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Die Ägyptische Pflanzensäule

Chapter 13: Schluss.
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About This Book

This work analyzes ancient Egyptian column types derived from plant forms, combining lay botanical descriptions with close readings of reliefs, paintings, and surviving architecture to identify the botanical prototypes behind capitals. It treats water‑lilies (distinguishing two Nymphaea species), lilies, papyrus, palms, and other vegetal models, discusses composite bouquet or stacked capitals, and traces formal developments across periods while privileging earlier types. Emphasis falls on ornamental intention rather than structural function, and on careful selection of examples drawn from monuments and pictorial sources.

Abbildung 54.

Stumpf einer Papyrus-Bündelsäule mit geschlossenem Kapitell; Abbild. aus dem Grabe des Si-renpowet; a. R.; Dynastie 6; nach de Morgan, Cat., I, S. 191.

Um so besser sind aber die Beispiele aus dem mittleren Reiche, in welchem unser Typus besonders beliebt gewesen zu sein scheint und auch von den alten Architekten noch ganz verstanden wurde, während später, wie wir sehen werden, das Verständnis dieser Säulenart immer mehr abnahm, so dass endlich aus unseren geschlossenen Papyrusbündelsäulen Gebilde entstanden, die die Kunsthistoriker für Lotusknospensäulen ansehen konnten.

Als klassische Beispiele der zu besprechenden Art können die Granit- und Kalksteinsäulen gelten, welche zu dem Tempel aus der Zeit Amenemhet's III. vor dessen Pyramide bei Hawara gehörten[60] (Abb. 55). Acht regelmässig geordnete Stengel, deren Querschnitte nur die Deutung als Papyrus zulassen, wachsen aus der wieder als Erdhügel zu denkenden Basis hervor. An jedem einzelnen Stengel sieht man ein langes, spitzes Fussblatt, das bis über die dickste Stelle des bei Papyrus naturgemäss mit Schwellung versehenen Schaftes emporreicht. Unter dem Kapitell sind die sich verjüngenden Stengel durch fünf Bänder gefasst, über denen sich dann die acht geschlossenen Dolden entwickeln. Jede einzelne Dolde zeigt eines ihrer Kopfblätter, die anderen sind (ebenso wie schon bei den Fussblättern) im Innern der Säule auf der dem Beschauer abgekehrten Seite des Einzelstengels sitzend zu denken. Dass die geschlossenen Dolden im Kapitell denselben dreikantigen Querschnitt haben wie die Stengel am Schafte, ist nicht weiter wunderbar, da die geschlossene, von den Hüllblättern noch ganz umgebene Dolde in der Natur wirklich den Dreiecksquerschnitt aufweist. Der ägyptische Architekt hat die geschlossene Dolde ganz richtig dargestellt, nur hat er sich erlaubt, die Hüllblätter zu kurz wiederzugeben, wie das ja, wie wir bereits oben bemerkt haben, in der Ornamentik auch geschieht.

Abbildung 55.

Papyrus-Bündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell aus Hawara; m. R.; Dyn. 12. Zeit Amenemhet's III; nach L. D. I, 47.

Auf dem Doldenbündel ruht dann der bei allen ägyptischen Säulen übliche, dürftige Abakus.

Wie das schon bei den Nymphaeensäulen zu beobachten war, so scheint auch bei unseren Säulen der Architekt das Gefühl gehabt zu haben, dass die zusammengebundenen Stengel sich nicht in ihrer Lage halten würden, wenn er nicht unter den Halsbändern ihnen eine sichere Packung verschaffte. Deshalb nimmt er auch hier wieder kleine Zwischenstengel und zwar acht Bündel zu je drei Stengeln. Diese werden besonders, im vorliegenden Falle genau wie die Hauptstengel mit fünf Bändern, unter den Dolden zusammengebunden und so hinter die fünf grossen Halsbänder hineingeschoben. Dass diese Zwischenstengel wirklich Papyrus mit Dolden sind, zeigen deutlich die allerdings nur an guten Beispielen vorkommenden Fuss- und Kopfblätter.

Abbildung 56.

Geschlossene Papyrus-Dolden-Säule mit nur angedeuteten Zwischenstengeln aus Luksor; n. R.; Dynastie 18; Zeit Amenophis' III; nach einer Beato'schen Photographie.

So muss also eine gute Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Dolden-Kapitell aussehen. Viele klare Beispiele[61] davon sind aber leider nicht vorhanden, denn schon im Ende des mittleren Reiches beginnt die allmähliche Veränderung dieser Säulenart; die weiter um sich greifende Verwilderung, die schliesslich die alte Form kaum noch erkennen lässt, tritt allerdings erst im neuen Reiche auf. Zuerst verlieren die Zwischenstengel ihr selbstständiges Profil[62] und bilden zwischen den jetzt auch ohne Kopfblätter auftretenden Hauptstengeln glatte Stücke, auf denen nur die Halsbänder und die vertikalen Trennungen durch schwach eingeritzte Linien angegeben sind (Abb. 56). Dann fallen auch diese nur schwach angegebenen Rillen fort, man begnügt sich, die Theilung und die Halsbänder der Zwischenstengel nur aufzumalen. Die Hauptstengel haben jedoch hierbei, wenigstens bei den besseren Beispielen, noch scharfes Papyrusprofil, dessen Kante sich namentlich zwischen den Zwischenstengeln gut markirt.

Die Zeit bald nach dem Ende der 18. Dynastie — vielleicht schon die Periode Amenophis' IV. — bringt bereits durchgreifendere Veränderungen. Von unwesentlichen, rein decorativen Neuerungen abgesehen — wie z. B. das Heraufrücken der Bänder an den Zwischenstengeln[63], die Verzierung der oberen Enden der Zwischenstengel durch Uräen[64], die Schmückung der Schäfte durch angehängte Opfergänse[65], die Auflösung der Dolden des Kapitells in mehrere ganz unverstandene Stengel[66] und ähnliche, wenig nachahmenswerthe phantastische Gebilde, welche ebenso schnell wieder verschwinden, wie sie spontan auftauchten — hiervon also abgesehen, ist als wichtigste Aenderung das Aufgeben der Schaft- und der Kapitelltheilung in acht Stengel zu nennen.

Abbildung 57.

Geschlossenes Papyrus-Bündel-Kapitell mit Uebergang zum abgedrehten Kapitell aus Gurna; n. R.; Dynastie 19; Zeit Seti's I.; nach Berl. Museum Ph. 112.

Da auf die Darstellungen, die uns in dieser Zeit bereits völlig — an Schaft und Kapitell — abgedrehte Säulen zeigen[67], wegen der manchmal zweifelhaften Correktheit der Publication nicht viel zu geben ist, so ist es sicherer, das Vorkommen von Bündelsäulen mit Schäften von kreisförmigem Querschnitt erst für die Zeit nach dem Ende der 18. Dynastie anzunehmen. Die nach dieser Zeit zu constatirende Glättung des Schaftes mag sich wohl hauptsächlich auf die Sucht der Aegypter, alles mit Inschriften und bildlichen Darstellungen zu versehen, zurückführen lassen. Auf einem so stark profilirten Säulenschaft, wie der der Papyrusbündelsäule ist, lässt sich nur schwer eine Inschrift setzen[68], daher glättete man den Schaft lieber, ohne auf seine ursprüngliche Structur Rücksicht zu nehmen. Des weiteren ist an dieser Umwandlung wohl die Art der Ausführung der Säulen schuld; dieselben wurden nämlich im Rohbau aus ganz runden Trommeln errichtet und erst später weiter sculpirt. Da mag wohl hin und wieder Eile oder Mangel an Mitteln dazu getrieben haben, die weitere Sculpirung nicht durchzuführen und den Bündelsäulen einen runden Schaft zu belassen.

Nebenher mag hier — da es zur Erklärung einer später zu besprechenden Art der Kapitellbemalung dient — bemerkt werden, dass bei dem zuletzt abgebildeten Beispiel die Halsbänder der Zwischenstengel schon merkwürdig weit nach oben sich erstrecken und für die Entwicklung der Köpfe der Zwischenstengel nur äusserst wenig Raum übrig lassen.

Mit der 19. Dynastie scheinen also die Bündelsäulen zuerst die abgedrehte Form anzunehmen, womit nicht etwa gesagt sein soll, dass sich von da ab keine richtigen Bündelsäulen mehr fänden.[69] Zuerst zeigen sich ganz schüchterne Anfänge. An Säulen aus der Zeit Seti's I. (Abb. 57) ist das obere Kapitell-Ende, das aus technischen, hier nicht weiter zu erörternden Gründen mit dem Abakus zusammen aus einem Stücke gearbeitet ist, ohne weitere Aussculpirung der Papyrusform glatt gelassen worden — ob mit voller Absicht oder aus Nachlässigkeit mag dahingestellt bleiben. Zu bemerken ist hier noch, dass die Stengel ihre scharfe Kante nur zwischen den Zwischenstengeln zeigen und sonst rund sind. Die Halsbänder der Zwischenstengel haben sich vermehrt.

Abbildung 58.

Vollständig abgedrehte Papyrus-Bündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell und noch leidlichen Ornamenten.
aus Karnak; n. R.; Dynastie 19. Zeit Seti's I. und Ramses' II.; nach L. D. I, 80.
Daneben das Kapitell grösser dargestellt.

Unter demselben König Seti I. kommen aber auch schon neben diesen Säulen mit beginnender, solche mit vollständiger Abdrehung der Stengelprofile vor. Zwei Beispiele davon mögen genügen. Das eine aus Gurna[70] zeigt nur in der äusseren Umrisslinie noch den Anklang an die alte Bündelsäule und hat ausserdem die Zwischenstengel, Halsbänder und dergleichen am oberen Ende des Schaftes und am unteren des Kapitells nur aufgemalt. Sehr eigenthümlich wirken die zwischen den Zwischenstengeln scharfmarkirten Papyrusstengelkanten. Das zweite Beispiel aus Karnak (Abb. 58) geht darin sogar noch weiter, indem es nur die Kopfblätter der Hauptstengel spitz zwischen den Bündeln der Zwischenstengel hervorsehen lässt. Verstanden dürfte der alte Architekt diese Dinge wohl kaum noch haben, sonst hätte er wohl seine Reihen von Namensringen mit Uräen, und sonstiges symbolisches Ornament mehr, wie es geschehen ist, der Structur der Säule anzupassen verstanden.

Abbildung 59.

A.B.
A) aus Medinet Habu; n. R.; Dynastie 20; Zeit Ramses' III.; nach Berl. Museum Ph. 126.
B) aus Karnak, Chonstempel; n. R.; Dynastie 21; Zeit des Heri-hor; nach Berl. Museum Ph. 106.
Vollständig abgedrehte Papyrus-Bündelsäulen mit geschlossenen Dolden und ganz verwildertem Ornament.

Zum Schlusse dieses Abschnitts wollen wir noch zwei Beispiele von vollständig tollgewordener Bemalung an geschlossenen Papyrusbündelsäulen anführen: zwei Säulen aus den Zeiten Ramses' III. und des Heri-hor (Abb. 59). Bei der einen greifen die Zwischenstengel oben über die Kopfblattspitzen der Hauptstengel fort, bei der anderen sind die Halsbänder der Zwischenstengel so oft wiederholt, dass von den Köpfen der Zwischenstengel fast nichts mehr übrig geblieben ist. Ob die Architekten sich dabei überhaupt noch etwas gedacht haben?

Wir haben bisher uns meist nur um das Aussehen unserer Säulen an der kritischen Halsstelle gekümmert und das Uebrige ganz vernachlässigt. Es ist auch darüber nicht viel zu sagen, wenn man nicht etwa die fast selbstverständliche Bemerkung für der Erwähnung werth halten will, dass die Fussblätter bei den abgedrehten Säulen — d. h. nur bei guten Beispielen — neben einander stehen, da sie ja aus den einzelnen Fussblättern der acht Stengel entstanden sind, während die Fussblätter der offenen Papyrussäule sich theilweise überdecken. An diesem Kriterium würde man schon aus dem unteren Ende des Schaftes die Kapitellform errathen können, wenn nicht auch hier wieder die Anordnung der Fussblätter von der einen Säulenart bald auf die andere übertragen worden wäre.

Aus der Spätzeit ist die Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell uns nur in einem Beispiele aus dem Tempel von Medamôt (Abb. 60) bekannt. Ausser einigen Veränderungen in den Proportionen giebt dies aber nichts Neues. Sie lehnt sich, selbst bis zu der Behandlung der einzeln stehenden Fussblätter hinab, besser an die älteren, guten Vorbilder an, als dies bei den Beispielen aus der Ramessidenzeit der Fall war.

Abbildung 60.

Papyrusbündelsäule mit geschlossenem Doldenkapitell nebst Fuss einer solchen Säule aus Medamôt; Spätzeit; nach eigener Aufnahme.

Da die einzelnen geschlossenen Dolden, welche häufig in den Bündelkapitellen der Ptolemäer- und Kaiserzeit auftreten, keine selbstständige Bedeutung haben, so können wir nunmehr zu den Papyrussäulen mit offenem Doldenkapitell übergehen.

Abbildung 61.

Einfache Papyrussäule mit offenem Doldenkapitell aus Kahun; m. R.; nach Petrie, Illahun, VI, 5.

Bei dieser Säulengattung, die fast ebenso häufig ist, wie die vorher abgehandelte mit geschlossenem Doldenkapitell, scheinen in älterer Zeit nur einfache Säulen vorzukommen, während uns erst die Spätzeit sichere Beispiele von Bündelsäulen bringt. Gerade die ältesten Exemplare sind als einfache Säulen anzusprechen. Es ist dies vornehmlich ein von Petrie in Kahun gefundener etwa 0,5 m langer Säulenstumpf mit Kapitell, aus dem mittleren Reiche stammend (Abb. 61). Hier ist die Nachahmung der Natur sogar so weit getrieben, dass selbst der dreikantige Querschnitt des Papyrus genau wiedergegeben ist, trotzdem er für einen Säulenschaft die denkbar ungeeignetste Form bietet. Die offene Dolde ist, wie das ja nach den gemalten und ornamental verwendeten Darstellungen von Papyrus zu erwarten war, massiv dargestellt und hat nichts von der ihr in der Natur eigenen Leichtigkeit. Die Kopf- und Fussblätter, welche dem Papyrus sonst eigenthümlich sind, fehlen hier, wohl nur wegen der Rohheit unseres Beispiels. Zu beachten ist endlich das bei einer einzelnen Dolde eigentlich garnicht anders mögliche Fehlen des Halsbandes. Aber leider giebt es nur zwei sichere derartige Beispiele ohne Halsband[71], beide aus Kahun, ein drittes Exemplar gleicher Provenienz, zeigt bereits das bei einer einfachen Dolde ohne die Annahme einer Entlehnung von Bündelsäulen ganz unerklärliche Band unter dem Kapitell[72], welches bei der ältesten Abbildung einer solchen Säule allerdings wiederum fehlt (Abb. 62). An dieser Abbildung ist ersichtlich, dass die Bemalung unserer Säulenart die für Papyrus übliche war: die Dolde grün, die Kopfblätter gelb.

Abbildung 62.

Offenes Papyrusdolden-Kapitell aus Bersche, Grab 5; nach Lepsius' Tagebuch und dem Abklatsch im Berl. Museum. (Vgl. Newberry Bersche, II, 17).

Abbildung 63.

Papyrus mit offener Dolde.
Relief von den Granitpfeilern vor dem Sanctuar zu Karnak.; n. R.; Dynastie 18. Zeit Thutmosis' III.; nach Lepsius' Tagebuch und Erbkam's Skizzenbuch.

Abbildung 64.

Offene Papyrus-Doldensäule (mit Angabe der Blüthen).
Wandgemälde aus Gurna, Grab 15; n. R.; Dynastie 18; nach L. D. III, 78b.

Wenn man bei den Beispielen aus dem mittleren Reiche noch mit Sicherheit zu der Ansicht gelangen konnte, die offene Papyrussäule sei als Einzelsäule aufzufassen, so ist bei den aus dem neuen Reiche stammenden Säulen derselben Art die Entscheidung dieser Frage schwieriger. Sie haben nämlich samt und sonders das nur an Bündelsäulen verständliche Halsband, das freilich auch den sicher einfach gedachten Palmensäulen eigen ist, und ausserdem fast alle einen völlig runden Querschnitt, den man, wie wir das oben bei den geschlossenen Papyrusbündelsäulen gesehen haben, leicht als eine abgedrehte Form eines ursprünglich sculpirten Bündelquerschnitts erklären könnte. Einige gute Beispiele[73] aber zeigen trotz des kreisförmigen Querschnitts des Schaftes an drei Stellen desselben ganz schwach angedeutete vertikale Kanten. (S. Abb. 65 links.) In diesen Fällen muss man also annehmen, dass der Architekt nur den ursprünglichen Papyrusquerschnitt, um ihn der Säulenform besser anzupassen, voller und runder gestaltet hat. Gegen die Annahme einer Bündelsäule spricht ferner das Fehlen von Zwischenstengeln und die Anordnung der Fuss- und Kopfblätter, welche sich bei unseren Säulen stets überdecken (s. Abb. 63, 64, 66 u. s. w.) und gewissermaassen in zwei Reihen stehen, während sie bei Bündelsäulen sich nur berühren dürften, wie wir das oben bei den geschlossenen Papyrusbündelsäulen gezeigt haben. Man wird also die älteren Beispiele wohl alle für Einzelsäulen ansehen müssen, die nur aus ästhetischen Gründen das Halsband von Bündelsäulen entlehnt haben.

Abbildung 65.

Einzelne Säule, an der eine der Papyruskanten sichtbar ist.
Offene Papyrus-Doldensäulen aus Luksor; n. R.; Dynastie 18; Zeit Amenophis' III. und Twet-anch-amun's; nach Berl. Museum Ph. 1412. und einer Photographie der Leipziger Universität.

Abbildung 66.

Offenes Papyrus-Dolden-Kapitell von der auf der nächsten Seite abgebildeten Säule. Nach L. D. II, 81.

So dürftig für unsere Säulenart die Anzahl der älteren Beispiele ist, so zahlreich sind die jüngeren von Dynastie 18 ab, so dass wir hier wieder nur mit Auswahl vorgehen können. Hierbei wollen wir ein Beispiel nicht vergessen, das eigentlich nur indirect hierher gehört, nämlich den Papyrus von den Granitpfeilern Thutmosis' III. zu Karnak (Abb. 63), welcher besonders durch seine noch erhaltenen Farbenreste lehrreich ist. Die Basis ist, wie gewöhnlich, als Erdhügel gedacht und daher rothbraun, die Fuss- und Kopfblätter sind gelb, Stengel und Dolde grün, die oberste Fläche der Dolde, wo in der Natur die kleinen braunen Blüthen sitzen (s. Abb. 64), ist roth bemalt. Von diesen Färbungen kehren die der Fuss- und Kopfblätter, sowie die des oberen Kapitellrandes auch auf anderen Säulen wieder, die Farbe des Stengels und des Kapitells wird jedoch sonst selten oder nie mit dem richtigen, natürlichen Grün wiedergegeben.

Abbildung 66a.

Offene Papyrus-Dolden-Säule aus Karnak; n. R.; Dynastie 19; Zeit Seti's I. und Ramses' II.; nach L. D. I, 80.

Am Kapitell versuchen die Künstler die einzelnen Doldenstrahlen durch Relief wiederzugeben, wie wir das zum Beispiel an einem recht guten Exemplar aus den Zeiten Amenophis' III. und Twet-anch-amun's aus Luksor sehen (Abb. 65). Dieses Beispiel zeigt ausser den schon oben erwähnten drei Kanten des Papyrusstengels noch ebenso wie einige aus der Zeit Amenophis' IV.[74] verhältnissmässig lang und spitzig geformte Kopfblätter; an späteren Kapitellen runden sich diese mehr und mehr ab und werden kürzer.

Dass auch bei dieser Säulenart die im Ende der 18. Dynastie modern werdenden flatternden Bänder[75] sowie die Kranz- und Gänsedecorationen[76] vorkommen, bedarf wohl kaum der Erwähnung.

Unter der 19. Dynastie drängen sich auch bei dieser Säulengattung Motive ein, welche mit der eigentlichen Structur der Säule nichts zu thun haben. Bilder, Inschriften und Reihen von Uräen bedecken nicht nur die Schäfte, auch auf den Kapitellen befinden sich zwischen die Doldenstrahlen eingestreute Namensringe (s. Abb. 66). Die Strahlen selbst werden abwechselnd mit den Blüthen bezw. Dolden der beiden Wappenpflanzen von Ober- und Unterägypten, Lilie und Papyrus gekrönt.

Ein Zeichen des geringen Verständnisses der Künstler jener Zeit für die structiv richtigen Formen dieser Säulengattung ist ferner darin zu sehen, dass sich im Ramesseum bereits Säulen mit offenem Papyruskapitell finden, deren Basis die sonst nur bei geschlossenen Papyrusbündelsäulen übliche Anordnung der Fussblätter zeigen.[77]

Auch diese Art von Säulen befindet sich also ebenso wie die geschlossene Papyrussäule im neuen Reiche bereits in einem vorgeschrittenen Stadium der Verwilderung.

Um so wunderbarer ist es, dass die bereits an der Grenze der Spätzeit stehenden Taharka-Säulen im ersten Hofe des grossen Amonstempels zu Karnak[78] sich wieder mehr an die richtigen Formen des Papyrus anlehnen. Es fehlt diesen Säulen zwar die Schwellung, auch laufen die Doldenstrahlen wieder in Lilien und Papyrus aus, aber die Umrisslinie, sowie der feine obere Rand des Kapitells und namentlich die recht gut gezeichneten Kopf- und Fussblätter geben dem Ganzen dennoch ein fast naturalistisch zu nennendes Gepräge, das sie weit über die plumpen Gebilde der Ramessidenzeit erhebt.

Abbildung 67.

Offene Papyrussäule aus Giseh, Grab 81. Sp. Zt.; nach L. D. I, 27.

Abbildung 68.

Papyrus-Bündelsäule mit offenem Doldenkapitell aus Philae. Sp. Zt. Ptolemäisch; nach eigener Aufnahme.

Selbstverständlich tritt auch bei unseren offenen Papyrussäulen in der Spätzeit die allen Säulengattungen eigene Herunterschiebung des Halsbandes ein, wie beispielsweise eine noch unfertige Säule (Abb. 67) aus Giseh zeigt.

Ebenso selbstverständlich ist es, dass unsere offene Papyrusdolde in der Ptolemäer- und Kaiserzeit häufig wieder auftritt und zwar hier zum ersten Male sicher als Bündelsäule (Abb. 68 u. 69). Daneben treten allerdings auch noch Einzelsäulen mit offenem Doldenkapitell auf. Unter letzteren ist besonders ein Beispiel erwähnenswerth, das von dem sonst in der Ptolemäischen Epoche üblichen Typus der Säulen abweicht: eine Säule aus Kôm-Ombo[79], die die Herunterschiebung des Halsbandes nicht hat. Bemerkenswerth ist ausserdem hier und auch bei anderen Beispielen der Spätzeit die merkwürdig verständige Behandlung der einzelnen Doldenstrahlen.

Abbildung 69.

Bündelsäule mit offenen Papyrusdolden aus Edfu. Sp. Zt. Ptolemäisch; nach Berl. Museum, Ph. 138.

Wir sind nunmehr mit unserer Besprechung der Papyrussäulen zu Ende und wollen daher, da diese Säulen früher vielfach mit den bereits oben genügend charakterisirten Nymphaeensäulen zusammengeworfen wurden, nochmals kurz die Merkmale aufzählen, durch welche sich diese von jenen unterscheiden:

Die Basis fehlt bei den Papyrussäulen nur ganz ausnahmsweise, bei den Nymphaeensäulen öfter.

Der Schaft der Papyrussäule hat Schwellung und Fussblätter, welche beide der Nymphaeensäule ursprünglich fehlen.

Die Zwischenstengel, welche nur bei der geschlossenen Doldensäule vorkommen, haben wie die Hauptstengel Papyrusformen, bei den Nymphaeensäulen dagegen Formen von Nymphaea-Knospen und Blüthen.

Die äusseren Umrisslinien der geschlossenen wie offenen Papyruskapitelle sind wesentlich unterschieden von denen der geschlossenen und offenen Nymphaeensäulen.

Die Kopfblätter reichen beim Papyruskapitell nie[80] bis zum oberen Rande, beim Nymphaeakapitell stets.


IV. Die Palmensäulen.

Abbildung 70.

Phoenix dactylifera L., aus einer Gruppe bei Giseh; nach Berl. Museum Ph. 178.

Abbildung 71.

Dattelpalme von einem Wandgemälde zu Benihassan; m. R.; nach L. D. II, 126 u. 127.

Bei dieser Art von Säulen können wir auf die Beschreibung der ihr zu Grunde liegenden Pflanze und der ägyptischen Darstellungen derselben verzichten, da seit dem Bekanntwerden der ersten Säulen dieser Art es nie zweifelhaft war, welche Pflanze in dem architektonisch ausgebildeten Säulentypus gemeint war, und da auch gar keine Möglichkeit vorliegt, diese Pflanzensäule mit irgend einer anderen zu verwechseln, was bei den bisher abgehandelten eher möglich und auch leider reichlich der Fall war. Es mag daher die hier gegebene Abbildung (Abb. 70) und der Hinweis auf die Beschreibung der Dattelpalme „Phoenix dactylifera L.” genügen, welche sich sehr ausführlich in der Description de l'Égypte, Theil 19, S. 435 ff. und Taf. 62 findet. Des Weiteren haben wir noch eine Auswahl von abgebildeten Dattelpalmen hier hinzugefügt, welche uns die mehr oder minder stilisirte Auffassung zeigen sollen, welche die Aegypter in den verschiedenen Epochen von dieser Pflanze hatten (Abb. 71 bis 73). Natürlich ist die Art der Darstellung im neuen Reiche lebendiger als im mittleren, besonders mag auf die detaillirte Wiedergabe der Borke bei dem einen Beispiel aus dem neuen Reiche aufmerksam gemacht werden.

Abbildung 72.

Dattelpalme von einem Relief aus Abusir;
n. R.; Dynastie 19-20. Berl. Museum No. 7322. Ausführliches Verzeichniss S. 146.

Die Stilisirung der Dattelpalme für ihre Verwendung als Säule ist höchst einfach. Sie ergiebt eine Säule ohne Schwellung, ohne Fussblätter, oft auch ohne Basis. Die leicht nach aussen gebogenen Blattwedel, die mehr oder weniger durchsculpirt sind, ergeben das Kapitell, auf dem ganz simpel der kleine, unbedeutende Abakus aufruht. Merkwürdig ist nur das auch bei dieser Säulenart unter dem Kapitell angebrachte, meist fünftheilige Halsband, das hier um so weniger Sinn hat, als in keiner Epoche Palmenbündelsäulen nachweisbar sind. Man muss sich also dieses Halsband, wie wir das ja auch bei den älteren Papyrussäulen mit offenem Kapitell thun mussten, als von anderen Bündelsäulen übertragen denken.

Abbildung 72a.

Dattelpalme von vorstehendem Relief.

Abbildung 73.

Stumpf einer Dattelpalme mit Borke von einem Relief aus Sakkara; Dyn. 19. Zeit Ramses' II. Berl. Mus. No. 12412. Ausführl. Verzeichniss S. 153.

Die Palmensäule, von der wir im alten Reiche nur eine zweifelhafte Spur[81] nachweisen können, scheint im mittleren schon sehr beliebt gewesen zu sein. Ausser dem klassischen aus Berscheh stammenden Beispiele aus dieser Zeit (Abb. 74) haben sich in Kahun[82] mehrere Kapitellreste in verschiedenen Grössen gefunden, eins davon sogar mit recht gut ausgearbeiteter Fiederung der Palmenwedel. Auch in Benihassan finden sich Darstellungen dieser Säulenart.[83]

Abbildung 74.

Palmensäule aus Berscheh, Grab 2; m. R.; nach Newberry, el Berscheh, I, Pl. IV.

Auch das neue Reich ist nicht gerade arm an Beispielen, die freilich meist bereits etwas graciöser ausgefallen sind als die älteren. In einem Grabe zu Gurna sehen wir einen Monolithen sich unter den Händen der Steinmetze und Polierer zu einer Palmensäule umbilden (Abb. 75). Im Palaste Amenophis' IV. finden wir sie öfter abgebildet, hier natürlich wieder mit den obligaten flatternden Bändern[84], mit äusserst schlanken Kapitellen[85], aber auch mit der bei Palmensäulen eigentlich ungehörigen Schwellung.[86] Reste von den Originalen dieser eben erwähnten Abbildungen haben sich bei den Petrie'schen Ausgrabungen im Palaste zu Tell-Amarna gefunden, und wir können aus diesen allerdings nur geringen Ueberbleibseln[87] einen Schluss auf die Pracht der Ausführung dieser Säulen machen. Die Fiedern der Palmenwedel waren mit grünen, rothen und blauen Pasten incrustirt, der dazwischen stehen gebliebene Kalkstein vielleicht vergoldet. Die Reconstruction in Petrie's Tell el Amarna, Taf. VI, giebt davon ein schwaches Bild, das die Schönheit der Linien und den Glanz des Materials dieser Säulen ahnen lässt. Den eleganten Palmensäulen von Tell-Amarna stehen jedoch wieder andere aus derselben Zeit oder doch nur wenig später entgegen, welche wieder fast so gedrungen sind wie die des mittleren Reiches. Es sind dies Säulen aus Soleb (Abb. 76) und Sesebi.[88]

Abbildung 75.

Palmensäule in Bearbeitung;
Wandgemälde aus Gurna; n. R.; Dynastie 17; nach L. D. III, 26, 1a.

Abbildung 76.

Palmensäule aus Soleb; n. R.; Dynastie 19. Zeit Seti's II.; nach L. D. I, 117.

Abbildung 77.

Palmensäule.
Relief aus dem Assassif, Grab 2. Sp. Zt.; 26. Dyn.; nach L. D. III, 272a.

Abbildung 78.

Palmensäule aus Philae. Sp. Zt. Zeit des Augustus und Tiberius; nach Berl. Museum, No. 7324. Ausführl. Verzeichn. S. 22.

In der Spätzeit zeigt sich wieder durchweg der schlanke Typus, der dieser Gattung mit Recht eine bevorzugte Stellung unter allen ägyptischen Säulen sichert. Merkwürdig ist an diesen späten Säulen eine Erscheinung, welche man vielleicht auf die des öfteren schon erwähnten flatternden Bänder aus der 18. Dynastie zurückführen muss. Von dem Halsband hängt nämlich eine aus drei Bandlagen gebildete Schleife herab (Abb. 77), die dann auf noch späteren Beispielen zu einem Kranze von languettenartig geordneten Bändern wird (Abb. 78). An dieser letztgenannten Säule beobachten wir wieder die in der Spätzeit übliche Herabrückung der Halsbänder, wodurch dann über denselben ein Teil des schuppigen Palmenstammes sichtbar wird. Als neues Motiv tritt hier ferner noch die Anbringung von Datteltrauben zwischen den Palmenwedeln auf. Dass es in der Spätzeit auch nicht an unsinnigen Zuthaten bei Palmensäulen, wie z. B. Fussblätter über der Basis[89], fehlt, bedarf wohl keiner besonderen Erwähnung.


V. Andere Pflanzensäulen.

In diesem Kapitel sollen noch kurz zwei Arten von Pflanzensäulen besprochen werden, die sich den bisher erwähnten grossen Gattungen nicht einordnen lassen, und welche ausführlich in besonderen Kapiteln abzuhandeln wegen der geringen Anzahl von Beispielen, die bislang bekannt geworden sind, nicht lohnt. Da bei diesen, meist nur in ein oder zwei Exemplaren auf uns gekommenen Säulenarten es schwierig, ja fast unmöglich ist, die ihnen zu Grunde liegende Pflanze genau zu bestimmen, so werden wir uns hier nur mit der allgemeinen Angabe der betreffenden Pflanzengattung zufrieden geben müssen, die bei den anderen Kapiteln gegebene Beschreibung der Pflanze etc. fällt also hier fort.

Abbildung 79.

Fragment einer Rohrsäule aus Tell-Amarna; n. R.; 18. Dynastie. Zeit Amenophis' IV.; nach Berl. Museum No. 12031. Ausführl. Verzeichniss S. 101.

Abbildung 80.

Fragment einer Rohrsäule aus dem Grabe des Rechwimose zu Sakkara; n. R.; Dynastie 19-20; nach Berl. Museum 1446. Ausführl. Verzeichn. S. 135.

Zuerst sind zwei Beispiele von Rohrsäulen zu erwähnen. Da von beiden weder Kapitelle noch Basen, sondern nur Schaftfragmente auf uns gekommen sind, so sind wir hier gleich der Mühe überhoben, der Rohrart[90], welche in diesen Bruchstücken gemeint ist, näher nachzuspüren. Wir sehen nur an den in Tell el Amarna gefundenen Fragmenten (Abb. 79), dass wir es hier mit einem Säulenschaft, der ein Bündel gelber, runder Rohrstengel darstellt, zu thun haben. Die Kerben auf den einzelnen Stengeln bedeuten die Stellen, wo ehemals die Blätter sassen, und die darüber angedeuteten Dreieckchen sollen die in der Blattachsel sitzenden Knospen andeuten. Ein Stück einer ähnlichen Säule aus etwas späterer Zeit (Abb. 80) ist wie das vorige im Berliner Museum aufbewahrt. An diesem Stück fehlen die Kerben auf den einzelnen Stengeln, dafür sind aber die zusammenhaltenden Stricke recht naturalistisch wiedergegeben.

Abbildung 81.

Schilfstücke in Fayence von einer Säule aus Tell el Amarna; n. R.; 18. Dynastie; Zeit Amenophis' IV; nach Berl. Museum No. 12299-12304. Ausführl. Verzeichniss S. 101.

Abbildung 82.

Winde aus einem gemalten Kranze von einem Sarge; n. R.; 18.-19. Dynastie; nach Berl. Museum, No. 11981.

Abbildung 83.

Bündel-Säule mit Windenkapitell;
nach Prisse, Histoire de l'art égyptien. Détails de colonnettes en bois, No. 6.

Eine Abart dieser Rohrsäulen scheinen die Schilfbündel-(?)-säulen zu sein, von denen Petrie eine nach den in Tell el Amarna gefundenen Fragmenten bis auf das Kapitell wohl sicher richtig reconstruirt wiedergiebt.[91] Die gelblich grünen Schilfblätter dieser Säulen waren aus Fayencestücken gebildet, von denen einige auf der vorigen Seite dargestellt sind (Abb. 81); die Bänder, von denen das Schilf zusammengehalten war, waren wohl in andersfarbiger Fayence gehalten oder theilweise auch in Bronce ausgeführt, und griffen über den wohl an beiden Seiten, oben und unten angebrachten Falz der vertikalen Fayencestücke (s. in der Abb. links unten) über. Leider reichen aber auch hier die Fragmente nicht aus, um die Pflanze, welche gemeint ist, mit hinreichender Sicherheit zu bestimmen.

Die zweite Art, von der gar nur ein Beispiel und auch das nur in Abbildung auf uns gekommen ist, scheint von einer Winde[92] hergeleitet zu sein. Convolvulus- oder Gentiana-(?)-Arten finden sich öfter ornamental verwendet, wie ein vorstehend gegebenes Beispiel aus einem gemalten Kranze von der Brust eines Sargdeckels in Mumienform aus dem Funde der Amonspriester von Dêr-el-baḥri zeigt (Abb. 82). Man sieht an diesem Beispiele deutlich, wie aus dem kleinen Kelche die glockenförmige Blüthe ohne Theilung in einzelne Blüthenblätter herauswächst; auf die Färbung, die vom Gelb am Kelch in Roth und endlich in Grün oder Blau übergeht, dürfte ebensowenig etwas zu geben sein, wie auf die Bemalung der einzig publicirten Windensäule (Abb. 83), welche ihre Farbenfülle zuerst wohl der Phantasie des ägyptischen Künstlers und in zweiter Linie der Schönfärberei der modernen Publication zu danken haben dürfte.

Bei diesem Beispiel, das, wie die Zwischenstengel zeigen, als Bündelsäule aufzufassen ist, erinnert nur die äussere Form des Kapitells an die oben gezeigte Windenform, die Bemalung und streifenförmige Eintheilung der Blüthenglocke ist völlig willkürlich. Sehr getreu aber sind die Knospen auf den Zwischenstengeln der Natur abgelauscht; das Hervorbrechen der noch spitz zusammengedrehten Blüthenglocke aus den wenig geöffneten Kelchblättern ist den Winden so eigenthümlich, dass der ägyptische Künstler mit seinem gewohnten Scharfblick für das Charakteristische der einzelnen Pflanzenarten es anbringen musste.


Schluss.

Aus den vorstehenden Kapiteln wird der Leser die Ueberzeugung gewonnen haben, dass die früher vielfach gehegte Ansicht, die ägyptische Architektur verfüge nur über eine verhältnissmässig geringe Anzahl von Pflanzensäulen — meist wurde ja alles für Lotus erklärt und ausserdem höchstens noch die Palmensäule zugelassen —, dass diese Ansicht, die dann womöglich noch diesen Säulenarten irgend eine gesuchte symbolische Bedeutung unterlegte, angesichts der grossen Menge von verschiedenartigen Pflanzengattungen, welche die altägyptischen Künstler zu Säulenformen umzustellen vermochten, als veraltet zu bezeichnen ist. Mit den verschiedenen sieben bis acht Arten von Pflanzen, die in allen Stadien ihrer Entwicklung, geschlossen oder offen, als Knospen oder Blumen, zu Säulen geformt uns im Laufe der vorstehenden Abhandlung entgegengetreten sind, werden wir den Formenschatz der alten Künstler voraussichtlich noch nicht erschöpft haben; an den Säulen der Spätzeit, die ja in gewissem Grade von der Besprechung ausgeschlossen waren, treten noch einige weitere Pflanzen auf, auch kann uns jeder Tag unerwartete Funde bringen, welche wie die reiche architektonische Ausbeute aus Tell el Amarna uns neue Gestaltungen von Pflanzensäulen zu zeigen vermöchten.

Es muss sich uns infolge dieser Mannigfaltigkeit die Frage aufdrängen, weshalb die alten Architekten mit solcher Vorliebe Pflanzen zu Säulenmotiven verwendeten. Irgend welche Symbolik, dass etwa die eine oder die andere Pflanze dem Gotte, in dessen Tempel sie als Säule stand, heilig gewesen wäre, oder dass sie wie Papyrus und Lilie, die Wappenpflanzen von Unter- und Oberägypten, zur Bezeichnung der Nord- und Südhälfte des Tempels unter Anspielung auf die beiden Reichshälften[93] dienen sollten, derartige Symbolisirungen sind ausgeschlossen, da man sonst irgend eine Regel in der Anwendung der verschiedenen Pflanzenmotive müsste entdecken können. Die einzelnen Pflanzensäulen werden vielmehr ohne jede erkennbare tiefere Absicht, rein nach dem Geschmack des Architekten, in der Spätzeit sogar mit Vorliebe in buntem Durcheinander angeordnet. Es muss also wohl eine andere Bewandtniss damit haben.

Bereits Maspero hat in seiner Archaeologie égyptienne, S. 88, bei Besprechung der Innendecoration der Tempel uns den richtigen Weg zum Verständniss des Wesens der Pflanzensäulen gewiesen, leider jedoch ohne seine Theorie bis zu den letzten Consequenzen, d. h. bis zu ihrer Anwendung auf die Säulen selbst durchzuführen.

Nach Maspero war der Tempel bezw. das architektonisch durchgebildete Innere eines Hauses dem Aegypter ein Abbild der Welt. Der Fussboden stellte die Erde dar, über ihm breitet sich der Himmel, die Decke, aus. Dieser Vorstellung passt sich die ganze Decoration des Raumes an. Die Decke ist nur mit himmlischen Dingen geschmückt: Sterne in regelmässiger Vertheilung, fliegende Vögel, Darstellungen von Sternbildern und des Sonnenlaufs, ja selbst Sternverzeichnisse sind dort angebracht. Im Gegensatz dazu erhält alles, was dem Boden nahe ist, pflanzliches Ornament, das meist noch so aufgefasst wird, als wüchse es aus dem Boden heraus. Die Mauersockel sind mit langen Reihen von Papyrusstauden verziert, Büsche von anderen Wasserpflanzen kommen daneben vor, die Basen der Säulen sind von Blattwerk umgeben — Nein! nicht nur das, vielmehr sind die ganzen Säulen Pflanzengebilde, die aus der Erde emporspriessen und frei in den Himmel hineinragen.

Eine merkwürdige, phantastische Auffassung, auf der wir da die sonst so prosaischen Aegypter ertappen. Und dass hier nicht etwa blos eine vom Kunsthistoriker den schaffenden Künstlern untergelegte Anschauung zu Tage tritt, das lässt sich zum Ueberfluss noch haarscharf beweisen. Ein glücklicher Zufall hat uns nämlich „die breite und die tiefe Halle”, gewissermaassen das Speise- und Empfangszimmer des Palastes Amenophis' IV. in Tell el Amarna vollständig erhalten. Dies „vollständig” ist nicht zu viel gesagt; wir haben nämlich die Grundrissmauern mit den prachtvoll erhaltenen Estrichen[94], zur Reconstruction völlig ausreichende Fragmente der Säulen[95] und last not least mehrere alte untereinander übereinstimmende Abbildungen dieser Säle[96]. Die Estriche sind herrlich bemalt, in der Mitte sind Teiche mit allerlei Fischen und Wasservögeln; umgeben sind dieselben von Rohr-, Papyrus- und Schilf-Dickicht, in welchem wieder verschiedene Thiere sich tummeln, des Weiteren folgen ornamentale Gefässdarstellungen und, da der Estrich in einem Königspalast liegt, im Mittelgang die Figuren von Gefangenen, die gefesselt am Boden liegen und über die der König hinwegschreiten soll. Alles deutet also darauf hin, dass der Fussboden wirklich als Erde aufgefasst ist. Die Säulen, welche in der Mitte der Säle in Reihen standen, stellen Pflanzen und zwar Palmenstämme und Schilfbüschel dar, die um die Teiche des Estrichs herum stehen. Wie die Decke darüber aussah, auch das hat uns ein ägyptischer Maler in seiner kindlichen Manier überliefert (Abb. 84). Als er jene Darstellung des Palastes, den er, nach allen Details zu urtheilen, genau kannte, entwarf, da wollte er auch den gemalten Himmel an der Decke der Säle wiedergeben. Er wusste, dass dieser Himmel, wenn er, im Saale stehend, ihn betrachtete, stellenweise durch die oberen Theile der Palmensäulen verdeckt wurde. Das richtig darzustellen überstieg aber seine perspectivischen Kenntnisse. Er malte daher ganz dumm seinen Himmel und zwar die Hieroglyphe für Himmel — hinter die obersten Theile der Säule, dicht unter die Deckenlinie.[97] Darunter stellte er dann noch die an die Decke gemalte strahlende Sonne dar. Sehr schön ist ja diese zeichnerische Leistung nicht, aber wir sehen doch wenigstens daraus, wie die Decke in jenem Saale decorirt war.

Die Ausschmückung der Räume des Palastes von Tell el Amarna ist also ein vollgültiger Beweis für die oben angeführte Theorie, dass die Aegypter die Innenräume ihrer Tempel und Häuser „à l'image du monde” aufgefasst und demgemäss decorirt haben, und dass nur eine nothwendige Folge dieser Auffassungsweise das Vorkommen von Pflanzensäulen ist. Diese Säulen sind also keineswegs nur wie klassische oder mittelalterliche Säulen mit Pflanzenkapitellen als Säulen mit ornamentalen, pflanzlichen Zuthaten anzusehen, sondern stellen in ihrer ganzen Grösse von der Basis bis zum Kapitell nur eine Pflanze oder ein Pflanzenbündel dar.