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Deutsche Lebensbilder

Chapter 6: Stein.
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About This Book

The volume gathers biographical and critical essays on influential German thinkers, statesmen, and writers, each sketching a life and assessing its ideas and impact on national culture. Lectures and portraits range from reformers and philosophers to poets and dramatists, examining individual convictions, public actions, and the interplay between personal character and broader historical currents. Prefatory and concluding notes contextualize the selections and the editorial intent, while the essays repeatedly probe how intellectual work and moral stance shape communal and political development.

 

Königin Luise

Königin Luise.

Vortrag, gehalten am 10. März 1876 im Kaisersaale des Berliner Rathauses.

In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Königin, zu deren Gedächtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie eine Lichtgestalt, die den Kämpfern unseres Befreiungskrieges, den Pfad weisend, hoch in den Lüften voranschwebte. Wollte ich dieser volkstümlichen Überlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Großen wie ein Fluch an die Fersen der Mächtigen dieser Erde sich klammert, so müßte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von diesem reinen Leben zu geben, wie der Künstler sich scheut, das unvermischte Weiß auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen der historischen Wissenschaft, daß sie uns die Schranken der Begabung, die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und sie so erst unserem menschlichen Verständnis, unserer Liebe näher führt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen. Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder ernsten Seelenkämpfen wie jene starken Männer, die in Scham und Reue den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter bildeten und dem Weltbürger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf die Lippen legten, haben die schöne anmutvolle Frau, die beglückende und beglückte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet, dessen Hauch wir noch spürten in unserem jüngsten Kriege.

Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Männern war, so hat auch dieser preußische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen bis zur Herbheit männlichen Charakter behauptet. Er dankt dem liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeßliches. Am Ausgange des Dreißigjährigen Krieges blieb uns von der alten Großheit der Väter nichts mehr übrig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den Frauenhände hüteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem öffentlichen Leben aber sind die Frauen Preußens immer fern geblieben, im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs. Ganz deutsch, ganz preußisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus der langen Reihe begabter Fürstinnen, welche den Thron der Hohenzollern schmückten, hat unseren Staat regiert. Auch Königin Luise bestätigte nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward eine Macht in der Geschichte Preußens, doch nie mit einem Schritte übertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem Geschlechte setzt. Es ist der Prüfstein ihrer Frauenhoheit, daß sich so wenig sagen läßt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat für den tapfersten Mann und den kühnsten Entschluß; auch einige, nur allzuwenige, schöne Briefe erzählen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der Tiefe ihres Gefühles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau, in der Persönlichkeit, in dem Adel natürlicher Hoheit, in jenem Zauber einfacher Herzensgüte, der in Ton und Blick unwillkürlich und unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mußte auch Preußen den alten Fluch besiegter Völker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwürfen wälzte sich heran wider jeden Mächtigen im Staate. Noch schroffer und schärfer hat in den leidenschaftlichen Parteikämpfen der folgenden Jahre die schonungslose Härte des norddeutschen Urteils sich gezeigt; kein namhafter Mann in Preußen, der nicht schwere Verkennung, grausamen Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der Königin blieben Verleumdung und Parteihaß ehrfürchtig stehen; nur eine Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glückes das Vorrecht der Frauen übte, mit ihrem strahlenden, glückseligen Lächeln das Kleine und Kleinste zu verklären, in den Zeiten der Not durch die Kraft ihres Glaubens die Starken stählte und die Schwachen hob. —

Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen; wir wollen ihm auch die Ehre gönnen, diese Tochter seines alten Fürstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande ihrer Väter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstädter Hofe genoß die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das Glück einer schlicht natürlichen, keineswegs sehr sorgfältigen Erziehung. Da sie heranwuchs, erzählte alle Welt von den wunderschönen mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine überschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben Specksalat aßen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen Trunk holten.

So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in Frankfurt, am Tische des Königs von Preußen, fand sie den Gatten, der ihr fortan „der beste aller Männer” blieb. An lauten Huldigungen hat es wohl noch niemals einer deutschen Fürstenbraut gefehlt; das war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrüßte. In einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das kleine Mädchen, das ihr die üblichen Hochzeitsverse hersagte, in der Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin umarmte und küßte. Die unerfahrene siebzehnjährige Frau, aufgewachsen im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem schlüpfrigen Boden dieses mächtigen Hofes, wo um den früh gealterten König ein Gewölk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle Prinz Ludwig Ferdinand sein unbändig leidenschaftliches Wesen trieb und der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand; da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Gräfin Voß. Wer kennt sie nicht, die strenge Wächterin aller Formen der Etikette, die in siebzig Jahren höfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort und den tapferen Mut sich zu bewahren wußte? Sie gab ihrer Herrin den besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen Freund und Vertrauten sich zu wählen als ihren Gemahl; und dabei blieb es bis zum Tode der Fürstin.

Für den edlen, doch früh verschüchterten und zum Trübsinn geneigten Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschätzbares Glück, daß er einmal doch herzhaft mit vollen Zügen aus dem Becher der Freude trinken, die schönste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen Mannes, lernt manche wirre Träumerei des Mädchenkopfes aufzugeben. Unablässig strebt sie „sich zur inneren Harmonie zu bilden”; ihre wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff. Etwas Liebenswürdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven Briefe an ihren alten freimütigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel bewunderte Königin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; „frägt man aber nicht und schämt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit”. Sie lebt sich ein in die Geschichte des königlichen Hauses, teilt mit ihrem Gemahl die Begeisterung für Friedrich den Großen und wählt sich unter den Fürstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preußen wert gemacht, die erste Gemahlin des Großen Kurfürsten, die unserem evangelischen Volke das Lied „Jesus meine Zuversicht” sang. A. W. Schlegel hatte einst der einziehenden Braut zugerufen: „Du bist der goldnen Zeit Verkünderin.” Fast schien es, als sollte der Dichtergruß sich erfüllen. Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch davon zu reden wissen, schenken der guten Gräfin Voß willig Glauben, wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. März 1797 vergnüglich von der Geburt eines Prinzen erzählt und weise hinzufügt: „es ist ein prächtiger kleiner Prinz”. Wenn der Blick der glücklichen Mutter auf der dichten Schar ihrer schönen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: „Die Kinderwelt ist meine Welt!”

Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Königin auch die entlegenen Provinzen des Staates kennen; überall, selbst bei den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang wie einst in der Hauptstadt. Sie war stets bereit, für den schweigsamen König das Wort zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die Staatsgeschäfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schönen Königin lebte. Als ich vor Jahren auf die Kösseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzählte der Führer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem König und der Königin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen Punkte auf dem Querschnitt des weißen Stengels und meinte stolz: das sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur hier auf den alten preußischen Fichtelbergen.

Überall in Preußen war die junge Fürstin behaglicher Ruhe, warmer Anhänglichkeit begegnet, überall schien das Volk von der alten Ordnung befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzuge: „von Freiheit schwatze wer da mag”, der Preuße finde in dem geliebten Königspaare sein höchstes Glück. Und doch schwankte der Staat, der so sicher schien, längst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen. Kein Zeitraum der preußischen Geschichte liegt so tief im Dunkel, wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms III. Das furchtbare Unglück und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren breiten Schatten über diese stille Zeit geworfen; niemand bemüht sich, sie zu durchforschen. Man schließt aus den schweren Gebrechen, welche der Tag von Jena bloßlegte, kurzerhand zurück und verdammt den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung. Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blücher, allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits in hohen Ämtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher dem niedergeworfenen Staate neue Stärke brachten, die Befreiung des Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universität Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet worden. Der König betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem Abscheu des ehrlichen Mannes, doch über den berechtigten Kern der furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu, ganz unberührt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein König der Bettler sein nach der Überlieferung seines Hauses. „Er ist Demokrat auf seine Weise — sagte einer seiner Minister zu dem französischen Gesandten Otto: — er wird die Revolution, die ihr von unten nach oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchführen; er arbeitet ohne Unterlaß, die Vorrechte des Adels zu beschränken, aber durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte mehr in Preußen geben.” Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwürfe kam zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemütern. Die Keime frischen jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermögen die Decke nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen Kräften, trägt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir alle aus der kahlen Nüchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Münze und ähnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb bei bedachtsam schüchternen Vorbereitungen, die kaum für Tage tiefen Friedens genügten. Und währenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen, auf rollenden Rädern stürmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt warf die Grenzen aller Länder durcheinander, erhob auf den Trümmern der alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preußische Staat verlor den Boden unter seinen Füßen; das Deutsche Reich kam ins Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Südwestens, Preußens altes Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu größeren Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen ihr Land den preußischen Werbern.

Wie war es möglich, daß in diesem scharf urteilenden, bis zur Tadelsucht freimütigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preußen allein unwandelbar bleiben könne in diesem großen Wandel der Zeiten? Die Königin, die so oft das rechte Wort zu finden wußte, hat auch hier die zutreffende Antwort gegeben: „Wir waren eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des Großen.” Die Größe der fridericianischen Tage lastete lähmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der großen Mächte, war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen; noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den verachteten französischen „Katzenköpfen” ihre Überlegenheit gezeigt. Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem Schutze der preußischen Waffen blühten Handel und Wandel, die deutsche Dichtung sah ihre schönsten Tage. Dem Könige schien es ein Frevel, so vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, daß die vielen kleinen Siege der rheinischen Feldzüge am Ende nur zu einer politischen Niederlage geführt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen fordere? — dann traten ihm die alten Generale, die noch die Kränze der fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit überlegener Sicherheit entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.

An einem großen Mißgeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz schuldlos, und auch die Königin war es nicht. Sie wußte wohl, warum sie in den Tagen des Unglücks die rührende Klage: „Wer nie sein Brot mit Tränen aß” in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben Vorwurf sich nicht ersparte: „Denn jede Schuld rächt sich auf Erden.” Die unbewußte Selbstsucht des Glückes hatte auch ihr den Gesichtskreis verengert, so daß sie von den sittlichen Schäden des sinkenden Staates lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb ihr verborgen, welche wüste, überfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in diesem Berlin, das wenige Jahre später allen anderen deutschen Städten mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in den höheren Ständen herrschte ein Ton geringschätzigen Übermutes gegen die kleinen Leute, der alle Grundlagen des bürgerlichen Friedens zu erschüttern drohte. Die Glückliche ahnte nicht, wie alles morsch ward in dem Staate, wie das Auge des großen Königs zürnend auf die Erben niederblickte.

Die Gräfin Voß hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt eines toten Kindes trauerte, feinfühlend erkannt, wie dieser Charakter durch das Unglück gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate näher rückte, begann die Königin mit gespannten Blicken dem Gange der Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die Franzosen lag die Schwäche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hüten verstanden; seitdem ahnte die Königin, daß die Friedensliebe des Hofes zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und größer in diesen sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie vordem an den tränenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich gern erbaute, so läßt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mächtigem Pathos.

Das heilige Reich brach zusammen, die Fürsten des Südens und Westens traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte König Friedrich Wilhelm allzuspät die Überlieferungen seines Oheims wieder aufzunehmen und „die letzten Deutschen unter seinen Fahnen zu sammeln”. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund entgegenzustellen; diese Rückkehr Preußens zu seiner alten deutschen Politik führte den verhängnisvollen Krieg herbei. An einem Tage stürzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trümmer, und es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so oft und so glorreich gesühnt, in der Erinnerung empört. Die Königin hat noch später die Vorstellungen eines französischen Unterhändlers zurückgewiesen mit den Worten: „Die Frauen haben über Krieg und Frieden nicht mitzusprechen.” Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin der Krieg beschlossen wurde; aber „ich würde — so gestand sie beim Ausbruch des Kampfes an Gentz — für den Krieg gestimmt haben, wenn man mich gefragt hätte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen Haltung herauszutreten.” Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er allezeit in den sittlichen Mächten des Völkerlebens die gefährlichsten Feinde seines Weltreichs sah und die „Ideologen” mit seinem wildesten Hasse verfolgte, so überhäufte er auch die fromme Frau auf dem preußischen Throne mit den pöbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preußens, als die Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schloß anzündet: elle voulait du sang!

Die Königin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere, und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig, wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jähen Fall, wie er nun ihrer Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glänzende Bild von dem Staate Friedrichs des Großen, daran sie seit dreizehn Jahren bewundernd geglaubt, lag plötzlich in Scherben vor ihren Füßen; weinend erzählte sie ihren Söhnen auf der Flucht: „Der König hat sich getäuscht in der Tüchtigkeit seiner Generale, seines Heeres.” Aber mitten im Unglück erhebt sie sich zu jener Ansicht des Völkerlebens, welche der mutigste Mann immer mit dem frömmsten Weibe teilen wird. „Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit” — und wieder: „Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten.” Das ist die königliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der Monarchie ruht auf dem Gedanken, daß Personen die Geschichte machen. In solchen Zeiten der höchsten Not darf die Stimme des natürlichen Gefühles mitreden im Rate der Staatskunst; die Königin übte Frauenrecht und Fürstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl tröstend zur Seite stand und ihn bestärkte in dem Entschlusse, den ungleichen Kampf fortzuführen bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle Schrecken des Krieges brachen über die Unglückliche herein. Krank und fiebernd flieht sie aus Königsberg vor dem Feinde, denn „lieber in die Hände Gottes fallen, als in die Hände dieser Menschen”; da sie in einem elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung übernachtet, jagt der Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster über das Bett der kranken Königin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde, die noch frei und preußisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach. Damals lernte sie unter strömenden Tränen das Wort verstehen: „Leid und Elend sind Gottes Segen.”

Den Haß der Römerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt; nur ihre stolze Verachtung traf den großen Feind, der ihr der Held der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, daß Gottes Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen könne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre tiefe Frömmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten sich in der Überzeugung, daß dieser Staat nicht untergehen könne: „Der politische Glaube ist wie der religiöse, eine feste Zuversicht dessen, was man hoffet, aber nicht siehet.” Vor diesen Briefen der schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Königin wird uns ein uraltes Gefühl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der cheruskischen Wälder eine heilige und weissagende Macht, sanctum aliquid providumque, an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den Kämpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefühl des Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der König nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht gewonnen, die lockenden Friedensvorschläge Napoleons zurückweist und sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt seine Gemahlin einfältig wie ein gläubiges Kind: „Das wird Preußen einst Segen bringen!” So einfach, wie sie wähnte, sind Lohn und Strafe im Leben der Völker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreußischer Ehre, den der König bei jener schweren Versuchung bewahrte, hätte der Staat sich nie wieder erhoben. Was die Preußen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn ihrer schönen Königin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen Heinrich von Kleists:

Denn eine Glorie in jenen Nächten
Umglänzte deine Stirn, von der die Welt
Am lichten Tag der Freude nichts geahnt.
Wir sah’n dich Anmut endlos niederregnen;
Daß du so groß als schön warst, war uns fremd.

Noch eine letzte, schmähliche Demütigung stand der mißhandelten Frau bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schloß den Tilsiter Frieden; aus Rücksicht auf den neugewonnenen russischen Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preußens, die längst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Könige die Hälfte der Monarchie zurückzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergeßlich beleidigte Königin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch dies Äußerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es könne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rühren und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog. Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: „Es hätte mir zu viel gekostet, den Galanten zu spielen”; und an Clarke: „Sie begreifen, daß der König von Preußen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk, Magdeburg, in meinen Händen lassen muß.”

In der entlegensten Provinz des verstümmelten und ausgesogenen Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch in dem alten Ordensschlosse zu Königsberg das bescheidene Eckzimmer mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Königin wohnte: ein kleiner Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt das Bildnis Scharnhorsts mit großen, tiefen Augen hernieder. Welche Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preußens Macht und Glück: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den Jubel des Huldigungsfestes mit angehört; hier vor diesem Tore steht das Schlütersche Standbild des ersten Königs, von ihrem Gemahl einst „dem edlen Volke der Preußen gewidmet”; dort im Vorzimmer der Ofenschirm stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der große König wie ein junger Gott von Sieg zu Sieg stürmte, irgendeine übermütige kleine Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: pour nous point d’Alexandre, le mien l’emporte! Und daneben diese jammervolle Gegenwart! Der Staat, ausgestoßen aus dem Kreise der großen Mächte, mitten im Frieden von feindlichen Truppen überschwemmt, verspottet und geschmäht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude für die Besiegten. In Preußen aber lebte noch die alte Treue. Fürst und Volk traten einander näher, wie im verwaisten Hause die Überlebenden sich inniger zusammenschließen; der ärmliche Hofhalt zu Königsberg und Memel empfing von allen Seiten rührende Beweise der Teilnahme, der König lud seine getreuen Stände als Paten zur Taufe der jüngsten Prinzessin. Dies stolze und trotzige Ostpreußen, das Stiefkind Friedrichs des Großen, schloß in Not und Trübsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem Herrschergeschlechte, der im Frühjahr 1813 seine Kraft bewähren sollte.

Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schläge des Unglücks; er glaubte oft, daß ihm nichts gelinge, daß er für jedes Unheil geboren sei. Da er nun einmal mit der Königin die Gräber der preußischen Herzöge im Chore des Doms zu Königsberg besuchte, fiel sein Blick auf die Grabschrift: „Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung zu Gott.” „Wie entsprechend meinem Zustande!” rief er erschüttert und wählte sich das ernste Wort zum Wahlspruch für sein eigenes Leben. Nur das Pflichtgefühl hielt ihn aufrecht unter der Bürde seines schweren Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrütteten Heeres und berief den Freiherrn vom Stein für den Neubau der Verwaltung. Mit herzlichem Vertrauen begrüßte die Königin den Mann „großen Herzens, umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas Licht auf”. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken, daß es gelte, alle sittlichen Kräfte des erschlafften Staates zu beleben; fast wörtlich übereinstimmend mit den allbekannten Worten, die der König seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb sie einmal: „Wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend reichlich zu ersetzen.”

Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande, gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen Österreich sich vorbereitete und die Königin auf eine Erhebung des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besaß nach Frauenart wenig Verständnis für die mächtigen Interessen, welche trennend zwischen den beiden Großmächten des alten Reiches standen, und sah in Österreich schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere leidenden österreichischen Brüder dereinst zu rächen, hatte sie vor Jahren ihren ältesten Sohn begrüßt, da er zum ersten Male den Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: „Meine Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen trägt” — während der König, die militärische Lage richtiger schätzend, nicht ohne Rußlands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude begrüßt hatte, blieben in verdächtigem Dunkel. Das unfähige Kabinett, das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage keinen festen Entschluß; Österreich unterlag, und die kriegerische Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken Parteigängerzügen. Die Königin aber schrieb verzweifelnd: „Österreich singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!”

Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen Lebens. Sie kehrt zurück in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch das Königstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr die verarmte Stadt verehrt, nahebei der König zu Roß und die beiden ältesten Söhne im Zuge ihres Regiments, da begrüßten die dichtgedrängten Massen den Hof wie die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preußens Volk und Heer, die einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Versöhnung, um fortan einig zu bleiben für alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage bevor die Königin ihre letzte Reise antrat, entließ Friedrich Wilhelm das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die ihm seine kleinmütigen Räte zumuteten, und berief Hardenberg an die Spitze der Geschäfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in die Verwaltung; er führte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein kühn und besonnen weiter und bereitete durch ein viel verkanntes kluges diplomatisches Spiel die große Erhebung vor, während Scharnhorst die Waffen schärfte für den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte Luise nie gehofft. Ihr zarter Körper erlag dem verzehrenden Kummer. In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: „Ich bin heute so glücklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten der Männer.” Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem Leben des schwergeprüften Fürsten blieb ein dunkler Schatten; niemals, auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke, schwellende Gefühl des Glückes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Königin einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte erwartete: „Die Nachwelt wird mich nicht zu den berühmten Frauen zählen; aber möge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten würdig waren, sie herbeizuführen gestrebt und endlich sie errungen haben.” Wie über alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demütig-stolze Erwartung in Erfüllung gegangen! Die historische Wissenschaft führt ihre denkenden Jünger zurück zu dem schlichten Glauben, daß der Eltern Segen den Kindern Häuser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit fortwirkt mitten in der lärmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen nicht abschließt mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glücklichen ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser deutschen Königin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr köstlichstes Vermächtnis. Wer noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: „Wir gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde haben, weil wir sie verdienen.” Der alte Blücher meinte grimmig, da er die Nachricht ihres Todes empfing: „Wenn die Welt in die Luft flöge, mir wär’ es recht.” Als endlich die Stunde der Erhebung schlug, da stiftete der König an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte für den heiligen Krieg. Wer weiß es nicht aus den Liedern Theodor Körners, wie das Verlangen, die zu Tode gequälte Königin an dem ungroßmütigen Sieger zu rächen, die tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer spürte nicht in dem gottesfürchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen einen Hauch von dem Geiste der Verklärten? Da der Friede kam, zogen jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und wahrlich nicht bloß um das Werk des Künstlers zu bewundern, dem die Tote einst selber den Weg zu großem Schaffen ebnete, sondern um sich das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes. Die beiden gewaltigen Könige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden geehrt und gefürchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Königin Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verständnis, das die Leidenschaften der Parteien nie zerstören konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der Königin über unserer Stadt und über diesem Saale liegt, so ist uns allen zumute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen Gestalt mit eigenen Augen erblickt hätten. Zeiten des Glückes sind stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen eines langersehnten neuen Tages über sein Volk heraufzuführen, mit seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern — wir alle erlebten es ja mit tief erschüttertem Herzen — hat der Sohn sich Mut und Kraft gesucht für die Schlachten des großen Krieges, für den steilen Weg zur kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjährten Haß gewaltsam zu beleben, der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich längst die Buße seiner Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Königin leichtfertig auszubeuten für die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am würdigsten ehren, wenn wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze Geringschätzung der endlichen Güter des Lebens uns erhalten, wenn wir in diesem männischen Jahrhundert, unter den Hammerschlägen hastiger Arbeit und dem Lärmen der politischen Kämpfe die alte deutsche ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Völker allein die Gewähr der Dauer geben.


Stein

Stein.

Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26. Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn „von sehr achtungswerten Eltern geboren und — so erzählt er selbst — unter dem Einflusse ihres religiösen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen; die Ideen von Frömmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre, Pflicht das Leben zu gemeinnützigen Zwecken zu verwenden und die hierzu erforderliche Tüchtigkeit durch Fleiß und Anstrengung zu erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen Gemüte eingeprägt”. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschluß der Eltern bestimmte ihn, den jüngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten, reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schönen ergriff ihn weniger mächtig als die meisten Söhne seines Jahrhunderts. Sein kräftiger, auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich früh in die historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht bloß eine Fundgrube politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen Ernstes und jener strengen, tief religiösen Frömmigkeit, die er sich in den Tagen der Aufklärung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Göttingen, Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb er während diesen akademischen Jahren das Studium der englischen Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend für seine politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte Freunde, Männer, ergriffen von den Ideen des philosophischen Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer andächtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen abging. Der sittliche Ernst, der kräftige realistische Sinn des jungen Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Großen und eifriger Protestant, entschloß er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preußische Dienste zu treten.

Er fand zunächst Anstellung im Bergdepartement unter dem Minister v. Heynitz, dem Schöpfer des preußischen Staatsbergwesens. „Verließ ich es gleich im Jahre 1793, berichtet er, so hatte doch das Leben in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die körperlichen Kräfte zugleich entwickelnden Geschäfte den Nutzen, den Körper zu stählen, den praktischen Geschäftssinn zu beleben und das Nichtige des toten Buchstabens und der Papiertätigkeit kennen zu lehren.” Er ehrte die harte Zucht, die angestrengte Arbeitsamkeit des altpreußischen Beamtentums, aber er erkannte schon jetzt die unseligen Folgen bureaukratischer Bevormundung. In solcher Ansicht begegnete er sich mit den Ideen einer aufkommenden jüngeren Schule innerhalb des preußischen Beamtentums, mit Männern wie Kraus und v. Schrötter, welche nach Englands Vorbild von dem freien Spiele der sozialen Kräfte die Stärke des Staates erwarteten. Wider Willen ward er einmal aus der Verwaltungstätigkeit herausgerissen, als er (1785) den Auftrag erhielt, den Kurfürsten von Mainz für den Fürstenbund Friedrichs des Großen zu gewinnen. Er vollzog die Sendung mit Glück und erbat rasch seine Zurückberufung; das Gewirr kaiserlicher und preußischer, französischer und russischer Intrigen an dem geistlichen Hofe hatte ihm jenen tiefen Widerwillen gegen die Diplomatie eingeflößt, den er zeitlebens nicht überwinden konnte. Zurückgekehrt von einer längeren technologischen Reise durch England, begann er im Jahre 1787 sein siebzehnjähriges großartiges Wirken in der westfälisch-niederrheinischen Verwaltung, zuerst als Kammerdirektor und Kammerpräsident in Kleve und Hamm, seit 1796 als Oberpräsident in Hamm, später in dem neuerworbenen Münster. Das Land dankte ihm die Anfänge moderner Verkehrsmittel; er ließ die Ruhr schiffbar machen und die Straßenverbindung zwischen Rhein und Weser vollenden. Trotz seiner herrisch durchgreifenden, rastlos anfeuernden Weise verstand er die Selbsttätigkeit des Volkes zu fördern in diesem Lande, das von allen Provinzen Preußens sich allein eine freie Gemeindeverfassung bewahrt hatte. Mit Zuziehung der Stände führte er ein verbessertes Steuerwesen und vollständige Gewerbefreiheit auf dem flachen Lande ein und bereitete die Aufhebung der Feudallasten vor. Die Bewohner lohnten ihm durch Verehrung und Anhänglichkeit, sie grüßten ihn als den Wohltäter des Landes, einen andern Adolf von Böhmen. Er selbst lernte Westfalen als seine zweite Heimat lieben und erfüllte sich mit dem Stolze eines preußischen Patrioten, daher er auch eine Ministerstelle in Hannover von der Hand wies.

Die aufstrebenden Köpfe in den einflußreichen Kreisen Preußens schauten längst auf den stolzen Reichsfreiherrn als auf eine Säule des Staates. Im nichtpreußischen Deutschland ward sein Name zum ersten Male im Jahre 1804 genannt. Er hatte die Revolutionskriege am Rhein in der Nähe beobachtet, der Einnahme Frankfurts durch die Hessen und Preußen selber beigewohnt und die Überzeugung gewonnen, die er später der Kaiserin von Rußland vor versammeltem Hofe aussprach, daß nicht die Nation, sondern die Nichtigkeit ihrer Fürsten das ungeheure Unglück verschuldete. Nun sollten die Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses sein eigenes Haus treffen. Der Herzog von Nassau unterwarf die Güter des Steinschen Hauses eigenmächtig seiner Landeshoheit. Stein verwahrte sein Recht in einem Briefe vom 10. Januar 1804 und verkündete darin die Ideen einer hochsinnigen Vaterlandsliebe, die von den Zeitgenossen kaum begriffen ward. „Deutschlands Unabhängigkeit und Selbständigkeit wird durch die Konsolidation der wenigen reichsritterschaftlichen Besitzungen mit denen sie umgebenden kleinen Territorien wenig gewinnen; sollen diese für die Nation so wohltätigen großen Zwecke erreicht werden, so müssen diese kleinen Staaten mit den beiden großen Monarchien, von deren Existenz die Fortdauer des deutschen Namens abhängt, vereinigt werden, und die Vorsehung gebe, daß ich dieses glückliche Ereignis erlebe.... Es ist noch härter, alle diese Opfer nicht irgendeinem großen, edlen, das Wohl des Ganzen fördernden Zweck zu bringen, sondern um der gesetzlosen Übermacht zu entgehen, um — doch es gibt ein richtendes Gewissen und eine strafende Gottheit.”

In demselben Jahre ernannte ihn der König zum Minister für das Departement der indirekten Abgaben. Ein Fachminister, ohne Einfluß auf die große Politik, konnte Stein den unseligen Gang der Haugwitzschen Staatskunst nicht hindern. In seinem Ressort bewirkte er die Aufhebung der Binnen- und Provinzialzölle, er vereinfachte den Geschäftsgang, ließ zum ersten Male statistische Tabellen für den ganzen Staat zusammenstellen, berief Niebuhr zur Reorganisation der preußischen Bank. Er beschaffte die Geldmittel, womit der Krieg von 1806 geführt wurde, stellte dringend vor, daß der Kredit des Staates sich nur durch eine kraftvolle auswärtige Politik aufrechterhalten lasse, und beschwor den König, im Verein mit mehreren Prinzen und Generälen, das geheime Kabinett und den Minister Haugwitz zu entlassen. Die Anmaßung ward hart gerügt, die Katastrophe von Jena folgte. Stein rettete die Staatsgelder nach Königsberg und bewog den Hof zur Fortsetzung des Kriegs. Jetzt endlich entschloß sich der König, einige seiner Räte zu entlassen. Stein aber verlangte auch die Entfernung des Kabinettsrates Beyme, bevor er sich entschließen könne, die Leitung der Geschäfte zu übernehmen. Darauf empfing er den berufenen „unbegreiflichen Brief”; der König nannte ihn „einen exzentrischen und genialischen Mann, der nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persönlichem Haß und Erbitterung handelt”. Sofort nahm Stein seinen Abschied (März 1807) und kehrte nach Nassau zurück. Inzwischen wurde der Friede von Tilsit geschlossen, Napoleon bestand auf Hardenbergs Entfernung und dieser schlug Stein als einen homme d’esprit dem Könige vor, um mit seiner Hilfe den Neubau des zertrümmerten Staates zu beginnen.

Stein erhielt die Aufforderung zur Rückkehr auf dem Krankenlager. Er nahm an, das Fieber verließ ihn, nach wenigen Tagen reiste er nach Memel ab (September 1807). Der König empfing ihn tiefgebeugt und legte vertrauensvoll die Leitung des gesamten Staatswesens in die Hände des Ministers, dessen Wirken nicht mehr durch die Ränke eines geheimen Kabinetts durchkreuzt wurde. „Man ging”, sagte Stein, „von der Hauptidee aus, einen sittlichen, religiösen, vaterländischen Geist in der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit zu jedem Opfer für Unabhängigkeit von Fremden und für Nationalehre einzuflößen und die erste günstige Gelegenheit zu ergreifen, den blutigen, wagnisvollen Kampf für beides zu beginnen.” Die Ursachen des tiefen Falles und die Mittel der Wiedererhebung schildert eine Denkschrift Steins vom Oktober 1807, die man als das Programm des neuen Regimentes betrachten kann, also: „Das zudringliche Eingreifen der Staatsbehörden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten muß aufhören, und dessen Stelle nimmt die Tätigkeit des Bürgers ein, der nicht in Formen und Papier lebt, sondern kräftig handelt, weil ihn seine Verhältnisse in das wirkliche Leben hineinrufen und zur Teilnahme an dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten nötigen... Hat eine Nation sich über den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, genießt sie einen mäßigen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit auf ihre eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Räumt man ihr nun eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohltätigsten Äußerungen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes; verweigert man ihr alles Mitwirken, so entsteht Mißmut und Unwille, der entweder auf mannigfaltige schädliche Art ausbricht oder durch gewaltsame den Geist lähmende Maßregeln unterdrückt werden muß. Die arbeitenden und die mittleren Stände der bürgerlichen Gesellschaft werden alsdann verunedelt, indem ihre Tätigkeit ausschließlich auf Erwerb und Genuß geleitet wird, die oberen Stände sinken in der öffentlichen Achtung durch Genußliebe und Müßiggang oder wirken nachteilig durch wilden, unverständigen Tadel der Regierung. Die spekulativen Wissenschaften erhalten einen usurpierten Wert, das Gemeinnützige wird vernachlässigt und das Sonderbare, Unverständliche zieht die Aufmerksamkeit des menschlichen Geistes an sich, der sich einem müßigen Hinbrüten überläßt, statt zu einem kräftigen Handeln zu schreiten.”

Diese Gedanken stehen in einem schneidenden Widerspruche zu dem Geiste allfürsorgender Staatsgewalt, der in dem Staate Friedrichs des Großen vorherrschte, sie wollen allerdings die Revolution mit ihren eigenen Waffen bekämpfen, doch sie enthalten in sich nur den kleinsten, den probehaltigen Teil der sogenannten Ideen von 89. Niemand hat den radikalen Bruch mit der Geschichte, den die Revolution vollzogen hatte, leidenschaftlicher bekämpft als Stein. „Eine Verfassung bilden”, schrieb er später an den Großherzog von Baden, „heißt in einem alten Volke, wie das deutsche, nicht sie aus nichts erschaffen, sondern den vorhandenen Zustand untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die ihn ordnet; und allein dadurch, daß man das Gegenwärtige aus dem Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer für die Zukunft sichern.” Niemand durchschaute schärfer die Leerheit jener politischen Formen, worin das neue Frankreich das Wesen der Freiheit suchte: „In Frankreich ist die Nation nur zum Schein zur Teilnahme an den öffentlichen Angelegenheiten zugelassen, ihr gesetzgebender Körper ist nur eine der registrierenden Verwaltungsbehörden, das Maschinenwesen ihrer Bureaukratie ist zusammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend und wird von dem ungebundenen rücksichtslosen Willen eines einzelnen geleitet.” Er wollte den Neubau des Staates von unten beginnen, der freie Staat sollte getragen werden von der freien Tätigkeit des Bürgers. Mit Stolz dürfen wir diese konservativ-liberale Politik als eine nationale der nivellierenden Staatskunst der Romanen gegenüberstellen. Zur Durchführung dieser Reformen fand Stein treffliche Gehilfen in Schön, Schrötter, Niebuhr, Vincke, Stägemann, während er gleichzeitig alle Mittel aufbot, die Kontributionen an Frankreich abzuzahlen.

Zunächst vollzog der Minister in den anspruchslosesten Formen eine tiefgreifende soziale Revolution. Ein uraltes Leiden unseres Nordens, die Unfreiheit des Landmanns, ward beseitigt, die Emanzipation des vierten Standes bewirkt durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 über „den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums sowie die persönlichen Verhältnisse der Landbevölkerung”, welches die Gebundenheit der bäuerlichen Grundstücke größtenteils beseitigte und vor allem jedem, ohne Unterschied des Standes, den Erwerb aller Art von Grundeigentum freistellte. Die persönliche Leibeigenschaft und der Gesindezwang ward aufgehoben. Der Edelmann sollte fortan das Recht haben, ein Bauer zu werden und bürgerliche Gewerbe zu treiben — ein Recht, das zugleich als Ersatz galt für die bisherige Bevorzugung des Adels im Heere. Dergestalt war die scharfe Scheidung der Stände, welche eine der Grundlagen des friderizianischen Staates bildete, mit einem Schlage zerstört; denn, Aristokrat von Grund aus und ernstlich gewillt, dem lebensfähigen Teile der Aristokratie eine einflußreiche Stellung im Staate nach englischem Muster zu sichern, verachtete Stein die Begehrlichkeit und die kastenmäßige Absperrung des niederen Adels. „Der Adel in Preußen”, schrieb er damals, „ist der Nation lästig, weil er zahlreich, größtenteils arm und anspruchsvoll auf Gehälter, Ämter, Privilegien und Vorzüge jeder Art ist.” Die Kühnheit des Edikts vom 9. Oktober erhellt am klarsten aus dem Widerspruche Gneisenaus, der von dem Gesetze die schwerste Beeinträchtigung des großen Grundbesitzes erwartete. Es folgten die Edikte vom 28. Oktober 1807 und vom 27. Juli 1808, welche die Erbuntertänigkeit auf den Domänen aufhoben und den Domänenbauern in Altpreußen das freie Eigentum ihrer Höfe gaben. Die großen Grundbesitzer wurden erleichtert durch ein Generalindult — eine höchst gewagte Maßregel, die, mit Schonung und Umsicht gehandhabt, in der Bedrängnis jener Zeit sich vortrefflich bewährte. Ein Edikt vom 24. Oktober 1808 gab den Verkehr mit den Lebensmitteln frei, hob den Zunftzwang für Bäcker, Schlächter und Höker auf. Diese Gesetze bildeten den Ausgangspunkt für die neue Agrargesetzgebung in Preußen, obwohl Stein selbst sich sehr hart und mißbilligend äußerte über die verwegene Fortbildung, welche seine Werke durch Hardenberg erlitten. Sie beruhten auf der selbständigen, eigentümlichen Anwendung von Grundsätzen, welche in Frankreich und dessen Vasallenstaaten sich bereits verwirklicht hatten.

Eine durchaus schöpferische Tat, ohne jedes Vorbild in Europa, war dagegen die Städteordnung vom 19. November 1808, die ihrem Urheber den schönen Nachruf verdiente, er sei mit besserem Rechte als König Heinrich der Städtegründer der Deutschen zu nennen. In den Städten von Kleve und Mark hatte Stein die Überreste alter Kommunalfreiheit achten gelernt. Das neue Gesetz gab den Städten die Verwaltung der Finanzen und der Polizei, den Bürgern die Wahl der Magistrate und Stadtverordneten. Es wurde die Grundlage alles dessen, was seitdem in Deutschland für eine Selbstverwaltung im deutschen Sinne geschehen; selbst in England ist es, mit wenig Glück, nachgebildet worden. Ja, wenn wir den unreifen, zweifelhaften Zustand unserer parlamentarischen Institutionen betrachten, so erscheint leider die Behauptung gerechtfertigt, daß die an Steins Ideen anknüpfenden Gemeindegesetze bis zur Stunde den bewährtesten, bestgesicherten Teil deutscher Volksfreiheit bilden. Dies Gesetz war ein erster entscheidender Schlag gegen die Bureaukratie, deren Alleinherrschaft Stein bis an sein Ende mit unversöhnlichem Hasse bekämpfte. „Unser Unglück ist,” schreibt er im Alter, „daß wir von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen, eigentumslosen Buralisten regiert werden. Das geht so lange es geht. Diese vier Worte: besoldet, buchgelehrt, interesselos, eigentumslos — enthalten den Geist unserer geistlosen Regierungsmaschine. Es regne oder scheine die Sonne, die Abgaben steigen oder fallen, man zerstöre alte hergebrachte Rechte oder lasse sie bestehen, man theoretisiere alle Bauern zu Tagelöhnern und substituiere an die Stelle der Hörigkeit an den Gutsherrn die Hörigkeit an den Juden und Wucherer — alles das kümmert sie nicht. Sie erheben ihren Gehalt aus der Staatskasse und schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen Türen versehenen Bureau und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich brauchbaren Schreibmaschinen an.”

Des Ministers Absicht ging auf eine umfassende Neugestaltung des Staates, und das von Schön verfaßte Rundschreiben vom 24. November 1808, bekannt unter dem Namen „Steins politisches Testament”, sowie die niemals vollzogene, von demselben Tage datierte Verordnung „über die veränderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehörden” zeigen deutlich, in welchem großen Sinne die Reform gemeint war. Das Nebeneinander von Fachministerien und Provinzialdepartements war erträglich gewesen, solange Fürsten von so riesiger Arbeitskraft wie Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II. den lebendigen Mittelpunkt des Staates bildeten. An der Verwaltungsorganisation des ersten Konsuls lernte Stein die Notwendigkeit einer übersichtlichen Einteilung der Staatsgeschäfte, wie er aus den Debatten der Nationalversammlung lernte, daß der moderne Staat eine Hauptstaatskasse als den Mittelpunkt des Kassenwesens erheische. Ein Kabinett von fünf Fachministern sollte fortan an der Spitze der Verwaltung stehen, in Sachen der Gesetzgebung aber nur eine Abteilung der höchsten monarchischen Behörde, des Staatsrats, bilden, der alle hervorragenden Kräfte des Staatsdienstes in sich zu vereinigen hätte. Der Plan war nichts anderes als eine Rückkehr zu den alten Traditionen der preußischen und jeder anderen großen Monarchie des Weltteils. Die alte Dienstordnung, welche dem Verwaltungsbeamten das Recht der Unabsetzbarkeit, den Regierungskollegien die Stellung von Gerichtshöfen für das öffentliche Recht gab, war unhaltbar, seit die Städte Selbständigkeit erlangt hatten; Stein verlangte Absetzbarkeit der Verwaltungsbeamten. Eine allgemeine Einkommens- und Vermögenssteuer, ohne Ansehen des Standes, sollte dieser kraftvollen Regierung reiche Mittel zur Verfügung stellen. Alle Regierung und Gerichtsbarkeit sollte von der höchsten Gewalt ausgehen, daher Abschaffung der Gutspolizei und der Patrimonialgerichte, das will sagen: eine neue Gemeindeordnung für das flache Land. Das Edikt vom 9. Oktober, von seinem Urheber die Habeas-corpus-Akte Preußens genannt, muß gesichert werden durch die Abschaffung der Fronden und eine neue Gesindeordnung. Reform des Adels, dergestalt, daß er sich nach englischer Weise durch die tüchtigsten Elemente aus dem Volke immer neu ergänze. Kräftigung des religiösen Lebens und des Volksunterrichts (eben jetzt geschehen die ersten Einleitungen für die Gründung der Berliner Hochschule), Reform des Heerwesens in dem Geiste, der die neue Militärreorganisations-Kommission (Scharnhorst, Gneisenau, Grolman) beseelte und aus Blüchers militärischem Glaubensbekenntnisse sprach: „Es ist vor einer Nationalarmee zu sorgen, niemand in der Welt muß eximiert sein”. Neben den Provinzialbehörden Landstände. Zuletzt nach Vollendung dieses Unterbaues Reichsstände, zwar wesentlich auf dem Grundbesitze ruhend, aber mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der Mitwirkung bei der Gesetzgebung, „denn auf diesem Wege allein kann der Nationalgeist positiv erweckt und belebt werden”.

Ein Gewaltstreich Napoleons machte diesen Plänen ein Ende, welche, vollständig verwirklicht, unserem Vaterlande ein Menschenalter tastender politischer Versuche ersparen konnten. Mitten in der Arbeit der inneren Reform ging alles Dichten und Trachten des Ministers auf die Abschüttelung des fremden Jochs, und wenn die neuen Agrargesetze die Anhänger v. d. Marwitz’ unter dem brandenburgischen Landadel erbitterten und einen York zu Flüchen wider das Nattergezücht der preußischen Jakobiner hinriß, so erregte Steins Entschluß, den Kampf mit dem Eroberer zu wagen, Entsetzen unter der französischen Partei am Hofe, den Kalkreuth und Voß, und bei der Masse der Schwachen und Trägen. Stein galt in diesen Kreisen, wie Gneisenau berichtet, „als ein Verzweifelter, der sich mit dem König auf eine Pulvertonne setzen wollte, um sich in die Luft zu sprengen”. Bereits rüstete Österreich. Stein hoffte auf eine gleichzeitige Erhebung Preußens, er gedachte die französischen Satrapenländer im Norden zum Aufstande zu reizen und zählte auf die Kraft der Bauern und des Mittelstandes, während er nichts hoffte von der „Weichlichkeit der oberen Stände, und dem Mietlingsgeiste der öffentlichen Beamten”. Allerdings mochte Stein damals die hohe Leidenschaft, die seinen Feuergeist verzehrte, allzu kühn in die Herzen der müden Masse übertragen. Schwerlich war der Haß gegen die Fremden bereits tief genug in das Volk gedrungen, um jetzt schon einen Verzweiflungskampf zu wagen. Noch weniger ließ sich erwarten, daß Kaiser Franz den Krieg in jenem großen deutschen Sinne, den Stein verlangte, beginnen und seine Truppen unter schwarz-weiß-gelbem Bundesbanner — mit den Namen „der Befreier der Nation”, Hermann und Wilhelm von Oranien, auf den Fahnen — in das Feld schicken werde. Ein Brief Steins, der den Fürsten Wittgenstein ermahnte, die Unzufriedenheit im Königreich Westfalen zu schüren, fiel den Spähern Napoleons in die Hände und erschien am 8. September 1808 im Moniteur. Der Kongreß von Erfurt beseitigte jede Hoffnung auf Rußlands Beistand, und Stein sah sich gezwungen, seinen Abschied zu fordern. Er nahm mit sich das Lob seines Königs, durch die Wirksamkeit eines Jahres „den ersten Grund, die ersten Impulse zu einer erneuerten, besseren und kräftigeren Organisation des in Trümmer liegenden Staatsgebäudes gelegt zu haben”. Am 16. Dezember unterzeichnete Napoleon das Dekret, welches le nommé Stein als einen Feind Frankreichs und des Rheinbunds ächtete und seine Güter einzog. „Sie gehören nun der Geschichte an,” rief Gneisenau dem Geächteten zu. Die Nation wußte jetzt, wen unter den Deutschen der Kaiser am bittersten haßte. In tausend Herzen prägte sich jetzt das Bild des Reichsfreiherrn ein — die gedrungene Gestalt mit dem breiten Nacken, jäh und eckig in jeder Bewegung, die funkelnden braunen Augen und die Eulennase über den fest geschlossenen Lippen — ein Geist von deutscher Tiefe und Gründlichkeit, hochgebildet und dennoch schlicht und kernhaft, der seine schwerwiegenden Gedanken oft in ungelenken Formen, doch mit überzeugender Kraft und volkstümlicher Derbheit aussprach — ein Mann ohne Menschenfurcht, vornehm und herrisch und doch milden Sinnes um die Leiden der kleinen Leute besorgt — voll Feuers und heiligen Zornes, aber ein demütiger Christ und klug besonnen inmitten der Aufregung, unerschütterlich im Glauben an die Zukunft seines Volkes und an das Walten der Vorsehung — der ganze Mann eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Tatkraft und Billigkeit, von glühender Leidenschaft und nüchterner Erwägung.

Steins Nachfolger ward nicht Schön, den er vorgeschlagen, sondern Altenstein, unter dessen Verwaltung der Staat, in tiefe Schwäche versunken, den Geächteten nicht zu beschützen wagte. In Brünn, Troppau, Prag verlebte Stein die nächsten Jahre, doch selbst unter dem Ministerium Stadion konnte man zu Wien sich nicht entschließen, diese gewaltige Kraft zum Kampfe gegen Napoleon zu verwerten. Stein durfte dann und wann den österreichischen Staatsmännern einen Rat erteilen, er versuchte auch, als im Jahre 1810 Hardenberg sein Ministerium bildete, wieder auf Preußens Geschicke einzuwirken, auf die innere Verwaltung wie auf die Vorbereitung eines Volkskrieges nach dem Muster Spaniens und der Vendée. Im ganzen blieb er ohne Einfluß. Es war die Zeit, da Gneisenau die entsetzlichen Worte schrieb: „Wir dürfen es uns nicht verhehlen, die Nation ist so schlecht als ihr Regiment.”

Auch Stein, der soeben die Erhebung Österreichs vom Jahr 1809 mit Bewunderung betrachtet, verlebte jetzt Augenblicke, da er an dem preußischen Staate und an dem unverbesserlichen „Phlegma der nördlichen Deutschen” verzweifelte. Endlich bei dem Herannahen des russischen Feldzugs schien ihm die Stunde gekommen für einen großen Befreiungsversuch. Er hatte schon im Jahre 1808 den Zaren Alexander zu einer selbständigen Politik ermahnt und bot ihm jetzt seine Dienste an. Fast gleichzeitig (Mai 1812) ereilte ihn die Einladung des Zaren. Er blieb ohne amtliche Stellung, als ein selbständiger Rat, eine Macht durch sich selber, an Alexanders Seite, und soweit die nun folgenden Ereignisse von dem Willen einzelner Sterblicher abhingen, hat Stein an der Befreiung Europas ein größeres Verdienst als irgendein Mensch. Er war es, der den Kaiser zu dem Entschlusse bewog, den Krieg bis nach Sibirien hinein fortzusetzen, er erfüllte den schwachen, edelsinnigen Monarchen mit einem Hauche seiner eigenen Leidenschaft, er bestimmte ihn, nach dem Siege, den Wünschen des Heeres zum Trotz, den Niemen zu überschreiten. Je näher die Gefahr sich heranwälzte, um so freudiger und zuversichtlicher hob sich alles Schneidige und Heldenhafte seines Wesens. Er verachtete die Oberflächlichkeit der meisten gebildeten Russen, doch er freute sich an der religiösen Begeisterung, dem Opfermute des Volkes, und auch unter den höheren Ständen fand er treffliche Helfer, so die Grafen Kotschubey und Lieven. Er sah in dem russischen Kriege nur ein Mittel für seinen teuersten Zweck, die Befreiung Deutschlands. Stein stand an der Spitze des deutschen Komitees in Petersburg, ließ Aufrufe unter den Rheinbundstruppen verbreiten, um sie zur Fahnenflucht zu verleiten, und durch die Schriften seines treuen E. M. Arndt auf die Herzen der Deutschen wirken, er bildete — mit geringem Erfolg — die deutsche Legion als den Kern des künftigen deutschen Heeres, er drang auf Verbindung mit England und zeigte der Regierung die Mittel, welche ihr nachher ermöglichten, 40 Millionen Rubel russischen Papiergeldes in Deutschland umzusetzen und also den Krieg fortzuführen. Während er also jeden Hebel in Bewegung setzte zur Bekämpfung Napoleons, fand er doch Worte der Billigkeit für jene preußischen Offiziere, welche, dem Fahneneide treu, im Heere des Imperators fochten.

Die Pläne, welche er in jenem Petersburger Winter für Deutschlands Umgestaltung entwarf, sind das Idealste und Verwegenste, was jemals über deutsche Politik gedacht worden. Und dies bildet, nächst seiner Teilnahme an der Umgestaltung Preußens und der Befreiung Europas, das dritte welthistorische Verdienst des Mannes: er hat früher und schärfer als irgendein Staatsmann die Einheit Deutschlands, ohne Phrasen und Vorbehalte, als das höchste Ziel deutscher Politik aufgestellt, er war der erste unter unseren Staatsmännern, der in jedem Wechselfalle unwandelbar und mit hellem Bewußtsein nur das Wohl des ganzen Vaterlandes ins Auge faßte. „Ich habe nur ein Vaterland, das heißt Deutschland — schrieb er an Münster, der ihn des einseitigen Preußentums beschuldigte — und da ich nach alter Verfassung nur ihm und keinem besonderen Teile desselben angehörte, so bin ich auch nur ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben.” Wer ihm von Schonung der althergebrachten Zersplitterung redete, dem erwiderte er: „einen solchen Zustand wiederherstellen ist gerade so, als wolle man darauf bestehen, daß ein toter Mann auf seinen Beinen stehen solle, weil er es tun konnte, solange er noch lebte.” Jede Rücksicht auf die Dynastien verwarf er: „Als ob es in Deutschland darauf ankäme, ob ein Mecklenburg usw. existiert, und nicht, ob ein starkes, festes, kampffähiges deutsches Volk ruhmvoll im Krieg und Frieden dastehe!” Sein Ziel war die „Einheit, und ist sie nicht möglich, ein Auskunftsmittel, ein Übergang”. In jenem Augenblicke, da der gesamte Länderbestand Europas im Wanken war, schien ihm selbst das Höchste erreichbar: eine große Monarchie von der Weichsel bis zur Maas und den Vogesen, ebenso Italien zu einer geschlossenen Masse verbunden — ganz Mitteleuropa in jenem Zustande „der Kraft und Widerstandsfähigkeit”, den er in seiner Lieblingszeit „unter den großen Kaisern” vom zehnten bis zum dreizehnten Jahrhundert zu finden glaubte. Sei dies nicht möglich, so solle man Deutschland nach dem Laufe des Mains zwischen Österreich und Preußen teilen, die Rheinbundsfürsten als „betitelte Sklaven und Untervögte” des Eroberers behandeln und auch die von Napoleon verjagten Fürsten nicht als Bundesgenossen gelten lassen. Könne man auch dies nicht erreichen, so bleibe als letzter Ausweg, daß man jedem der beiden „verfassungsmäßigen Königreiche” Österreich und Preußen einige Kleinstaaten als Vasallen unterordne, etwa Bayern, Württemberg, Baden mit geschmälertem Gebiete der südlichen, Hannover, Hessen, Oldenburg, Braunschweig der nördlichen Macht. Man wird in diesen Plänen den hochherzigen Patriotismus ebensowenig verkennen, wie die leidenschaftlich unklare Erregung der Zeit und den Stolz des Mediatisierten, der nicht begriff, warum „man mit diesen Zaunkönigen so viel Umstände mache”.

Als das Heer die deutsche Grenze überschritten hatte, nahm er die Leitung der ostpreußischen Angelegenheiten in die Hände, zog sich jedoch besonnen zurück, da er York und Schön und die Männer des preußischen Landtags voll Eifers für die große Sache, aber auch voll Sorge wegen der russischen Eroberungslust sah. Am 25. Februar 1813 erschien er mit Anstett in Breslau und beredete den zaudernden König, Scharnhorst in das russische Hauptquartier zu schicken — eine Sendung, welche den Abschluß des preußisch-russischen Bündnisses zur Folge hatte. Er folgte nunmehr dem Hauptquartiere der Monarchen, rastlos anspornend und ermutigend, ein Todfeind aller halben Maßregeln und „verderblichen Waffenstillstände”, der feste Bundesgenosse des Blücherschen Hauptquartieres. Zugleich leitete er den Verwaltungsrat, der die eroberten Länder, zunächst Sachsen, zu verwalten hatte, und seine kühne, schroffe Weise stieß hart zusammen mit der Unentschlossenheit „dieser weichen sächsischen Wortkrämerei”. Er betrieb eifrig den Abschluß der Allianz mit England. Nach dem Waffenstillstand trat der lähmende Einfluß Österreichs auf die große Allianz hervor. Die kühnen Gedanken jenes Petersburger Winters erwiesen sich als unausführbar. Steins Zweifel an der Lebenskraft Preußens waren längst verstummt angesichts der großen Erhebung, er fühlte sich unter dem begeisterten Volke Norddeutschlands „wie in einem unbekannten Lande”. Andererseits sah er mit Trauer, daß in dem Österreich Metternichs der Geist von 1809 gänzlich verschwunden war, daß die Bevölkerung der Kleinstaaten den Dynastien noch eine sehr starke Anhänglichkeit entgegenbrachte und England in den Reichenbacher Verträgen sich für Hannover bedeutende Gebietserweiterungen ausbedang. Sonach war selbst der bescheidenste jener drei Petersburger Pläne unmöglich, und Stein hielt jetzt die Herstellung der Kaiserwürde, des Reichstages und der Reichsgerichte für notwendig, damit eine monarchische Gewalt die kleinen Dynastien in Zucht halte und das halbdeutsche Österreich durch die Pflichten des Kaisertums an Deutschland gekettet werde. Vergeblich versuchte er, in Böhmen während des Stillstandes der Kriegsoperationen nach der Schlacht von Kulm, diesen Plan bei den Monarchen durchzusetzen. Metternich erklärte seine Absicht, die deutschen Staaten nur durch ein System von Verträgen zu verbinden, bald darauf schloß Österreich die Verträge von Ried und Fulda und erkannte die Souveränität der rheinbündischen Könige an. Seitdem war jede Aussicht auf eine gesicherte Verfassung Deutschlands versperrt, und wenn fortan die Ansichten Steins über die Zukunft des Vaterlandes in jähen Sprüngen wechselten, so war dies nur die Folge der Unmöglichkeit, auf Grund der gegebenen Sachlage einen dauernden Rechtszustand zu schaffen.

Nach der Schlacht von Leipzig ward sehr fühlbar, daß Stein, beschäftigt mit der Organisation Sachsens und der definitiven Einrichtung der Zentralverwaltung, dem Hauptquartier nicht gefolgt war. Erst nach seiner Rückkehr faßte man den Entschluß, den Krieg über den Rhein zu tragen. Stein entfaltete eine ungeheure Tätigkeit bei der Leitung des Lazarettwesens und der provisorischen Einrichtung der eroberten Länder. Die Zentralverwaltung war bedeutsam für die öffentliche Meinung, weil sie der Welt wieder das Schauspiel einer Behörde für gesamtdeutsche Angelegenheiten gab. Im Feldzuge von 1814 wiederholte sich das alte Spiel: Stein und die Helden des schlesischen Heeres drängten vorwärts, während das österreichische Hauptquartier zauderte. Der Aufenthalt in Paris erfüllte Stein mit tiefem Mißmut, man sah ihn stachliger und heftiger denn je. Sein Einfluß auf den Zaren begann zu sinken, umsonst forderte er bei den Friedensverhandlungen gesicherte Grenzen für Deutschland, umsonst verlangte er, daß Preußen die gute Stunde zur Befriedigung seiner gerechten Ansprüche benutze. Die Wiedereinsetzung der Bourbonen war ihm willkommen, als ein „Ruhepunkt” für die ermüdete Nation, obwohl er den Doktrinen der Legitimisten nicht huldigte.

Von dem Wiener Kongresse sah er früh voraus, daß „das Ganze auf eine flache und übertünchte Weise endigen werde”, er sah „die Zeit der Kleinheiten, der mittelmäßigen Menschen” gekommen. In den Händeln über die Territorialfragen ragte er hervor als Verteidiger der Einverleibung Sachsens, er warf Talleyrand und dessen Genossen die treffende Beschuldigung zu, daß sie es seien, welche die Zerteilung der Völker verlangten. Sein Vorschlag, das eroberte Land durch einen trefflichen Statthalter, den Prinzen Wilhelm, zu gewinnen, fand keine Erfüllung. Wie ihn einst Napoleons Bulletins als einen Demagogen geschildert hatten, so ward er jetzt in der Presse als ein Borussomane und ein Spießgeselle der brutalen Gewalt angefeindet. Er aber hielt noch im hohen Alter mit voller Überzeugung seine wohlbegründete Meinung fest. Dagegen erkannte er die Unmöglichkeit, ein unabhängiges konstitutionelles Polen mit Rußland auf die Dauer friedlich zu verbinden. Für die deutsche Verfassung hatte er während des französischen Feldzugs in Chaumont einen neuen Plan entworfen, wonach die beiden Großmächte mit Bayern und Hannover als Direktoren die exekutive Gewalt besitzen und den Bundestag leiten sollten. Im Sommer darauf schlug er wiederum ein Direktorium der vier mächtigsten Staaten und eine Kreisverfassung vor, welche so tief in die inneren Landesangelegenheiten eingreifen sollte, daß die Großmächte sich ihr nicht völlig unterwerfen konnten; daher verfiel er auf den Ausweg, daß Preußen nur mit den Ländern links der Elbe, Österreich gleichfalls nur mit seinen westlichsten Provinzen beitreten solle. Wenn Steins Meinungen über die Leitung Deutschlands nicht minder unsicher wechselten, wie die Ansichten der übrigen Zeitgenossen, so bieten seine Pläne doch sämtlich eine glänzende Seite, die den großen Staatsmann bekundet; sie enthalten alle sehr bestimmte Garantien für die Volksfreiheit: — Grundrechte für alle Deutschen und ausgedehnte, von Bundes wegen garantierte, durch ein Bundesgericht gesicherte Befugnisse für die Landstände. Desgleichen verlangte er in allen seinen Entwürfen unbedingte Einheit der Gesetzgebung für den Verkehr im weitesten Sinne. Er wünschte, daß die beiden Großmächte und Hannover die Vorberatung der deutschen Verfassung auf dem Kongresse allein in die Hand nähmen. Als statt dessen das Fünferkomitee gebildet ward und das Werk schon im Beginn an dem Widerstande Bayerns und Württembergs zu scheitern drohte, rief er den Zaren und den Verein der kleinen Fürsten zu Hilfe. Im Laufe des Winters kehrte er nochmals zu seinem Kaiserplane zurück. Als auch dieser verworfen ward, versuchte er nur noch, abermals umsonst, dem Artikel 13 der Bundesakte einen Inhalt zu geben, den Landständen der Einzelstaaten bestimmte Rechte von Bundes wegen zu gewährleisten. Das vollendete Werk erschien ihm gänzlich hoffnungslos. Er stand allein auf dem Kongresse, ohne Vollmacht, ohne Stimmrecht, und sein persönlicher Einfluß war im Sinken, je mehr die Erinnerung an die großen Tage des Krieges verblaßte.

Nach Napoleons Rückkehr brauste Steins alter Haß wieder auf, ein Haß, dessen Glut sich doch sehr wohl vertrug mit scharfsichtiger Würdigung des Feindes — wie denn Stein unter den ersten den Zug der Gemeinheit in dem Wesen des Imperators durchschaute. Stein zuerst ersann den Gedanken, Napoleon zu ächten. Bei den Verhandlungen über den Zweiten Pariser Frieden betrieb er rüstig die Rückführung der geraubten Kunstschätze, doch umsonst verlangte er, diesmal im Bunde mit den Staatsmännern Preußens und der kleinen deutschen Staaten, Elsaß und Lothringen für Deutschland zurück. Nachdem also fast alle Pläne, welche er an die Befreiung der Welt angeknüpft, gescheitert waren, zog er sich in das Privatleben zurück. Den Posten eines österreichischen und eines preußischen Bundestagsgesandten lehnte er ab, den einen, weil er sein Preußen nicht verlassen, den andern, weil er nicht unter Hardenberg dienen mochte und von der Frankfurter Versammlung kein Heil erwartete.

Er verlebte ein reiches Alter auf seinen Gütern Cappenberg und Nassau, in lebhaftem brieflichen und persönlichen Verkehr mit bedeutenden Männern. Die persönlichen Erfahrungen dieser letzten Jahre verstärkten noch seine Liebe zu Preußen, da er in Nassau den kleinen Krieg der Bureaukratie wider die Mediatisierten ertragen mußte, während er in Cappenberg als Landtagsmarschall der Provinz Westfalen eine hochangesehene Stellung einnahm. Der Tod seiner Gattin, die erst in späterer Zeit seinem Herzen nahegetreten war, gab seinem Geiste eine streng religiöse Richtung. Im Eifer seiner Rechtgläubigkeit wünschte er wohl, der Staat möge „ein Dutzend Rationalisten extra statum nocendi versetzen”. Sein Glaube war echt und ohne Prunk, und obwohl er, nach der Weise dieser romantischen Tage, dem Katholizismus nähertrat, so blieb er doch allen ultramontanen Bestrebungen feind: Stein wünschte, wie sein Freund Erzbischof Spiegel, nationale Selbständigkeit unserer katholischen Kirche.

Die neuen politischen Zustände boten ihm wenig Anlaß zur Freude. Er sah auf der einen Seite die Bureaukratie mit ihrer „Wut zu generalisieren” und überhäufte diese Klasse mit schweren Vorwürfen, deren Härte sein alter Freund Kunth dem Aristokraten oftmals verwies. Der Adel andererseits schien ihm „in Selbstsucht, Einseitigkeit, Leerheit, Unbeholfenheit, Egoismus versunken”. Stein suchte mit Montesquieu das Urbild freier Verfassung in England und „den deutschen Wäldern” und verwarf die durch neufranzösische Ideen befruchtete Richtung des süddeutschen Liberalismus als „seichten, rechtlosen Neologism”. Die neue demokratische Strömung schien ihm darauf hinauszulaufen, „das Ganze in ein Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen, phantastischen Gelehrten zu verwandeln”. Die rheinische Gesetzgebung bekämpfte er mit dem ganzen Hasse des Franzosenfeindes. Während er so alle vorherrschenden Richtungen im Staatsleben der Einzelstaaten bekämpfte, fand er die gesamtdeutsche Politik noch unglücklicher bestellt. Den Bundestag verachtete er als eine „vom Philistergeist durchdrungene politische Maschine”, und sein Zorn wallte auf, als die Mainzer Zentraluntersuchungskommission ihn selber als einen Haupturheber der demagogischen Umtriebe beschuldigte. Ebensowenig wollte er teilhaben an dem neuen Teutonentum „dieser unbärtigen fratzenhaften Studenten”. Die Opposition am Bundestage galt ihm als eine neue Form der alten Rheinbundsbestrebungen; er verdammte schonungslos jeden Bund im Bunde und das gesamte Treiben der „Afterbündler”.