16. Kapitel.
Eine Siegesbotschaft.
Damals trug der Telegraph nicht wie heute die Kunde des großen Sieges ins Land, es dauerte Tage und Wochen, ehe die Nachricht überallhin gelangte, auch nach dem kleinen Kloningken kam sie viele Tage später. Ein trüber, dunkler Tag war es, an dem der Regen in Strömen vom Himmel floß, da kam von der nahen Stadt ein Bote, der den Sieg im Gutshaus meldete. Wenige Minuten später wußte das ganze Dorf davon, und die Nachricht rief eine unbeschreibliche Aufregung hervor. Die sonst so ruhigen, wenig zu Gefühlsäußerungen neigenden Dorfbewohner brachen in Jubel aus, weinend vor Freude fielen sie einander in die Arme. Magister Richter lief, so schnell es seine vor Aufregung zitternden Füße erlaubten, zur Kirche, der alte Mann riß mit aller Macht am Glockenseil, daß es laut in das Land hineintönte. »Sieg, Sieg, Sieg!«
Die Leute von Kloningken strömten zur Kirche wie sie waren, in ihrer Arbeitskleidung, aus allen Häusern kamen sie daher, niemand wollte in dieser Stunde fehlen. Die Mütter kamen mit ihren Kleinen auf dem Arm, die Großmutter Romeike humpelte an ihrem Stock daher, und der alte Scharwerker Stefan, der seit Jahren nicht weiter gekommen war, als bis zu der Bank vor seinem Hause, ließ sich von seinen Enkeltöchtern zur Kirche geleiten. Von der Kanzel herab verlas Pfarrer Flemming die Siegesbotschaft, kurz und heiß, aus tiefstem Herzen kommend, war das Dankgebet, das er sprach, und kniend betete die Gemeinde mit, aber leise mischte sich in Dank und Jubel hinein die angstvolle Frage: »Wie mag es den Unsrigen ergehen?«
Erst am Nachmittag des fünften Tages nach der Siegesbotschaft kam der Brief Leutnants von Lühenaar nach Kloningken, der meldete, Hans Heinrich lebt, aber er ist schwer verwundet. Frau Friederike brach zusammen, als ihr Charlotte Flemming die Nachricht überbrachte. Sie hatte immer geglaubt, es könne nicht geschehen, Gott könne ihr nicht den letzten Sohn nehmen, nun riß diese neue Trauerkunde die alten Wunden wieder auf. Vergebens war das Mühen der treuen Freunde, ihr Trost zuzusprechen, noch sei der Sohn am Leben, noch sei die Hoffnung nicht verloren, aber kein Trost fand anfangs den Weg zu dem Herzen der verzweifelten Frau. »Er stirbt, er stirbt,« so jammerte sie nur immer, und Charlotte Flemming saß die Nacht bei ihr und sprach immer wieder von der Hoffnung, die noch sei, bis die verzweifelte Frau ruhiger wurde und überlegte, was sie tun könne.
Während so die Pfarrerin der Freundin Trost zusprach, war ihr das eigene Herz sehr schwer, Hans-Heinrich war verwundet, aber er lebte und befand sich in guter Pflege, wo aber war Walter? Von ihm war keine Kunde ins Elternhaus gedrungen, was war sein Schicksal?
Charlotte Flemming aber war eine jener starken Naturen, die nie laut klagen, die in der Stille ihres Herzens ihr Leid tragen und dabei unermüdlich sind in treuer Pflichterfüllung, die nach jedem Leidenssturm, der über sie hinweht, uns schöner erscheinen in ihrer schlichten Größe. So fand sie auch jetzt die Kraft, über die eigene Sorge hinaus an andere zu denken. Und ihr Denken und Sorgen war notwendig. Frau von Seeheim hatte nur den einen Gedanken, den, so bald als möglich zu ihrem Sohne zu eilen. Der Pfarrer riet ab, denn eine solche Reise war beschwerlich und nicht ohne Gefahren. Der Mutter aber schienen alle Hindernisse klein, sie hatte nur die eine Sehnsucht, den Sohn wiederzusehen. Zuletzt stimmte ihr der Pfarrer zu, ja, er bot sich zu ihrer Begleitung an, er wollte dabei gleich versuchen, Nachrichten von Walter zu erhalten, denn von diesem hatten die Seinen noch nichts gehört. Es wurde der Pfarrerin nicht leicht, ihren Mann diese beschwerliche Reise antreten zu sehen, aber sie hielt ihn nicht durch Bitten zurück, sondern traf umsichtig die notwendigen Vorbereitungen. Der Geistliche fuhr noch am gleichen Tage nach der nächsten Stadt, um alles zu besorgen, und auch nach einem Vertreter Umschau zu halten; so sehr er auch eilte, so vergingen doch einige Tage, ehe er zur Reise bereit war. Tage waren es, die für Frau Friederikes angsterfülltes Herz lang wie Jahre währten, in denen sie rastlos durch ihre Zimmer eilte und Anordnungen gab, die sie nach wenigen Minuten bereits wieder änderte. Zuletzt kam Charlotte Flemming, sie sorgte in ihrer stillen Ruhe dafür, daß alles Nötige verpackt wurde, und daß Jungfer Karoline Weisungen erhielt, denn es konnten Wochen vergehen, ehe ihre Herrin heimkehrte.
Auf Renate und Luise hatte die traurige Kunde einen tiefen Eindruck gemacht, die ohnehin stille Renate sprach kaum noch ein Wort, sie half mechanisch der Jungfer Karoline bei den Vorbereitungen, aber ihre Gedanken waren so weit fort, daß sie alles verkehrt anstellte. Da ließ die Jungfer, die selbst herzlich traurig über den Kummer ihrer Herrin war, sie aufhören. Dann ging Renate in ihr Stübchen und starrte mit tränenlosen Augen vor sich nieder, oft kam ein leichter Schritt herauf, Luise war es, Luise mit rotgeweinten Augen und unerschütterlicher Hoffnung im Herzen. Luise, die in diesen Tagen überall war, sie saß bei Frau Friederike und weinte mit ihr und versicherte: »Hans-Heinrich müsse gesund werden!« Sie huschte hinter ihrer Mutter her und küßte deren Hand. »Walter kommt wieder, Mutterchen, glauben Sie es doch.« Sie ging mit Jungfer Karoline, mit der sie längst wieder gut Freund war, in die Vorratskammer und erzählte dort, auf einem Backtrog sitzend, die wundersamsten Geschichten, wie Leute aus schwerer Gefahr errettet wurden. Sie saß bei Stine Strobeck und sprach mit ihr über den Sieg und sagte treuherzig: »Euer Mann kommt wieder, es ist ja gar nicht anders möglich.«
An einem trüben, naßkalten Novembermorgen stand die altmodische, schwerfällige Kutsche, die noch aus der Großeltern Zeiten stammte, zur Abfahrt bereit und beinahe das ganze Dorf war versammelt, um der Abreise der Gutsherrin und des Pfarrers beizuwohnen. Diejenigen, die Angehörige im Kriege hatten, trugen Grüße auf, ja, in dem großen Koffer der gnädigen Frau lag sogar eine Speckseite und eine Wurst, die Michael Ragnit und sein Eheweib aus ihrem, in dieser harten Zeit selbst recht dürftigen Vorrat mitgegeben hatten. »Für die, die es not haben,« sagte die Bäuerin, »findet der Herr Pfarrer meine Jungen nicht, so gesegne es Gott einem andern.«
Die alte Marie Romeike kam, und ihre gekrümmten Finger umschlossen einige alte polnische Silbergulden.
»Nehmen gnädige Frau Baronin es mit,« bat sie, »damals wollte mein Sohn das Geld nicht, aber nun kann er es vielleicht brauchen.«
Im letzten Augenblick kam noch Stine Strobeck, die Schmiedsfrau, an, sie trug ein dickes graues Bündel unter dem Arm, erst wischte sie sich den Schweiß mit der Schürze vom Gesicht, dann stammelte sie: »Wenn Gnaden, die Frau Baronin so gnädig wären, dem Franz das Tuchchen mitnehmen, ich weiß nicht, ob es unten bei den Franzosen nicht recht kalt ist, und – und ein schönes Grußchen auch.« Sie knickste noch, als sich der Wagen längst in Bewegung gesetzt hatte, und ihre Gönnerin, Jungfer Karoline, führte sie endlich fort.
Der Wagen fuhr ganz langsam, Frau Charlotte ging noch einige Schritte nebenher, mit ihr Renate und Luise. Im Wagen aber saß Fritzchen auf seines Vaters Knien und schaute mit seinen großen Kinderaugen von einem zum andern, er verstand noch nicht den Ernst dieser Stunde, aber da er alle so traurig sah, war ihm sein kleines Herz auch schwer geworden. Endlich mußte doch geschieden werden, die Zeit drängte, in der Stadt wartete die Extrapost auf die Reisenden. »Der liebe Gott schütze euch!« Mehr konnte Frau Charlotte nicht sagen, ein tapferes Lächeln aber lag auf ihrem Gesicht, sie wollte nicht zeigen, wie schwer ihr der Abschied wurde.
Der Kutscher zog die Zügel an, die Pferde setzten sich in Trab und fort ging es; auf dem holprigen Wege schwankte der Wagen hin und her und bald entschwand er im Nebel den Blicken der Zurückbleibenden. Still ging die Pfarrerin mit den drei Kindern dem Hause zu, Renate sollte während der Tante Abwesenheit bei ihr bleiben.
Im Hause ging alles seinen gewohnten Gang, auf dem Gesicht der Hausfrau lag immer die gleiche freundliche Güte, und sie hatte ein williges Ohr für die Dorfbewohner, die mit ihren großen und kleinen Leiden zu ihr kamen. Während sie so immer für andere sorgte, wurde in ihrem Herzen die Angst um den Sohn immer größer, ein Tag nach dem andern verging und keine Nachricht von Walter traf ein.
Einmal, wenige Tage nach ihres Mannes Abreise, saß Frau Charlotte allein in ihrem Zimmer und betrachtete wehmütig ein kleines, auf Elfenbein gemaltes Bildchen, es stellte Walter dar, Friederike von Seeheim hatte es ihr einst zu gleicher Zeit mit dem ihres Sohnes von einem Königsberger Künstler malen lassen. Die Hand der Mutter zitterte, die das Bild hielt, und ihre Lippen preßten sich darauf, sie war so in den Anblick versunken, daß sie nicht das leise Geräusch an der Tür hörte, und erst ein schluchzender Ton ließ sie aufschauen. Da sah sie dicht hinter sich Renate stehen, der die hellen Tränen über das Gesicht liefen. »Mein liebes Kind, was ist dir?«
Charlotte Flemming bekämpfte tapfer ihren eigenen Schmerz und zog liebreich das Mädchen an sich.
»Ich weiß, o, ich weiß, daß Walter nie wiederkommt,« rief Renate leidenschaftlich, »mir ist so bang um ihn.«
Das sonst so ruhige, scheue Mädchen war wie umgewandelt, und Frau Charlotte enthüllte sich in dieser Stunde, wie groß die Liebe dieses Kindes zu ihrem Sohne war; ihr einsames Herz hatte sich mit all seiner tiefen Innigkeit dem Kameraden zugewandt. Der zarte Körper des jungen Mädchens litt unter diesem heftigen Schmerz: Fieber stellte sich ein, sie empfand einen Widerwillen gegen jegliche Nahrung, und die Pfarrerin hatte sorgenvolle Tage, bis es endlich ihren liebevollen Trostworten und Luises Plauderworten gelang, die Leidende etwas aufzurichten. Luise besaß noch die ganze Hoffnungsfreudigkeit des Kindes, bei ihr stand es fest, daß Walter und Hans-Heinrich gesund wieder heimkehren würden. Mit ihrer sieghaften Beredsamkeit sagte sie dies immer und immer wieder, und es gelang ihr auch oft, Mutter und Freundin hoffnungsvoller zu stimmen. »Ein Brief konnte verloren gegangen sein, Walter war gewiß frisch und munter, Vater findet ihn sicher in Leipzig,« tröstete sie.
»Wenn Walter gesund ist, erfährt Vater es bei seinem Regiment, ist er aber verwundet, wer weiß, ob ihn Vater findet, Leipzig ist eine große Stadt,« sagte die Mutter einst, »da ist es nicht so leicht, jemand zu finden, wie in unserm Kloningken.«
Luise, die in ihrem jungen Leben noch nicht weit über die Kloningkener Feldmark hinausgekommen war, breitete ihre Arme weit aus. »So, so viel größer sicher, ich glaube es, aber Sie können sich darauf verlassen, unser Vater findet sich zurecht, wenn er kommt, dann sagt man ihm schon Bescheid!«
Unwillkürlich mußte Frau Charlotte über ihr kleines naives Mädel lächeln. »Tausende von Menschen sind dort, und wohl so viele, viele Verwundete, wer kann sie alle kennen, und Vater ist dort völlig unbekannt, wohl kein Mensch, der ihn kennt.«
Dies leuchtete Luise nun nicht völlig ein, ihr Vater, der Inbegriff aller Weisheit für sie, sollte dort unbekannt sein, man sollte nicht wissen, wer Pfarrer Flemming aus Kloningken sei, nachdenklich saß sie lange, dann leuchtete es in ihren Augen auf, und erleichtert sagte sie: »Ach, so furchtbar viele Häuser werden schon nicht dort sein, daß Vater nicht überall hineingehen kann und fragen, na, und der dortige Pfarrer wird ihm auch schon helfen.« Und die felsenfeste Überzeugung, daß ihr geliebter Vater den Bruder finden würde, blieb ihr Trost. Sie war es auch, die zuerst den Boten traf, der einen Brief brachte, einen Brief, der Walters Handschrift zeigte. Mit einem lauten Jubelruf rannte Luise in das Zimmer, in dem die Mutter, Renate und Fritzchen saßen: »Walter lebt, Walter lebt, er hat geschrieben,« jauchzte sie.
Ja, er lebte wirklich, er war auf dem Marsch nach Frankreich, und er schrieb von der großen Schlacht, die ihm nur eine kleine Wunde gebracht hatte. Nun lag er in einem Quartier in der Nähe von Frankfurt, und er schrieb: »Wir alle möchten je eher je lieber nach Frankreich ziehen, und unser Blücher möchte es auch, aber wer weiß, wann wir über die Grenze kommen.« Walter schrieb auch, daß Hans-Heinrich gefallen sei, daß der Freund gerettet war, wußte er noch nicht, und die Mutter teilte es ihm gleich mit.
»Siehst du, Walter lebt doch, er ist gesund,« jubelte Luise immer wieder, wenn sie mit Renate zusammensaß.
»Aber er ist noch immer im Kriege,« sagte diese leise, »er zieht nach Frankreich, wer weiß ob er heimkommt?«