Sie sieht ihren schmalen bronzenen Körper im tiefen Glanz des Spiegels erscheinen. Sie reißt das einzige, was außer der leeren Halskette an ihrem Leib ist, von ihrem langen Schenkel über dem Knie das Band, zieht die Schließen an. Verkauft die zwei Perlen. Im Palankin fährt sie ins Hafenquartier, klopft, verschwindet. Fährt im Männeranzug im Wagen zurück, mit dem kurzgeschnittenen Haar einem Mischling gleichend, zu einem Magazin, füllt einen Koffer, fährt zu einer Pension, nimmt einen Raum. Dort klirrt die Glocke des Rockes um ihre Hüften, zögert die wundervolle kleine Brust in der Bluse. Da reitet, ißt sie als Herr.
Ihr Mund hat einen hinreißenden aufbrechenden Zug. Das Auge sucht, hebt sich, erstarrt, sinkt. Von zwei Seiten durchwühlt sie den Menschenhaufen. Er fällt nicht vor ihr zurück, gleitet nicht mehr ab. Sie reißt, aus der Einsamkeit her gesammelt und hoch schon über jeder Enttäuschung, zu sich jetzt, was sie erwittert. Das Auge glättet, schmeißt auf, enthüllt, zerlegt . . . die Pupille sinkt. Innerlich voll Spannung, fiebernd erregt. Nach außen, von vieler Erfahrung her, demütig überlegen. Als Frau zieht sie den Mann an allen Instinkten, reizt ihn mit Geist, mit der Drehung der Hüfte. Spürt seinen Blick im Ausschnitt, im Nacken. Sieht den Mut seiner Erregung, führt ihn, zieht ihn nach, sieht endgültig vor Zielen, Aufgaben ihn entflammt — spürt aber, mäßigt sie ihr Blut zu Kühle, ihn zurückgeschraubt im Thermometer seiner Begierde. Die Pupille sinkt. Sie bohrt von der anderen Seite sich ins Geheimnis. Selbst in der Maske des Mannes desavouiert sie ihn in seiner Beziehung zur Frau. Erst hinter dem Weib, das ihn aufschwänzt, in der Einstellung auf Bauch und Besitz ihn als Klasse sofort uniform macht (wohl auch riskant und alles in die Wagschale werfend, doch nur spielerisch und daher unbestimmt und ohne Verlaß), dahinter erst entdeckt sie den Mann. Ungestört von weiblicher Schwingung trifft sie die Nüchternheit seiner grauen Stunden, die Lüge seiner Frische gegenüber Weiblichem. Teilt seine Barnächte, Dürftigkeit seines Spiels, die Phantasielosigkeit seines Hirns. Außerhalb der Polspannung der Geschlechter empfindet sie die Indiskretion gegen jede Frau, seine Kameradschaft gegen das Weib. Sie konsumiert mehr Menschen, ihr Auge wird heißer im Erkennen, die Pupille sinkt. Ihr Leben wird rastloser. Sie weiß, der Mensch versagt, und Enttäuschung peitscht sie auf. Lauschend sitzt sie in den Ecken. Aufmerksam verfolgt sie die Ereignisse der Straße. Sie mischt sich, wo Meinungen kreuzen, Kräfte aufeinanderstoßen. In Nankingkleidern treibt sie sich am Hafen hin, kommt arbeitend an die, welche der Instinkt der anderen als Überlegene, Wollende, Visierende zeigt. Treibt mit Smith vier Tage um die Fischeransiedlungen, hört, öffnet ihr Ohr weiter, stärker, erreicht die Grenze. Starrt ihn an, die Pupille sinkt. Kehrt zurück zu den Baggern, Transportern, aufgeregter Meute in großer körperlicher Bewegtheit Schaffender. Schwenkt ab zu den Stillen, Vergrabenen, an Maschinen, in Kellern, Hangars Angeschmiedeten. Findet Abgegrenztes. Wo Ziele sind, schwach fundiert. Erstrebtes nur im automatischen Gang. Hinter dem Programm das Nackte, Ehrgeiz, Erfolg des Ich. Sie rettet sich in einem Bogen, mischt sich unter die Weiber, trägt Armband, Ringe, duftet, rauscht mit Dessous. Nur Holzbein, Titus und Zwicker denken, und die Ergebnislosigkeit solch nüchternen Schwungs stößt zurück. Doch sie läßt sich nicht schrecken. Die Menschen versagen. Aber sie hält nicht. Will. Muß.
Mischt sich in einen Streik, schmiegt sich an die Leitung, spürt, wittert, die Pupille sinkt. Schon mißt sie den Einzelnen, den sie sieht, auf seine Befähigung, richtet ihn nach ihrer Forderung, fast nach dem Geruch, durch den untrüglichen Instinkt, der sie vorwärts führt. Sie sieht einen Gentleman einen Hund mit Lebensgefahr retten, pflegen, säubern. Sie schließt sich ihm an. Sein gutes Herz sieht nur den blinden Einzelfall, spannt sich nicht aus. Sie zuckt die Achseln. Nicht genug. Die Pupille sinkt. Im Klub mit Abenteurern spürt sie Fabelhaftes, aber es vollzieht sich nur aus Rausch. Verschwenderisch, doch unbrauchbar. In der Tiefe die wilde Grimasse aus Kneipe und Bordell, die sich einsetzt und stirbt, nur Aufflammen ungezügelten Instinkts. Traf sie auf Ideen, waren es Schwächlinge, Schwärmer, die Locken nach der Sternansammlung schwenkten. Kein Handgelenk und Griff. Die Pupille sinkt. Sie sucht nicht für sich, denkt nicht für sich, wird unermüdlicher, gläubiger. Leid, das sie aus jeder Stunde anschreit, wirft sie nicht um, hetzt, feuert sie an. Empfindsam, gleich einem Apparat, zeichnet sich auf sie ab die Struktur des Daseins, sie mißt, urteilt, findet den Hebelpunkt — weint, daß sie eine Frau ist. Lächelt über die Hilflosigkeit des Geschlechts, beißt den Mund fest und sucht heftiger, strackser. Schon wachsen Ansätze zu Plänen. In der Dürre des Erfolgs selbst beschwingt sich ihre Seele zu größerem farbigstem Feuer. Wohnt in Baracken, wohnt im Hotel als Dame, wohnt an der Quarantäne. Wohnt ein Stück im Lande. Sieht fischende Frauen im Abendlicht mit Bastkörben von Stein zu Stein springen. Boote vorüberfahren. Dampfer rauschen. In der Pension als Reiter. Seglerin des Hotels. Lernt aus jeder der Sekunden. Sieht den Saft aus der Erfahrung, bekommt schärferen Glanz, mildere Schönheit ins Auge, reift mit Brust und Hüfte in eine schlanke Rundung. Prüft, hofft, verwirft. Spannt sich in den Glauben mächtig zum Dehnen. Die Pupille sinkt. Das Lid hebt sich. Die Figur eines Kapitäns schneidet sich aus einem Dampfer. Der Schall eines Agitators verzückt erregt. Das Raunen einen Slowenen in einem asyle de nuit sinkt ins Blut. Die Haltung eines Kaufmanns zu seinem Diener verblüfft. Der Blick wird grau, das Dreieck spannt sich über die Stirn. Die Pupille erweitert sich, erschlafft. Sinkt. In einer Barnacht singt die unsterbliche Stimme eines Dichters die Brüderlichkeit. Am Meer ist seine Seele läpsch wie ein Schalet. Sie folgt einer Revolte. Es sind Betrunkene. Sie wohnt an dem Segelhalteplatz, beim Sport. Wohnt in einem kleinen Garten mit Holzhaus, wird braun wie die Eingeborenen, sieht die Haut der englischen, indischen, französischen Frauen. Folgt zwei singenden Vögeln. Die Heide schlägt sich um sie auf im Abend. In der stürzenden Dunkelheit bauen zwei Parteien ein Duell, legen Knipslaternen auf Steine, reißen zwei Lichtkegel zwei Figuren aus der Dämmerung.
Ein Schuß pitscht. Sie weicht zurück, fast umgeschleudert. Ein Auto biegt vor dem, welcher schießen will. Ein Arm aus dem Auto greift die Hand, schleudert die Pistole mit einer unbeschreiblich ablehnenden Gebärde auf den Rasen, springt hinaus, tritt darauf, reißt den Mann mit sich in den Wagen. Sie hört ihn sagen: „Ich habe andere Aufgaben für dich.“
Die Pupillen stehen weit in Kreisen glasig erhellt, offen, bekommen Facetten, glühen vor Licht.
Sinken nicht. Sie springt in den Wagen. Sie nehmen sie kühl auf. Sie sieht nur den einen. Sie sitzt den Abend zusammen mit Gordon, Raffaeli, Di Conti. Die anderen schweigen. Di Conti spricht. Gegen Mitternacht werden außer seinem die Gesichter mißtrauisch. Ihres glüht. Mit schief im schwarzen Bart gestrecktem Mund fragt Raffaeli: „Was geben Sie?“ „Mich!“ Gordon umreißt mit gierigem Blick ihre Figur. Raffaeli zuckt die Achseln, die Nase biegt sich skeptisch in den Flügeln, vibriert. Di Conti wiederholt die Frage kalt. Da lächelt sie, verschenkt sich an sein Gesicht mit aller grenzenlosen Hingabe. Die von keinem Sou des Angehäuften seither nahm und lebte, sperrt auf die gesamten Depots.
Jeden Traum sah sie in seiner Hand schon fertige Waffe. Keine Ahnung, die ihm nicht schon zum Abfeuern geladener Plan. Sein Glaube war so ungeheuer, daß er ihn schon jenseits der Ekstase mathematisch beherrschte. Aus dem Herz die Flamme gerann ihm im Hirn. Seine Kühle war unbeschreiblich über dem barbarischen Feuer, das gebändigt darunter tobte. Selbst Raffaelis fanatische Unerbittlichkeit schmolz, Gordons nicht ausmeßbare Aktivität folgte nur seinem Druck. Ihr schwindelte, wenn der Tag sie in die fassungslose Nacht entließ, wo ohne die Gemeinschaft das Ganze in Schlagschatten zerrann. Ihm war, was sie als Entfernung der Welten ohne Brücke sah, aus ungeheurem Wollen geringe Distanz geworden, ihm gab es keine Hemmungen in seinem Bau. Hatte gewogen, geschaut, gedacht, die Rechnung gefertigt, die Summe gezogen. War kalt geworden, bedacht vor Ergebnissen. Trieb nun vor. Sah in dem Ruhenden, Daseienden, im Pathos bloßer Tradition den Feind, das Erwürgende, sprach gelassen gegen die Schwerkraft, gegen die Anziehung der Kräfte. Stemmt gegen die drehende Erde sich mit der Kühle des Überlegenen wie am Schalter eines Automaten. Ihr kam nachts, daß aus der ungeheuren Kraft seines Wollens, die alle überströmte, er in die See hinaus, die Tag und Nacht die Fahrt umschäumte, neue Bewegungen, seinen Rhythmus und Zweck dem Schiff, den Schornen und der Flutung diktieren könnte. Er stand am Schalter, wies ihr die Spannungen, die Drähte, sogar die Klingelzeichen der unterirdischen Erregungen. Der Traum machte ihr sein Bild wahnsinnig. Gordon, der von Marokko bekannt, verfolgt war wegen Desertion, Aufruhr, Agitation, ging morgens neben ihr auf dem Verdeck, ließ sie das Spiel seiner Muskeln spüren, Feuer und Lust seiner Kraft, in diesem Kampf zu führen. Doch Di Conti gewann ohne Kampf, besaß mit Nichts. An ihm fand sie die Lösung. Er drahtete vom Schiff, diktierte, erklärte, schrieb, zeichnete Karten, sah auf, lächelte beherrscht. Gordon trat mit englischem Backenbart aus der Kajüte, ging geschnellt auf den Ballen, sprach deutschen Dialekt, hatte einen Steckbrief wegen Agitation im Heer. Raffaeli sah das Meer nicht, sah nach innen. Das eigene Vaterland ließ Di Conti kühl, es lag an der Peripherie, entwickelte sich im Lauf des Zentralproblems, fiel später unter Raffaelis Durcharbeitung. Er selbst zielte aufs Herz Europas, stach nach Paris, um von dort das Blut in den Körper des Erdteils zu treiben. Für die asiatische Welle hatte er Aufmerksamkeit, nicht mehr, empfing Depeschen aus Genf, lauschte auf Berichte der Vertrauensmänner, verglich, maß die Stadien der Siedespannungen am Barometer, verglich die Leidenschaft der Massen, gab Ordres, zögerte, tat einen Ruck, setzte andere Spieler ein. Zielte zuerst gegen den Kitt, die umfangenden Reifen, die Macht, das Militär. Rettete darum Gordon, der den menschlichen Bruch und Riß trug, im Persönlichen so schwach zu sein, daß seine Eitelkeit ihn in eigenen Dingen das allgemeine verleugnen, in jede Tollheit sich werfen ließ. Hatte die Organisation es aufzuschälen, die Schaukel dann aufzutreiben, die aus Jahrhunderten rotierende Gesinnung zu stürzen, Massen aufzuwerfen, gerecht die Erde zu nivellieren. Das Leid der Irren, Kranken, Sklaven, falscher Sehnsucht endete hier. Sein Paradies war willkürlich, geschaffen, diktiert, es kümmerte ihn nicht. Gegen Raffaeli hatte er die Kühnheit zum weiteren Schritt, die Gerechtigkeit zu verleugnen, um sie endgültig einzusetzen. Sein fachlicher Befehl, der Definitionen verachtete und aus der Berechnung, die tausendfaches Gefühl ihm geformt, sprach, war bestimmender als Raffaelis Glut. Er kannte nur kalt Herrschende und Blinde, die sich nicht befreien konnten, da ihre törichten Herzen die Erkenntnis zum Handeln nicht zu fassen wagten. Er trug darum die Verantwortung seines Entschlusses mit präziser Automatigkeit. Zwei Tage vor der Landung kamen Nachrichten von Gärungen in Lyon, am folgenden putschte Marseille im Hafen, in Nancy erschoß ein Unbekannter einen Oberst. Mit zusammengepreßtem Herzen, zitternd, sahen sie das Land. „Es ginge nicht ohne Sie“, verbeugte sich durch die Dämmerung Raffaeli mit Schätzung und Verachtung zugleich auf das Geld, mit dem er arbeiten mußte. Es wurde dunkler, Laternen blitzten. Di Conti stand an der Reeling, hielt ein Papier in der Hand. „Gott selbst könnte sich nicht widersetzen. Wagte er das Sinnlose, seine Welt liefe taub aus. Eine furchtbare Gonorrhöe.“ Er hatte den Kopf zurückgeworfen, sein Mund war blaß geworden vor Zusammengedrängtem. Die Nacht sprach er mit ihr zum erstenmal allein und lang. Sie ward erfüllt von dieser Stunde, daß ihr Leben sich verankerte in ihr. Nie verließ sie das, nahm Besitz von Blut und Kräften in einer Durchdringung, die fast den Mond und den Meerraum mit hineingab in sie. Bei der Ankunft wehte irgendwo eine Flagge. Ein Kind strauchelte und stieß Raffaeli. Der Portier hatte Briefe, nahm eine Perücke ab mit einem Zeichen innen. Drei Tage darauf meuterte ein Regiment in der Aube. Gordon wurde verhaftet. Di Conti schlug zu.
Als sie den Boulevard heraufkam, stand, die Hände über den Augen, Raffaeli an der Ecke. Sie nickte. Er verschwand. Um zehn Uhr betrat sie das Cafe Rue Guijas. Drückte sich bis zur Wand, schob die Achsel vor. Vier Frauen standen am Schießapparat, zielten, schnellten den Hebel, schossen für einen Sou die Freimarke zum Café für vier. Sie gelangte ans Büfett, ein Mann stieg vom hohen Stuhl. Sie kletterte, der Neger im Hufeisen ließ eine Tasse in der Schiene gleiten, ein Porzellan mit Gebäck, erhaschte sie mit einem Schielblick, schob einen Brief nach. Sie hatte Röte an den Schläfen. Sah fest nach dem Eingang. Während Mädchen an den Wänden hingen, sangen, plärrten, Queues das Billard umkreuzten, trieb trotz der Frühe eine Unterschicht herein, breitete sich aus, füllte heftiger, ein Zittern durchlief die Körper der Gruppen. Sie drängte weiter. Auf der Erde wieder wand sie sich herum auf dem Absatz. Der Ire stieß sie zur Seite, brach sich zum Apparat durch, griff den Studenten am Apparat, der, eingeschossen, gewann, an seine Brust, stemmte ihn hoch, warf ihn hinaus. Sie sagte etwas, fast laut. Ein Mann nickte. Ein Mann sah sie fragend an. Sie gab ihm einen Zettel. Sie hörte Worte, helle, gedämpfte, zischten vorbei, schlugen vorüber. Eine Gruppe löste sich, ward um sie ein Kreis. Sie kniff die Augen zusammen, sah in die Höhe. Stieß ein Weib an, versehens, neigte rasch den Kopf, beglückte eine Sekunde mit den Augen. Hob rasch die Lider, schloß sie fest, öffnete groß und sah dasselbe in dem Gesicht eines großen Mannes. Sie durchdrückte die Welle, die auch um die Dominotische schon brauste. Mimis saßen, setzten, bauten, die sie nicht kannte. Wie von St. Denis hierher die Kette heraufschwang, ihr Gefühl faßte, der Rachen aufbrach, schlang, wütete in diesem Fleisch, glomm Stolz in ihrem Auge. Sicher ging sie vorüber. Etwas schwankte von ihr wie Trost fest um den Tisch. Ihre Hände berührten Hüften. Eine Stimme drehte sich ihr zu, ohne Ton, heiser wie Blech. Der Mund war noch schön: Ly. Es bohrte hinter den glasigen Augen, faßte es nicht, schluchzte in der Gurgel. Das Hirn faßte das Gefühl nicht, sie heulte auf, erkannte Daisy nicht genau, wußte nur dies und dies und die, nichts Eindeutiges, bückte sich: „Gib mir zehn Sous.“ Sie gab. In der Bewegung der Hand erfüllte sie das Geben ganz zu Glück. Trat aus ihr hinaus, sie fühlte, daß in diesen Tag ihr Leben Fülle und Bedeutung erhielt. Zwei Männer hielten sie an, einer küßte ihre Hand. Sie hörte, während er sprach, Lys Stimme dahinter: „Combien . . .? Trapez mit dir — Sau von Geiz . . .“ Bleich vor Angst ein Preuße vor ihr, sie steigerte ihn über die Taxe. Sie löste sich, schon war sie darüber. Nichts drückte sie mehr. Glühend flog es auf in ihr. Am letzten Tisch verwirrte sich ihr Auge in einen Glanz. Le Beau stand gegen die Wand, ein Mann neben ihm, der auf sie zeigte. Durch Gedränge und Stimmen hielt ihr Atem, ihr Sichsehen fest. Das Gefühl floß, sie wußte, es würde sie immer verbinden bis in den Tod. Das erste Erleben des Blutes hielt sie zusammen, nichts wischte das weg, keine Tiefe. Ein Trauring lag um seinen Finger. „Ruiniert.“ Sein Auge war voll Geist, stolz. Über den Plafond strich es aus Jahren: Autos, Feste, das Haus des Boulevard Raspail . . . es lag zurück wie tot. Sein Blick tastete atemlos nach ihr, mißverstand die Pause, die sie ihm gönnte, bog eine Frage aus ihr heraus. Der Punkt, den sie festhielt, war der Eingang. Dorther füllte es sich mit einem Maß reifer und übermütiger Freude. Bleich sah er die Linie der Nase, zog die Luft nach, die sie zurückließ, ging mit dem Detektiv hinaus. Er hatte sie gesehen. Abgewandt, ihm gehörig, hoffnungslos. Sie aber, entzündet weit und hoch über ihm und seinem Lebenskreis, durchbrach die Barrikade von vier Männern, deren Leiber alles abhielten. Sie kam durch. Ein luftleerer Raum kam, ein Stern von Stühlen. Sie stellte sich daneben, kam endlich mit dem Rücken an die Wand.
Da begann ein Wirbel von der Tür her durch die Menge durchzufluten. Der Raum zitterte, die Luft kam ins Wogen, die Masse brach nicht. Eine Kette schob vorbei zu den Nischen, eh der Kern sichtbar ward. Sie wurde gegen die Wand geschüttelt. Fester sog sie sich an dem Eingang fest, mehr glühte ihr Auge dorthin, ihr Leib streckte sich unmerklich in diese Richtung. Dabei drehte die abgeschobene Kette neben ihr um, es gab freieren Raum, im Vorbeihuschen sah sie einen Augenblick Philippes Gesicht. Zum erstenmal grüßten sie gegeneinander wieder. Da sie nicht mit Worten dastand, unter denen sie litt, sondern wie an keinem Tage heute zur Höhe getrieben, entflammt, kam einen Augenblick Triumph in ihren Mund. Doch sie hielt ihn nicht. Wurde sanfter in den Lippen. Was sie erfüllte, gab ihrem Hochmut Duldung für ihn. Er hatte sie schauen gelernt, die Liebe gezeigt. Sie sah ihn abgeglitten von der steileren Aufgabe, rechnete nicht mit ihm, der sich lächelnd nach innen hinein abwandte . . . Schon löste sich ihr Auge hiervon. Im Vorderteil hob sich Tumult. Die Mitte drehte sich in einer Spirale, durchdrang sich. Aus der Eingangstür kamen Kommandos. Sie reckte sich ganz hoch. Bestimmungen erschollen. Parolen. Ein Schild schwankte. Meerhaft wogte die Gruppe. Noch höher, unbedingter wuchs sie in die Richtung. Häusernamen kamen herüber, scharf die Straßenreihen. Arme hoben sich. Die Masse zuckte auf, riß, ein Gang wölbte sich. Langsam trat ein häßlicher kleiner schwarzer Mann heraus, es traf sie das Auge Di Contis.
In ihrer Hand lag der Brief. Er las nicht, nickte, sprach schon zur Seite. Nur wie er zur Uhr, hastig und scharf, sah, bewies ihr, wie heftig er sie erwarte. Sie ging. St. Sulpice schlug halb zwölf. Quetschte sich durch die Haufen, eilte, bog in Rue Monsieur Le Prince. An der Ecke kam in das Fliegende, Stolze in ihr eine Traurigkeit, die ihr Gesicht rötete. Sie ging durch den sonnenleeren Garten, durch die Wolke Karbol. Stand an Renées Bett. Die Schwester beugte sich darüber, nahm ein Tuch weg. Das Gesicht im Krampf zerrissen, in der Mitte eine Höhle, aus der pilzig Fleisch wucherte. Die Lider fielen Daisy, sie suchte einen Ton. Fand keinen Ton. Die Schwester suchte Renée zu wecken. Unmöglich seit Tagen. Sie atmete, stank, sprach nicht mehr. Drei Jahre spannten sich von dem Gesicht zu dem ihren. Wie sie sich bückte, blitzte der Glanz vor ihrem Auge, mit dem, unvergleichlich und bezaubernd in der Schönheit der Beine, Renée die Hüfttänze in Genf gewiegt. Sie sah das andere nicht mehr, bog sich tiefer, mit dem Mund zum Ohr: „Es wird gut sein, Geduld.“ Malte, schilderte, versprach, hörte nicht auf mit der Tröstung. Aber Renée hörte nichts, sperrte röchelnd den Mund kreisrund, roch nach fauligem Gewebe. Sie sprach weiter, sah verzerrt plötzlich das Gesicht, schwieg langsam, drehte um. An der Tür hielt eine Hand ihren Rock, aus dem Kopf eines jungen Mädchens traf sie ein verzweifelter Ausdruck: „Zu mir?“ Zwei Augen kehrten starr enttäuscht, zur Decke zurück. Es traf, verwundete Daisy nicht.
Schatten fielen aus den feuchten dumpfen Gassen, in Lücken glitzerte gewitterig die Sonne. Sie spürte das Stück Schuld, das, neben der Welt, sie an diesem Kadaver trug, aber wie alles Elend dieses Tages löste es Freude in ihr, trieb in ihr hinauf, denn sie empfand es als Ende. Von hier begann das Glück. Freude ging über ihre Zunge, Verantwortung und Glaube machten eine Sicherheit in ihr, die undurchdringlich ward. Gordon befreit, Kasernen gestürzt, europäische Mauern gesprengt . . . neue Beziehungen trafen von Herz zu Herz. Es kam als Strom, sie empfand Contis Herz. Sie empfand, wie er sie besaß und erhob. Eilte, fing alles Unglück ein, nahm es mit, verarbeitete es . . . nichts konnte es antun ihrer Entzückung. Keine schöne Taube würde sinnlos zerstört, kein Schoß zertrümmert, kein Wahnsinn herrschte, tat Unrecht, verdarb, sie kämpfte sich weiter auf den Boulevard, traumhaft befestigt in klarer Ruhe, machte Bogen. Die Straßen hingen voll Gedränge. Um Eins kam sie Rue Guijas, sprang in einen Wagen. Sie hörte Erfolg. Streiks im Borinage, in Brest, in Perpignan, auf der Loire. Unruhen in Bordeaux. Eine rote Fahne auf Marseille. Sympathieausstand in Mailand. Meuterei in der Dauphinée. Sie bückte sich, legte die Stirn auf das Hebelrad, nickte, küßte Contis Hand. Um Zwei begann die Demonstration.
Der Verkehr stockte. Um halb Drei sperrte Gendarmerie die Eingänge der Seitenstraßen. Die Seitenstraßen standen gepfropft mit Menschen. Der Boulevard stand kilometerweit schwarz. Fahnen zeigten die Kolonnen. Plakate riefen das Volk auf. Eine dünne Kette Polizei stand zwischen der wogenden Masse des Boulevard und dem Druck der Nebengassen. Um drei brach die Masse los. In der ersten Reihe Gordons Bild. Malerei gegen die Legion. Hinter den Führern mit Schärpen Di Conti. Der Zug schwankte, zog langsam zum Montparnasse, machte eine Schleife, stand um Vier wieder am Observatoire, eine Lawine. Um dreiviertel Vier waren die Häute gerissen, die Gendarmerie überschritten. Alle Seitenstraßen mit hermetischem Druck in den Boulevard hineingeplatzt. Die Masse brodelte an der Spitze. Einer sprang vor, reckte etwas, immer höher. Es schoß los.
Alte Gesichter kamen, junge kamen, Weiber. Straßenbahnwagen, hunderte, hintereinander, besät. Automobile dazwischen. Ohne Musik. Schritte gingen in dem Boulevard, vereinigten sich, gaben einen einzigen Ton, der sich band, hallte, brauste. Die hellen Normannen, ehemalige dunkle Soldaten, die Kokotten der Hallen, Apachen mit Tüchern, Araber, Studenten des Quartiers gingen in dem sausenden Ton. Er ward dumpfer in der Tiefe, schlug hinauf die Häuser. Die Straße vor dem Zug war ausgestorben, glühte. Vor dem Zug schlossen sich die Fenster, Läden der Verkaufshäuser rasten herunter. Die Kolonnen drängten sich, verbogen sich, kreuzten Rue Monsieur Le Prince, Rue Guijas, Rue des Etrangers. Aus den Gassen bohrten Keile herein. Ein Knabe von einem Baum schrie: „Es lebe die Freiheit.“ Eine Lawine kam vom Luxembourg. Der Zug stockte, verdunkelte in der Gedrängtheit, löste sich ein wenig, ballte sich tiefer zusammen. Verfing sich in sich selbst, hing wie ein Haken im eigenen Fleisch. Sie brüllten sich zu: dein Kopf, deine Hand, die Schulter. Hand hing so dicht an Hand, daß sie sie nicht rührten. Eine Wolke Schweiß brach aus. Zwei große Fahnen flaggten über sieben Etagen herunter. Sie lasen die Inschrift, eine donnernde Stimme rief über den leeren Raum die Straße herauf etwas, das die erste Woge traf, sie bäumte. Die Häuser zitterten unter dem Druck, in oberen Stöcken klirrten die Scheiben. Die Fahnen hingen starr herunter, erregten, die Stimme ward lauter. Da brach die Masse, fast schreiend, schwankte, mußte nach vorwärts, dehnte sich auf die Seite, daß der Stein an den Hüften knirschte, bewegte sich, flutete. Laternen standen, Bäume im Weg. Eine Sekunde zitterte die Barriere. Dann gingen die Kolonnen als Fluß, strömten, unwiderstehlich. In ihrer Mitte hoch, vor den Wagen, den Autos, schwankten die Laternen, Bäume. Reißend goß es sich auf die Place St. Michel, füllte sie voll und rund.
Di Conti sprach.
Die Kühle war gerissen, die Flamme schlug vom Denkmalrand. Der Donner machte das gefüllte Platzbassin totstill. Er bückte sich wie ein Ringer, stieß den Arm zum Kreis, zwang die Stille noch tiefer herunter. Sprach. Formte im Reden die Gesichter unten, zerrte sie auseinander, wischte sie aus, entleerte sie. Riß sie rasend hinauf, verklärte sie langsam, füllte begeistert an. Zog die Reihen, sanft einander verschmolzen, dichter heran. Wuchs. Stieg höher, stand am oberen Rand des Denkmals, bog den Nacken zurück, rang einen Augenblick die Hände, entfaltete sich mit einer ungeheueren Bewegung, zog die Masse mit auf, warf sie auf, über sich ihre Herzen, stemmte sie höher, fabelhaft sich entfaltend, hoch die Arme geschleudert, wankte und wuchs mit der Last, die er hielt.
Sprach.
Ging auf der schmalen Leiste des Bassins hin und her, atmete wie ein Pferd, zog die Menge im Krampf zusammen, quetschte sie aus, hieb das Bittere in ihre Visagen, machte Drohung, bestürzte Wut aus den Mäulern, donnerte, roch den Zorn aufgeballt. Faßte rückwärts, packte hinter sich den Kopf der Chimäre mit beiden Fäusten, fiel nach vorn, schräg, kam näher, tief herunter mit dem Gesicht gegen die Masse, war fast bei ihnen. Einigte sie in eine atemlose Pause. Sprach. Warf die Drohung aus den Augen. Scheinwerfer zuckten die Sätze. Sprach. Sie drangen in die Herzen. Sprach. Sie drangen durch die Kleider, die Hemden, die Röcke, trieben in die Pulse, gaben sich von Leib zu Leib. Das Blut bekam eine Bahn, einzige Wärme, gleichen Schlag. Floß den Boulevard hinauf, löste, machte Spiralen, schlug aus, blühte aus jeder Haut. Die Lawine brach los, Stöße kamen herunter, keilten gewaltig, drängten den Platz ab bis zum Kordon. Dort stemmte es sich zurück. Conti sprach. Die neue Woge wälzte heran, erstarrte. Sprach. Die Hände Schallbecher vor dem Mund. Erreichte größere Distanz, durchmaß mehr Menschen. Es rollte herunter vom Montparnasse. Daisy hielt mit beiden Armen am Sockelstein sich, die Beine wurden mitgerissen, der Leib drehte sich, die Augen kamen zum Himmel. Sie sah Di Conti, lächelte, faßte wieder Fuß. Der Druck der Dreikilometersäule platzte den Pfropfen, schmiß viertausend gegen die Seine. Conti sprach. Warf sich in die neue Welle, inbrünstig, verzehrte die Kraft, warb, zerfetzte, diktierte, sänftete, riß die Herzen plötzlich steil, unnachahmlich erschütternd, hoch, über sich mit beispiellos schmerzendem Ruck. Die Säule stieß weiter vom Boulevard herunter, warf, schoß die Menge vom Platz, stürzte sie gegen die Massen vor dem Kordon, Bäume, Laternen kamen über den Kolonnen gegen die Seine an. Stießen den Druck unaufhaltsam weiter. Gegen den Kordon Gendarmerie.
Er verschwand unter ihren Füßen.
Das Ufer herauf, rechts, links, ritten Kürassiere, Haarschwänze vom Kupferhelm auf dem Rücken tanzend, Karabiner auf dem Schenkel, warfen sich vor die Brücke, bewachten vor der Emeute des linken das rechte Ufer, das Herz der Stadt, Boulevards der Bourgeoisie. Die Wellen kamen, gedrängt, gedrückt, spieen heftiger an, schlugen wider die Gäule. Sie riefen: „Camarades, Freiheit, Hunde, Hunde.“ Sie sahen in die kleinen dunklen Löcher, auf das Metall der Drücker. Der Stoß in ihrem Rücken stürzte sie in Massen gegen die Pferdeköpfe. Ein Pflasterstein flog. Es knallte. Steine stoben durch das Licht, sausten. Eine dünne Stimme rief: „Tirez.“ Die Kürassiere zitterten, die dunklen Löcher hoben sich über den Schenkeln höher, steiler, feuerten in die Luft. Vom Blut der Stürmenden ging es hinüber auf die anderen, durchdrang sie, säugte sie. Die dünne Stimme schrie wie ein Triller. Ein Mann gab einem Soldaten die Hand. Die Säule stieß durch, ein ungeheurer Schrei. Körper an Körper gedrängt, Soldaten, Arbeiter, hatten einen Sinn nur, eine Richtung, gleichen Herzschlag. Ein spitzes Winseln, sie steckten brennende Zigarren dem Gaul unter den Schwanz, der Unteroffizier zeigte ein kalkweißes Gesicht, das Tier klatschte hinunter ins Wasser. Gäule zerstampft. Fraternisierend strudelte die Masse, wälzte über die kupferrote Abendbrücke in die Stadt.
Vom Brunnen fiel Di Conti, einen Schuß in der Weiche. Von der unteren Seineseite durchstach eine Kompagnie von hinten enge Gassen, kam seitlings auf den Platz, trieb einen Keil in die dünne Masse. „Weg du“, schrie ein roter Bart. Eine Frau hielt vor Schmerz blaß die Hand zwischen die Knie. Die Masse floß in den Brückenstrudel, abgelenkt, gerissen. Das Denkmal ward umzingelt. Di Conti aufgehoben . . . hinter Bajonetten gesichert. Daisy warf sich auf ihn. Sie schlugen ihr eine Koppel auf den Kopf. Sie konnte die Hand nicht rühren, ließ nicht nach, biß sich in seinen Rock. Ein Druck kam auf ihren Kopf, das Gesicht von ihr ward schwarz, noch einmal flüsterte sie: „Conti —.“ Die Masse begriff, schäumte auf, warf sich herüber, gegen den neuen Kordon, feuerte ihn zurück, Daisy ward zurückgetragen. Conti schleppten Soldaten durch die Gassen in die Métrohalle. Zu spät.
Aber er lebte. Zwei Tage war Daisy irrsinnig. Dann empfing sie. Kühl, Dame, Freunde nahmen ihre Hand: „Wir werden ihn befreien.“ Deputierte sprachen: „Wir werden ihn befreien.“ Der Schlag der Masse pulste herauf zu ihr: „Wir werden ihn befreien.“ Sie hörte, die Verwundung wär leicht . . . Ihm werde des Volkes Stimme dauernder Ruhm. Sie reckte sich, steif, ging zurück, lachte. Ruhm? Bot man so Geringes? Glaubte jemand, dies sei ein Wort für dies Gefäß? Maß für diese Tat? Dies Geschenk für Narren und Kinder wagte Geschwätzigkeit hinzugeben für Blut? Behängte diese Maske ihn nicht zum Komödianten . . . stand sein Gesicht doch, das schlicht nur dem Ganzen wirkte, brüllend und wie aus Marmor vor dem Gewissen der Macht. Sie winkte ab, ging auf und nieder, steckte die Hände in die Taschen, die Augen im Dreieck. Ein eisgrauer Glanz kam aus dem Blick. Hinab mit Geschwätz und Trauer. Eins war zu tun, das Ziel erreichen, die Leistung verdoppeln, Angriff steiler schrauben, unbedingter sich mühen. Di Conti mußte frei sein. Hierfür war zuerst zu leben. Sie nahm es auf sich. Allein. Ging einen festen graden Weg.
Die Lichtflut stieß Breschen ins Dunkel. Die Seine floß gläsern unten. Sie sah einen Schatten, er löste sich von der Pforte und glitt an ihr vorbei. Sie drückte ihre Hand fest in seine, das Papier knitterte. Ein Wachtraum im Keller sprang auf, dreigezackt brannte ein grünes Gaslicht schmetternd gegen den Kalk. Sie legte ihre Hand auf den Tisch. Als sie sie zurückzog, blieb etwas.
Sie trat in das Büro ihrer Gesandtschaft. Sie ging durch drei Räume. Ihre Karte lief vor ihr. Fünf Minuten sprach sie mit einem eleganten Herrn mit exotisch flimmernden Augen. Sie gab ein Telegramm auf an ihren Vater. Darauf gab ihr der Herr seine Karte mit einigen Worten.
Damit fuhr sie die Champs Elysées hinunter, Bäume streichelten die Luft, Helligkeit und Süße wob in den Zweigen. Sie fuhr darunter hin, unbeteiligt. In einer Schleife glitt der Wagen ins Riesenbassin der Concorde . . . der Wagen glitt, bog, hielt. Über die Teppichstufen des Ministeriums. Aufgehalten, mit der Karte durchbrechend, gehemmt, vor Achselzucken, lächelnd, die Karte vor sich . . . sie stand in einem Salon. Ein schöner Mann im schwarzen Schnurrbart, der elegisch das Kinn rahmte, trat ein, stutzte. Sie ging mit raschen Schritten an den Tisch, legte ein Bündel in perlgeschmücktem Etui auf die Kante. Sein Blick leckte nach ihrem Hals, zögerte, fiel auf den Tisch, er verneigte sich, stieß eine Tür auf. Ein größerer Salon. In der Mitte eine Jungfrau, die auf einem Brabanter ritt. Die blaue Seide der Wände, der geschwungenen Stühle verwirrte, sie lernte die Teppichmuster, sagte immer ein Wort, ein Wort, ein Wort. Eine Stunde. Ein grauer schmaler Herr trat ein, hinkte, ein Monokel an schwarzer Schnur flog ins Auge. Er war nicht groß, kam langsam näher, äugte, bis er genau sie sah, schob mit drei Fingern einen Lehnstuhl zurecht, indem er ihn kaum berührte. In seiner mageren Hand spielte ihre Karte, er las, sah ihr mitten ins Gesicht. Blut schoß ihr auf unter dem jähen Anprall. Er sah auf die Erde neben seinem Schuh: „Ausländer? . . . Italiener . . . in der Tat.“ Sie sah nur seine Brauen. Er notierte den Namen, flüsterte ihn nochmals, stand auf, ging ans Fenster, trommelte mit den Fingerspitzen ans Glas, murmelte, sah auf ein knallendes Buchenholz im Kamin zerstreut. Die Lippen Daisys saßen wie Tiere aufeinander, die Brauen seidenschmiegsam ineinander sich wölbend. Er trat zurück. Ein drittes Gesicht sprach mit ihr, die Stimme schlürfte etwas, stieß an die Zunge, die Handbewegung voll zarter Höflichkeit. Er führte immer, sie folgte. Lauernd. Erschreckt. Er blieb gleich. Kanadische Jagd, die Quadrille Fribaurts, er kannte es. Versailles wuchs zwischen seiner Geste, schmeichlerisch, mit Märzwind. Eine Fahrt über St. Malo. Er neigte das Kinn: daß die Oper Ballette belebe, welcher Zug. Er stand auf, ging zum Fenster, elastisch in dem Knie, hinkte nicht — ob ihr Wagen warte, Pelze darin seien. Setzte sich wieder, ruhig, besorgt. Sie wartete, faltete die Lippen, daß es käme. Er spielte, lauerte, führte herauf, hinunter, eilte, pausierte, sie sah sein Gesicht nicht. Seine Grazie schmeichelte sich in ihre Haut. Plötzlich schlug er die weiße Hand, die nicht welk war, laß gegen das Knie, der Kopf fuhr auf, sein Blick prallte ihr wieder ins Gesicht. Sie stand auf. Er hob sich halb: „Wann darf ich den Wagen senden?“ Sie knotete die Hände: „Neun Uhr.“ Er läutete, als sie sich schon wandte, ein kakadufarbener Page öffnete geräuschlos eine Tapetentür.
Vierundzwanzig Stunden vorher speiste Conti, verdrehte die Iris, schwankte, bekam Kälte in die Finger, Blei in die Knie, verzerrte die Zähne über die Regie der dritten Republik, die selbst die Einrichtungen der Küche pragmatisch ordnete. Als Daisy morgens heimkam, war Di Conti tot. Sie kam hin mit einem Gehenlassen der Glieder, das alles hinter sich hat, abgeschüttelt, selbst ohne Erkenntnis und Bedeutung des Opfers, innerlich lediglich gerichtet auf das Ziel.
Sie bog die Lippen tiefer, versteinte an den Schläfen, zwischen Wange und Mund. Was konnte noch kommen? Ein Telegramm Fidleys: Pa tot. Sie legte das Papier auseinander, legte es zu dem anderen, frühstückte, badete, ließ sich massieren. Fuhr in den Luxembourg, fuhr zurück. Am Abend in die Oper, Verdi rauschte, Sommerhimmel erbrausten, sie speiste, schlief. Stand auf am Morgen. Nichts war zu schlagen. Je mehr sie spürte, was sie verlor, um so ungeheuerlicher fühlte sie aus sich brechen das Bewußtsein der Stärke und der Sammlung. Allein nun empfand sie, wie gefüllt und selbst sie war, voll, traubenhaft geschwellt, ausbiegend aus ihr mit einer Glut, die sie erblaßte. Di Conti war in ihr, mehr heute als je. Geballter als im Menschlichen. Unverlierbar. Vermächtnis besaß sie, beherrschte und durchtrieb sie unausdenkbar an Berufung. Sie ging gestärkt, wunderbar entzügelt. Eine Ruhe umgab sie, die den Schmelz der sehnigen Schenkel und das flimmernde Spiel der Hüften unter der kleinen Brust begehrenswerter, zarter heraushob. Sie verlor kein Glück. Sie besaß sein Werk.
Pa tot. Fidleys Telegramme, Weisungen stäubten. Es geschah am Horizont. Syg einem Mann gefolgt. Es geschah in der Ferne. Ihr Mittelpunkt blieb unerregt. Der Körper hielt stand. Der Geist sah manchmal Bilder. Raffaelis Bruder, Arzt, sagte, wünschte, befahl Erholung. Sie machte eine kindliche Gebärde. Er verstand. Sie wurde klug verführt. Sie fuhr mit Briefen, Papieren Contis zu Freunden nach Kopenhagen. Der Platz der Zusammenkunft war leer. Die Fahrt im Zug war dumpf, ausgespieen fuhr sie, allein, dennoch voll Glut. Sie mußte weiter nach Christiania. Nach zwei Tagen stand sie am Hafen, traf Fribaurt nach einer schmerzlichen Sitzung. Er fuhr mit der Segelyacht nach einem ungewissen nördlichen Punkt. Sie nahm es sofort. „Ich komme mit.“
Die Tage füllten sich mit dem und jenem, Ungenauem, doch ungeheuer in der Berührung mit schrankenloser Natur, Menschen, deren Geist abgewandt war, mit denen der eigene sich schön traf beim Rauchen, dem Reffen der Leinen, Hinaussehen auf glatte See bis zu entfernten Dampferwolken. Inseln kamen. Riffe türmten sich wie steigende Esel. Gedörrte Fische hingen an den Felswänden, wie sie die Ufer hinausfuhren. Granit, Urblasen erstarrt, schaukelte bunte, rote, grüne Häuser wie Spielzeug. Auf den Klippen saßen Rypen: „ka . . . bauh.“ Schneehühner: „j . . . ak — j . . . ak.“ Es rauschte. Ein Kreis mit heißen Wallungen bäumte um sie. Sie badeten in einem Fjord, abends ward das Wasser papageirot. Jerkins, Christianias größter Jäger, stieß auf ein Signal mit der Kupfertrompete dazu. Kam mit Schneeschuhen aus dem Gebirge. Stunden, ehe er einlief, sahen sie ihn im Glas oben wie ein metallenes Insekt flitzen in Stemmbogen und Telemarks. Ein Tal kam aus den Felsen gegen das Meer geflossen, grün, schwärmerisch. Sie übernachteten im Dorf. Am Ende, eingekeilt, schon zur Ebene zu, hing über Sandwüsten ein weißes, Licht schleuderndes Haus. Jerkins führte im Bogen heran, sein Finger überschrieb die Gegend: „Nördliche Lepra“. Der Kreis war verseucht. Er zuckte die Achseln unwillig, sah Daisy ins Gesicht, führte sie dennoch heran. Zerfressene Gesichter sahen aus den Fenstern: „Hüten Sie sich.“ Ein Schrei. Sie gingen zurück, warfen den Fock aus. Das Morgenwasser zischelte . . . Die Nordsee leckte gierig, blau an Lee. Die Windtrommel saß in dem Segel, schmetterte.
„Geh in meine Kajüte.“
Der Schiffsjunge schloß die entzündeten Augen, kroch in die Kabine und schlief sich aus. Sie lag unter dem Segeldach und gab statt seiner acht. Das Steuer war angebunden, die Luft ging ganz stät. Die Lappin wurde aufs vordere Verdeck gerufen. Die Sonne malte auf den Holzplanken. Fribaurt und Jerkins lagen auf dem Bauch. Das Weib mußte sich legen, äugte schielend mit schrägen grünen Augen nach Daisy. Sie spielten Karten, lernten die Lappin zum siebentenmal an, schlugen Atouts auf den Boden, das Weib lauerte, bekam einen Rippenstoß, zuckte, legte klatschend mit fetter Hand ihre Karte nach. Die Segel schlappten plötzlich, klatschten hohl hin und zurück zum Großbaum . . . eine Musik umschwirrte sie . . . eine Wolke Papageitaucher, die wie Rypen zirpten, flog eilig nach dem Land. Jerkins schoß, auf dem Rücken liegend, eine Möve, die hinter ihnen her war, fischte sie herein, zog ihr, die schrie, Kopf und Atlas ein wenig auseinander. Vorbei. Er fuhr mit der Hand in den orangegelben Flaum und ließ die Federn einzeln zu Daisy fliegen. „Schöne Frau von der Seefahrt.“ Fribaurt sang mit dunklem Bariton. Der schaukelnde Wind ließ nach, das Meer ward tierisch faul, eine Brise kam, schwand. Sie lagen still. „Welche Harmonie,“ gähnte Fribaurt, stieß einen Pfiff aus, hielt die Shagpfeife in der Hand und warf die Karten auf, „wir haben maßlose Zeit, meine Freunde.“ Das Segel aufgerefft, die Lappin in Hosen an der Gaffel mit klebriger Behendigkeit . . . der Tag stand still. Fribaurt band ein rotes Tuch um den Kopf. Jerkins hob das Weib hoch, legte es wieder auf den Bauch. Dann bluffte er wie toll, verlor einen Haufen Geld und lachte, bei jedem Verlust aus Vergnügen. Fribaurt lächelte ein Diplomatengesicht: „Zu grob.“ Er legte auf: „Street.“ Die anderen warfen zusammen, zuckten die Achseln. Plötzlich schob Jerkins auseinander, runzelte die Stirn, griff hinüber, legte die Karten der Lappin nebeneinander: „Zu früh . . . zu schick . . .“ er bog sich vor Lachen über Fribaurt. Umgewendet: „Die Sau . . . die Sau . . .“ Die Lappin kroch ein Stück davon aus Angst auf dem Leib. „Was hat sie?“ Jerkins hob die Hand von der Kartenflöte. Sie wälzten sich zu zweit: „Royal Fluch.“ Fribaurt zur Lappin geneigt: „Süße Freundin, welch verschwenderische Tollkühnheit des Glückes . . .“ Jerkins teilte aus, schaute zu Daisy: „Die phantastische Quote . . . und hat es nicht gewußt.“ Weißbrüstig hing eine Brise vor dem Meer. Geigen im Baum, ein dunkler Frühstrich vor ihr her wirbelte das Meer mit einem bläulichen Schatten, der Bogen sauste heran. Jerkins sprang auf, leierte am Großschot, die Lappin ließ das Segel zwischen zwei Tauen herab, Jerkins wickelte, machte einen Schifferknoten mit den Daumen, das Segel wechselte, flog hinaus . . . der Stoß kam und erzitterte jeden Nagel, Fribaurt schmiß das Ruder herum, tänzelnd lief das Boot, sie kamen dem Ufer näher, die Gaffel wechselte . . . nun fuhren sie in der Windschwankung parallel.
Das Ufer neben ihnen, ein hoher Damm, scharf vor den Himmel gelegt. Auf ihm fuhr in gleicher Linie wie sie ein Pferd. Es zog ein Karreol, flach und groß wie ein Kanoe. Drin saß ein Mann. Sie fuhren nebeneinander. Fribaurt deutete mit der Spitze der Pfeife nach ihm. Der Wind zog stärker. Die Blase des Segels neigte sich schaumig gegen das Wasser. In silbernem Regenbogen hing eine Springwelle an Lee. Sie starrten hinüber. Es war, als bewege sich keines, nicht sie, nicht das Pferd, . . . als blieben sie festgehaftet wie Brennpunkte in dieser Ovalen von Himmel und See. Fribaurt zog die Augen zu Schlitzen zusammen. Jerkins, die Hände vor dem Mund, die Brust aufgesogen wie ein Schwamm: „Hall . . . lo . . . o!“ Sein Organ schlug den Wind mitten durch und traf drüben auf. Der Wall schickte vier Echos herüber. Keine Antwort von dem Mann. Jerkins quoll blau am Hals: „Hallo . . . y . . . lo!“ Eine Pause zitterte, die dünnen Echos quirlten . . . dann kam die Antwort, kalt: „Holla!“ Jerkins stand am Großbaum, klemmte die Wange ans Holz. „Haltet Ihr die Wette nach Aarvik?“ Sie lauschten. Dann eine schneidende helle Stimme: „Am Arsch.“ Sein Pferd sprang über eine Wolke, Staub ringelte sich in einer umgelegten Säule hinter ihm. Der Damm bog landeinwärts, eine rötliche Spirale. Daisy verstand nicht, was er norwegisch rief. Sie sah nach Jerkins. Er machte ein verschlossenes Gesicht. Der Schiffsjunge fletschte ein Grinsen von Ohr zu Ohr. Daran verstand Fribaurt die Antwort. Sein Schnurrbart zuckte, er wandte sich zu Daisy und lobte die Farbe der Mövenfedern.
Jerkins warf das Ruder herum, halste, das Ufer zog sich tief zurück . . . um eine Halbinsel, einen kleinen Fjord. Der Berg hob sich von zwei Seiten. Auf der jenseitigen mitten in der Spirale peitschte der Fahrer sein Pferd, am Ende des anderen Abfalls lag unten Aarvik. Sie warfen Anker, gingen im Beiboot ans Land. Ein helles Wirtshaus mit einem Garten, die Terrasse mit Bäumen, dahinter die Ebene vom Morgen . . . die flimmerte . . . unten am Fluß mit roten Dächern Aarvik . . . idyllisch unter dem Berg. Auf seiner Spitze hob sich eine Flamme Staub, das Pferd kulminierte, die Karriole kam in die Schleifen des ihnen zugewandten abfallenden Teils, verschwand in einer Schlinge. Nach einer Viertelstunde klapperte sie an hinter dem Haus. Ein Schock Matrosen lungerte um die Kneipe, graue Zipfelmützen im Nacken. Der Wirt schmiß sie heraus. Sie drängten nach. Einer stieß mit dem Knie einer Magd in den Hintern, sie schrie: „Dumme Schicksen.“ Der Wirt zeigte auf ein Holzbrett, sie schüttelten die Fäuste. Er nahm es herunter, hielt es sich vor den Bauch. „Ein kleines Faß,“ schrieen sie, „wir scheißen auf das Verbot.“ „Dåd og Pine . . .“ mit Knie und Faust drückte sie der Wirt die Steintreppe runter. Sie maulten, einer zog den Wirt an einem Westenknopf neben sein rothaariges Gesicht und flüsterte in sein Ohr. Der Wirt brüllte auf, stieß ihn in den Magen, daß er wie ein Messer einknickte. „Kotzt Lumpen“, seine Zunge hing raus vor Wut, er trat dem Mann auf die Schenkel, der sich verkroch. Da fuhr die Karriole auf den Hof. Sie sahen den Aussteigenden nur vom Rücken. Er schrie durch den Radau, seine Matrosen rieben sich die Hände an den Hosen. Er rief nach dem Weg über die Brücke. „Abgerissen.“ Wieder gab es einen kurzen Krach, da die Matrosen sich beschwerten. Der Wirt dienerte. Zwei der Leute schirrten den Gaul aus. Der Geprügelte riß plötzlich dem Wirt die Hosen auf die Knie. „Had djävelen . . . ich schlag dir in die Fresse.“ Die Matrosen gröhlten, steckten die Hände in die Taschen und johlten, bewegten sich mit den Hüften vor und zurück. Ein Faß rumpelte. Der Fremde winkte, die Matrosen kicherten und verrollten sich langsam. Der Wirt verzog das Maul, stellte das Brett zur Seite, schielte giftig zu den Abtrollenden. Der Fremde warf seine Gamaschen einer Magd zu. „Hafer . . . mir ein Bett . . .“ Der Gaul hob den Schwanz und strich einen großen Furz. Die Matrosen quakten herüber, schlugen sich die Schenkel vor Lachen. Der Fremde sprang ins Haus.
Jerkins schlenderte, die Hände in den Taschen, ins Haus, kam zurück. „Wer?“ fragte Fribaurt. „Sven Mair.“ Daisy bog sich zu Fribaurt: „Wer ist Sven Mair?“ Fribaurt lächelte mit dem Schnurrbart, strich seine Hand mit der anderen: „Jerkins Feind.“
Die Zimmer lagen nach der Seite des Flusses. Eine lange Nacht voll Geräusche. Die Hunde bellten, wurden plötzlich still. Aus dem Bootshaus soffen die Matrosen in die Gegend, sangen, rollten langsam in ihre Kabinen. Kurz die Stimme des Fremden unter seinen Leuten, dann Stille wie Blei. Das Meer stand in uferlosem Schweigen. Die Felsen kühl und geheimnisvoll über dem Wasser, panische Stille . . . sie schloß unter ihrem Druck die Augen. Stunden gingen. Schlaf und Wachsein verschwebten in einander. Plötzlich riß sie wilder Spektakel auf. Sie eilte ans Fenster. Zwei Karriolen rollten vor das Haus. Die Nacht war weiß. Kupfriger Schein spann über die Landschaft. Drei Burschen bläkten die Zähne, schrieen:
„Sven.“
Schritte gingen über ihr, die Gesichter schauten hinauf. Ein Pfiff, ein gedämpfter Ruf von oben: „Skideriks.“ Sie grinsten nach oben. Ihre Nasen, ihre Ohren, die Farbe der Augen — alles sichtbar. Angelgeräte auf den Wagen, die Pferde bissen schaumkauend auf dem Eisen. „Sven . . .“ Da trat er heraus aus der Tür unter ihr, ein Schatten lief vor ihm rasch über den bläulichen Boden. Er hatte Lachszeug über der Schulter, schmiß es in seine Karriole, krempte die Hosenbeine bis zum Bauch, nahm zwei Pferde, trieb sie in den Fluß. Schreiend warfen die aus den anderen Karriolen sich auf die Gäule. Der Fremde drehte sich um, sah nach dem dritten Gaul, bis an die Knie im Wasser. In der Helligkeit sah sie sein Gesicht. Da wuchs aus der Nacht der Schlag, hieb besinnungslos in sie, stürzte wie eine Feuersbrunst zum Herz:
Dies Gesicht ähnelte Caspare Symes.
Sie ging vom Fenster zurück, fiel mit dem Rücken auf das Bett, hörte Pferdegeplätscher im Wasser, zwei Rufe, bleierne Stille. Im Plafond über sich sah sie das Gesicht. Sie warf sich herum. Eingebrannt im Boden glühte es sie an. Sie starrte durchs Fenster. Es füllte den Rahmen, peitschte sie auf. Erschöpft sank sie in die Kissen, schloß die Augen. Da stand es innen in den Lidern mit einer Zärtlichkeit des tiefsten Schmerzes und sah durch die Iris ihr in die Brust. Ihr Herz zog sich zusammen. Stunden, die sie lag. Kämpfte mit dem Kopf. Derselbe Ausdruck in seinen Zügen mit dem Unbekannten, der im Traum ihren Bauch umschlungen in der Nacht Le Beaus, im Traum des Hotels neben Renée. Mit tödlicher Schärfe riß ihr Dasein herauf, sie erkannte die Rechenschaft über ihr eigenes Lebens, die er brachte, kannte, forderte, ungestüm. Er schlug als Zentrum in den Kreis, den sie gelebt. Kein Leid, das sie gelitten, ohne daß es bestimmt war für dies. Keine Sehnsucht, keine Handlung, die nicht zielte in diesen magischen Punkt. Er hob sich, als sie am entferntesten schien, und wie von einem Wellenbrecher rauschte ihr Leben davor zurück. Nichts blieb außer ihm für sie: Dinge eitel, Menschen verworfen. Das Meiste umsonst getan. Höllischer Schmerz verzehrte ihr Auge, ihr Blut. So unerbittlich klar stand in dem Kontur das Glück, Bestimmung des Leibes, der Sehnsucht unerfüllbar, nicht erfüllt seither, . . . sie schrie um Gerechtigkeit, starr, ohne die Glieder zu bewegen, wandte sich an Gott, wandte sich ab, verzweifelte. Der Schmerz ward so tief, daß sie ihn nicht mehr ertrug, glaubte, sie sterbe. Da drehte er um und erfüllte sie mit Seligkeit, die alles an sich rief, was sie erduldet.
Langsam wuchs sie aus dem Zweifel, überwand ihre Sehnsucht, sah weit vor sich die Aufgabe, das Gestreckte, Winkende, Rufende, was sie größer füllte. Und je mehr es in ihr glühte und Di Contis Glaube und Ziel sich erhellte auf einer Seite, sank der Kopf auf der anderen, das Spiel der Wage ging hinab. Wohl lag zwischen dem Kopf und allem Geschehen eine Kluft, die nichts überbrückte: nur ihr Blut. Sie gab es. Litt. Gab es hinüber in das Unbedingtere, gab sich auf und ganz in die Aufgabe. Verzichtete. Sah zum ersten Male das Unbeschreiblichste, erkannte, am Nichtgewesen, an allem, was sie versäumte, ihr großes Glück. Gab es auf, ließ es. Legte den Kopf weinend in die Hände. Entsagte. Aus Di Contis Atem kam die Befreiung, lösend, hart, aber tief.
Das Silber zitterte heller. Sie lag, die Augen wie Stein. Dann stand sie auf, als ein Boot unten vorbeifuhr. Ging hinaus über die Schwelle.
Die Arme standen etwas ab. Die Sonne kam. Eine Fahne wehte, das Georgskreuz, schon vorüber. Welch unendliche Kühle des Sommermorgens. Welche Frische des Blaues. Sie ging weiter. Der Staub ward rötlich. Die Riffe des Kessels ballten sich dunkel, unerreicht noch vom Licht. Sie ging. Gezackte Wolken am Horizont . . . Mövenflügel in Spiralen hoch sich schleudernd . . . die Eidern weich geschaukelt in der Bucht — — — der Tag stieg, wölbte Licht. Aus der Wiese kam ein Gaul auf sie zugelaufen, hielt, hob das rosane frische Maul, legte es auf ihre Schulter. Lief davon.
Das Kupferbergwerk glühte aus dem Fels. Sand . . . Sonne leckte darauf . . . die Ebene kam. Oben das spitze Tal. Sie ging hindurch. Fahlweißes Licht prallte ihr entgegen. Sie stand vor dem Haus wieder, von der anderen Seite, das, ein Nabel, zwischen der Ebene und dem Gebirge lag. Aus einem oberen Fenster sah ein blauzerquollenes Gesicht. Ungetrübt durch Schmerz wehte es rein in ihr auf, durch sie hin. Die Liebe quoll verdichteter in ihr. Sie schlug die Augen auf. Mit unerbittlich weichen Buchstaben stand über dem Eingang vor dem Himmel geschrieben: Hilfe den Menschen.
Eine grelle Stimme: „Was wollen Sie?“
„Hinein.“
Der fünfte Abschnitt
Die zwanzigste Schüssel . . . sie hing das Tuch an den Ständer, goß den Zuber aus, stülpte die letzte auf die Neunzehn. — „Durst.“ Sie brachte Wasser an ein Bett. Sie schaukelte den Zuber in die Badewanne, ließ heißes Wasser einlaufen, nahm Soda, griff in Schmierseife, schlug Schaum mit einer Bürste. Nun kamen die Näpfe. Mit einem Zangenpinsel fuhr sie in den Hals der Urinenten, bog den Draht, schabte den Kalk innen ab. Das Wasser sprudelte. Sie wusch den Nachtstuhl aus. Die Tür weit offen . . . es dampfte nach Kaffee. Sie schaukelte das Wasser in die Wanne, wusch die Wanne aus mit Seife und Sand, schaukelte den Zuber mit den Henkeln auf der Wanne unter den Hahn.
Neues heißes Wasser . . . es lief nicht mehr. Sie schob den Schalter langsam herum und hielt ein Streichholz daran. Der schmale Gasofen an der Wand spie nach unten Ruß, nach oben die blaue Flamme, es donnerte. Sie sprang in die Flamme, schob den Schalter zurück. „Langsamer öffnen“, sagte eine Stimme hinter ihr. Sie öffnete langsam, entzündete das Holz. Der Ofen explodierte. „Langsamer sage ich . . .“ Ihr rußiges Gesicht sah um. Langsam öffnete sie, die Stichflamme schoß in das Zimmer, das Gas knatterte irrsinnig, an der Decke das Licht losch aus.
„Schreiben Sie auf: der Ofen wird repariert.“
Sie nahm ihr Buch, notierte es. Es stand zum drittenmal mit Blei geschrieben. Jedesmal untereinander. Der Ofen wurde nicht repariert.
Die Türe fiel hinter dem Arzt.
In der Dämmerung wusch sie die Becken im kalten Wasser. Dann trug sie Bürste, Pinsel, Stuhl hinaus. Auf dem Gang standen Sechs vor einem Tisch in Hemden und wuschen sich Hals und Brust. „Meine Zahnbürste.“ „Schlappmaul . . . meine.“ Ein Rippenstoß . . . sie torkelten im Korridor. „Laßt mich durch.“ Sofort wichen sie zur Seite. Das Klosett verschlossen: „nicht in Ruhe einmal scheißen . . .“ Sie wartete ruhig. Sie bückte sich unter den Tisch. „Deine Zahnbürste — — —“ Der Mann winselte. Im Klosett keifte es. In hängenden Hosen erschien er dann in der Tür, ungekämmt, rieb sich die Augen mürrisch. Als er sie sah, ging er auf die Seite, wich ihr aus, senkte den Blick. „Falle nicht,“ sagte sie, „der Boden ist naß.“ Die sich wuschen, tuschelten nur noch miteinander, Mund an Ohr. Sie machte das Fenster auf im Klosett, zog die Wasserspülung, wusch den Boden auf, rieb das Porzellan glatt. Der Schnee draußen schimmerte frostig. Sie schloß das Fenster.
Ihr Name flatterte zweimal im Flur. Sie stand neben einem Bett. Sie nahm zwei Beine, hob sie hoch. Die dicke Schwester, die den Kopf hielt, schrie den Mann an mit drohendem Baß, die andere band ihm die Hände fest. Der Schwären auf seiner Weiche juckte ihn so, daß er nun hüpfte im Bett. Die Dicke gab ihm Kaffee in den Mund, das Brot.
Sie fuhren die Betten in die Ecke. Achtzehn. Die freie Seite kehrten sie, wanden Lumpen um die Besen, wuschen auf, ließen trocknen, fuhren die Betten herüber, bewältigten die andere Seite.
„Daisy . . .“ Bittender Ruf. Sie ging mit. Naga hing in ihrem Arm. Sie gingen über zwei Korridore in den höheren Stock. „Bist du müde?“ Die Brust der kleinen festen Schwester schmiegte sich an ihren Arm. In dem Zimmer standen zwei Kolonnen Betten, alle belegt. Die Luft roch scharf nach nassem Tuch. Große Scheiben gingen ins Land. Aus jedem Bett ragte ein Bein, ein Arm . . . und lag in einem Gefäß mit Wasser. Naga hielt Bein um Bein, Arm um Arm. Daisy trug die Wannen hinaus, leerte sie von eitrigem Gerinnsel, scheuerte sie, füllte sie neu. Das siebente Bett . . . ein junger Mann warf sich im Fieber herum — — — „Ja, wir werden deiner Mutter schreiben.“ Das elfte Bett . . . die Fieberkurve gestiegen — sie machte ein Kreuz auf das Brett, drückte auf einen Knopf. Der Kranke kannte die Bewegung, begann zu winseln, das Bein blau, geschwollen . . . er warf sich knirschend herum. Sie drückte wieder auf den Knopf. Jeder kannte die Bewegung. „Nur ein kleiner Schnitt.“ Er lächelte ungläubig, sie nickte.
Ihr Name auf der Treppe.
Sie trug mit der großen breiten Schwester Mann auf Mann ins Bad. Sie hielt sie unter den Armen, die andere an den Knöcheln. Im Bad stand ein Schemel. Darauf lag wechselnd ein verbundenes Bein, ein Knie, ein Arm. Einer lag darübergekrümmt auf der Seite. Sie wuschen die Leute ab mit Seife und dicken Bürsten. Sie hoben sie heraus auf den Stuhl, trockneten sie mit den Fingerspitzen ab:
„Du hast Naga geholfen.“
Sie nickte.
„Sie soll es nicht tun, wenn sie der Aufgabe nicht gewachsen ist.“
„Ich habe nichts versäumt.“
Sie trugen einen anderen herein. Als sie schruppten, ging die Haut ihm ab wie einer Schlange. Er hatte sich gekratzt, „Du Schwein . . .“ Er sah die große Schwester an, er sprach kein Wort. Daisy rieb vier Leuten den Rücken, die Schenkel ab mit Spiritus, gab Puder darauf, ging zu Nagas Station, setzte sich zu dem Fiebernden, horchte, sprach, schrieb . . .: „Liebe Mutter — — — ich bin nicht schuld . . .“
Sie aß zu Mittag, ging vor das Haus auf einen Liegestuhl, deckte sich zu und schloß die Augen. Die Sonne brannte auf den Schnee und färbte ihr Gesicht. Sie ließ die Glieder sich lösen, Müdigkeit floß an ihr herab, halb schlafend flog ein Zug zufriedenen Liegens ihr an den Mund.
Sie stand neben dem Arzt. Ein neuer Kranker ward eingeliefert, ein junger Prediger, der entsetzt in die Brille des Arztes stierte: „Sie werden gut tun, sich damit auseinanderzusetzen, daß Sie hier bleiben. Die Welt draußen ist vorbei. Sie werden hier sterben. Wenn Sie so denken, werden Sie ruhiger leben, weil Sie ein kluger Mensch sind.“
Sie ging still mit dem Arzt hinaus, trat von dem Flur in das Nebenzimmer. Ein Raum dick voll Rauch. Gesichter schwankten mit Bärten zerfließend in der geballten Luft . . . deutsche Matrosen mit Scharbock von Grönland. Die leichte Abteilung, nichts gegen die Tragödie drüben. Gesang: