei Adler gespießet und gespeiset, und durch dergleichen; aber ich machte keinen Effekt, vielleicht, weil ich eben dadurch dem furchtsamen Frauenherzen das Schlachtfeld näher als den Sieger, den Abgrund näher als den Springer darüber vor das Auge geschoben.
Jetzt wurde mir ein Pack Zeitungen gebracht, voll lauter kräftigster Siege. Obgleich diese nur auf der einen Seite vorfallen und auf der anderen ebenso viele Niederlagen vorkommen: so verquicken doch jene sich mehr mit meinen Blute als diese, und flößen mir – wie sonst Schillers Räuber – eine wunderbare oder durch Brechweinstein zu verleiden wußten, nachzuahmen und auf ähnliche Weise dem heißhungrigen Romanenleser den Roman durch häufige in denselben eingebrockte Predigten, Moralien und Neigung ein, irgend jemand auf der Stelle zu dreschen und zu fegen. Unglücklicherweise für den Kellner hatte dieser sich eben wie ein Herr dreimalige Klingelorder zum Marsche geben lassen, bevor er sich mobil und herauf gemacht. »Herr,« – fing ich an, den Kopf voll Schlachtfelder und den Arm voll Triebe ihn abzuklopfen, und Berga fürchtete alles, da ich das ihr bekannte Zorn- und Alarmzeichen gab, nämlich die Mütze hinten am Hinterkopfe in die Höhe stieß – »ist das Manier gegen Gäste? Warum kommt Er nicht prompt? Komm' Er mir nicht wieder so und geh' Er, Freund!« – Ungeachtet sein Rückzug mein Sieg war, so kanonierte ich doch noch auf der Wahlstatt lebhaft fort und feuerte desto lauter (er sollt' es hören), je mehr Treppen er hinuntergeflogen. Bergelchen – die sich ganz entsetzte über mein Ergrimmen, zumal in einem ganz fremden Hause Langweilen (dergleichen sollte krepierte Frösche vorstellen) dermaßen zu versalzen und zu verekeln, daß er dann nach keinem Romane mehr griffe. – – Aber der Ekel verfing wenig; und Hermesen selber und über einen vornehmen Putzbengel mit Seidenschurz – suchte alle ihre sanften Worte hervor gegen wilde einer Kriegsgurgel und gab mir Gefahren zu bedenken. »Gefahren«, versetzt' ich, »wünscht' ich ja eben, nur gibt's keine für den Mann, stets wird er ihnen entweder obsiegen oder entspringen, entweder die Stirn bieten oder den Rücken.«
Ich konnte kaum aufhören mich zu erbittern, so süß war mir's, und so sehr fühlt' ich mich vom Zornfeuer erfrischt und in der Brust wie von einem Geierfelle lind geheizt. Es gehört auch allerdings unter die unerkannten Wohltaten – worüber man sonst predigte, daß man nie mehr in seinem Himmel und monplaisir (ein Lustschloß) ist, als so recht im Toben und Grimm.
Und wurde der ganze Vormittagsmorgen mit Beschauen und Behandeln verbracht; und zwar am längsten in der breiten Gasse unseres glückt es am wenigsten, eher noch seinen Nachfolgern, bei denen der Wein sich weniger im Geschmacke von dem Brechwein unterschied, den sie dazu gegossen. Hotels. Berga sollte sich erst ins Marktgedränge einschießen; sie sollte erst einsehen, daß sie mehr »nach der Modi«, mit ihr zu reden, aufgeschmückt sei, als hundert andere ihres Ungleichen. Aber bald vergaß sie über den Haushalt den Aufputz und auf dem Töpfermarkte den Nachttisch.
Nach dem Mittagsessen (auf unserem Zimmer) kamen wir aus dem Fegfeuer des Meßgetümmels, wo Berga an jeder Bude etwas zu bestellen und ihrer Nachtreterin etwas aufzuladen hatte, endlich im Himmel an, in der sogenannten Hundewirtschaft, wie das beste Flätzer Wirts- und Lusthaus außer der Stadt sich nennt, wo Messenszeiten Hunderte einkehren, um Tausende vorbeigehen zu sehen. Schon unterwegs wuchs meinem Weibchen als meinem Ellenbogenefeu dermaßen der Mut, daß sie unter dem Tore, wo ich mich, da nach der bekannten militärischen Prozeßordnung nicht nahe an der Schildwache vorübergegangen werden darf, deshalb auf die entgegengesetzte Seite hinwarf, ruhig dicht am Schieß- und Stechgewehr der Torwache vorüberstrich. Draußen konnt' ich ihr den umketteten, vergitterten, riesenhaften, schon außen mit Treppen aufsteigenden Schabackerpalast mit Fingern zeigen, worin ich gestern gehaust und (vielleicht) gestürmt; »lieber den Riesen möcht' ich begucken,« sagte sie, »und den Zwergen; zu was sind wir denn mit ihnen unter einem Dach?«
Im Lusthause selber fanden wir hinlängliche Lust, umrungen von blühenden Gesichtern und Auen. Da setzt' ich mich heimlich in einem fort über Schabackers Refus mit Erfolg hinweg und machte mir überhaupt bis gegen Mitternacht einen guten Tag; ich hatt' ihn verdient, Berga noch mehr. Gleichwohl sollt' ich noch nachts um ein Uhr eine Windmühle zu berennen bekommen, die freilich mit etwas längeren, stärkeren und mehreren Armen schlägt als ein Riese, wofür Don Quixote eine solche Mühle gern angesehen hätte. Ich 8 In großen Sälen wird der wahre Ofen in einen zierlichen Scheinofen entlarvt; so ist es schicklich und zierlich, daß sich die jungfräuliche Liebe immer in eine schöne, jungfräuliche Freundschaft verberge. lasse nämlich auf dem Marktplatz aus Gründen, die sich leichter denken als sagen, Bergelchen um einige zwanzig vorausgehen, und begebe mich aus gedachten Gründen ohne Arg hinter eine versteckte Bude, die wohl die Silberhütte und der Silberschrank eines rohen Krämers sein mochte, und verweile davor natürlich nach Umständen: – sieh, kommt dahergerudert mit Spieß und Speer der Budenwächter und münzt und prägt mich so unversehens und unbesehen zu einem Schnapphahn und Raubfisch seiner Budengassen aus, obgleich der schwache Kopf nichts weiter sieht, als daß ich in einer Ecke stehe und nichts weniger tue als – nehmen. Ein Ehrgefühl ohne Tallus ist für solche Angriffe niemals abgestumpft. Nur aber, wie war einem Manne, der nichts im Kopfe hat – höchstens jetzt Bier statt Hirn – in der Nachmitternacht Licht zu geben? –
Ich verhehle mein Wagmittel nicht; ich griff zum Fuchsschwanz, ich spiegelte ihm nämlich vor, ich hätte einen sogenannten Hieb, und wüßte in der Betrunkenheit mich schlecht zu finden und zu halten – ich spielte daher alles nach, was mir aus diesem Fache zu Gesicht gekommen, schwankte hin und her, setzte die Füße tanzmeisterlich auswärts, geriet in Zickzacke hinein bei allem Aussegeln nach gerader Linie, ja ich stieß meinen guten Kopf (vielleicht einen der hellsten und leersten der Nacht) als einen vollen gegen wahre Pfosten. –
Gleichwohl sah der Budenvogt, der vielleicht öfter betrunken gewesen als ich, und die Zeichen besser kannte, oder der es gar selber in dieser Stunde war, die ganze Verstellung für bloßes Blendwerk an und schrie entsetzlich. »Halt, Strauchdieb, du hast keinen Haarbeutel, du Windbeutel bist ja noch weniger besoffen als ich! – Wir kennen uns wohl länger. Steh! Ich komm dir nach. 12 Die Völker lassen – als Widerspiele der Ströme, die in der Ebene und Ruhe am meisten das Unreine niederschlagen – gerade nur im stärksten Bewegen das Schlechte fallen, und sie werden desto schmutziger, je länger sie in trägen, platten Flächen weiterschleichen. Willst du im Markt deine Diebesfinger haben? – Steh, Hund, oder ich forciere dich!«
Man sieht hier seinen ganzen Zustand; ich entsprang zickzackig zwischen den Buden diesem rohen Trunkenbolde so eilig, als ich konnte; dennoch humpelte er mir nach. Aber meine Teutoberga, die einiges gehört, rannte zurück, faßte den betrunkenen Marktportier beim Kragen und sagte, obwohl (nach Dorfweise) zuschreiend: »Dummer Mann, schlaf' Er seinen Rausch aus, oder ich zeig's Ihm! Weiß Er denn, wen Er vor sich hat? Meinen Mann, den Feldprediger Schmelzle unter dem Herrn General und Minister von Schabacker bei Pimpelstadt, Er Narr! Pfui, schäm' Er sich, Kerl!« Der Wächter brummte: »Nichts für ungut!« und taumelte davon. »O du Löwin,« sagt' ich im Liebesrausch, »warum bist du in keiner Todesgefahr, damit ich dir nur den Löwen zeige als Gemahl?«
So gelangten wir beide liebend nach Hause; 23 Wenn die Natur das alte große Erdenrund, den Erdenlaib von neuem durchknetet, um unter diesem Pastetendeckel neue Gefüllsel und Zwerge hineinzubacken; und ich hätte vielleicht zum schönen Tage noch den Nachsommer einer herrlichen Nachmitternacht erlebt, hätte mich nicht der Teufel über Lichtenbergs neunten Band, und zwar auf die 206. Seite geführt, wo dieses steht: »Es wäre doch möglich, daß einmal unsere Chemiker auf ein Mittel gerieten, unsere Luft plötzlich zu zersetzen, durch eine Art von Ferment. So könnte die Welt untergehen.« Ach, ja, wahrlich! Da die Erdkugel in der größeren Luftkugel eingekapselt steckt: so erfinde bloß ein chemischer Spitzbube auf irgendeiner fernsten Spitzbubeninsel oder in Neuholland, ein Zersetzmittel für die Luft, dem ähnlich, was etwa ein Feuerfunke für einen Pulverkarren ist: in wenig Stunden packt mich und uns in Flätz der ungeheure, herschnaubende Weltsturm bei der Gurgel, mein Atemholen und dergleichen ist in Erstickluft vorbei, und alles überhaupt vorbei. –
Indes verbarg ich der treuen Seele jeden so gibt sie meistens wie eine backende Mutter ihrem Töchterchen zum Scherze etwas weniges Pastetenteig davon (ein paar tausend Quadratmeilen Todesnachtgedanken, da sie mich doch entweder nur schmerzlich nachempfunden oder gar lustig ausgelacht hätte. Ich befahl bloß, daß sie am Morgen (des Sonnabends) für die zurückkehrende Landkutsche fertig und gestiefelt dastände, sollt' ich anders ihren Wünschen gemäß an die Überschwängerung mit Räten, die ihr so am Herzen lag, früh genug kommen. Sie war so freudig meiner Meinung, daß sie gern den Jahrmarkt aufgab. Auch ruht' ich ruhig, mit der Fußzehe an ihre Finger geknüpft, die ganze Nacht hindurch.
Der Dragoner nahm und zupfte mich am Morgen heimlich beim Ohre und sagte mir in dasselbe hinein, er habe ein lustiges Meßgeschenk für seine Schwester vor und reite deshalb auf seinem gestern vom Roßtäuscher eingetauschten Rappen etwas früh voraus. Ich bot ihm meinen Vordank.
Am Morgen lief jeder lustig vom Stapel, solchen Teigs sind genug für ein Kind) irgendeiner Dichter-, oder Weisen-, oder Heldenseele ab, damit das kleine Ding doch auch etwas auszuformen und aufzustellen habe neben der Mutter. ausgenommen ich; denn ich behielt noch immer, auch vor dem besten Morgenrote das nächtliche Teufelsferment und Zersetzmittel, meiner Gehirnkugel sowohl als der Erdkugel, gärend im Kopf; ein Beweis, daß die Nacht mich und meine Furcht gar nichts hatte übertreiben lassen. Der mir verdrießliche blinde Passagier setzte sich auch wieder ein und sah mich wie gewöhnlich an, doch ohne Effekt, denn diesmal, wo ich Weltumwälzungen, nicht bloß die meinigen, im Kopfe hatte, war mir der Passagier mehr ein Spaß und Spuk; da niemand unter Fußabsägen das Herzgespann verspürt, oder unter dem Summen der Kanonen sich gegen das der Wespen wehrt, ebenso konnte mir ein Passagier mit allen Brandbriefen, die etwa sein verdächtiges Gesicht in meine noch späte Zukunft wirft, bloß lächerlich zu einer Zeit vorkommen, wo ich bedachte, das »Ferment« könne Bekommen dann die Geschwister etwas von dem Gebäcke des Schwesterchens, so klopfen sie alle in die Hände und rufen: »Mutter, kannst du auch so backen wie Viktoriechen?« ja mitten auf meinem Wege von Flätz nach Neusattel von irgendeinem Amerikas, Europas Manne, der ganz unschuldig versucht und zersetzt, zufällig erfunden und losgelassen werden. Die Frage, ja Preisfrage wäre aber nun, inwiefern es seit Lichtenbergs Drohung nicht etwa welt- und selbstmörderisch aussieht, wenn aufgeklärte Potentaten scheidekünstlerischer Völker es nicht ihren Scheidekünstlern, die so leicht Leib von Seele scheiden und Erde mit Himmel gatten, auferlegen, keine andere chemische Versuche zu machen, als die schon gemachten, die doch bisher den Staaten weit mehr genützt als geschadet.
Leider blieb ich in diesen jüngsten Tag des Ferments mit allen Sinnen versunken, ohne auf der ganzen Rückreise nach Neusattel mehr zu erleben und zu bemerken, als daß ich daselbst ankam, wo ich zugleich wieder den blinden Passagier seines Weges gehen sah.
Nur mein Bergelchen schaute ich in einem fort unterwegs an, teils um sie noch solange zu sehen, als Leben und Augen dauern, teils um auch bei kleinster Gefahr derselben, es sei nun eine große oder gar ein ganzes hereinstürzendes Goldau und verzehrendes Weltgericht, wenn nicht für sie, doch an ihr zu sterben, und so, verknüpft mit ihr, ein geplagtes und plagendes Leben hinzuwerfen, worin ihr ohnehin nicht die Hälfte meiner Wünsche für sie erfüllt worden.
So wäre denn meine Reise an sich vollendet – gekrönt mit einigen Historiolen – vielleicht künftig noch belohnter durch euch, ihr Freunde um Flätz herum, wenn ihr darin etwa einige gutgeschliffene Jätemesser finden solltet, womit ihr leichter das Lügenunkraut ausreutet, das mich bis jetzt dem wackeren Schabacker verbauet. – Nur sitzt mir noch das verfluchte Ferment im Kopfe. Lebt denn wohl, solange es noch Atmosphären einzuatmen gibt. Ich wollt', ich hätte mir das Ferment aus dem Kopfe geschlagen.
Euer
Attila Schmelzle.
NS. Mein Schwager hat seine Sache gut gemacht und Berga tanzt. Künftig das Nähere! – –
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Poeschel & Trepte
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