3. Kapitel
DAS GEHEIMNIS – EIN HERR STEIGT IN
EINE DROSCHKE, UM SEINEN EIGENEN
GEIST ZU SUCHEN
Es mochten wohl drei Minuten verflossen sein, als ich wieder völlig zu mir kam. Ich faßte den Entschluß, mich nicht in dieser, wenn auch ritterlichen Weise äffen zu lassen, sondern noch eine Zusammenkunft zu erzwingen, komme was da wolle. Mit dieser Absicht rannte ich den Hang des Hügels entlang und dann durch die Hauptstraße von Belleville, bis ich den Schlagbaum an der Straße erreichte, die in die Rue Faubourg du Temple führt. Dort rief ich eine Droschke an und befahl dem Kutscher, mich so schnell wie möglich nach der Rue Michel de Compte zu fahren, wo ich vor wenigen Stunden mit Ravalette gespeist hatte.
Während ich mit dem Kutscher sprach, ereignete sich etwas Seltsames. An jenem Schlagbaum stand eine Schar von Müßiggängern herum und in ihrer Mitte bemerkte ich eine Bonne, die drei hübsche Kinder beaufsichtigte, von denen eines, ein Knabe von sieben Jahren, ein ungewöhnliches Interesse für mich an den Tag legte. Dieses Kind nun lief, als es mich sah, zu der Bonne und sagte: »Fanchette, was hat der Mann da? Ist er krank? Warum schaut er so seltsam drein?«
»Still, Kind,« sagte die Bonne darauf, »dieser Herr sucht etwas, was er nicht finden kann.«
»Was sucht er denn, Fanchette?«
»Er sucht seinen eigenen Geist, mein Kind!« erwiderte sie laut, da sich die Kinder um sie drängten, um ihre Antwort zu hören.
»Ma foi!« echoten die Gaffer, als sie ihre Worte vernahmen – ob sie im Ernst oder im Scherz gesprochen waren, kann ich nicht sagen –, »ma foi! der Herr nimmt eine Droschke, um auf die Suche nach seinem eigenen Geist zu gehen!«
Gerade als diese Worte von hundert Zungen wiederholt wurden, setzte sich mein Wagen in Bewegung.
»Was zum Teufel bedeutet das?« fragte ich mich, »was bedeutet das? Wie kommt die Bonne zu diesem seltsamen Gedanken?« Während ich noch darüber nachgrübelte, hielt die Droschke vor dem verlangten Hause. Ich stieg sogleich aus, bezahlte den Kutscher und läutete hastig. Der Concierge erschien alsbald und um so schneller, als ich etwas ungestüm geläutet hatte.
»Ist Ihr Herr zu Hause, mein Freund?«
»Gewiß, er ist heute noch nicht fort gewesen.«
»Wie! Nicht fortgewesen, wo er mich doch erst vor dreißig Minuten verlassen hat? Unmöglich! Monsieur Ravalette muß fortgewesen sein!«
»Wer ist Monsieur Ravalette? Ich kenne niemand dieses Namens. Mein Herr ist Monsieur Jacques d'Emprat.«
Hier war ein neues Geheimnis.
»Melden Sie mich, bitte, Ihrem Herrn!«
»Sofort, mein Herr. Jeanette, geh hinauf und sage dem gnädigen Herrn, daß ihn jemand zu sprechen wünscht.«
Jeanette, ein kleines Mädchen von zwölf Jahren, eilte, den Befehl auszuführen, nach wenigen Minuten erschien der Herr des Hauses selbst, und ich stellte mit Überraschung fest, daß der schürzengeschmückte Kellermeister, der uns bei unserem Diner bedient hatte, und der Hausherr ein und dieselbe Person waren. Ich erfuhr, daß Ravalette, der dem Wirt im übrigen vollkommen unbekannt war, vor zwei Tagen zu ihm gekommen sei, um ein opulentes Diner für zwei Personen zu bestellen – der Hausbesitzer war nämlich von Beruf Gastwirt. Ravalette hatte die Rechnung im voraus beglichen und ihm eine seltsam gearbeitete kleine Silbermünze als Andenken verehrt. Er zeigte mir die Medaille und ich sah mit Erstaunen, daß es eine getreue, etwas vergrößerte Kopie derjenigen war, die ich am selben Tage in Belleville an seinem Halstuch bemerkt hatte. Auf die Frage, wann er Ravalette zuletzt gesehen habe, antwortete er: »Ich weiß nicht, wo er ist, auch nicht, wann ich ihn wiedersehen werde – ich weiß überhaupt gar nichts. Er ist mit Ihnen fortgegangen und seitdem nicht zurückgekehrt. Er ist ein rätselhafter Mensch und hätte ich nicht diese Medaille hier und 310 Goldfranken in der Tasche, so wäre ich fast geneigt zu glauben, daß er der Teufel in eigener Person war. Aber der Teufel zahlt niemals mit Gold, wie die sagen, die es wissen müssen, und Ravalette hat mich unzweifelhaft in funkelnagelneuer Münze bezahlt, die ich, weil sie so schön aussah, in meine lange Lederbörse einband, um sie meiner Tochter, die auf der Schule in Dijon ist, zum Geburtstag zu schenken. Sehen Sie her!«
Dabei zog er eine abscheuliche Lederbörse hervor, die an einem Ende mit Bindfaden sorgfältig verschnürt und mit rotem Siegellack versiegelt war.
»Ich kann Ihnen das Geld nicht zeigen, weil ich das Siegel nicht verletzen möchte, aber Hören ist ja ebenso gut wie Sehen und Sie sollen es gleich klirren hören.«
Dabei schlug er mit der Börse ein paarmal an die Wand, aber statt des fröhlichen Goldgeklimpers vernahmen wir nur den dumpfen Klang unedlen Metalls. Der Wirt wechselte die Farbe, zog hastig sein Messer, durchschnitt die Schnur und schüttete den Inhalt des Beutels in seine hohle Hand.
Wir waren starr: statt des Goldes hielt er einen Haufen bleierner Scheiben in der Hand! Auf jedem stand eine Nummer und ein Buchstabe und eines trug auf der Rückseite die Inschrift: »Ordnet die Münzen nach der Reihenfolge der Nummern.« Wir taten es und sahen nun, daß die Buchstaben Wörter und diese einen Satz bildeten, der lautete: »Es ist nicht alles Gold, was glänzt.«
Mir gerann das Blut in den Adern. Ich konnte kaum ein Wort sprechen oder mich bewegen, so groß war meine Bestürzung; unbeschreiblich war das Entsetzen des Hausherrn, der mit offenem Munde und mit herausquellenden Augen auf die Münzen starrte. Und während wir beide noch hinsahen, ging mit den Münzen eine neue Schrecken erregende Veränderung vor: die Buchstaben nahmen zunächst eine hellblaue Färbung an, die dann in ein dunkles Karmesin und schließlich in Blutrot überging. Gleichzeitig aber hatten sich auch die Buchstaben selbst verwandelt und wir lasen jetzt:
»Denken Sie an Ravalette! Fürchten Sie nichts!«
Mit einem Entsetzensschrei schleuderte der Wirt die verhexten Münzen auf den Boden und fiel sogleich in eine todesähnliche Ohnmacht. Allgemeine Verwirrung entstand, der Portier, Jeanette und ein halbes Dutzend anderer Dienstboten stürzten herbei, um ihrem Herrn zu helfen.
Wir trugen ihn sorgsam und vorsichtig hinauf, begannen sofort Wiederbelebungsversuche anzustellen, und nach einer halben Stunde erwachte er wieder zum Leben. Diesen Moment benützte ich, um ihm Lebewohl zu sagen und mit dem Versprechen, am andern Morgen wieder zu kommen – wenn ich nicht überhaupt Paris verließe –, ging ich fort.
Vorher jedoch wollte ich noch die wunderbaren Münzen an mich nehmen und ich ging daher mit dem Hausmeister, der gesehen hatte, wie sein Herr sie weggeworfen, in den Hof hinunter. Wir suchten lange und fanden wohl die Eindrücke, die sie auf dem Boden zurückgelassen hatten, aber von den Münzen selbst keine Spur. Niemand im Hause konnte sie aufgehoben haben, denn alle waren um den Wirt beschäftigt gewesen; niemand hatte in der Zwischenzeit hereinkommen können, denn das Tor war verriegelt und seit ich eingetreten, nicht mehr geöffnet worden.
Schließlich gaben wir die Hoffnung auf, noch etwas zu finden. Ich sah den Portier an und schüttelte den Kopf, und er sah mich an und schüttelte den Kopf. In diesem Augenblick hörten wir eine Stimme, weiß Gott woher (sie schien weder von oben, noch von unten zu kommen), eine hohle, halb pathetische und halb sarkastische Stimme, die unsere eigenen Gedanken aussprach: »Es ist eine sehr seltsame Sache!« Der erschrockene Hausmeister bekreuzte sich, während ich das Tor entriegelte und auf die Straße hinausstürzte.
Die Sache war von so zauberhafter Art, daß ich meinen Sinnen nicht mehr traute, aber wenn ich mir alle Umstände von Anfang bis zum Ende überlegte, konnte ich an der Wahrheit des Erlebten schlechterdings nicht zweifeln.
Doch während ich, die Rue Michel de Compte verlassend, in die Rue du Temple einbog und langsam dahinschritt, kam mir plötzlich ein anderer Gedanke: Vielleicht hatten Ravalette und die Leute in jenem Hause mir nur eine ganz raffiniert angelegte und sehr geschickt durchgeführte Komödie vorgespielt? Aber wie ließen sich dann die kaleidoskopischen Veränderungen der Münzen erklären? Hier lag doch noch ein Widerspruch.
»Ich hab's!« rief ich schließlich. »Das Problem ist gelöst und ich habe es gefunden!« Ganz spontan war mir eine Lösung eingefallen, die vielleicht sogar das Münzenrätsel befriedigend erklärte, und was mir vor zehn Minuten noch als ein tiefes und schreckliches Mysterium erschienen, lag jetzt anscheinend so klar wie die Mittagssonne. Meine Gedankengänge waren diese: Ravalette war ein reicher, exzentrischer Kavalier, der meine natürliche Neigung für die Antike und das Okkulte bemerkt und daraufhin beschlossen hatte, sich und seine Freunde auf meine Kosten zu amüsieren; oder aber er bemitleidete mich wegen meiner gefährlichen Verblendung und hatte dieses ziemlich kostspielige Experiment angestellt, um mich dadurch von ihr zu befreien. Die Leute im Hause, ebenso wie die am Schlagbaum, bildeten die Statisten in dem Schauspiel. Er war ein gescheiter Mann und wußte, daß er mich nicht so einfach würde hinters Licht führen können, und darum rief er die Wunder der Chemie und Bauchrednerei zu Hilfe – mit dieser letzteren erklärte ich mir nämlich jene überirdische Stimme, mit der ersteren die Verwandlung der Münzen: sie waren wohl mit einer Substanz überzogen gewesen, die sich bei der Berührung mit der freien Luft veränderte. Das Erscheinen der letzten Worte war für den Wirt das Zeichen sie wegzuwerfen und eine Ohnmacht zu heucheln. Die entstandene Verwirrung konnte dann dazu benutzt werden, die Münzen zu beseitigen. Der Satz endlich: »Es ist eine sehr seltsame Geschichte« war unter diesen Umständen ganz natürlich und mußte so notwendigerweise genau meinen Gedanken wiedergeben und der ganzen Szene noch einen besonders geheimnisvollen Reiz verleihen.
Ich war stolz auf meine Erklärung und sie hätte alle Fragen dieses Problems wunderbar gelöst, wenn nicht ein einziger kleiner Einwand gewesen wäre, und der war – daß sie eben nicht stimmte – was vielleicht recht trivial erscheint, aber wir werden gleich genaueres vernehmen.
Ich war von meinen Schlußfolgerungen schon halb zufriedengestellt und nachdem der erste Freudenausbruch über meine Entdeckung vorüber war, überlegte ich weiter. Mochte meine Lösung richtig oder falsch sein, auf jeden Fall wollte ich nach Belleville zurückkehren und dort Nachforschungen anstellen. Ein Omnibus brachte mich an den Schlagbaum, wo ich zu meiner großen Freude genau dieselben Leute fand, die beim ersten Male dort gewesen waren. Die Bonne und die Kinder sahen soeben den Vorführungen eines Marionettentheaters zu. Glücklicherweise waren alle – im ganzen etwa dreihundert Personen – von den Späßen Polichinells und seines keifenden Weibes so gefangen, daß keiner mich bemerkte. Ich ging daher in ein Café in der Nähe, verlangte eine Tasse Kaffee und schickte einen der Kellner fort, um das Mädchen mit den drei Kindern zu holen. Ich bestellte für sie und die Kinder Kaffee und Kuchen und fragte sie, was sie zu so merkwürdigen Redensarten über mich veranlaßt habe.
»Ach mein Herr,« sagte sie, »ich habe nur die Worte wiederholt, die ein alter Mann gesprochen hatte, der an der entgegengesetzten Seite des Wagens stand, wo Sie ihn nicht sehen konnten. Ich ging gerade von dort nach der anderen Seite herüber, als Sie mich sahen und hörten. Als Sie die Straße herunterliefen, sah jeder, daß Sie in Eile waren, und mehrere Leute stellten Vermutungen über den Grund Ihrer Hast an. Einer sagte: ›Der Mann ist verrückt‹, ein anderer: ›Seine Frau ist mit einem Liebhaber durchgegangen‹; und der Alte neben mir sagte: ›Er sucht etwas, was er sobald nicht finden wird.‹ ›Und was ist das, mein Herr?‹ fragte ich ihn. ›Er ist auf der Suche nach – ähem, er sucht – seinen eigenen Geist, meine Liebe!‹ sagte er und ging fort. Die Bemerkung war so seltsam, daß ich die ganze Zeit, während ich über die Straße ging, daran dachte – und das ist für uns Kindermädchen eine sehr lange Zeit, mein lieber Herr – und als Auburt – das war eines der Kinder – mich fragte, was Ihnen fehle, wiederholte ich unwillkürlich die Worte des Alten – so und – noch eine Tasse Kaffee, bitte – und das war alles!«
Ich atmete auf. »Aber sagen Sie mir, meine Liebe, was für eine Art Mensch war dieser alte Kerl? Beschreiben Sie ihn mir einmal!« »Mit Vergnügen – Kellner: noch einen Kuchen, der Herr wird ihn bezahlen – mit Vergnügen«, und sie beschrieb ihn mir; es war zweifellos – Ravalette. Ich wußte jetzt genug, gab es auf, noch weitere Fragen zu stellen, zahlte und eilte so schnell wie möglich nach den Blumengärten, die Ravalette und ich zusammen besucht hatten. Ich betrat den betreffenden Garten und fragte den Gärtner, ob er den alten Mann gesehen habe, der in meiner Begleitung erst vor kurzem hier gewesen sei.
»Ein alter Mann? Sonderbar, wie können Sie so etwas sagen. Ich erinnere mich ganz deutlich, Sie waren da in Begleitung eines etwa 17 jährigen Knaben – den hab ich seither nicht mehr gesehen.«
»Oho, mein Freund,« rief ich, »ich weiß genau, daß mein Gefährte kein Jüngling, sondern ein Mann von gut 70 Jahren war.«
»Sacre bleu! Glauben Sie, daß ich lüge! Sagen Sie was Sie wollen, aber ich will verflucht sein, wenn er sein zweites Jahrzehnt schon überschritten hatte. Doch ich will Ihnen einen Vorschlag machen: Ich wette eine Flasche Chateau Lafitte, 42 Jahre alt, daß Ihr Begleiter ein kleiner, magerer, blasser Knabe von nicht mehr als fünfzehn Jahren war! Halten Sie die Wette?«
»Ja, und noch vierzig andere von der gleichen Art. Aber wer wird unser Schiedsrichter sein und die Wette entscheiden?«
»Lassen Sie die Zeugen, meine Gehilfen, meine Frau und meine Töchter entscheiden. Ich stehe Ihnen gut dafür, daß sie wegen einer Flasche Wein nicht lügen werden. Sind Sie einverstanden?«
»Ja, rufen Sie sie her, ich will ihnen vertrauen.«
»Das können Sie auch, es sind lauter anständige Leute. Meine Frau hat Sie eingelassen, ich habe Ihnen einen Strauß verkauft, einer meiner Leute ging mit Ihnen durch den Garten und der andere holte das Wechselgeld, um Ihnen auf das Fünf-Francs-Stück heraus zu geben, mit dem Sie mich bezahlt haben.« Hier erhob er seine Stimme und rief: »Kommt alle her! Ich habe mit dem Herrn gewettet und ihr sollt die Wette entscheiden.«
Die drei kamen sofort und der Gärtner sagte zu mir: »Jetzt, Herr, wollen wir beide an das andere Ende des Gartens gehen und dort will ich Ihnen den Mann genau beschreiben, der heute nachmittag mit Ihnen hier war. Dann wollen wir die Zeugen einzeln rufen, so daß keiner hört, was der andere sagt, und genau das berichtet, was er selbst gesehen zu haben glaubt.«
Dieser Vorschlag war durchaus unparteiisch und ich stimmte zu. Die beiden Männer wurden dann an zwei entgegengesetzte Seiten des Gartens geschickt, die Frau mußte sich zwischen ihnen an der dritten Seite aufstellen, während wir beide uns nach der vierten und freien Seite begaben. Hier begann der Gärtner zu sprechen:
»Ihr Freund sah genau so aus wie ich ihn beschrieben habe, und ich füge hinzu, daß er polnische Lederschuhe trug und einen Panama- oder Livornohut auf dem Kopf. Außerdem trug er einen leichten Rohrstock, helle Baumwollhosen, einen weiten Überrock und eine weiße Kaschmirweste. Merken Sie sich das, bitte. Und nun komm her, Josef«, rief er etwas lauter. Josef kam. »Sei so gut und beschreibe die Person, die heute mit diesem Herrn hier war.«
»Mit Vergnügen, Meister. Der Neger, der mit diesem Herrn kam, war sehr fett und schwer, hatte große, auswärts gebogene Füße, ungeheure Hände, ein breites flaches Gesicht, eine Nase, die wohl ein Pfund schwer war, und Lippen von mindestens dem doppelten Gewicht. Sein Haar war wollig und die Zähne glänzend weiß und regelmäßig. Er trug niedrige Schuhe, eine grüne Mütze, Kniehosen, eine rote Weste und eine purpurfarbene Jacke.«
Wir beide, der Gärtner und ich, sahen uns mit grenzenloser Verblüffung an. Josef war es gewesen, der uns im Garten herumgeführt hatte. Wir waren die einzigen Besucher an dem Tage gewesen!
»Zum Teufel, Josef, du bist wohl verrückt! Der Mann war doch –«
»Halt ein,« unterbrach ich ihn, »denken Sie an die Bedingungen unserer Wette und sprechen Sie kein Wort, bis sie alle ihre Aussagen gemacht haben.« Dann wandte ich mich an den Burschen: »Geh wieder in deine Ecke«, und rief sodann Peter, der sogleich kam. Wir forderten ihn auf, eine genaue Beschreibung meines Begleiters zu geben und er sagte:
»Ach, Sie meinen die alte Dame. Meiner Seel'! Ich muß jetzt noch darüber lachen – verzeihen Sie, aber ich kann mir nicht helfen – ich muß lachen, wenn ich bloß an sie denke. Was das für eine verrückte alte Schachtel war! Dieses zusammengequetschte Gesicht, und die Nase erst und das Kinn! Sie hatte eine täuschende Ähnlichkeit mit einem Nußknacker. Ich hielt sie für die Großmutter Methusalems, oder für eine Schwester von Adams erster Frau.« Dabei brach er in ein herzliches Lachen aus und fuhr dann fort: »Und ihre Kleidung! Keine Spur von Tuch daran, alles aus grünem und blauem Maroquinleder! Und dann ihre zierlichen Schuhe, wie aus Schmetterlingsflügeln gemacht sahen sie aus; und ihr Kopfputz – verwelkte Blumen und zwei Büschel von verschossenen Bändern!« Und bei diesen Worten kehrte er wieder an seinen Platz zurück und lachte, als wollte er zerspringen.
Der Gärtner sah noch um einige Grade verblüffter drein; was für ein Gesicht ich machte, kann ich nicht sagen, aber was ich fühlte, kann kein Sterblicher beschreiben. Wir schwiegen jedoch beide und gingen zu der Frau des Gärtners, die geduldig gewartet hatte und sich wunderte, warum Peter so laut lachte.
»Meine liebe Frau,« sagte ihr Gatte, »willst du uns vielleicht die Person beschreiben, die du selbst heute mit diesem Herrn hier eingelassen hast? Ich glaube fast, daß der Teufel selbst hier die Hand im Spiele hat, denn bis jetzt hat jeder eine andere Beschreibung gegeben. Du aber, meine Liebe, du wirst uns sicher die Person richtig beschreiben können, nicht wahr?«
»Ja, mein Lieber, das süße Kind, das heute mit diesem Herrn hierher kam und das mit mir in mein Privatgemach ging, damit ich ihr Haar in Ordnung bringen und an ihren Unterröcken etwas richten sollte, war eine so schöne, junge Blondine von etwa 18 Jahren, wie sie nur je das Herz eines Mannes stärker schlagen ließ. Diese Fesseln, diese Füßchen, dieser rosige Hauch auf ihren Lippen und Wangen! Oh! Und die Figur, die Hüften, die Taille! Herrgott! Ein Glück nur, daß ich kein Mann bin, sonst wäre ich meiner Treu verrückt geworden und durchgegangen und hätte den Herrn seinen Verlust betrauern lassen, während ich mit seiner Braut die Freuden der Liebe genossen hätte. Außerdem –«
»Halt, halt, um Gottes willen, halt, Ninette! Ich habe eine Flasche Jean Lafitte – über 40 Jahre alt! – verloren und meinen Verstand dazu!«
Wir waren bei den letzten Worten alle zusammengetreten und ich erklärte den anderen die ganze Sache, was dem Peter die Heiterkeit und der Gärtnerin alle Poesie gründlich vertrieb.
Ich hatte Wette und Wein vergessen, verließ die Gesellschaft in unbeschreiblichem Schrecken und eilte in größter Hast nach der Guinguette, wo wir uns beide, Ravalette und ich, wie ich erzählt habe, mit dem Besitzer über sein neuartiges Unternehmen unterhalten hatten.
Als ich angekommen war, stellte ich ihm die nämliche Frage wie dem Gärtner. Seine Antwort machte mich sprachlos, denn er behauptete hartnäckig, ich sei ganz allein bei ihm gewesen; allerdings hätte ich mit ihm in zwei ganz verschiedenen Stimmen gesprochen und er habe daher geglaubt, ich übte mich in der Bauchrednerei, was er dann geschickt dazu benützt habe, mir einige Schmeicheleien über meine Fähigkeiten auf diesem Gebiet zu sagen; denn er hätte natürlich geglaubt, ich sei nur deswegen zurückgekehrt, um mich nach dem Erfolg meines Experiments zu erkundigen.
Ich war zu entsetzt, als daß ich ein Wort hätte sprechen können, verabschiedete mich stammelnd und ging in einer unbeschreiblichen Stimmung fort.
Noch nicht zufrieden damit, erkundigte ich mich, ob jemand zwei Reiter nach meiner besonderen Beschreibung durch die Straßen von Belleville habe reiten sehen.
Niemand hatte sie bemerkt, überhaupt war an jenem Nachmittag dort kein Reiter gesehen worden.
»Ich will seine Spur verfolgen,« rief ich, »denn der Ort, an dem wir spazieren gingen, und wo der Groom mit den Pferden wartete, war ein weicher Rasen. Da muß es sich ja zeigen, ob ich mit einem Lebenden oder einem Toten gesprochen habe.«
Ich rannte hin. Keine Spur von einem Pferdehuf! Keine Spur von Ravalettes seltsamen Schuhen! Meine eigenen Fußstapfen waren deutlich zu sehen, aber von denen Ravalettes – nichts. Das Geheimnis wurde immer dunkler, und ich sah auch nicht den geringsten Schimmer einer Erklärung.
Langsam und in Verzweiflung wandte ich meine Schritte wieder nach Paris und fragte dabei unterwegs noch verschiedene Leute, ob sie zwei Männer in der Richtung nach Charonne Vilette oder Mesnilmontant hätten reiten oder einen Schlagbaum passieren sehen. Ich hätte gar nicht erst zu fragen brauchen!
Aber noch war dieses Kapitel teuflischer Zauberei nicht abgeschlossen; denn die nunmehr folgenden Ereignisse stellten alles Vorhergehende weit in den Schatten.