2. Kapitel
WER WAR ES? – WAS WAR ES?
»Ich machte meine geplante Reise«, sagte Beverly eines Tages zu mir, »und kehrte weiser zurück, als ich ausgegangen war, aber der Erfüllung meiner hauptsächlichsten Hoffnung war ich nicht näher gekommen.« Ich hatte in der Stadt Boston eine medizinische Praxis auszuüben begonnen und bewohnte ein Bureau, das im Rufe stand, von den aufgestörten Geistern verschiedener Personen heimgesucht zu werden, die durch einen seltsamen Einfluß dorthin gezogen wurden. Ich lachte darüber und machte mich über die Behauptungen ganzer Scharen sogenannter Somnambuler lustig, die diese leichtbeschwingte Gesellschaft gesehen zu haben versicherten.
Da kam an einem stürmischen Tag bei stürmischem Schneetreiben eine Dame zu mir, um mich wegen einer skrophulösen Erkrankung ihres Kindes zu konsultieren. Damals genoß ich einen bedeutenden Ruf auf diesem Spezialgebiet, denn ich hatte wenige Monate vorher für diese Art von Leiden eine besondere Behandlungsweise eingeführt. Nachdem ich meiner ärztlichen Pflicht genügt, erhob ich mich und dachte, die Dame würde das Zimmer verlassen. Sie traf jedoch keine Anstalt, sich zu verabschieden, sondern wünschte mit mir über spiritistische oder ähnliche Themen zu debattieren, was ich aus angeborener Abneigung gegen Blaustrümpfe respektvollst ablehnte. Doch besaß sie alle Eigenschaften eines guten Klebepflasters, und ich konnte mich unmöglich von ihrer Gesellschaft befreien. Dabei erklärte sie, sie sehe beständig die Toten und unterhalte sich mit ihnen und wolle auch gerne Proben ihrer Befähigung in dieser Richtung liefern. Nach diesen Worten wurde sie sofort von einem äußerst heftigen Zittern befallen, das von krampfartigen Zuckungen und Konvulsionen begleitet war. Ich hatte so etwas geahnt und war daher über ihren Zustand nicht sehr bestürzt, ging aber doch in das Hinterzimmer, holte mir einen Stuhl und setzte mich nieder, um weitere Vorführungen abzuwarten. Diese ließen nicht lange auf sich warten, aber was da von einem Etwas, das meine Mutter zu sein behauptete, an Ratschlägen und Ermahnungen an mich gerichtet wurde, war nichts als Wortgeflunker und Gemeinplätze. Diese meine angebliche Mutter schien z. B. ihren Namen vergessen zu haben, ebenso wie meinen eigenen, und wann und wo sie aus dem Leben geschieden war. Ich war vollkommen sicher, daß es nicht meine Mutter sein könne, war aber anderseits ebenso überzeugt, daß Mrs. Graham nicht bewußt die Rolle einer Betrügerin spielte. Ich erklärte mir das Phänomen mit der Rosenkreuzerischen Theorie – die mir damals noch ganz neu war –, daß sie von einer anderen Individualität, die ihrer eigenen durchaus fremd war, besessen sei. Für mich war es sehr bald klar, daß sie wie tausend andere unter dem Einfluß und der Herrschaft eines Willens stand, der tausendfach stärker war als der irgendeines menschlichen Wesens, das je auf dieser Land- und Wasserkugel einen Körper bewohnte, eines höchst intelligenten, mächtigen, unsichtbaren und vollkommen gewissenlosen Wesens, das nichts Menschliches mehr an sich hatte.
Die Dame kam nach einigen Minuten wieder zu sich und ich setzte ihr freimütig meine Meinung auseinander. Sie war ihr neu und sie war sichtlich erstaunt. »Keine menschlichen Wesen, aber intelligent? Ein intelligentes Ding und arglistig? Es ist entsetzlich! Fürchterlich! Was ist denn dann dieses Ding? Ein Engel? Nein! Ein Teufel? Wenn ja, woher kommt es? Warum? Zu welchem Zweck?«
Wir plauderten mehr als drei Stunden lang. Die Stimmung meiner Besucherin wurde zuletzt wirklich erregt, denn ich holte noch einmal meine Rosenkreuzerlehre hervor. Schließlich sagte sie: »Gibt es wirklich im Universum intelligente, aber unsichtbare Wesen, anders geartet wie die Menschen – das ist die Frage?«
»Natürlich gibt es solche Wesen! Myriaden!« rief eine klare, männliche Stimme in den Raum hinein. Die Dame konnte es nicht sein, die etwa so auf ihre eigene Frage geantwortet hätte und ich war es erst recht nicht. Nach sekundenlangem Zögern wandte ich mich dem Sprecher zu, der mir als ein magerer, seltsam blickender, runzliger, alter Mann in der Erinnerung haftet, mit merkwürdigen kleinen, scharfen, grauen Augen. Er sah halberfroren aus und benahm sich auch so, denn er begann gemächlich seine Hände über meinem Laboratoriumsofen zwischen der Tür und der Wand zu wärmen. Die Dame schien von der unerklärlichen Gegenwart dieses eigentümlichen Eindringlings nicht überraschter zu sein als ich.
»Ich bin nicht ganz sicher,« erwiderte ich auf die Worte des Alten, »ob es wirklich solche Wesen gibt.«
»Dann sind Sie ein größerer Narr als ich je einen gesehen habe. Guten Abend!«
Und er bewegte sich langsam gegen die Tür zu, an der mein Stuhl stand.
»Gehen Sie noch nicht, ich wünsche noch Aufklärung von Ihnen«, sagte die Dame. »Meinen Sie nicht auch?« wandte sie sich dann an mich, während sich auf ihrem Gesicht, besonders in ihren Augen, ein auffallender Ernst ausdrückte. »Ich glaube, er sollte seine Behauptung beweisen und uns nicht in diesem Zustand der Ungewißheit lassen. Das ist grausam!« Und wie sie so sprach, traf ihr Auge das meine und blieb daran haften, wie wenn die sich treffenden Blicke aneinander gefesselt wären.
Es muß einen magischen Einfluß in der Seele geben, der nur bei sehr seltenen Anlässen in Wirksamkeit tritt; warum hätte sonst ihr Auge meinen Blick für zehn Minuten so gebannt, daß ich mich nicht bewegen konnte? Endlich war dieser faszinierende Zauber vorüber, ich wandte meine Augen ab und antwortete:
»Gewiß; er sollte es uns erklären; und natürlich werden Sie«, so suchte ich den Mann zu überreden, »es gerne erklären …« Aber: Es war niemand mehr da! Keine Spur, daß er jemals dagewesen war. Er war fort – vollständig verschwunden – nicht durch das Fenster, denn von dort waren siebzig Fuß bis zur Straße – außerdem war es vor etwa vier Monaten unten zugenagelt worden – auch nicht durch die Tür, denn mein Stuhl und mein Rücken versperrten sie!
Mein Besuch fiel in Ohnmacht und stürzte vornüber zu Boden.
Ich wohnte damals in Charlestown und an jenem Abend erreichte ich mein Heim ziemlich früh. Nicht, daß ich Furcht empfunden hätte, o nein, aber weil mir meine Wohnung gemütlicher erschien als das Bureau; denn das Wetter war bitter kalt und windig. Immer fort traf den fröstelnden Wanderer, der seinen Weg dahintrabte, der Wind gerade ins Gesicht, gleichgültig, welche Richtung er gerade einschlug, denn ein Bostoner Schneesturm bläst immer von allen Seiten zugleich.
Es war ein schweres Stück Arbeit, des Abends die vier Meilen zu meiner Wohnung zu gehen, denn jeder Schritt mußte erst mühsam erkämpft werden.
Endlich erreichte ich mein Heim und setzte mich fröhlich zu einem üppigen Abendessen, bestehend aus Tee und geröstetem Brot, in meinem engen kleinen Wohnzimmer nieder.
Wie es draußen stürmte! Und wie warm und behaglich es in dem kleinen Hafen war, in dem ich eben Anker geworfen hatte!
Ich genoß gerade die zweite Tasse Tee und die zweite Brotschnitte zusammen mit meiner Zeitung, als plötzlich ein lautes, zweimaliges Klopfen an der Türe ertönte, ähnlich dem der englischen Briefträger, wenn sie Eile haben. Der Diener öffnete und mochte wohl denken, es sei jemand plötzlich krank geworden und ich solle ärztlichen Beistand leisten. Aber wie groß war mein Erstaunen als kein anderer als der kleine alte Mann von vorhin so gemütlich und nonchalant hereinspazierte, wie wenn er hier zu Hause wäre. Ich war wie vom Blitz getroffen. Er ging auf das Feuer zu und rief dabei aus:
»Welch einen Schrecken habe ich Ihnen und Ihrem Gaste heute nachmittag verursacht! Haha! Das war doch großartig, nicht?«
Ich antwortete ziemlich kurz und bündig: »Sehr!« – nichts weiter, denn ich fand keinen Geschmack an seinem Scherz. Überhaupt gefiel mir der ganze Mensch nicht. Nicht daß er mir verabscheuenswert oder verächtlich erschienen wäre, sondern einfach aus dem Grunde, weil ein gewisses Etwas an ihm war, vor dem mir graute.
Es ist allgemein bekannt, daß es eine der Hauptlehren der Rosenkreuzer ist, das leibliche Leben könne auf zwei verschiedene Arten durch Menschenalter hindurch verlängert werden, einmal mit Hilfe des Lebenselixiers und dann durch den bloßen Willen. Im ersten Falle ist das Alter von Schönheit und Jugendkraft begleitet, im zweiten aber ist es ein Jahrhunderte währendes Greisentum.
Jetzt, in dieser stürmischen Nacht, fiel mir ein, als ich das verwitterte Wrack da vor mir ansah, dieser Mann könne einer jener Unglücklichen sein, die durch die zweite Methode eine unendliche Zahl von Jahren erlangt und infolgedessen alles Jugendfeuer, alles Gefühl, alle Liebe und alles Gewissen verloren haben. Ich schauderte bei dem Gedanken, daß dieses Schicksal vielleicht auch mir bevorstehen könne. Er bemerkte die Bewegung und ein Lächeln voll unaussprechlichen Hohns kräuselte dabei seine Lippen. Ich dachte schnell an etwas anderes.
Es ist Tatsache, daß nahendes Unheil seinen Schatten vorauswirft und von feinnervigen Menschen wahrgenommen werden kann. Und ein solches Vorgefühl, ein solcher Schrecken schien mich jetzt zu umschweben, schien in meiner Nähe irgendwo in einem Winkel zu kauern, um auf mich zuzukriechen und meine Seele zu packen, während der seltsame kleine Mann an meiner Seite stand. Es war ein aus Furcht und Schuldbewußtsein gemischtes Gefühl und doch hatte ich keine Schuld auf mich geladen.
Nachdem ich das Wort »sehr« ausgesprochen hatte, schwieg ich in dem Bestreben, den Schrecken, der mich befallen, zurückzudrängen, und versuchte, so unwillig wie möglich dareinzublicken, was der andere aber sogleich bemerkte, denn er trat näher, klopfte mir vertraulich auf den Rücken, goß sich eine Tasse Tee ein, trank sie aus und aß ein Brötchen dazu – womit übrigens das Problem, ob er ein Geist sei oder nicht, für mich gelöst war. Dann ließ er sich gemächlich in meinem Sorgenstuhl nieder, rieb seine kleine aufgebogene Nase mit seinen dünnen, bläulich-blassen Fingern und indem er sich plötzlich mit einem Ruck verbeugte, so daß er mir gerade ins Gesicht sah, lachte er herzlich und heulte dann mehr als er sang in den höchsten Fisteltönen, deren seine Stimme fähig war:
Komm, wir wollen lustig leben,
Und wir werden Dinge kennen, Dinge, nie gekannt zuvor!
Ich komme weit vom fernen Westen
Den Mann zu sehen, den ich am meisten liebe.
Glaub nicht, ich sei nur Laster und Verderben –
Ich will den Mittelpunkt der Schwere suchen –
Du aber wirst den Stein der Weisen finden.«
Und dann brach er wieder in ein so wildes und exaltiertes Gelächter aus, wie es kaum je ein Mensch gehört hat.
Ich kannte die paar Verse nicht, die er soeben gekrächzt, noch weniger wußte ich von dem Sänger und nicht im entferntesten dachte ich, daß diese Zeilen für mich die wichtigsten waren, die ich je vernommen hatte. Ganz allmählich und unmerklich begannen meine Vorurteile zu schwinden; ich plauderte mit ihm über verschiedene Gegenstände, und zwar fast vier Stunden lang. Wenn mich mein Gedächtnis nicht täuscht, war es beinahe elf Uhr, als er aufstand, mir herzlich die Hand schüttelte und sagte, er werde jetzt gehen, wobei er aber versprach, wieder zu kommen, »wenn er mir zu dienen wünsche«; dann öffnete er die Tür und ging in einen der fürchterlichsten Stürme hinaus, die je die Küste der Bostonbay heimgesucht hatten. Es war seltsam: im tiefsten Winter war dieser Mann in einen ganz dünnen Anzug gekleidet, der nicht einmal für den Juni der nördlichen Gegenden ausgereicht hätte, geschweige denn für das schreckliche Wetter in der Nacht jenes 4. Februar, bei einer Kälte von 20 Grad unter Null.
»Allem Anschein nach ist er ein Mensch und der Mesmerismus gibt uns einen Schlüssel zur Lösung des scheinbaren Rätsels«, dachte ich; und mit dieser tröstlichen Überzeugung ging ich zu Bett und überlegte mir alles noch einmal, was er gesagt und getan hatte. Obwohl über seine eigene Person nur wenig gesprochen worden war, hatte ich doch soviel erfahren, daß er von Geburt ein Armenier namens Miakus war, was im Altchaldäischen »Priester des Feuers« bedeutet. Er sagte mir dies, als er sich niederbeugte, um die süße kleine Cora, mein Töchterchen, zu küssen, und als er dabei erwähnte, daß er Kinder sehr gern habe. Nachdem das Kind zu Bett gegangen war, hatte Miakus ein kleines, flaches, viereckiges Kästchen aus der Brusttasche gezogen, das offenbar aus Rosen- oder Olivenholz bestand und ungefähr sieben Zoll in der Länge und zweieinhalb in der Breite maß. Es war verschlossen und der silberne Schlüssel hing mittels einer goldenen Spange an einer gewöhnlichen stählernen Uhrkette um seinen Hals. Er stellte das Kästchen auf den Schreibtisch, wo es ungestört stehen blieb. Mir wurde später klar, daß der Grund seines Kommens irgendwie mit diesem Kästchen und mit mir in Zusammenhang stehen müsse. Ebenso klar war mir, daß sein Gesichtsausdruck zur Hälfte verstellt war und daß unter seiner oberflächlichen Nonchalance und Derbheit eine große Sorge ihn beherrschte; denn gelegentlich klang aus seiner Rede ein melancholischer Ton, der kundigen Ohren, wenn nicht von einem gebrochenen Herzen, so doch von einem tief gekränkten und beraubten erzählte. Dieser Umstand berührte mich tief, denn mein ganzes Leben lang war ich betrübt mit den Betrübten, und froh mit den Frohen. Nach einer kleinen Weile sagte er dann, eine seiner Absichten gehe dahin, mich in gewisse Geheimnisse der weißen Magie einzuführen, mich zu lehren, wie ein magischer Spiegel zu verfertigen sei, mittels dessen fast jeder Mensch durch unermeßliche Räume zu blicken und die Toten zu sehen und mit ihnen zu sprechen vermöge. »Es gibt nichts Wertvolles außer der Magie! Sie sind ein Narr gewesen, wenn Sie danach gestrebt haben, weise zu sein, und Sie glauben zu wissen, was Sie sich bisher nur eingebildet haben.«
Er stand auf, nahm das Kästchen, stellte es auf den Tisch zwischen uns und fuhr dann fort: »Es ist eine merkwürdige Fügung des Schicksals, daß der Besitzer eines magischen Spiegels in ihm alle Schicksale erblicken kann, nur das seinige nicht; wenn er es wissen will, muß er andere Seher befragen. Nun gibt es gewisse Wesen, deren Zukunft in diesem Spiegel nur von ganz bestimmten, besonders gearteten Menschen geschaut werden kann. Sie scheinen mir einer von diesen letzteren zu sein, und ich bin eine der ersteren; ein solches Zusammentreffen wie das von uns beiden findet nur am Anfang und am Ende großer Zeitepochen statt. Wir leben jetzt in einem solchen Zeitpunkt. Ich will Ihnen den Spiegel schenken, ich will Sie auch die Kunst lehren, solche Spiegel zu verfertigen.«
Zwei Stunden vorher hatte ich, als ich ihn essen und trinken sah, meine Geisterhypothese über den seltsamen Alten schleunigst aufgegeben. Jetzt aber, als er so merkwürdig daherredete und so großsprecherisch ankündigte, er werde das Tor alles Wissens öffnen, veränderte das Geheimnisvolle, das ihn umgab, seinen Charakter und hüllte ihn in zehnfaches Düster. Es lag etwas Unirdisches in seiner Stimme und in seiner ganzen Art und Weise; z. B. einmal, als er seinen Stuhl herumdrehte, kam sein rechter Oberschenkel unmittelbar in Berührung mit dem bis zur Rotglut erhitzten Ofen; ich beobachtete, daß der Stuhl von der Wärme angegriffen wurde und der Rauch seines Firnisses allmählich den Raum erfüllte. Und doch war der Mann nicht verbrannt, sondern stand kühl auf und öffnete die Tür, um den Rauch abziehen zu lassen; dann ließ er sich wieder auf seinen Sitz nieder, wie wenn nichts geschehen wäre. Zwei- oder dreimal des Abends fühlte ich, daß ein kalter Hauch von ihm ausging und ich sah auch deutlich sein Gerippe sich unter seiner dünnen, pergamentartigen Haut abzeichnen, wie wenn eine durchsichtige Decke leicht über ihn geworfen wäre, um die nackte Formlosigkeit eines Grabentstiegenen zu verbergen.