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Die Abenteuer Tom Sawyers

Chapter 39: Schluß.
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About This Book

A mischievous schoolboy's youthful exploits ripple through a small riverside town as he leads games, escapes chores, and stages adventures with local friends. Playful episodes alternate with suspense when he and an outcast companion witness a violent crime and must confront fear, secrecy, and eventual testimony. Treasure hunts, a tense courtroom, and near-deadly confrontations push him toward bravery and conscience. The narrative balances lively humor and realistic childhood detail with pointed observations of social manners, moral growth, and friendship, concluding with the boy's maturation through courage, remorse, and reward.

Zweiunddreißigstes Kapitel.

Kehren wir jetzt wieder zu Toms und Beckys Anteil am Picknick zurück. Mit der übrigen Gesellschaft trieben sie sich durch die finsteren Gänge, die bekannten Wunder der Höhle betrachtend — mit hochtrabenden Bezeichnungen wie „Gesellschaftszimmer“, „Kathedrale“, „Aladins Palast“ usw. ausgestattete Wunder. Als dann das lustige Fangen und Verstecken begann, beteiligten sich Tom und Becky eifrig daran, bis auch das allmählich langweilig wurde. Darauf spazierten sie eine gewundene Felsgasse hinunter, indem sie mit hochgehaltenen Kerzen die halb von Spinnweben verdeckten Namen, Daten, Postorte und Mottos lasen, mit denen die Wände verziert waren.

Als sie so allein und plaudernd weitertrieben, merkten sie schließlich, daß sie sich bereits in einem Teil der Höhle befanden, der keine solchen Inschriften aufwies. Sie kritzelten ihre eigenen Namen mit Kerzenrauch unter einen Felsvorsprung und gingen weiter. Plötzlich kamen sie an eine Stelle, wo eine Quelle, über Geröll herunterrieselnd und Kalkstückchen mit sich treibend, durch endlose Jahrhunderte einen kleinen Niagara über in ewige Finsternis gehüllte unveränderbare Felsen bildete. Tom zwängte seinen kleinen Körper darunter, um den Wasserfall zu illuminieren. Er fand, daß er eine Art natürliche steinerne Treppe in die Tiefe verbarg, welche zwischen schmalen Wänden eingeklemmt war. Die Begierde, den Entdecker zu spielen, ergriff ihn sofort. Becky stimmte ihm bei, und sie machten zur Sicherheit wieder ein Rauchzeichen und machten sich auf die Suche. Sie verfolgten diesen Weg, brachten tief in den tiefsten Abgründen der Höhle noch mehrere solche Zeichen an und trieben sich dann kreuz und quer herum, um Dinge zu entdecken, mit denen sie die Oberwelt verblüffen könnten. Irgendwo fanden sie eine große Höhle, von deren Wölbung eine große Menge schimmernder Tropfsteine, von der Länge und dem Umfange eines Mannes herunterhingen. Staunend und sich verwundernd gingen sie hindurch und plötzlich mündete die Höhle in einen engen Gang, und dieser brachte sie zu einem bezaubernd schönen Springbrunnen, dessen Becken mit einer Eisschicht glänzenden Kristalls bedeckt war. Er befand sich in der Mitte eines hallenartigen Raumes, dessen Wände getragen wurden von einer Reihe phantastisch geformter, aus Tropfstein gebildeter Säulen, das Resultat durch Jahrtausende ruhelos fallender Wassertropfen. Unter der Wölbung hatten sich riesige Ballen von Fledermäusen gebildet, viele tausend aneinander hängend; die Lichter schreckten die Tiere auf, und sie kamen hundertweise herunter, quiekend und wahnsinnig auf die Flammen der Kerzen losstürzend. Tom kannte ihre Art und die Gefahr, die hier entstand. Er griff Becky bei der Hand und zog sie in den ersten sich auftuenden Gang; und nicht zu früh, denn eine Fledermaus löschte mit ihrem Flügel Beckys Licht aus, während sie aus der Höhle rannten. Die Tiere verfolgten die Kinder noch eine gute Strecke, aber die Flüchtlinge stürzten sich in jeden neuen Gang und entgingen so schließlich der gefährlichen Situation. Tom entdeckte einen unterirdischen See, dessen düsteres Wasser weit entfernt sich im Schatten des Unbekannten verlor. Tom wollte seine Ufer umwandern, meinte aber, es möchte besser sein, sich vorher zu setzen und eine Weile zu ruhen. Jetzt, zum erstenmal legte sich die tiefe Stille der Umgebung gleich einer feuchten Hand auf die Gemüter der Kinder.

Becky sagte: „Weißt du, drauf geachtet hab‘ ich ja nicht, aber es scheint mir so lange her, seit ich die andern gehört hab‘.“

„Na, Becky, denk‘ doch nur, wir sind doch tief unter ihnen, und ich weiß nicht, wie weit nördlich oder südlich oder westlich oder was sonst. Können sie hier unmöglich hören.“

Becky wurde ängstlich. „Möcht‘ doch wissen, wie lang‘ wir schon hier unten sind, Tom. Laß uns lieber umkehren.“

„Ja, denk auch, ‘s ist besser. Vielleicht ist‘s besser.“

„Kannst du den Weg finden, Tom? Für mich ist‘s ein reiner Irrgarten.“

„Denk wohl, ich könnt ‘n finden. Aber dann die Fledermäuse, wenn die uns die Kerzen ausmachen, ist‘s ‘ne schreckliche Sache. Laß uns ‘nen anderen Weg versuchen, wo wir nicht durch müssen.“

„Ja, aber ich hoff‘, wir werden uns nicht verlaufen. ‘s wär doch zu gräßlich.“

Und das Kind schüttelte sich schaudernd beim bloßen Gedanken an die furchtbare Möglichkeit.

Sie verfolgten einen Gang lange Zeit schweigend, nach jeder neuen Öffnung schauend, ob sich dort nicht eins ihrer Merkmale sehen lasse; aber nichts war zu sehen. So oft Tom seine Untersuchung anstellte, durchforschte Becky sein Gesicht nach einem ermutigenden Zeichen, und er sagte zuversichtlich: „O, ‘s ist schon recht! Der da ist‘s noch nicht, aber wir werden schon zum rechten kommen!“ Aber bei jedem mißlungenen Nachforschen fühlte er weniger und weniger Zuversicht, und schließlich begann er auf gut Glück in jeden sich öffnenden Gang einzulenken, in der verzweifelten Hoffnung, zu finden, was so bitter not tat. Er sagte immer noch: „‘s wäre recht,“ aber auf seinem Herzen lastete solch lähmende Angst, daß die Worte ihren Klang verloren hatten und klangen, als habe er gesagt: „Alles ist verloren.“ Becky, halbtot vor Furcht, schmiegte sich an ihn und versuchte, krampfhaft die Tränen zurückzuhalten, aber sie kamen doch. Schließlich sagte sie: „O, Tom, was tun die Fledermäuse. Laß uns denselben Weg zurückgehen! Wir kommen ja weiter und immer weiter ab.“

Tom blieb stehen „Horch,“ sagte er.

Tiefe Stille; so tiefe Stille, daß sogar ihr Atem hörbar wurde. Tom schrie. Der Schall dröhnte durch die hohlen Gänge und erzeugte hundertfaches Echo, um in der Ferne in einem schwachen Ton zu ersterben, der wie höhnisches Lachen klang.

„O, tu‘s nicht wieder, Tom! ‘s ist zu gräßlich,“ flehte Becky.

„‘s ist gräßlich, aber ‘s muß sein, Becky. Sie könnten uns doch hören, weißt du.“

Und er schrie abermals. Dieses „könnte“ war ebenso schrecklich wie das höhnische Lachen, es sprach so völlige Hoffnungslosigkeit daraus. Die Kinder verharrten in Schweigen und lauschten. Aber nichts war zu hören. Plötzlich wandte Tom sich auf demselben Weg zurück und beeilte seine Schritte. Es dauerte gar nicht lange, da enthüllte eine gewisse Unsicherheit in seinen Bewegungen Becky eine neue schreckliche Tatsache: er konnte den Weg nicht wiederfinden!

„Ach, Tom, du hast keine Zeichen mehr gemacht!“

„Becky, was war ich für ‘n Esel! Was für ‘n Esel! Dachte gar nicht dran, daß wir wieder zurück müßten. Und jetzt kann ich den Weg nicht mehr finden; ‘s geht ja so durch‘nander!“

„Tom, Tom, wir sind verloren! wir sind verloren! Nie, nie wieder kommen wir aus dieser gräßlichen Höhle heraus! Ach, warum sind wir nicht bei den anderen geblieben!“

Sie sank nieder und brach in so herzzerreißendes Weinen aus, daß Tom von dem Gedanken gepackt wurde, sie möchte sterben oder den Verstand verlieren. Er setzte sich zu ihr und legte seinen Arm um sie, sie verbarg ihr Gesicht an seiner Brust, sie weinte sich aus, klagte sich an, zerfloß in nutzloser Reue; und das ferne Echo gab alles als höhnisches Gelächter zurück. Tom bat sie, wieder Mut zu fassen, und sie sagte, sie könne es nicht. Er begann, sich selbst bitter anzuklagen, da er sie in diese fürchterliche Lage gebracht habe. Dies wirkte. Sie sagte, sie wolle wieder Hoffnung zu fassen versuchen, sie wolle sich aufraffen und ihm folgen, wohin er sie auch führen würde, wenn er nur so etwas nicht wieder reden wolle; denn er sei nicht schlimmer als sie selbst.

So setzten sie sich also wieder in Bewegung — ziellos, lediglich dem Zufall sich überlassend. Alles, was sie tun konnten, war ja, vorwärts zu gehen. Während kurzer Zeit belebte sie schwache Hoffnung, nicht auf Grund irgendwelcher Überlegung, sondern lediglich, weil es in der Natur liegt, zuversichtlich zu sein, so lange Alter und die Gewohnheit des Mißlingens ihr noch nicht die Schwingen gebrochen haben. Plötzlich nahm Tom Beckys Kerze und blies sie aus. Diese Sparsamkeit sprach schrecklich deutlich. Worte waren nicht nötig. Becky verstand, und ihre Hoffnung starb wieder. Sie wußte, Tom hatte eine ganze Kerze und drei oder vier Stückchen in der Tasche — und doch mußte er sparen!

Dann begann sich Müdigkeit geltend zu machen. Die Kinder versuchten, ihr nicht nachzugeben, denn der Gedanke, sich zu setzen und dadurch eine Menge kostbarer Zeit zu verlieren, stachelte sie wieder auf; sich bald in dieser, bald in jener Richtung fortzubewegen, war doch immerhin Fortschritt und konnte irgend welchen Erfolg haben; aber sich setzen, hieß den Tod herbeirufen und beschleunigen.

Schließlich versagten Beckys zarte Glieder den Dienst, sie setzte sich. Tom blieb bei ihr, und sie sprachen von zu Hause, ihren Freunden, ihren bequemen Betten, und vor allem — dem Tageslicht! Becky weinte, und Tom zermarterte sich das Hirn, um etwas zu ihrer Aufheiterung zu finden, aber all seine ermunternden Worte waren längst verbrauchte Argumente und klangen wie Hohn. Schließlich drückte die Erschöpfung so schwer auf Becky, daß sie in Schlaf verfiel. Tom war glücklich. Er saß da, starrte in ihr bekümmertes Gesichtchen und sah es sich immer mehr aufhellen unter dem Einfluß angenehmer Träume; schließlich breitete sich ein Lächeln darüber aus. Auch auf ihn schien aus diesen friedvollen Gesichtszügen etwas wie Frieden und Vergessenheit überzugehen, seine Gedanken verloren sich in vergangenen Tagen und zauberten schöne Erinnerungen hervor. Während er tief darin versunken war, wachte Becky mit einem reizenden, kleinen Lachen auf — aber es erstarb ihr auf den Lippen, und ein Stöhnen folgte ihm.

„O, wie konnte ich schlafen! Ich wollt‘, ich wär‘ nie, nie wieder aufgewacht! Nein, nein, Tom, ‘s ist ja nicht wahr, Tom! Schau nicht so! Ich will‘s ja nicht wiedersagen!“

„Becky, ich war so froh, daß du schliefst; jetzt bist du wieder stark, und wir werden den Weg heraus schon finden!“

„Wollen‘s versuchen, Tom! Aber ich hab‘ im Traum so ‘n schönes Land gesehen. Ich glaub‘ dahin gehen wir beide jetzt.“

„Nein, nein! Sei lieb, Becky, und laß uns gehen und ‘s versuchen.“

Sie standen auf und gingen weiter, Hand in Hand und hoffnungslos. Sie versuchten, sich vorzustellen, wie lange sie schon in der Höhle seien, aber alles, was sie wußten, war, daß es Tage und Wochen schienen, und doch war‘s nicht möglich, da ihre Kerzen ja immer noch brannten.

Eine lange Zeit war vergangen — sie hätten nicht sagen können, eine wie lange — als Tom vorschlug, leise zu gehen und zu horchen, ob sie nicht irgendwo Wasser tropfen hörten, sie müßten eine Quelle finden. Bald fanden sie wirklich eine, und Tom meinte, es sei wieder an der Zeit, auszuruhen. Beide waren schrecklich müde, doch Becky erklärte, noch weiter gehen zu können. Sie wunderte sich, daß Tom widersprach. Sie verstand das nicht. Sie setzten sich und Tom befestigte seine Kerze an der Wand vor ihnen. Wieder wurde ihnen schwer zumute. Lange herrschte tiefes Schweigen. Da wimmerte Becky: „Tom, ich bin so hungrig!“

Tom zog etwas aus der Tasche. „Kennst du das?“ fragte er.

Becky lächelte beinahe. „‘s ist unser Hochzeitskuchen, Tom!“

„Ja — wollt‘, ‘s wär‘ so groß wie ‘n Balken, denn ‘s ist alles, was wir haben.“

„Ich hab‘s vom Picknick aufbewahrt, Tom, um davon zu träumen, wie ‘s die erwachsenen Leute mit dem Hochzeitskuchen machen — aber nun wird‘s unser —“

Sie ließ den Satz unvollendet. Tom teilte den Kuchen und Becky aß mit Appetit, während er nur daran herumknapperte. Es gab eine Menge kaltes Wasser — zum Beschluß der Mahlzeit. Bald schlug Becky vor, weiter zu gehen. Tom schwieg einen Augenblick, dann sagte er:

„Becky, kannst du‘s ertragen, wenn ich dir was sage —?“

Becky wurde totenblaß, aber sie sagte, sie dächte.

„Na also, Becky, wir müssen hier bleiben, wo‘s Trinkwasser gibt. Dies kleine Stückchen da ist unser letztes Licht!“

Nun brach Becky doch in Tränen aus und wimmerte leise. Tom tat, was er konnte, sie zu beruhigen, aber mit schwachem Erfolg. Schließlich hauchte Becky: „Tom!“

„Na, Becky?“

„Sie müssen uns doch vermissen und nach uns suchen!“

„Gewiß, müssen sie! Selbstverständlich müssen sie!“

„Suchen sie uns wohl jetzt schon, Tom?“

„Na, ich denk‘ doch, sie tun‘s! — Hoff‘ wenigstens, sie tun‘s.“

„Wann mögen Sie uns vermißt haben, Tom?“

„Denk‘ doch — wie sie zum Dampfboot zurückgingen.“

„Tom, ‘s mußte doch dunkel sein — konnten sie‘s merken, daß wir nicht kamen?“

„Glaub‘ kaum. Aber dann mußte deine Mutter es merken, wie die andern nach Haus kamen.“

Ein erschreckter Blick aus Beckys Augen brachte Tom zur Besinnung, und ihm fiel ein, daß er sich da einem traurigen Irrtum hingegeben hatte. Becky sollte zur Nacht ja gar nicht heimkommen! Die Kinder wurden still und nachdenklich. Dann belehrte ein neuer Anfall von Verzweiflung bei Becky Tom, daß sie denselben Gedanken hatte wie er — daß der Sonntagmorgen zur Hälfte vergehen konnte, bevor Frau Thatcher erfuhr, daß Becky nicht bei Harpers gewesen sei. Die Kinder hefteten die Augen auf das Kerzenrestchen und beobachteten, wie es erbarmungslos kleiner und immer kleiner wurde; sahen, wie schließlich nur noch ein halber Zoll Docht übrig war; sahen die Flamme flackern, auf und nieder, eine kleine Rauchsäule von dem Docht aufsteigen, und dann — dann herrschte der Schrecken vollkommener Finsternis.

Wie lange danach Becky allmählich zu dem Bewußtsein gelangte, daß sie weinend in Toms Armen lag, wußten beide nicht. Alles, was sie wußten, war, daß nach anscheinend sehr langer Zeit beide aus totenähnlichem Schlaf erwachten und sich ihres Elends wieder bewußt wurden. Tom meinte, es könne Sonntag sein, vielleicht auch Montag. Er versuchte, Becky zum Sprechen zu bringen, aber ihr Kummer war zu niederdrückend, sie hatte alle Hoffnung verloren. Tom tröstete sie mit der Bemerkung, sie müßten schon lange vermißt sein, und es sei kein Zweifel, daß die Suche schon begonnen habe. Er wollte schreien, vielleicht würde doch jemand kommen. Er versuchte es — aber in der Dunkelheit tönte das ferne Echo so gräßlich, daß er‘s nicht zum zweitenmal tun mochte.

Die Stunden flossen dahin, wieder stellte sich quälender Hunger ein. Ein Stück von Toms Kuchenhälfte war noch da; sie teilten und aßen sie. Aber sie schienen nur hungriger zu werden. Die armseligen Krümel erweckten nur das Verlangen nach mehr.

Plötzlich sagte Tom: „Pscht! Hörst du nichts?“

Beide hielten den Atem an und horchten. Es wurde etwas wie ein ganz entfernter Ruf hörbar. Sofort antwortete Tom, und, Becky an der Hand führend, lief er in der entsprechenden Richtung den Gang entlang. Dann horchte er wieder; wieder war der Ton hörbar, und, wie es schien, noch näher.

„Sie sind‘s!“ jubelte Tom. „Sie kommen! Komm mit! Becky — jetzt ist alles gut!“

Die Freude der Gefangenen war nahezu überwältigend. Das Vorwärtskommen war indessen schwer, weil es hier zahlreiche Spalten gab, man mußte daher äußerst vorsichtig sein. Bald kamen sie an eine und mußten halten. Sie konnte drei Fuß tief sein, aber auch hundert — es war kein Hinüberkommen. Tom legte sich platt nieder und reichte so tief es ihm möglich war. Kein Boden. Sie mußten bleiben und warten, bis die Retter kommen würden. Sie horchten; augenscheinlich klangen die Rufe immer entfernter. Ein bis zwei Minuten, dann waren sie ganz verklungen! Herzbrechende Verzweiflung! Tom brüllte, bis er heiser war, aber vergebens. Er sprach Becky hoffnungsvoll zu, aber eine Ewigkeit angstvollen Wartens verging, kein Ruf ertönte.

Die Kinder tasteten zur Quelle zurück. Endlos schleppte sich die Zeit hin. Sie schliefen wieder und erwachten hungrig und trostlos. Tom glaubte, es müsse jetzt schon Dienstag sein.

Jetzt kam ihm ein neuer Gedanke. Es gab dicht dabei ein paar Seitengänge. Es würde besser sein, einige von ihnen zu untersuchen, als die Last der Verzweiflung in Untätigkeit zu tragen. Er nahm eine Drachenleine aus der Tasche, befestigte sie an einer Felskante und er und Becky gingen, Tom voran, indem sich die Leine allmählich abwickelte, vorwärts. Nach zwanzig Schritt endete der Gang in einen abfallenden Platz. Tom warf sich auf die Knie, tastete herum und suchte mit der Hand um die Ecke des Felsens herumzukommen; er machte eine heftige Anstrengung, möglichst weit zu reichen, und sah, nicht zwanzig Meter entfernt, eine menschliche Hand, ein Licht haltend, um eine Ecke erscheinen! Tom stieß ein Triumphgeschrei aus, und plötzlich folgte der Hand der dazu gehörige Körper — der des Indianer-Joe! Tom erstarrte; er konnte kein Glied rühren. Dabei war er höchst überrascht, den „Spanier“ sich Hals über Kopf davonmachen zu sehen. Er wunderte sich, daß Joe seine Stimme nicht erkannt und ihm nicht für seine Aussage vor Gericht den Hals abgeschnitten habe. Das Echo mußte also wohl seine Stimme unkenntlich gemacht haben. Zweifellos war es so, dachte er. Der Schreck hatte jeden Muskel in ihm erschlafft. Er beschloß, wenn er noch Kraft genug habe, zur Quelle zurückzukehren, dort bleiben zu wollen, und nichts solle ihn wieder veranlassen können, sich der Gefahr eines Zusammentreffens mit dem Indianer-Joe auszusetzen. Er war besorgt, Becky von dem, was er gesehen habe, nichts merken zu lassen. Er sagte, er habe nur auf gut Glück nochmals gerufen.

Aber Hunger und Trostlosigkeit wurden immer schlimmer. Nochmals eine Zeit tödlichen Einerleis an der Quelle und nochmals ein langer Schlaf brachten ihn zu einem anderen Entschluß. Sie erwachten, von rasendem Hunger gequält. Tom glaubte, es müsse Mittwoch oder Donnerstag, vielleicht gar Freitag oder Samstag sein, und daß die Suche längst aufgegeben sei. Er schlug vor, einen anderen Gang zu untersuchen. Er war jetzt bereit, es mit Joe und allen Schrecken aufzunehmen. Aber Becky war sehr schwach. Sie war in tiefe Empfindungslosigkeit versunken und wollte nicht gestört sein. Sie erklärte, wo sie jetzt sei, warten zu wollen — und zu sterben; es werde ja nicht mehr lange dauern. Tom solle nur mit der Drachenleine weiter suchen; aber sie beschwor ihn, zuweilen wiederzukommen und mit ihr zu sprechen; und wenn die schreckliche Stunde gekommen sei, solle er bei ihr sein und ihre Hand halten — bis alles vorüber sein würde. Tom küßte sie mit erstickendem Gefühl in der Kehle und zeigte dabei nach Kräften Zuversicht, die Suchenden zu finden oder aber einen Ausweg aus der Höhle. Dann nahm er die Drachenleine und machte sich, auf Händen und Füßen kriechend, davon, von Hunger gequält und elend vor trüben Ahnungen des Kommenden.

Dreiunddreißigstes Kapitel.

Dienstag-Nachmittag kam und wurde von der Dämmerung abgelöst. Das Dorf St. Petersburg lag wie im Totenschlaf. Die verlorenen Kinder waren nicht gefunden worden. Öffentliche Gebete waren für sie abgehalten worden; wieviel ungehörte Gebete mochten außerdem zum Himmel gestiegen sein! Aber noch immer kam keine hoffnungsvollere Nachricht aus der Höhle. Die meisten Suchenden hatten ihre Bemühungen aufgegeben und waren zu ihren täglichen Beschäftigungen zurückgekehrt, da nach ihrer Meinung die Kinder endgültig aufgegeben werden müßten. Frau Thatcher war sehr krank und lag meistens im Delirium. Man sagte, es sei herzbrechend, ihr Rufen nach ihrem Kinde zu hören, sie den Kopf heben und minutenlang horchen und sie dann unter Stöhnen sich mutlos wieder in die Kissen werfen zu sehen. Tante Polly war in vollkommene Schwermut versunken, ihr graues Haar war fast weiß geworden. Traurig und mutlos beschloß das Dorf den Dienstag-Abend.

Ungefähr um Mitternacht ertönte wildes Glockengeläut, im Augenblick waren die Straßen erfüllt von halbbekleideten, verschlafenen Menschen, die schrien: „Heraus, heraus — sie sind gefunden! Sie sind gefunden!“ Blechpfannen und Hörner vermehrten noch den Spektakel, das Volk bildete große Trupps, die dem Fluß zuliefen, um die Kinder in Empfang zu nehmen, welche in offenem Wagen, umgeben von schreienden Bürgern, herangezogen kamen; Hurra über Hurra brüllend, wälzte sich der Zug durch die Straßen.

Das Dorf wurde illuminiert, niemand ging wieder zu Bett, es war die größte Nacht, die das kleine Nest je erlebt hatte. Während der ersten halben Stunde zog eine wahre Prozession von Bürgern nach Richter Thatchers Haus, riß die Geretteten an sich, um sie zu küssen, drückte Frau Thatchers Hand, suchte vergebens nach Worten, und strömte wieder hinaus, alles mit Tränen überschwemmend.

Tante Pollys Seligkeit war vollkommen und Frau Thatchers beinahe. Vollkommen konnte sie erst sein, wenn ein Bote mit der Glücksnachricht bei ihrem noch immer in der Höhle herumirrenden Mann angelangt sein würde.

Tom lag auf dem Sofa, von begierigen Zuhörern umgeben und erzählte die Geschichte seiner großartigen Abenteuer, hie und da kleine Ausschmückungen anbringend; er schloß mit der Beschreibung, wie er Becky verließ, um einen neuen Streifzug zu machen; wie er zwei Gänge, so weit seine Leine reichte, verfolgte; wie er auch eine dritte untersuchte und eben im Begriff war, umzukehren, als er in weiter Ferne einen schwachen Lichtschimmer entdeckte, der wie Tageslicht erschien; wie er die Leine fortwarf und darauf zukroch, Kopf und Schultern durch eine enge Öffnung preßte und die Ufer des Mississippi vor sich sah. Und wäre es zufällig Nacht gewesen, hätte er den Lichtschimmer nicht gesehen und wäre umgekehrt, ohne den Gang weiter zu untersuchen! Er erzählte, wie er zu Becky zurückkehrte, ihr die Nachricht brachte, und sie ihn bat, sie nicht durch solchen Unsinn aufzuregen, denn sie sei müde, im Begriff zu sterben und wolle sterben; welche Mühe er sich gab, sie zu überzeugen, und wie es ihm endlich gelang, und wie sie dann fast starb vor Freude, als sie hingekrochen und den Tagesschein selbst gesehen habe; wie er zuerst durch das Loch gekrochen sei und dann auch ihr hindurchgeholfen habe; wie sie dasaßen und vor Entzücken weinten; wie ein paar Leute in einem Boot vorbeikamen, er sie anrief und ihnen ihre Lage und ihren verhungerten Zustand schilderte; wie die Leute die ganze Erzählung erst nicht glaubten, „denn,“ sagten sie, „ihr seid fünf Meilen stromabwärts vom Eingang der Höhle,“ sie dann zu sich nahmen, sie in ihr Haus brachten, sie essen und dann bis zwei oder drei Stunden nach Dunkelwerden ruhen ließen und sie dann schließlich hierher geleiteten.

Drei Tage und Nächte Aufregung und Hunger in der Höhle ließen sich nicht auf einmal abschütteln, wie Tom und Becky bald bemerkten. Mittwoch und Donnerstag mußten sie das Bett hüten und schienen dabei immer schwächer und schwächer zu werden. Donnerstag konnte Tom ein bißchen herumkriechen; am Freitag war er wieder auf den Beinen und am Samstag fast wie sonst. Becky aber konnte ihr Zimmer erst am Sonntag verlassen, und dann sah sie noch aus, als habe sie eben eine schwere Krankheit durchgemacht.

Tom hörte von Hucks Krankheit und ging am Freitag hin, um ihn zu sehen, wurde aber nicht zugelassen; ebensowenig Samstags und Sonntags. Danach durfte er täglich den Kranken besuchen, doch war ihm verboten, von seinen Abenteuern zu erzählen, um keine Aufregung bei dem Freund hervorzurufen. Die Witwe Douglas saß dabei und paßte auf, daß er gehorchte. Zu Hause erfuhr Tom das Cardiff Hill-Abenteuer; auch daß der Körper des einen Strolches, des „Fremden“, im Fluß nahe der Landungsstelle des Dampfbootes gefunden worden sei. Wahrscheinlich war er auf der Flucht angeschossen worden.

Ungefähr vierzehn Tage nach seiner Wiederherstellung ging Tom zu Huck, der inzwischen wieder so weit bei Kräften war, um aufregende Neuigkeiten vertragen zu können; und Tom wußte einige, die, dachte er, ihn wohl interessieren könnten. Richter Thatchers Haus lag an Toms Weg, und er ging hinein, nach Becky zu sehen. Der Richter und ein paar Freunde zogen Tom ins Gespräch, und jemand fragte ihn ironisch, ob er wohl Lust habe, nochmals in die Höhle zu gehen. Tom sagte, ja, er glaube wohl, daß er möchte.

Der Richter lachte: „‘s gibt wohl noch mehrere außer dir, Tom, daran zweifle ich nicht im geringsten. Aber dafür ist gesorgt. Niemand soll nochmals in der Höhle verloren gehen.“

„Wieso?“

„Weil ich schon vor zwei Wochen die Eichentür mit eisernen Bändern und ‘nem dreifachen Schloß habe versichern lassen; und die Schlüssel habe ich selbst in Verwahrung.“

Tom wurde weiß wie die Wand.

„Was ist‘s mit dem Jungen? Ho — lauf mal jemand nach ‘nem Glas Wasser!“

Das Wasser wurde gebracht und Tom ins Gesicht gespritzt.

„Aha — ‘s hilft schon! Na, was war denn Tom?“

„Gott, Herr Richter — in der Höhle drinnen war der Indianer-Joe!“

Vierunddreißigstes Kapitel.

Wenige Minuten genügten, um die Neuigkeit bekannt zu machen, und ein Dutzend Bootsladungen Männer war unterwegs nach der Douglas-Höhle, denen bald das vollgestopfte Dampfboot folgte. Tom Sawyer befand sich im gleichen Boot mit dem Richter Thatcher. Als die Tür zur Höhle geöffnet wurde, bot sich in der ungewissen Dämmerung des Ortes ein trauriger Anblick. Der Indianer-Joe lag auf der Erde ausgestreckt, tot, das Gesicht fest an eine Lücke in der Tür gepresst, als wenn seine Augen bis zum letzten Augenblick an den Anblick der hellen, freien Welt dort draußen geheftet gewesen wären. Tom fühlte sich gerührt, denn aus eigener Erfahrung wußte er, was der Schuft gelitten haben mußte. Sein Mitleid war erregt, aber trotzdem empfand er ein überwältigendes Gefühl der Freiheit und Sicherheit, das ihm deutlich zeigte, was er bisher nur dunkel in sich getragen hatte; wie groß seine Furcht vor einem gewaltsamen Tode bei ihm gewesen sei, seit er vor Gericht gegen den Blutmenschen Zeugnis abgelegt hatte.

Joes Messer lag dicht bei ihm, die Klinge war abgebrochen; mit grenzenloser Ausdauer hatte er den eichenen, starken Grundbalken der Tür durchschnitten. Freilich war es vergebliche Ausdauer gewesen, denn der Felsen bildete eine natürliche Schwelle, und an der Härte dieses Hindernisses mußte sein Messer machtlos abgleiten; eine Wirkung zeigte sich auch nur an diesem selbst. Aber auch ohne diesen Steinwall würde alle Mühe umsonst gewesen sein, denn hätte der Indianer auch den Balken ganz entfernen können, so konnte er sich doch unmöglich durch diesen engen Spalt durchzwängen — und er wußte das. So hatte er denn die Arbeit nur verrichtet um etwas zu tun, um die fürchterliche Zeit totzuschlagen, um seinen Geist abzulenken. Gewöhnlich konnte man ein halbes Dutzend Kerzenreste in den Nischen des Eingangs finden, die von Besuchern dort zurückgelassen waren. Jetzt war nicht eine einzige da. Der Gefangene hatte sie zusammengesucht und sie gegessen. Auch hatte er ein paar Fledermäuse gefangen und sie verzehrt, nichts als die Flügel übrig lassend. Der arme, unglückliche Mensch war Hungers gestorben. In der Nähe hatte sich durch undenkliche Zeiten ein Tropfsteingebilde vom Boden herausgebildet — infolge beständigen Wassertropfens von der Decke. Er hatte die Spitze dieser Säule abgebrochen und einen etwas ausgehöhlten Stein darauf gelegt, worin er die von zwanzig zu zwanzig Minuten regelmäßig wie durch ein Uhrwerk herunterfallenden Tropfen auffing — einen Teelöffel voll in vierundzwanzig Stunden! Dieser Tropfen fiel schon, als die Pyramiden neu waren, als Troja sank, als Rom gegründet wurde, bei der Kreuzigung Christi, als der Eroberer nach England kam, als Columbus aussegelte, als das Blutbad von Lexington „neu“ war. Er fällt noch; er wird noch fallen, wenn all die jetzigen Dinge durch Vergangenheit Geschichte geworden, durch die Dämmerung der Sage in die Nacht der Vergessenheit versunken sein werden. Hat alles einen Zweck und eine Bestimmung? Mußte dieser Tropfen durch fünftausend Jahre fallen, weil er einmal für dieses menschliche Insekt nötig werden sollte, und hat er vielleicht in zehntausend Jahren noch einmal einen Zweck zu erfüllen? Aber genug. Es sind viele, viele Jahre vergangen, seitdem dieser hilflose Indianer den Stein aushöhlte, um ein paar unschätzbare Wassertropfen aufzufangen; aber bis zum heutigen Tage betrachtet jeder Reisende, der die Wunder der Douglas-Höhle kennen zu lernen kommt, am längsten von allem diesen merkwürdigen Stein und den langsam fallenden Tropfen. „Der Becher des Indianer-Joe“ steht unter den Sehenswürdigkeiten der Höhle an erster Stelle; selbst „Aladins Palast“ kann nicht mit ihm verglichen werden.

Der Indianer wurde nahe der Mündung der Höhle begraben. Das Volk strömte dahin aus dem Dorfe und aus allen Farmen und Niederlassungen sieben Meilen in der Runde zusammen; man schleppte die Kinder und eine Menge Lebensmittel heran und war schließlich von dem Begräbnis so befriedigt, als wäre Joe gehängt worden.

Die Beerdigung machte einer äußerst wichtigen Sache ein Ende — der Petition an den Gouverneur für des Indianer-Joes Begnadigung. Sie trug eine endlose Menge Namen; mehrere gerührte, redselige Versammlungen hatten getagt, ein Komitee weiser Frauen lag dem Gouverneur mit Murren und Klagen in den Ohren und bestürmte ihn, eine mächtige Eselei zu begehen und seine Pflicht mit Füßen zu treten. Der Indianer galt als Mörder von fünf Bürgern des Dorfes — aber was tat das? Wäre er der Teufel selbst gewesen, es hätte sich doch eine Anzahl Schwächlinge gefunden, die ihre Namen unter ein Begnadigungsgesuch gekritzelt und eine Träne aus ihren beständig übervollen Wasserwerken darauf fallen gelassen hätten.

Am Morgen nach dem Begräbnis zog Tom Huck zu einer wichtigen Unterredung an einen geheimen Ort. Huck hatte bereits durch den Walliser und die Witwe Douglas von Toms Abenteuern gehört, aber Tom meinte, es gäbe wohl noch etwas, wovon jene ihm nichts gesagt haben dürften; darüber eben wollten sie jetzt sprechen. Hucks Gesicht verfinsterte sich.

„Weiß schon, was es ist,“ sagte er. „Warst in Nummer Zwei und fandst nichts als Schnaps. ‘s hat mir zwar niemand gesagt, daß du‘s warst, aber ich wußte wohl, daß du‘s sein mußtest, sobald ich von dieser Schnaps-Geschichte hörte; und wußte, du hättst das Geld nicht erwischt, weil du sonst auf irgend ‘ne Weise zu mir gekommen wärst und mir‘s gesagt hättest, auch wenn du sonst gegen alle stumm gewesen wärst. Tom, ich glaub‘ fast, wir kriegen nie was von dem Schatz zu sehen.“

„Was, Huck, kein Wort red‘ ich von dem Schnapswirt. Du weißt doch, den Sonntag, als ich zum Picknick ging, war in seiner Schenke noch alles in Ordnung. Erinnerst du dich nicht, daß du in der Nacht wachen solltest?“

„O, sicher. Zwar, ‘s kommt mir vor, als wär‘s ein Jahr her. ‘s war dieselbe Nacht, wo ich dem Joe zur Witwe nachschlich.“

„Du schlichst ihm nach?“

„Freilich — aber reinen Mund halten! Denk‘ doch, der Joe hat Freunde hinterlassen. Möcht‘ sie doch nicht auf mich hetzen! Wär‘ ich nicht gewesen, säß‘ er jetzt in Sicherheit unten in Texas!“

Dann erzählte Huck Tom sein ganzes Abenteuer im Vertrauen, der bisher nur von des Wallisers Anteil an der Sache wußte.

„Aber,“ unterbrach er sich plötzlich, auf die Hauptfrage zurückkommend, „wer den Schnaps in Nummer Zwei entdeckt hat, hat auch‘s Geld in die Finger bekommen, denk‘ ich — auf jeden Fall ist‘s für uns verloren, Tom.“

„Huck — das Geld war gar nicht in Nummer Zwei.“

„Was!?“ Huck starrte seinen Kameraden verdutzt an. „Tom, hast du wieder ‘ne Spur von dem Geld?“

„Huck — ‘s ist in der Höhle!“

Hucks Augen leuchteten. „Sag‘s noch mal, Tom!“

„Das Geld ist in der Höhle!“

„Tom — Allmächtiger — jetzt — ist das Ernst oder Scherz?“

„Ernst, Huck, so ernst wie alles bei mir. Willst du mitgehn und ‘s rausholen?“

„Denk‘ doch, daß ich will! — Wenn‘s wo liegt, wo wir‘s leicht finden können — ohne den Weg zu verlieren —“

„Huck, wir können‘s ohne die geringste Gefahr von der Welt.“

„Ist mal was! Aber, warum denkst du, daß das Geld —“

„Huck, du mußt warten, bis wir drin sind. Wenn wir‘s nicht finden, geb‘ ich dir meine Trommel — und alles, was ich sonst noch hab‘; verlaß dich drauf!“

„‘s ist gut — ist ‘n Wort. Wann wolln wir?“

„Meinetwegen gleich, wenn du magst. Bist du stark genug?“

„Ist‘s weit in der Höhle? Bin zwar schon drei bis vier Tage wieder auf den Beinen, aber mehr als ‘ne Meile — Tom, ich glaub‘, mehr kann ich nicht.“

„‘s sind ungefähr fünf Meilen auf dem gewöhnlichen Weg, aber den wolln wir nicht gehn, Huck, sondern ‘nen ganz kurzen, den niemand kennt außer mir. Huck, ich werd‘ dich in ‘nem Boot hinfahren. Werd‘ das Boot da anlegen und ‘s wieder zurückrudern, alles ganz allein. Brauchst dich gar nicht drum zu kümmern.“

„Na, Tom, laß uns schnell hin!“

„Schon recht, aber wir brauchen Brot und Fleisch und unsere Pfeifen, und ‘nen kleinen Sack und zwei oder drei Drachenschnüre, und dann noch ‘n paar von den neuartigen Dingern, die sie Zündhölzer nennen. Sag‘ dir, ich hätt‘ welche davon brauchen können, wie ich neulich drin war.“

Kurz nach Mittag liehen sich die Jungen ein kleines Boot von einem Bürger, der gerade abwesend war und machten sich auf den Weg. Als sie ein paar Meilen unterhalb der Höhlenbucht waren, sagte Tom: „Sieh mal hier, dies schroffe Ufer da sieht genau so aus, wie sonst an ‘ner beliebigen Stelle — kein Haus, kein Garten, nichts als Gestrüpp. Aber siehst du die weiße Stelle, wo ein Erdrutsch mal gewesen sein mag? Na, das ist eins von meinen Kennzeichen. Wollen landen.“

Sie landeten. „Jetzt, Huck — wo wir jetzt stehn, kannst du das Loch berühren, aus dem ich neulich herausgekrochen bin. Schau mal, ob du‘s finden kannst.“

Huck suchte überall herum, fand aber nichts. Tom ging stolz auf ein dickes Gewirr von Sumachbüschen zu und sagte: „Hier ist‘s! Schau her, Huck. ‘s ist die verborgenste Höhle in diesem gesegneten Lande. Daß du aber den Mund hältst! Hab‘ ja schon immer Räuber sein wollen, aber ich wußt‘, daß ich erst so ‘n Ding haben müßt‘, wie das da, wohin man sich mal verstecken kann. Jetzt haben wir‘s und müssen‘s geheim halten; höchstens darf‘s der Joe Harper und Ben Rogers wissen, weil‘s doch ‘ne rechte Bande sein muß, oder ‘s hat gar keinen Schick. ‚Tom Sawyers Räuberbande‘, ‘s klingt mächtig großartig, Huck, was?“

„Na, das will ich wohl meinen, Tom! Und wen wollen wir berauben?“

„Na, so ziemlich alle Leute. Auf der Straße auflauern — das ist so die rechte Manier.“

„Und töten die Kerls.“

„Nein — nicht immer. Sperren sie in die Höhle, bis sie sich auslösen.“

„Aus — was ist ‚auslösen‘?“

„Na — Geld zahlen. Man zwingt sie, daß ihre Freunde für sie alles, was sie auftreiben können, zusammenscharren; und wenn man sie ‘n Jahr festgehalten hat, und das Geld ist noch nicht da — dann tötet man sie. ‘s ist allgemeine Sitte so. Bloß die Frauen tötet man nie. Man sperrt sie ein, aber man tötet sie nicht. Sie sind immer ganz verdammt schön und reich und schrecklich furchtsam. Man nimmt ihnen die Uhren weg und alles, was sie sonst haben, aber man nimmt bei ihnen immer den Hut ab und ist furchtbar höflich. Niemand ist so höflich wie Räuber — du kannst das in allen Büchern lesen. Und dann — dann verlieben sich die Weiber in uns, und wenn sie ein oder zwei Wochen in der Höhle gewesen sind, hören sie auf, zu heulen, und noch später kannst du sie gar nicht wieder los werden. Schmeißt man sie ‘raus, kehren sie sofort um und kommen zurück. ‘s ist in allen Büchern so.“

„Na, das ist aber unangenehm, Tom. Glaub‘ doch, Pirat sein ist noch besser.“

„Ja, ‘s ist besser in manchen Dingen, aber Räuber sind näher bei zu Hause, und dann haben sie ‘n Zirkus und all das andere.“

Inzwischen waren sie herangekommen und krochen in die Höhle, Tom voran.

Sie gingen bis ans andere Ende des Ganges, befestigten ihre Drachenschnüre und setzten den Weg fort. Wenige Schritte brachten sie an die Quelle, und Tom fühlte einen kalten Schauder. Er zeigte Huck den noch an der Wand klebenden Rest des Kerzendochtes und beschrieb, wie er und Becky das letzte Aufflackern und Erlöschen der Flamme beobachtet hatten.

Die Jungen verfielen jetzt unwillkürlich in Flüsterton, denn die Stille und Finsternis des Ortes lasteten schwer auf ihrem Geist. Sie gingen weiter und bogen dann plötzlich in Toms anderen Gang ein, den sie bis zu dem „Abgrund“ verfolgten, an dem Tom hatte Halt machen müssen. Die Lichter zeigten ihnen jetzt, daß es ein solcher eigentlich nicht sei, sondern nur ein steiler Lehmabhang, zwanzig oder dreißig Fuß tief.

Tom flüsterte: „Jetzt will ich dir was zeigen, Huck!“ Er hielt die Kerze in die Höhe und sagte: „Schau‘ so weit um den Felsvorsprung herum, wie du kannst. Siehst du? Da — auf dem großen Felsblock über dir —“

„Tom, ‘s ist ein Kreuz!“

„Na, und wo ist deine ‚Nummer Zwei‘? ‚Unter dem Kreuz‘, he? Gerade dort, wo ich den Indianer-Joe sein Licht hinhalten sah, Huck!“

Huck starrte eine Weile auf das geheimnisvolle Zeichen und sagte dann mit zitternder Stimme: „Tom, laß uns machen, daß wir von hier fortkommen!“

„Wa — a — as? Und den Schatz hier lassen?!“

„Ja — hier lassen! ‘s ist sicher, Joes Geist spukt hier herum!“

„Denkt nicht dran, Huck, denkt nicht dran! ‘s ist ja nicht der Platz, wo er gestorben ist — der ist weit von hier an der Mündung der Höhle — fünf Meilen von hier.“

„Nein, Tom, ‘s ist nicht so. Er geht um, wo ‘s Geld liegt. Ich weiß, wie‘s bei den Geistern ist, so machen sie‘s.“

Tom begann zu befürchten, Huck könne recht haben. Mißbehagen beschlich ihn. Aber plötzlich kam ihm eine Idee.

„Schau doch, Huck, was für Schafsköpfe wir wieder mal sind! Indianer-Joes Geist kann nirgends umgehn, wo ‘n Kreuz ist!“

Diese Beweisführung schlug durch. Es ließ sich nichts dagegen sagen.

Tom machte sich als erster daran, rohe Stufen in die Lehmwand zu hauen. Huck folgte. Vier Gänge öffneten sich von der kleinen Höhlung aus, in der sich der bewußte große Felsen befand. Die Jungen untersuchten drei ohne Erfolg. In dem der Basis des Felsens am nächsten befindlichen fanden sie eine kleine Nische, in der sich eine Anzahl Wolldecken, ein alter Gürtel, ein paar Schinkenschwarten und die sauber abgenagten Knochen von zwei bis drei Hühnern vorfanden. Aber keine Geldkiste.

Die Jungen durchsuchten alles wieder und immer wieder — aber vergebens.

Dann meinte Tom: „Er sagte, unter dem Kreuz! Na, dies ist beinahe unter dem Kreuz. Unterm Felsen selbst kann‘s nicht sein, denn der sitzt zu fest.“

Sie suchten immer wieder und wieder und setzten sich schließlich mutlos nieder. Huck wollte nichts einfallen. Aber Tom sagte plötzlich: „Schau mal her, Huck! Auf der einen Seite des Felsens sind ‘n paar Fußspuren und Kerzen-Spritzer, auf der anderen Seite sind keine! Was meinst du nun? Bitt‘ dich, das Geld ist unter dem Felsen! Werd‘ mal gleich im Lehm nachgraben.“

„Kein übler Gedanke, Tom,“ entgegnete Huck mit Bewunderung.

Toms „echtes Barlow-Messer“ war im Nu heraus, und er hatte noch nicht fünf Striche getan, als er auf Holz stieß.

„Hoho, Huck, hörst du das?“ Huck begann ebenfalls zu graben und zu wühlen. Ein paar Bretter waren bald ausgegraben und beiseite geworfen. Sie hatten eine natürliche Spalte verborgen, die unter den Felsen führte. Tom kroch hinein und leuchtete, so tief er konnte, vermochte das Ende der Spalte aber nicht zu sehen. Er schlug vor, noch weiter zu forschen, kroch hinein und geradeswegs hinunter. Er folgte allen Windungen des Spalts, erst nach rechts, dann nach links, Huck immer hinterdrein. Plötzlich machte Tom eine kurze Wendung und schrie:

„Bei Gott, Huck, schau her!“

Es war die Geldkiste in einem kleinen Loch, daneben ein Pulverbehälter, eine Menge Flinten in verschiedenen Hüllen, zwei Paar alte Mocassins, ein alter Gürtel und ein paar Kleinigkeiten, alles gründlich durchnäßt durch das heruntertropfende Wasser.

„Gott im Himmel!“ schrie Huck, mit den Händen im Gold wühlend, „sind wir jetzt aber reich, Tom!“

„Huck, ich hab‘ ja immer drauf gerechnet. ‘s ist aber fast zu schön, um dran zu glauben, aber wir haben‘s mal sicher — endlich! Wollen‘s nicht hier liegen lassen, sondern mitnehmen; laß mal sehen, ob ich die Kiste aufheben kann!“

Die wog aber über 50 Pfund, Tom konnte sie mit großer Anstrengung ein bißchen heben, an Fortschaffen aber war gar nicht zu denken.

„Dacht‘s mir,“ meinte er. „Damals im Gespensterhaus trugen sie, schien‘s, schwer genug daran — merkt‘s wohl. Denk‘, ‘s wird gut sein, die kleinen Beutel herzunehmen.“

Bald war das Geld verpackt, und sie schleppten‘s heraus.

„Nun laß uns noch Gewehre und sonst so ‘n Zeug mitnehmen.“ schlug Huck vor.

„Nein, Huck, da lassen! Sind gerad‘ Sachen, die wir brauchen, wenn wir erst Räuber sind. Nehmen‘s seiner Zeit zu unsern Orgien; ‘s ist ein verdammt feiner Platz für Orgien.“

„Was sind Orgien?“

„Weiß nicht. Aber Räuber halten immer Orgien. also müssen wir doch auch welche halten. Nun komm‘ aber, Huck, wir sind hier lang genug gewesen. ‘s ist schon spät, denk‘ ich. Bin außerdem mächtig hungrig. Im Boot wolln wir essen und rauchen.“

Sie schlüpften also hinaus ins Sumachgebüsch, lugten vorsichtig herum, fanden die Luft rein und waren bald im Boot in vollem Schmausen und Rauchen. Als die Sonne sank, stießen sie vom Ufer und machten sich auf den Weg. Tom huschte im Zwielicht an die Küste heran, und kurz darauf landeten sie in voller Dunkelheit.

„Jetzt, Huck,“ sagte Tom, „wollen wir ‘s Geld auf dem Boden des Holzschuppens der Witwe verstecken, morgen komm‘ ich dann, wir können‘s zählen und teilen, und dann suchen wir im Wald ‘nen Platz, wo wir‘s sicher vergraben können. Jetzt halt dich mal ganz still und bewach das Zeug, bis ich hinlauf‘ und Benny Taylors kleinen Schubkarren leih‘. Bin in ‘ner Minute wieder da.“

Er verschwand, kehrte sogleich mit dem Karren zurück, legte die zwei kleinen Säcke drauf, befestigte zwei Drachenleinen dran und zog an, seinen Schatz hinter sich. Als die Jungen das Haus des Wallisers erreichten, standen sie still, um auszuruhen. Gerade, als sie sich wieder auf den Weg machen wollten, kam der Walliser heraus und rief:

„Hallo, wer da?“

„Huck und Tom Sawyer.“

„‘s ist gut! Kommt nur mit, Jungens, werdet schon überall gesucht. Na — vorwärts, sputet euch mal! Will den Karren für euch ziehen. Alte Ziegelsteine drin oder altes Metall?“

„Altes Metall,“ stotterte Tom.

„Dacht‘ mir‘s; alle Jungen machen sich mehr Mühe und brauchen mehr Zeit, um für sechs Pence altes Eisen zusammenzuscharren, als sie brauchten, um doppelt so viel Geld durch ordentliche Arbeit zu verdienen. Aber ist mal die menschliche Natur so!“

Die Jungen hätten gern gewußt, wozu die große Eile sei.

„Weiß nicht; werdet‘s sehn, wenn wir zur Witwe Douglas kommen.“

Huck sagte ein wenig beunruhigt — denn er war längst daran gewöhnt, unschuldig angeklagt zu werden: „Mr. Jones, wir haben‘s gewiß nicht getan!“

Der Alte lachte. „Na, weiß doch nicht, Huck, mein Junge. Weiß doch nicht, seid ihr mit der Witwe gut Freund?“

„J — a! Wenigstens ist sie immer freundlich mit mir gewesen.“

„Na also! Warum dann Angst haben?“

Die Frage war noch nicht ganz von Huck beantwortet, als er sich mit Tom in der Witwe Besuchszimmer gestoßen fühlte. Mr. Jones ließ die Karre draußen und folgte.

Das Zimmer war glänzend erleuchtet und alles, was irgend dazu gehörte, erschienen. Thatchers waren da, Harpers, Rogerses, Tante Polly, Sid, Mary, der Pfarrer, der Redakteur und viele andere, und alle mit feierlichen Gewändern angetan. Alle zeigten feierliche Mienen. Tante Polly wurde vor Verlegenheit blutrot und schüttelte den Kopf zornig gegen Tom. Niemand konnte indessen leiden wie die beiden Buben. Mr. Jones erklärte: „Tom war leider nicht zu Haus, so gab ich ihn auf, stieß aber gerade bei meiner Tür auf ihn und Huck — so bracht‘ ich sie denn Hals über Kopf mit hierher.“

„Und ‘s war recht von Ihnen,“ entgegnete die Witwe. „Kommt mit, Jungen.“ Sie zog sie in ein Schlafzimmer und sagte: „Jetzt wascht euch und zieht euch ordentlich an. Hier sind zwei neue Anzüge — Hemden, Strümpfe — alles da. Sie sind für dich, Huck, — nein, keinen Dank, Huck! — einer von Mr. Jones, der andere von mir. Denk‘, sie werden euch beiden passen. Zieht sie an. Wir wollen warten — kommt runter, wenn ihr schön genug seid.“

Damit ging sie.

Fünfunddreißigstes Kapitel.

Tom, wenn wir ‘n Seil finden, können wir famos durchbrennen,“ sagte Huck, „die Fenster sind nicht hoch!“

„Unsinn — wozu denn durchbrennen?“

„Na, so ‘ne Menge Menschen kann ich nicht aushalten. Kann ich nicht! Ich will raus, Tom!“

„Ach was ‘s ist ja gar nichts! Fürcht‘ mich nicht ‘n bißchen. Will schon für dich mit aufpassen.“

Sid erschien. „Tom,“ sagte er, „Tante hat den ganzen Nachmittag auf dich gewartet. Mary hatte deine Sonntagskleider zurecht gelegt, alles wartete nur auf dich. — Sag‘ mal, ist das da nicht Lehm und Talg auf deinen Kleidern?“

„Na, Mr. Siddy, möcht‘ dir raten, nach deinen eigenen Sachen zu sehen! — Wozu ist die ganze Geschichte da unten?“

„‘s ist einfach so ‘ne Gesellschaft, wie die Witwe Douglas sie ja immer mal gibt. Diesmal ist‘s für den Walliser und seine Söhne, von wegen heut nacht. Und dann — kann auch noch was sagen, wenn ihr‘s wissen wollt —“

„Na, was denn?“

„Der alte Jones wollt‘ der Gesellschaft heut abend ‘ne große Sache erzählen, aber ich hört ‘s ihn heut morgen Tante Polly als großes Geheimnis anvertraun, denk‘ aber, ‘s ist kein großes Geheimnis mehr. Jedermann weiß es — auch die Witwe, obwohl sie alles tut, um ‘s nicht merken zu lassen. Oho, Mr. Jones wollte dafür sorgen, daß Huck hier wäre — konnt‘ mit seinem großen Geheimnis nicht ohne den Huck fertig werden, wißt ihr!“

„Geheimnis — wovon?“

„Na, daß Huck die Räuber angezeigt hat. Denk‘, Mr. Jones wird ‘ne große Sache aus seinem Geheimnis machen, aber, könnt‘ euch denken, ‘s wird ins Wasser fallen.“

„Sid, wer hat‘s verraten?“

„Na — wer weiß? Irgend jemand hat‘s gesagt, das ist doch genug.“

„Sid, ‘s gibt im ganzen Dorf nur einen, der gemein genug ist, so was zu tun, das bist du! Wärst du an Hucks Stelle gewesen, du hättest dich schleunigst davongemacht und niemand von den Räubern gesagt. Du kannst nichts tun, was nicht gemein ist, und kannst‘s nicht vertragen, wenn andere für was Gutes gelobt werden. Da — keinen Dank — wie die Witwe sagt!“ Und Tom packte Sid an den Ohren und half ihm unter Püffen aus der Tür. „Jetzt geh, sag‘s Tante Polly und morgen rechnen wir dann ab!“

Wenige Minuten danach saßen die Gäste an einer langen Speisetafel; nach guter, alter Sitte waren die Kinder — ein Dutzend — an einem kleinen Seitentischchen zusammengesteckt. Zur rechten Zeit hielt Mr. Jones seine Ansprache, worin er der Witwe für ihre Dankbarkeit dankte, und sagte dann, es gäbe einen anderen, dessen Bescheidenheit —

Und so weiter und so weiter. Da alles die Geschichte kannte, so war die Überraschung etwas mäßig, nur die Witwe selbst machte verzweifelte Anstrengungen, zu tun, als wisse sie noch von nichts. Sie bewies Huck ihre Dankbarkeit auf so stürmische und zärtliche Manier, daß ihm sein jetziger Zustand noch weit entsetzlicher erschien als der Zwang der neuen Kleider und des gesitteten Benehmens.

Die Witwe erklärte, Huck unter ihrem Dach aufnehmen und ihm eine sorgfältige Erziehung geben zu wollen; und wenn sie so viel Geld zurücklegen könne, wolle sie ihm später ein anständiges Geschäft übergeben.

Toms Zeit war gekommen. „Huck braucht‘s gar nicht — Huck ist reich,“ sagte er.

Nur die gute Lebensart der Gesellschaft konnte bei diesem vermeintlichen Witz ein allgemeines Gelächter hintanhalten. Aber das Schweigen war doch ein wenig drückend.

Tom brach es. „Huck hat Geld! Wenn Sie‘s nicht glauben — Huck kann‘s beweisen. O, Sie brauchen nicht zu lächeln, denk‘, ich kann‘s beweisen. Warten Sie nur ‘ne Minute.“

Tom rannte hinaus. Die Gesellschaft schaute sich überrascht an und drang in Huck, der stumm zu sein schien.

„Sid, was ist‘s mit Tom?“ fragte Tante Polly. „Er — na, werd‘ ein anderer klug aus dem Jungen. Ich kann‘s nicht —“

Tom erschien, sich mit den Säcken abschleppend, und Tante Polly ließ ihren Satz unbeendet. Tom schüttete das Geld auf den Tisch und meinte trocken: „Da — was hab‘ ich gesagt? Halb Huck seins — halb meins!“

Dieser Anblick machte alle atemlos. Alles schaute nur, niemand konnte sprechen. Dann folgten unartikulierte Laute des Entzückens. Tom sagte, er könne es erklären, und tat‘s. Die Erzählung war lang, aber mächtig spannend. Niemand unterbrach ihn, außer durch Ausrufe, wie sie hier angebracht waren. Als er geendet hatte, meinte Mr. Jones: „Dachte ‘ne kleine, besondere Überraschung für diese Gelegenheit in Hinterhalt zu haben, aber jetzt denk‘ ich, ‘s war nichts. Dies da läßt meins furchtbar lumpig erscheinen — kann‘s nicht leugnen.“

Das Geld wurde gezählt. Die Summe belief sich auf etwas über zwölftausend Dollar. Das war mehr, als irgend einer der Anwesenden jemals beisammen gesehen hatte, obwohl verschiedene unter ihnen waren, die über viel mehr als das in Grundbesitz verfügten.

Sechsunddreißigstes Kapitel.

Der Leser kann sich vorstellen, was für ein kolossales Aufsehen Tom und Huck in dem armen, kleinen Dörfchen St. Petersburg gemacht hatten. Eine solche Summe, auf einem Fleck, schien nahezu unglaublich. Es wurde darüber geschwatzt, disputiert, phantasiert, bis der Verstand mancher Bürger unter dem Einfluß dieser ungesunden Erregung zu wanken begann. Jedes „verhexte“ Haus in St. Petersburg und der Nachbarschaft wurde durchstöbert, Balken für Balken, die Grundmauern bloßgelegt und auf verborgene Schätze hin untersucht, — und nicht durch Kinder — nein, durch Männer, verflucht ernste, ganz unromantische Männer meistens. Wo Tom und Huck erschienen, wurden sie gefeiert, bewundert, angestarrt. Sie konnten sich nicht erinnern, daß ihren Bemerkungen bisher Wert beigelegt worden war; jetzt aber waren sie gesucht und geschätzt; alles, was sie taten, erschien bemerkenswert; augenscheinlich hatten sie die Fähigkeit verloren, etwas Gewöhnliches zu tun oder zu sagen; noch mehr — ihre Vergangenheit wurde unter die Lupe genommen, und man erklärte, es sprächen ganz wunderbare Begabungen aus allem, was sie bisher getan hatten. Sogar das Käseblättchen brachte biographische Skizzen über die beiden Buben.

Die Witwe Douglas legte Hucks Geld zu sechs Prozent an, der Richter Thatcher tat auf Pollys Wunsch dasselbe mit Toms Anteil. Jeder von ihnen hatte jetzt ein Einkommen, das einfach märchenhaft erschien — einen Dollar für jeden Wochentag des Jahres und die Hälfte der Sonntage. Es war so viel wie der Geistliche erhielt, — nein, es war das, was er hätte erhalten sollen, denn er bekam nicht alles. Für gewöhnlich genügten in diesen einfachen Zeiten ein und ein viertel Dollar wöchentlich, um einen Jungen zu ernähren, zu kleiden, zu waschen, ihm Wohnung zu schaffen und den Schulbesuch zu ermöglichen. Richter Thatcher hatte eine hohe Meinung von Tom gefaßt. Er sagte, kein gewöhnlicher Junge würde seine Tochter jemals aus der Höhle herausgebracht haben. Als Becky ihrem Vater im strengsten Vertrauen erzählte, wie sie Tom in der Schule vor Prügel bewahrt habe, war er sichtlich bewegt; und als sie gar die heldenhafte Lüge, durch die Tom ihre Schuld auf die eigenen Schultern geladen hatte, berichtete, sagte er im Tone der Überzeugung, es wäre eine edle, großmütige, glänzende Lüge — eine Lüge, die wert sei, von Geschlecht zu Geschlecht in Ehren gehalten zu werden, unmittelbar nach George Washingtons berühmter Wahrheitsliebe.

Becky dachte, ihr Vater habe niemals so stolz und großartig ausgesehen, als während er auf und nieder lief, mit dem Fuß aufstampfte und dies sagte. Sie ging sofort davon und erzählte Tom davon. Der Richter hoffte, Tom einmal als großen Gesetzgeber oder großen Soldaten oder so zu sehen. Er versicherte, dafür sorgen zu wollen, daß Tom auf die Nationale Militärschule und nachher auf die beste Gesetzesschule des Landes komme, damit er sich dort für eine dieser Karrieren ausbilden solle — oder auch für beide.

Huck Finn wurde durch seinen Reichtum und durch den Umstand, daß er sich unter dem Schutze der Witwe Douglas befand, in die Gesellschaft eingeführt — nein, hineingestoßen, hineingezerrt — und seine Leiden wurden bald so schlimm, daß er sie nicht mehr tragen konnte. Die Dienerschaft der Witwe striegelte ihn rein und sauber, bürstete ihn und packte ihn nachts in ein gräßliches Bett, in dem sich nicht ein einziger Fleck fand, den er hätte ans Herz pressen und Freund nennen können. Er sollte mit Messer und Gabel essen. Schüsseln, Becher und Teller sollte er benützen; aus Büchern lernen; in die Kirche gehen; sich so manierlich ausdrücken, daß ihm die eigene Sprache fremd erschien. So daß es ihm schließlich vorkam, als werde er durch diese „Kultivierung“ an Händen und Füßen gebunden.

Drei Wochen trug er sein Mißgeschick tapfer, dann schüttelte er es eines Tages gewaltsam ab. Achtundvierzig Stunden hindurch suchte die Witwe in höchster Bestürzung nach ihm. Das ganze Dorf war tief ergriffen; man suchte überall herum und ließ den Fluß ab nach seiner Leiche. Früh am dritten Tage schlenderte Tom zu ein paar alten, leeren Fässern, die hinter dem jetzt unbenutzten Schlachthause vergessen ihr Dasein fristeten; in einem derselben fand er den Flüchtling. Huck hatte da geschlafen; eben hatte er mit einigen gestohlenen Kleinigkeiten sein Frühstück gehalten und lag jetzt gemütlich da, die Pfeife im Munde. Er war ungekämmt, ungewaschen und in dieselben Ruinen von Kleidern gehüllt, die ihm in den goldenen Tagen der Freiheit und vollen Glückseligkeit ein so pittoreskes Aussehen gegeben hatten. Tom schalt ihn, erzählte ihm von der durch ihn verursachten, Bestürzung und drängte ihn, nach Haus zurückzukommen. Hucks Gesicht verlor seinen ruhig-zufriedenen Ausdruck und wurde immer melancholischer.

„Sag‘ nichts davon, Tom,“ bat er. „Hab‘s versucht, aber ‘s geht nicht, Tom! ‘s ist nichts für mich, pass‘ nicht dafür! Die Witwe ist gut und freundlich gegen mich; aber ich kann‘s nicht aushalten. Jeden Tag weckt sie mich zur selben Zeit, läßt mich waschen — sie schrubben mich noch zu Tode! läßt mich im Bett schlafen; dann soll ich diese verdammten Kleider tragen, die mich ersticken, Tom; sie scheinen gar keine Luft durchzulassen und sind so verteufelt fein, daß ich nicht drin sitzen, liegen, mich nirgends hinwerfen kann. Auf ‘ner Kellertreppe bin ich nicht mehr hinuntergerutscht seit — na, ‘s ist wohl schon Jahre her! In die Kirche gehn soll ich und schwitzen und schwitzen — wie ich diese langweiligen Predigten hasse! Nicht mal ‘ne Fliege fangen darf man, nicht rauchen; dafür soll man alle Sonntage Schuhe tragen! Wenn die Witwe ißt, läutet‘s, wenn sie zu Bett geht, läutet‘s, wenn sie aufsteht, läutet‘s — ‘s ist alles so gräßlich regelmäßig — das halt der Teufel aus!“

„Na, Huck, das muß aber doch jeder.“

„Tom, ich will ‘ne Ausnahme machen; ich bin nicht jeder, ich kann‘s nicht aushalten! ‘s ist schrecklich, so gezogen zu werden. Und ‘s Essen wird einem so bequem gemacht — so macht‘s mir gar keinen Spaß. Soll fragen, wenn ich fischen will, fragen, wenn ich baden will — Herrgott, um jedes und jedes fragen! Na, und dann nicht sprechen dürfen, wie man‘s gewohnt ist. Könnt‘ ich nicht jeden Tag auf den Heuboden und dort ‘n bißchen schwatzen in meiner Manier, ich müßt‘ krepieren, Tom! Die Alte läßt mich auch nicht rauchen und nicht ‘n bißchen brüllen, nicht gähnen — nicht mal kratzen, wenn jemand dabei ist!“ Dann mit einem Ausbruch ganz besonderen Ingrimms: „Und das weiß der Henker — beten tut sie den ganzen Tag! Nie hab‘ ich so ‘n Weib gesehen! Mußte fort, Tom, mußte! — Tom, in all das Elend wär‘ ich nicht gekommen, wär‘ nicht das Geld gewesen! Jetzt sei so gut, Tom, nimm du‘s und gib mir zuweilen zehn Cent — nicht zu oft, denn ich geb‘ nichts um ‘ne Sache, wenn sie nicht schwer zu kriegen ist; und dann — geh‘ hin, bitt‘ mich von der Witwe frei!“

„Ach, Huck, du weißt doch, daß ich das nicht tun kann! ‘s wär‘ unanständig; und dann, wenn du‘s noch ‘ne Weile versuchst, wirst du dich schon dran gewöhnen!“

„Dran gewöhnen! Könnt‘ mich auch wohl an ‘nen heißen Ofen gewöhnen, wenn ich lang‘ genug drauf sitzen müßte! Nein, Tom, ich mag nicht reich sein, und ich will nicht in dem verdammten schläfrigen Hause wohnen. Hab‘ den Wald zu lieb und den Fluß und die Berge — und zu denen will ich zurück! Verdammt! Jetzt, wo wir Geld haben und ‘ne Höhle und alles, was wir als Räuber brauchen, wirft einem so ‘ne verrückte Tollheit alles übern Haufen!“

Tom ersah seinen Vorteil. „Na, weißt du, Huck, das Reichsein hat mich gar nicht davon abgebracht, Räuber zu werden.“

„Nicht! All ihr guten Geister, sprichst du in wirklichem, todsicherem Ernst, Tom?“

„So todsicher, wie ich hier sitze! Aber, Huck, weißt du, wir können dich nicht unter uns aufnehmen, wenn du nicht gut erzogen bist.“

Hucks Freude war schon wieder zu Ende. „Könnt‘s nicht, Tom? Würd‘s nicht als Pirat gehn?“

„Ja, aber das ist ‘n Unterschied. Ein Räuber ist viel was Nobleres, als was so ‘n Pirat ist — für gewöhnlich. In den meisten Ländern sind sie furchtbar nobel! ‘s sind Herzöge dabei und so was!“

„Ach, Tom, du bist doch sonst immer so‘n guter Kamerad gewesen! Du wirst mich doch nicht ausschließen, Tom, nicht wahr? Du wirst doch das nicht tun, Tom —?“

„Huck, ich möcht‘s ja nicht tun — und ich tät‘s auch nicht, aber was würden die Leute sagen? Pah! würden sie sagen — Tom Sawyers Bande! Schön‘ lump‘ge Kerle darunter! Sie würden dabei dich meinen, Huck! Das möchtst du doch nicht, Huck, oder —?“

Huck schwieg eine Weile, in tiefes Nachdenken versunken. Schließlich sagte er:

„Na, dann will ich zur Witwe zurück — auf ‘nen Monat oder so, und sehn, ob ich durchkomm‘ — wenn ich dann eintreten kann, Tom.“

„‘s ist recht, Huck, ist recht! Komm‘ mit, alter Dummkopf, und ich will sehen, ob ich die Witwe bereden kann, dir ‘n bißchen nachzulassen, Huck.“

„Willst du, Tom? Nein, willst du?! ‘s ist wundervoll! Wenn sie mir nur die schlimmsten Sachen nachläßt, will ich heimlich rauchen und fluchen und sehen, daß ich durchkomm‘ — oder krepieren. — Wann willst du denn dran gehen und ‘ne Bande gründen?“

„O, recht bald, Huck. Meinetwegen können wir noch diese Woche die Jungen zusammentrommeln und die Einschwörung vornehmen.“

„Vornehmen — was?“

„Die Einschwörung.“

„Was ist das?“

„Na, halt schwören, zusammenhalten, nie ‘n Geheimnis zu verraten, wenn man auch drum gevierteilt werden sollte — und jeden zu töten, und seine ganze Familie, der was schwatzt.“

„Großartig, Tom — sag‘ dir‘s, einfach großartig!“

„Na, ich glaub‘, ‘s ist‘s! Und das muß natürlich um Mitternacht sein, am einsamsten, schrecklichsten Ort, den man finden kann. Ein Gespensterhaus ist das beste, aber so was gibt‘s ja kaum noch.“

„Mitternacht ist gut, Tom!“

„Ja — ‘s ist gut. Und aufs Schwert schwören mußt du und mit Blut unterzeichnen.“

„Na, das laß ich mir gefallen! ‘s ist ja tausendmal besser, als Pirat sein. Na, Tom, will mich jetzt an die Witwe halten und alles tun, bis ich verfaul‘! Und wenn ich dann mal so ‘n richtiger Räuber bin und alle Welt von mir spricht, denk‘ ich, wird sie noch stolz sein, daß sie mich aus dem Schmutz gezogen hat.“

Schluß.

So endet diese Geschichte. Da es nur die Geschichte eines Jungen sein soll, muß sie hier enden; sie könnte nicht weiter gehen, ohne die eines Mannes zu werden. Wenn jemand eine Erzählung über erwachsene Leute schreibt, weiß er genau, wo er aufzuhören hat — bei der Heirat; schreibt er aber über ein unreifes Kind, so muß er aufhören, wo er‘s für passend hält.

Die meisten der in diesem Buch vorkommenden Personen leben noch, sind glücklich und mehren sich.

Vielleicht erscheint es eines Tages als angebracht, die Geschichte der Jugend wieder aufzunehmen und zu sehen, was für Männer und Frauen aus ihnen geworden sind; darum wird‘s am besten sein, von ihrem jetzigen Leben hier nichts mehr zu verraten.