Deveroux unternahm mit zwölf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus ließ ihn durch, weil sie glaubte, daß er eine Meldung zu machen habe. Im Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn, welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm bedeutet, keinen Lärm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein hatte den Lärm gehört, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt veranlaßt hatte; er hatte das Schreien der Gräfinnen Terzka und Kinsky im Hintergebäude gehört, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer Männer auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlüssel zu Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die Tür mit dem lauten Ruf: »Rebell! Rebell!« und trat mit seinen Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt. »Du mußt sterben, Schelm!« rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane. Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben empfing der große Mann den Todesstoß.
Sein Leichnam wurde in einen roten Fußteppich gewickelt und in Leslys Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen der andern Ermordeten den ganzen Sonntag über. Am Montag wurden alle nach Mies auf Illos Schloß gebracht und begraben. Bloß Neumann nicht; wegen seiner lästerlichen Reden beim letzten Bankett, daß er ehestens in der Herren von Österreich Blut seine Hände zu waschen verhoffe, wurde er unter dem Galgen eingescharrt.
Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, mußten ihm die Beine zerbrochen werden.
Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die Pläne und Entwürfe, die seine Seele nährten, in tiefster Brust eingeschlossen, und über seinem Leben und über seinem Tode liegt ein undurchsichtiger Schleier.
Die Güter der Ermordeten wurden sämtlich eingezogen; von den Besitzungen Wallensteins, die auf fünfzig Millionen Gulden geschätzt wurden, fiel das meiste dem Kaiser zu. Die abtrünnigen Generale wurden reich belohnt, die Mörder machten ihr Glück und wurden angesehene Leute, aber alle Anhänger Wallensteins wurden geächtet und vierundzwanzig Obristen und Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.
Leonhard Thurneyßer
Leonhard Thurneyßer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus Basel und 1530, im Jahr der Übergabe der Augsburger Konfession, geboren. Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei Doktor Huber, dem er Kräuter sammeln und Arzneien zubereiten half und aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mußte. Schon in seinem siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in Händel mit Juden und verließ die Heimat im achtzehnten Jahr seines Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyßer von Christoph von Karlowitz gefangengenommen. Er verließ nun den Kriegsdienst und verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und Schmelzhütten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhütte anlegte und Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre später nahm ihn der Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schönen Philippine Welser, in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach Äthiopien, Ägypten, Syrien, Arabien und Palästina, wurde auf dem Berg Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der heiligen Katharina und kehrte über Kandia, Griechenland und Italien nach Tirol zurück.
Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und besonders als Arzt, wurde er der berühmteste Wundermann seiner Zeit. Er fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen Reimen abgefaßte Buch »Archidoxa«, darin der »wahre Lauf, Wirkung und Einfluß der Planeten auf den menschlichen Körper, auf alle Gewerbe und Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie« enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfürst Joachim Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 während der Huldigungsfeier zu Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyßer besorgte hier die Publikation einer andern Schrift, die den Titel hatte: »Pison, von kalten, warmen, mineralischen und metallischen Wässern samt Vergleichung der Pflanzen«, und die dem Kurfürsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heißt es: »Große und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine böse, unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch Herr Christoph Sparre, der kurfürstliche Oberhofmeister in Berlin.« Oder: »Diejenigen, die von Person lang, schmal, dürr und kleine runde Köpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und führen weibische Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg.« Er war auch Anatom, und Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren, der zur Strafe die Adern geöffnet waren, daß sie sich totbluten solle.
| Leonhard Thurneyßer, |
| nach einem 1583 erschienenen Holzschnitt. |
Das Vertrauen des Kurfürsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes Temperament nahmen für ihn ein. Er verstand es, die Schwächen großer Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfürstin war krank, Thurneyßer übernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, daß von Stund an sein Glück bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war. Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfürst ließ auf seine Kosten Thurneyßers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.
Thurneyßer hatte dem Kurfürsten Blätter aus dem »Pison« gezeigt, welche die Flüsse in der Mark und deren unerkannte Reichtümer betrafen. So hieß es unter anderm darin: »Das Wasser der Spree ist grünfarbig und lauter. Es führet in seinem Schlich Gold und eine schöne Glasur. Das Gold hält 23 Karat ½ Gramm.« Daß die Spree Gold führe, war bisher unerhört, blieb auch unerhört. Ebenso beschrieb Thurneyßer Orte in der Mark, wo man Rubine, Smaragde und Saphire finden könne. Bisher hatte man sie nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die glänzenden Verheißungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von ihm entzückt, und sogar das kurfürstliche Hoffrauenzimmer breitete seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Fräulein und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um Schminke baten, oder um Schönheitsöl, oder um Waschwasser, nebst Beschreibung des Gebrauchs. Sie schließen gemeiniglich mit dem Ersuchen, es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.
Thurneyßer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung zu nutzen, die man von ihm gefaßt hatte, um sich bedeutende Reichtümer zu erwerben. Er wußte sich in seinen Glücksumständen bis an das Ende seines Lebens zu erhalten, – wo er dann freilich um Geld und Ehre kam. Er hatte ein vortreffliches Gedächtnis und eine nicht zu ermüdende Wißbegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine Menge von Gegenständen in nahen und weitentlegenen Ländern betrachtet hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bücherlesen eingenommen; er hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen orientalischen Sprachen, so daß er später eine Schriftgießerei in ausländischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst des Zeichnens und konnte die für seine anatomischen Handleitungen und sein Kräuterbuch beschäftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch nicht besaß. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und Astrologie waren nicht unbedeutend, so daß er nicht nur die weit und breit berühmten Kalender veröffentlichte und sich mit dem Stellen der Nativität abgeben konnte, sondern er vermochte auch für die Jahre 1580 bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.
Der Kurfürst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes Gehalt betrug 1352 Taler, eine für jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und bei Reisen Vorspann. Kurfürst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen von Einkäufen, die er zu Leipzig, zu Nürnberg und zu Venedig durch seine Schreiber und Bekanntschaften besorgen mußte. Der Kurfürst war ein Liebhaber von Silbergerät; die Goldschmiede hatten so viel für den Hof zu tun, daß Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen ließ, und Thurneyßer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die Kurprinzessin Katharina von Küstrin ein außerordentliches Vertrauen in Thurneyßer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst residierte in Halle. Sie ließ ein Laboratorium bauen und ersuchte Thurneyßer, zu ihr zu kommen. Der Kurfürst gab nur ungern seine Einwilligung, weil er Thurneyßer stets um sich haben wollte. Katharina brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschäften; wenn sie Geld nötig hatte, mußte er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei, drei und mehrere tausend Taler für sie aufnehmen. Sie ließ durch ihn Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten sollte.
Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfürst eine geräumige Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster, gegeben, damit er Platz zu einer weitläufigen Haushaltung haben möge. Er richtete sich dort in großem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach seinem silbernen Buch die Arkana präpariert, die geheimen Arzneien, die ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser, Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch Bernsteinöl. Er hatte Mittel »wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht, dasselbe zu erläutern und zu dealbieren.« Ein Lot spiritus vini kostete vier Taler, ein Lot Spiritus vini correcti sogar sechs Taler, ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Gräfin Lynar schickte er einmal einige Öle zum äußerlichen Gebrauch, die fünfunddreißig Taler kosteten, und schrieb ihr dazu: »Ihre Gnaden würde zum besonderen Vergnügen gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen dürften.« Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken müsse.
Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern, Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der weitläufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen, hebräischen, chaldäischen, syrischen, türkischen, persischen, arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern Gelehrten, zum Teil aus fernen Städten, jede mit der Aufschrift: gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyßer. Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so groß, daß er monatlich einen Ochsen schlachten ließ. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch täglich mit seidenen Strümpfen. Noch kurz ehe Thurneyßer nach Berlin kam, hatte der Markgraf Johann zu Küstrin seinem geheimen Rat Barthold von Mandelsloh, der die seidenen Strümpfe aus Italien mitgebracht hatte und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen: »Barthold! Ich habe auch seidene Strümpfe, aber ich trage sie nur des Sonn- und Festtags.« Thurneyßer prangte nicht nur in seidenen Strümpfen und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit daran hängenden Kur- und Fürstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und Kontrefaitmünzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580 verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel von Kirchsittenbach und Vohra zu Nürnberg. Ihre Eltern wohnten in Denelohe, einem im fränkischen Altmühlkreis gelegenen Reichsrittersitz; 1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyßer dafür, daß er seine Kinder zu sich genommen; er sei überzeugt, daß sie im ganzen Kurfürstentum nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden könnten. Oft speisten große Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes bei ihm, und wenn auswärtige Herren ankamen, sich seines Rats zu erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Fürsten Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. König Friedrich II. von Dänemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Löwen verschütteten Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; König Stephan Bathory von Polen, den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte von ihm eine Erklärung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der König von Schweden schickte ihm einen schönen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bücher, Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kräuter mit. Sie erzählten auch, was an auswärtigen Höfen und in anderen Ländern vorfiel, und mit diesen Nachrichten wußte Thurneyßer sich bei seinem Herrn sehr beliebt zu machen.
Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblümte Worte als Prognostika beizufügen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklärungen, wenn die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht beim 17. Dezember: schändliche Tat einer fürstlichen Person. 1580 lautete die Erklärung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember gestorben.
Als Nativitätssteller begründete er seinen Ruf mit der Versicherung, er habe dem König Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und Teufelskünste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in einer fürstlichen oder gräflichen Familie in Deutschland ein Kind geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten, forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den Geborenen. Er beurteilte seine künftigen Schicksale, seine natürlichen Neigungen und Fähigkeiten, ob er glücklich, reich oder arm, zu Ehren gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen werde oder nicht, was er für Krankheiten zu erwarten und in welchem Alter er sterben würde. Das alles interessierte damals die Leute ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitäten wurden Collegia über das Nativitätstellen gelesen, und Bischöfe und hohe Geistliche gaben sich damit ab.
Die Bestimmung der Nativität hatte keinen Zweck, wenn man nicht die Talismane trug, die Thurneyßer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und die benachbarten Länder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der berühmte Streittheolog in Königsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz eine Kette um den Hals. Als Thurneyßer, eine goldne Kette um den Hals, 1574 nach Königsberg reiste, um den blödsinnigen Herzog zu heilen, benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte große Jupiter-Talismane, Sigilla solis. Sie finden sich noch in den Münzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Württemberger Professor mit Bart und Pelzrock und einem großen Buch, aus dem er doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn Feldern der Länge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale addieren. Die Sigilla solis waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist vierzehn Dukaten schwer. Er trägt die Namen Gottes und der zehn Fürsten der Engel und die hebräischen Worte, die der berühmte Abt Trieheim aus der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in seinem Werk De occulta philosophia erklärt hatte. Die Sigilla solis waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die des Gehirns zählten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern Planeten, und diese verhüteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem festgesetzten Verhältnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprägt war; diese hatten eine besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglücklicher Stunde geboren, glücklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst großer Herren, beförderten zu Ehrenstellen, ließen Heiratshändel gelingen, und wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf geprägt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyßer verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis gelegte Sense andeuten, die sich auf den Münzen befinden. Er erzeugte auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.
Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyßer sehr reich. Sein Schatz bestand aus zwölftausend Goldstücken, teils einfachen und doppelten Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und Dukaten. Er besaß über neun Zentner an Trinkgeschirren und einen silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern ausgeziert, in seinem großen Saale hing. Seine Bibliothek soll ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er hatte Präparate von getrockneten Teilen des menschlichen Körpers und von seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Baumöl, die der gemeine Mann für entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war voll botanischer Kuriositäten, und ein Elentier, das ihm der Fürst Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler hielten es aber auch für einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm einen Apfel mit zerbrochenen Nähnadeln zu fressen.
Thurneyßer zog eine Menge kunstverständige Ausländer nach Berlin und brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgießer, Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und Goldschmiede hatten beständig für ihn zu tun. Er war der erste, der die chemischen Arzneien einführte, deren kleine aber wirksame Dosen den verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen Adels annehmlicher dünkten, als die bisherigen kopiosen galenischen Arzneitränke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den Glashütten. Aus der Grimnitzer Glashütte in der Uckermark hatte er einen gläsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel saß, während außen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.
Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyßer in der unverminderten Gnade des Hofes. Der Kurfürst gab ihm das Zeugnis, »daß er sich nach seinen ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig, nützlich und wohl erzeiget habe«. Im Jahre 1575 war Thurneyßers Frau gestorben, das Schweizerheimweh kam über ihn, der Kurfürst wollte ihn nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstieß sie, und sie brachte ihn um Ehre und Vermögen. Es entspann sich ein skandalöser Prozeß, worin beide Teile Schriften gegeneinander veröffentlichten, und seine sämtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte, wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in der Mark eine große Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte öffentlich gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns für würdig. Er verließ Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici, bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach der Tafel stellte der Kardinal darüber ein Zeugnis aus, das man lange Zeit nebst dem Nagel als große Merkwürdigkeit den Fremden in Florenz zeigte. Es fand sich aber später, daß das Wunder durch einen Betrug zustande gekommen war.
Thurneyßer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder nach Deutschland und starb endlich in ärmlichen Umständen in einem Kloster bei Köln, fünfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.
Danckelmann
Der Kurfürst Friedrich von Brandenburg und spätere erste König von Preußen überließ sich am Anfang seiner Regierung völlig der Leitung Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war 1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berühmte gelehrte Sylvester, Landrichter war. Die Familie war bürgerlich, hatte aber die Tradition, daß einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: »Danke, Mann«, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.
Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwölften Jahr eine Disputation gehalten und dann die europäische Turnee durch England, Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der Große Kurfürst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum Lehrer des damals fünfjährigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei Jahre später, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstädtischer, 1676 kurmärkischer Regierungsrat, und noch unter dem Großen Kurfürsten Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickfluß, wo er ihm gegen den Rat der Ärzte eine Ader schlagen ließ und ihn so wieder zum Bewußtsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn Kurfürst Friedrich zum Regierungspräsidenten in Cleve, und am 2. Juli 1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brüder Danckelmann, die alle hohe Ämter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die Bestallung eigenhändig auf. Es heißt darin, daß Danckelmann ein vollständiges Exempel ungefärbter Treue, unablässiger Applikation in der Beförderung der Gloire des Kurfürsten und aller andern, dem Diener eines großen Herrn wohlanständigen Tugenden und Qualitäten sei. In demselben Jahre ließ ihn der Kurfürst mit seinen sechs Brüdern von Kaiser Leopold in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem bisher im Wappen geführten Kranich sieben mit einem Ring zusammengehaltene Zepter, »damit deren Posterität aus denen sieben Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Würde als sieben Brüder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten umbsomehr abnehmen und vermerken können«. So das Diplom; und es besagte auch, daß Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand abgebeten habe, um mit seinen Brüdern im gleichen Stand zu bleiben. Der Kurfürst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwürde, die Hauptmannschaft zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Güter.
Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschäfte. Man nannte ihn den Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinkünfte aus den Domänen um hundertfünfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen sechs Brüdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese Regierung der sieben Brüder Danckelmann, die als rechtschaffene Männer im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des Siebengestirns. Der älteste Bruder war Resident im westfälischen Kreis. Der zweite außerordentlicher Gesandter beim König von England, der dritte Kammergerichts- und Konsistorialpräsident, der vierte Generalkriegskommissär, der fünfte Kanzler zu Halle und außerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler zu Minden.
Danckelmann war ein tüchtiger und verdienstvoller, ein sehr selbstbewußter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen. Sein Unglück schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im höchsten Glücke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im großen Saal, Danckelmann befand sich mit dem Kurfürsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemälde, die dort an den Wänden hingen. »Das sind schöne Bilder,« meinte der Kurfürst. »Ach,« erwiderte Danckelmann mit bitterem Lächeln, »die Bilder und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfürstlichen Gnaden sein, wenn meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe meines Herrn zu entfremden.« Da legte der Kurfürst die Hand auf die Bibel und antwortete, der Fall könne sich nie ereignen.
Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Köpfe verführte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen hochfahrend, rauh und unfügsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von sämtlichen Ministern der auswärtigen Höfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Königsberg, wo der ganze Hof versammelt war, kam er einst zu spät, die Predigt hatte schon begonnen. Sein Nachfolger, der spätere Premier Wartenberg und der Feldmarschall Barfuß sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den Worten: »Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf?« Wartenberg erhob sich und sagte: »Hier ist Platz.« Kalt entgegnete Danckelmann: »Es ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.«
| Eberhard Danckelmann, |
| nach einem Stich von G. P. Busch. |
Dergleichen gab böses Blut. Im Gefühl seiner Vorzüge nahm Danckelmann auch gegen den Kurfürsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn natürlich zu hoch vorkommen mußte. Er verdarb es auch mit den Damen und brachte die ganze kurfürstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefühl seines Schicksals hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfürst, der fünfunddreißig Jahre lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der Kurfürst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten Friedrichstraße, dem sogenannten Fürstenhaus. Er wurde arretiert, seine Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, später nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern Staatsgefangenen pardonniert; da er Preußen nicht verlassen durfte, begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit genoß und zweitausend Taler Pension. Seine sämtlichen Güter wurden ohne Prozeß konfisziert; das Fürstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Groß- und Klein-Quittainen in Preußen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und Schönebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die Familie hat die Güter niemals zurück erhalten. Während der ganzen Zeit seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten hatte, seine Haft teilen zu dürfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt der siebzigjährige Greis eine Ehrenerklärung: König Friedrich Wilhelm ging öffentlich mit ihm zur Kirche.
Kaiser Rudolf II. und sein Hof
Rudolf, der älteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und sehr düster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen Regierung hinterließen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele. Ehemals war er sanft, schüchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurückkam, um die römische Königskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu heftigen Zornanfällen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.
Es war eine Drohung über ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die rührende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Größe Karls V., in ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bösen Kindes sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschäfte aus, und dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, daß ein anderer sich ihrer mit Liebe und tätigem Fleiß annahm; dann erwachte in ihm der Neid und eine verzehrende Eifersucht.
Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem Regensburger, wozu ihn die Türkennot gedrängt hatte. Er kam auch niemals nach Wien. Er saß fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber- und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Fürsten ihm ihre Gesandten schickten, ließ er ihnen sagen: er sei eben mit andern Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns und Österreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten. Die Geheimkünste füllten seine ganze Welt aus.
Er hatte große Schätze, verbarg sie aber sorgfältig in seinen Truhen. Es kümmerte ihn nicht, wenn den Räten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte. Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: »Heute hat das vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld vorhanden, um für die Küche einzukaufen.« Von alledem unberührt, überließ sich Rudolf seiner Leidenschaft für das Mysteriöse und seiner Sammelwut.
Er sammelte Naturalien, seltene Steine, ausländische Pflanzen und Tiere. Löwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, daß sie mit ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die für die zwölf Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen Küstenlandstrich in Südamerika erhalten hatten, ließen von dort her peruanische Kuriositäten für ihn kommen. Er sammelte römische und griechische Altertümer, die seine Agenten aufkaufen mußten, Münzen, Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der größten Schätze der Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der Apotheose des Augustus, für die er fünfzehntausend Dukaten bezahlte. Seine Schatzkammer war weit und breit berühmt; sie blieb fast zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen Aufklärung ging vieles verloren; die Statuen wurden für ein Spottgeld veräußert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den Schloßgraben geworfen, die seltenen Münzen wurden nach dem Gewicht verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bösen Gans gebissen.
Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprägt, daß die Annahme berechtigt erscheint, er habe die größten Meister dieser Kunst in seinen Dienst gezogen.
Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte schriftlich mit allen gelehrten Männern im heiligen römischen Reich, und manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es ein Lutheraner war. Aber hauptsächlich waren die sonderbaren Leute seine Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen mußten; er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane, Glücksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlängerern und Menschenmachern; sie mußten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben und in der Retorte Menschen zu erzeugen.
Der größte Magus an Rudolfs Hof war der Engländer John Dee. Er schloß dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rühmte sich, zu jeder Zeit seinen Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann zurückkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stünde der Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee für einen gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls für einen gewaltigen Zauberer, und so hatten beide große Furcht und großen Respekt voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino. Eigentlich hieß er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in den Kreisen der venezianischen Nobili mit größter Pracht auf und machte in den Palästen der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold. In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen Bullenbeißern, die er zur Beglaubigung seiner Macht über die Geister mit sich führte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte große Stücke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich später nach Münster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch größeres Aufsehen als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es, der dem Kölner Kurfürsten Gebhardt Truchseß durch die Bilder in einem Zauberspiegel die schöne Gräfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worüber der geistliche Herr Land und Leute einbüßte. In Koburg verführte der einschmeichelnde Glücksritter die Gattin des Herzogs, und die unglückliche Prinzessin schmachtete dafür zwanzig Jahre lang im Gefängnis.
Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte täglich Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen Hermes trismegistos, und daß er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem Tode klar, denn man fand unter seinem Nachlaß eine graue Tinktur, man fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in Ziegelsteinform gegossen waren.
Es lebten aber auch drei große Männer an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe, Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein fundamentales Werk »nova astronomia de stella martis« in die Welt sandte. Er hielt sich zwölf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus Etikettenangst starb, als römisch-kaiserlicher Majestät Mathematikus angestellt. Ein Jahrgehalt von fünfzehnhundert Gulden war ihm zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.
Vielleicht war die Zurückgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem Zauberschloß lebte, schuld daran, daß sich starke Parteiungen an seinem Hof bildeten. Den mächtigsten Einfluß hatten die Italiener. Davon liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf Khevenhüller erzählt sie in seiner altertümlichen Manier, die ich zu mildern versuche:
| Kaiser Rudolf II., |
| nach einem Stich von A. Wierx. |
»Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so hart aneinandergekommen, daß sie sich mit Worten übel traktiert, was der Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden müssen. Seines Unwillens hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verführt, deshalb waren zwölftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen Kämmerling und den Furlan ihm vorausgehen heißen. Als sie nun den Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Böses im Sinn geführt, freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit großer Wut auf die zwei losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint, die Verräterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den Begliojoso hinterwärts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen, aber später ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst übel zufrieden, daß man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die Sentenz über ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der ist aber aus Praktiken zurückgehalten und die Exekution vorgenommen worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt, hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi gefallen, und also hat dieser kühne tapfere Held, so in Ungarn wider den Türken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmählichen Streich sein Leben enden müssen, aus Mißgunst etlicher, die ihn um das Glück beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine Übereilung hoch beklagt. Weil aber die Majestät damals sich ganz versteckt gehalten und fast niemand gehört, wurde die Sache beschönt und verschwiegen.«
Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zuträgereien; die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwöhnischen Gemütsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen großen Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht übten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf nicht vermählte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt hatte. Es lautete, er dürfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang wurde darüber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte endgültig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trübsinn aufs höchste. Gegen seinen jüngeren Bruder Mathias faßte er einen unaustilgbaren Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestärkte ihn in der Furcht vor den Anschlägen seiner Verwandten, Anschläge, die der blutige Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so mißtrauisch, daß er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugänglich war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen ließ, ob sie heimlich Waffen bei sich führten. Selbst seine Geliebten mußten sich diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verließ er das Schloß nicht mehr. Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und ließ durch einen Schloßhauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz mitten in der Nacht durchstöbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an hohen Festtagen geschah, saß er in einem gedeckten und stark vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, ließ er lange und weite Gänge mit engen schrägen Fensterchen gleich Schießscharten bauen, durch die hindurch er nicht fürchten mußte, erschossen zu werden. Diese Gänge führten in seinen prächtigen Marstall; er hatte hier seine Zusammenkünfte mit den Frauen und besah sich gern seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.
Daniel L’Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfünfzigjährigen Kaisers wie folgt: »Viel zu frühe sind ihm Haare und Bart grau geworden. Die Stirn ist majestätisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind feurig, werden aber von starken Wimpern fast gänzlich beschattet. Seine Gestalt ist mehr gedrückt als aufgerichtet, von alters her ist diese gedrückte Leibesgestalt im Hause Österreich angeboren. Er trägt noch immer Kleider nach der alten Sitte, er hält auf diese alte Sitte und setzt ein Zeichen der Größe daran, nichts an ihr zu ändern; er trägt einen kurzen, mit Gold eingefaßten Mantel und über der gegürteten weißen Hose ein spanisches Wams.«
In Prag wußte man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk fürchtete, die Günstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schätze an sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den andrängenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brüten, und ohne einen Laut von sich zu geben, saß er oft viele Stunden hindurch und schaute den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er dabei angesprochen, so packte ihn der Jähzorn, und er warf, was er gerade erreichen konnte, ein Gefäß oder ein Werkzeug, dem Störer mit Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmütig stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.
Personen, die in Geschäften bei Hof erschienen, fanden es ungemein schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Löwen, Leoparden und Adlern, die er selbst fütterte, oder bei Tycho de Brahe auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschäftigt mit Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen, oder in den Gärten des Hradschins, wo Bäume, Gesträuche und Blumen aus fernen Weltgegenden blühten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich befanden, aus denen Musik ertönte. Wer ihn sprechen wollte, mußte sich als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier war es gefährlich, sich dem seltsamen und gewalttätigen Herrn zu nähern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um für ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr eröffnete, daß sie zu schön sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor Gewalt zurück. Sie verstand ihn und floh.
Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Völker. Der sturmbewegten Zeit mußte dieser kranke Träumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die Türkengefahr und der Aufstand des Siebenbürgerfürsten vereinigte sämtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschluß, den Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maßregel war Clesel, der Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mußte Rudolf an seinen Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande Österreich und Mähren gegen ein Jahrgeld gänzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen Widerstandes wurde er gezwungen, den berühmten Majestätsbrief auszustellen, durch den er den böhmischen Herren unbedingte Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwürfnis mit Mathias drängte ihm den Majestätsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand später die Urkunde verächtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am Weißen Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert zu haben: als böhmische Majestät in dem teuren Prag ruhig sterben zu können. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schloß so eng bewacht, daß ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu schöpfen. Einmal, als der römische Kaiser aus dem Tor treten wollte, schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine Gemächer zurück, öffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: »Du undankbares Prag! durch mich bist du erhöht worden, und nun stößt du deinen Wohltäter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der Fluch über dich und ganz Böhmenland kommen.«
Die Kurfürsten von Mainz und Sachsen verwandten sich für den Kaiser, indem sie betonten, daß er doch auch noch ein Mitglied des kurfürstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stände Böhmens höhnisch den Abgesandten: »Wir wollen euch den römischen Kaiser samt dem Kurfürsten von Böhmen zugleich in einem Sack zuschicken.«
In dieser Bedrängnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die böhmische Krone raubte. Erbittert darüber, daß die Böhmen Mathias gehuldigt hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbiß die Feder und warf sie dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder ins Geleise bringen zu können, und Tag und Nacht arbeitete er an den Ordensketten.
Von seinen sämtlichen Kronen besaß er jetzt nur noch die römische Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen Fürsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu nötigen, zur Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf einen Tisch gestützt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der Kopf heiß, seine Knie zitterten, und er mußte sich auf einen Sessel niederlassen. Später sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem vertrautesten Freund: »Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet und zu meinem Dienst nicht einmal ein Roß haben satteln lassen, haben mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von daher, daß ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark auf einen Nachfolger im römischen Reich dringen.«
Erniedrigung, Verlust der Würden und alle damit verbundenen Leiden hatte Rudolf ertragen; der Tod seines schönen treuen alten Löwen und zweier Adler, die er täglich mit eigener Hand gefüttert hatte, brach ihm das Herz.
Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre gelegt, über der sich ein gläserner Deckel befand; auf der Brust trug er ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhängte sich im Gefängnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlüssel getragen. Man ließ daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weißen Berg bestatten. Allein es hieß, daß er sich an derselben Stelle oftmals auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Körper wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau geworfen. Als dies geschehen war, verschwand plötzlich der Schloßhauptmann, und es entstand der Verdacht, daß er den Roszky im Gefängnis ermordet, ihn aufgehängt und ihm das aurum purificatum, das er aus des Kaisers Schatz zurückbehalten, geraubt habe.
Der Kaiser Rudolf hinterließ von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich viele Kinder, von denen vier Söhne bekannt geworden sind, die sein wildes Blut erbten. Don Carlos d’Austria diente dem Kaiser Ferdinand im Dreißigjährigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem Auflauf um eine öffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere führten ein anonymes Dasein, der vierte jedoch, Don Cesare d’Austria, hatte an einem Edelfräulein Gewalt geübt und sie dann aus dem Weg geräumt. Der Kaiser, sein Vater, ließ ihm in einem warmen Bade die Adern öffnen.
Hochzeit Fräulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581
Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine nächsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war, ließ er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner Tochter Regina werben. Um größere Unkosten zu verhüten und auf seine ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, daß nach schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schließlich doch willfahrt. Die Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend ward bei guter Traktation fröhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jörgerin, nach Freydek, um Ordnung zur Heimführung zu geben.
Am Mittwoch den 27. September wurde zu früher Tageszeit der Brautwagen mit fünfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wägen und zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fünfzig belief; dann die Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meißenischen Sammetröcken und weißen Kranichfedern auf den Hüten; dann drei Edelknaben mit weiß und schwarzen Federbüschen auf den überzogenen Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmückten Röcken; dann Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schönen Wehrgehängen und zum Beschluß drei junge Freunde des Herrn Strein. Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder überzogen und mit weißem Atlas ausgefüttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs gefärbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lündischen Tuch bekleidet; es waren etwa dreißig Kobelwägen. Herr Strein empfing seine Gäste in Freydek mit ordentlichem Schießen und anderen Ehrenbezeugungen um zwölf Uhr Mittag.
Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan, ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroßen Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich und lieblich abgegangen, daß man weder Fluchen noch unziemliche Reden gehört. Es ist kein übermäßiger Trunk geschehen, fröhlich ist jedermann gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst- und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben werden sollte, fingen unversehens die Stühle an zu sinken; zudem brach der Boden acht Klafter in der Länge und fünf in der Breite auseinander, und es entstand ein großes Getümmel. Die Restbäume waren gebrochen und die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Stühle, Bänke, Schrägen, Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen aufwartenden Personen stürzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.
Die Hochzeitsgäste meinten nichts weniger, als das Jüngste Gericht und die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde Staub war so groß, daß ihn die Leute im Hof für Flammenrauch hielten. »Ist durch sonderliche Fügung und Barmherzigkeit Gottes,« so lautet der Bericht, »niemand am Leben verkürzt worden, außer einem, Kleinschopf genannt, Herrn Gabriel Streinz’ Diener, der ist im Saal gewesen und hat das Krachen gehört, und ist herausgegangen und etlichen andern solches gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen.« Einer vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf Ehrenreich Streinz’ Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt woher er käme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne Schaden auf die Füße heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche außer einem schlechten Riß am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bäume sind überzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er hat nichts sehen können.
Die Liste der bei dieser Hochzeit gestürzten Personen der Herren, Frauen, Fräulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.
Friedrich Wilhelm I. von Preußen
Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Großvaters, des Großen Kurfürsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Körperbau, ein äußerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der muntere, fast unbändige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner Großmutter. Die Kurfürstin Sophie ließ den geliebten Enkelsohn bereits in seinem fünften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht möglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der später König von England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde; sie haßten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, während Georg seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.
Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen Stand mit ihm. Zwei Guvernanten mußten ihn beaufsichtigen, und oft brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur Verzweiflung. Frühzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafröckchen von Goldstoff, welches anzuziehen man ihn nötigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen bestrich er sich das Gesicht mit Fett und ließ sich in der Sonne braten, um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.
Wie von dem großen Leibniz bestätigt wird, galt Friedrich Wilhelm als Knabe für sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der zwölfjährige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergötzen. Die Herzogin von Orleans schrieb: »Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, daß sie nicht lange leben. Darum ist mir auch bang für den kleinen Kurprinzen von Brandenburg.« Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte es gar nicht vorwärts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, une belle âme, aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester, gravitätischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, daß er alle Mühe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, »da solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die nötigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen.« Aber trotz aller Einreden Dohnas lernte die Königliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein ganz außerordentliches Gedächtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging es mit den Künsten, er wollte weder das Klavier noch die Flöte spielen, die Musik war ihm geradezu unleidlich.
In schärfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern für das Französische trat alsbald sein ausgeprägtes Deutschtum hervor. Hierin bestärkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des Abbé Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien und Antipathien entschied, daran für immer und aufs zäheste festhielt. Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwährend damit, daß er ihn lateinische, französische und deutsche Aufsätze über das Alte Testament machen ließ, und die Folge war, daß Friedrich Wilhelm fortan einen unbezwinglichen Haß gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein so guter Christ er auch war.
Seine Mutter verzog ihn gänzlich, und eigentlich hat er ihr das später nie verziehen. Gerade aus dem Verhältnis zur Mutter entwickelte sich in ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, »sonder Räsonieren«, seine unphilosophische starre Rechtgläubigkeit nach eigenem Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem Sohn Friedrich angedeihen ließ.
Er nährte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei und die Ökonomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch sehr übel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wütend bei den Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frühzeitig; er war acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel führte: Rechnung über meine Dukaten. Seine Mutter ängstigte sich, daß der Geiz ihn verhärten werde, und nicht weniger bekümmerte sie seine immer mehr zutage tretende Unhöflichkeit gegen die Frauen, die freilich in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schüchternheit begründet war und auch in dem Umstand, daß die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline heiratete später den englischen Georg.
In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough hatte ihm bereits ein Schiff zur Überfahrt bestimmt, als er nach Berlin zurückgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines Regiments, die er fleißig exerzieren ließ und die seine höchste Freude war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen mit, und im Jahre 1706 vermählte er sich mit der Prinzessin Sophie Dorothea von Hannover, welche die Mutter des großen Friedrich wurde. Sie war eine große schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet und lebhaft, ehrgeizig und stolz.
Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur Regierung gelangte, änderte er den ganzen Hofhaushalt völlig um. Wer seine Gunst erlangen wollte, mußte Sturmhaube und Küraß anlegen, alles war Offizier und Soldat, und zwei Männer gewannen alsbald ausschließlich sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Fürst Leopold von Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschäfte gingen durch Grumbkows Hände, und da er des Königs täglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einfluß beständig. Er fügte sich in des Königs Launen, wußte dessen erste Hitze abzulenken und leitete ihn, soweit er sich überhaupt leiten ließ, anscheinend treuherzig, freimütig und bieder. Grumbkow war ein großer Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so daß er den Ehrentitel Biberius erhielt. Für zwölftausend Taler Tafelgelder, die ihm ausgezahlt wurden, übernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und Gesandten. Während der König und der übrige Hof in der größten Sparsamkeit lebten, führte Grumbkow allein einen glänzenden Haushalt. Der König speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: »Wer besser essen will als bei mir, der muß zu Grumbkow gehen.« Grumbkows Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine höchst bedenkliche Abhängigkeit von fremden Höfen; er stand erst im englischen und später im österreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Königin Sophie, deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die Königin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn dafür. Sein Ehrgeiz vermaß sich immer höher, geflissentlich säte er Zwietracht zwischen dem König und der Königin, endlich erschöpfte er die Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der König seinen Tod erfuhr, sagte er: »Nun werden die Leute doch endlich einsehen, daß der Grumbkow nicht alles macht. Hätte er vierzehn Tage länger gelebt, so hätte ich ihn verhaften lassen.«
Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Königs und seit dem italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann wie bei einer Schmeichelei zumute. Er führte die großen Neuerungen in der preußischen Armee ein, die ihr später in den Schlachten Friedrichs des Großen die taktische Überlegenheit verschafften: den eisernen Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.
Grumbkow und der Fürst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwürdigen Projektes, das Leopold dem König kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold hatte in seinem Fürstentum alle Güter aufgekauft, das Land bestand am Ende nur noch aus Domänen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet dem König, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, daß Dessau jetzt verhältnismäßig doppelt soviel einbringe, als dem König seine Staaten. Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die schädlichen Folgen aus, wenn der König seinen Adel vom Güterbesitz vertreibe und sich vom baren Geld entblöße. Dem Fürsten schleuderte er die Anklage entgegen, daß ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler zu finden seien. Leopold geriet darüber in solchen Zorn, daß er den Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mühe verglich sie der König durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmöglich, beide Männer in leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre später kam es wegen des Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rächen verlangte Grumbkow vom Fürsten das Patengeschenk von fünftausend Talern, das er einst einer seiner Töchter versprochen hatte, wenn sie sich verheiraten würde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu Beschimpfungen. Der Fürst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow schützte religiöse Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach göttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Köpenicker Tor. Sobald der Fürst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte, rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow näherte sich mit langsamen Schritten, übergab dem Fürsten seinen Degen und sagte, er bitte Seine Durchlaucht untertänigst, das Vorgefallene zu vergessen und ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Fürst einen verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rücken, schwang sich auf sein Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.
Jetzt trat der König ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, daß Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Fürst, so werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und erklären, daß, wer den Grumbkow nicht für einen braven Offizier halte, ein Erzhalunke sei. Es gab weitläufige Verhandlungen, mit Müh und Not war der Fürst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verließ er den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In Halle kam es zu schweren Händeln zwischen ihm und den Studenten, die beim Rekrutenexerzieren im Frühjahr ein lärmendes Publikum bildeten und das linkische Wesen der Rekruten verhöhnten.
Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Händen des seit der Verschaffung der Königswürde bewährten Heinrich Rüdiger von Ilgen. Der kluge Westfale, den schon der große Kurfürst nach seinem Verdienst erkannt, gehörte zu jenen Bürgerlichen, welchen die Monarchie ihre Größe verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Gräfin Wartenberg entfernte. In der gefährlichen Periode nach dem Utrechter Frieden, wo der Wind der Politik beständig umsprang, lenkte er das preußische Staatsschiff mit höchster Geistesgegenwart, ungetrübtem freien Blick und bewußter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewöhnt, gründlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrücken, mit glatten Worten sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die stärksten Versicherungen von der richtigen Fährte abzulenken und unter den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschloß er in sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch seine Verwandten begünstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, daß er die Zukunft vorhersagen könne. Der König, obwohl er ihn nicht liebte, wußte doch, was er an ihm besaß.
Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem König doch immer gegenwärtig, daß, um unter den Mächten Europas Bedeutsamkeit zu erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das übrige fände sich hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung für das Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung über eine merkwürdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich genötigt, um dem Neid des österreichischen Hauses zu entgehen, zwei Leidenschaften auszuhängen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung für große Soldaten. Nur wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergönnte man mir das Einsammeln eines großen Schatzes und die Errichtung einer starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter keiner Maske.
Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine förmliche Jagd auf Bürger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flüchteten vor dem Korporalstock der Werbewütriche, und es kam vor, daß die Werber in Kirchen eindrangen und sich der jungen Männer während des Gottesdienstes bemächtigten. Es fehlte dem König gegenüber nicht an Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hände gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und verkauft, daß man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2. Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brüdern eine Seele stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten Testament, und das Alte Testament war ja dem König verhaßt; auch konnte der Hofhistoriograph Coßmann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8 klärlich erweisen, daß es göttliches Recht der Könige sei, Knechte und Mägde, Söhne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich sehr, wenn er vernahm, daß fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen erlassen hätten; er hielt es für Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle verweigerten, da niemand sie so gut zu schätzen wisse als er.
Die langen Kerle, das war die berühmte Potsdamer Garde, riesengroße Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden für ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von befreundeten Fürsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber mit Gewalt entführen ließ. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf: »Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich für jeden nackenden Kerl dreißig Taler geben.« Im Lauf von zwanzig Jahren schickte er ungefähr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit Pässen, die vom König unterzeichnet waren, machten die Werber in allen deutschen und in den benachbarten Ländern Jagd auf lange Kerle. Im Jülichschen passierte es einmal, daß ein Oberstleutnant bei einem sehr langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklärte er, der Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu beweisen, daß der Kasten die nötige Länge habe. Geschwind ließ der Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der König begnadigte ihn aber zu lebenslänglicher Festung. Der österreichische Hof, der russische und der polnisch-sächsische kamen der Passion des Königs freundlich entgegen. Für hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen ließen, gab er ihnen als Gegengeschenk das berühmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt hatte, und später eine bestimmte Zahl ausgebildeter preußischer Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie Porzellan die dafür so genannten Porzellanregimenter.
| Friedrich Wilhelm I., |
| nach einem Stich von G. P. Busch. |