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Die Anthropophagie

Chapter 10: Die Südsee.
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About This Book

The study differentiates incidental survival cannibalism from habitual, culturally sanctioned practices and restricts its focus to the latter, aiming to document facts, stages, and causes. It surveys possible prehistoric evidence and survivals in folklore and classical reports, then proceeds to a systematic, region-by-region ethnographic account of contemporary instances across Africa, Asia, Oceania, Australia, and the Americas. Varieties of practice, ritual contexts, and motivating factors are catalogued and compared. The work concludes by synthesizing these materials to explain reasons for persistence, variation, and the observed decline of such practices in the face of external influences and social change.

Die Südsee.

In der Südsee treffen wir auf den klassischen Boden der Menschenfresserei. Von Neu-Guinea bis zur Osterinsel hin waren oder sind noch deren Bewohner Anthropophagen, weder Melanesier noch Polynesier machen eine Ausnahme, und nur der Grad derselben ist ein verschiedener, von der rohesten, rein auf das Nahrungsbedürfnis gerichteten Form bis zu den letzten Überbleibseln des Kannibalismus, die sich noch in symbolischen Handlungen oder Sagen offenbaren. The Polynesians may, without injustice, be called a race of cannibals, sagt H. HALE[140] und unserm J. R. FORSTER, welcher vor länger als 100 Jahren noch keinen sicheren Überblick über alle Südseeinsulaner haben konnte, drängte sich damals schon die Überzeugung auf „daß alle Bewohner der verschiedenen Inseln im Südmeere, selbst in dem glücklichsten, fruchtbarsten Erdstriche, wo die Hauptnahrung in Früchten besteht, nichts destoweniger vor Zeiten Menschenfresser gewesen sind.“[141]

In der Mythologie der Polynesier finden wir Züge, die auf Anthropophagie hinweisen. So glaubten sie, daß die Geister der Gestorbenen von den Göttern oder Dämonen verzehrt, und daß der geistige Teil ihrer Opfer von dem Geiste des Idols, dem das Opfer galt, verspeist wurde. Die Vögel, welche zum Bereiche der Tempel gehörten, nährten sich nach polynesischer Meinung von den Körpern der Menschenopfer und man nahm an, daß der Gott in Vogelgestalt sich dem Tempel näherte und die auf dem Altar liegenden Opfer verschlang. Auf einigen Inseln war sogar das Wort „Menschenfresser“ eine Bezeichnung der Hauptgötter. Kriege, nur zu dem Zwecke unternommen, um sich Menschenfleisch zur Speise zu verschaffen, waren bei den Polynesiern nichts seltenes; die Genugthuung und der gestillte Rachedurst, welche nach dem Verzehren des Feindes sich einstellten, waren indessen keineswegs der einzige Beweggrund zur Anthropophagie der Polynesier: wir finden vielmehr auch Beispiele, daß Hungersnot sie zu dieser Unsitte trieb.[142]

Neu-Guinea und Nachbarschaft. „Unter allen wilden Völkern, die als Anthropophagen berüchtigt sind, werden die Papuas zuerst genannt und obschon es sich nicht leugnen läßt, daß sie in ihren Sitten noch sehr roh sind, so ist dies doch keineswegs auf die ganze Bevölkerung bezüglich und man thut ihnen gewiß hierin entschieden Unrecht. Obwohl auch in einem neuen Reisewerke[143] bemerkt wird, daß die Papuas ihre Gefangenen, ja die Bewohner an der van Dammen-Bai (Geelvinksbai) ihre eigenen Toten verzehren, so sind doch noch von keinem glaubwürdigen Manne bestimmte Nachrichten darüber vorhanden und wir müssen diese vagen Gerüchte daher mit Recht als unwahr bezeichnen.“ So urteilt in seiner verdienstvollen Schrift über Neu-Guinea OTTO FINSCH.[144] Aber was er als vages Gerücht hinstellt, hat sich als entschieden wahre Thatsache erwiesen. Da auch sonst die Melanesier des großen Oceans der Anthropophagie ergeben sind und auf den umliegenden Inseln Neu-Guineas dieselbe entschieden nachgewiesen war, so ließ sich dadurch mit Wahrscheinlichkeit schon auf das Vorkommen von Kannibalismus auf Neu-Guinea schließen. Neuere Reisende bestätigen dies denn auch vollständig.

Schon der Amerikaner BICKMORE brachte beglaubigte Beweise von der Anthropophagie der Papuas bei[145] und übereinstimmend berichten, WALLACE ausgenommen, dasselbe die späteren Reisenden, die sich die Aufgabe gestellt haben, das unbekannte Innere dieser das deutsche Reich an Größe übertreffenden Insel zu erforschen. Der Florentiner ODOARDO BECCARI, welcher 1871 nach Wonim di Bati, der nordwestlichen Halbinsel von Neu-Guinea, ging und dort das Arfakgebirge bestieg, brachte Berichte von Menschenfressern, die zwischen 132° und 133° östl. L. v. Greenwich hausen und dem Stamme der Kraton angehören.[146]

Noch eingehender erforschte den Nordwesten Neu-Guineas unser Landsmann Dr. A. B. MEYER, dem es auch gelang die Nordwesthalbinsel an ihrer engsten Stelle, von der Geelvinksbai zum Mac Cluergolf zu kreuzen.[147] Nach ihm sind Kannibalen in dem besuchten Teile: Der Stamm der Karoans in den Bergen an der Nordküste, zwischen Amberbaki und den zwei kleinen Inseln Amsterdam und Middelburg; die Tarungarés an der Ostküste der Geelvinksbai, welche sogar ihre eigenen Todten verzehren; die Bergbewohner der Insel Jobi in der Geelvinksbai. Daß auch an Mac Cluer Inlet Kannibalen wohnen, ist bestätigt worden. Ein Hamburger, Namens Schlüter, Steuermann des Schiffes „Franz“, Kapitän Redlick, wurde dort nebst einigen Matrosen von den Papuas ermordet und der Körper als Speise an benachbarte Stämme verkauft.[148]

Während wir so Kunde vom Vorkommen der Anthropophagie im Nordwesten Neu-Guineas erhalten, kam gleichzeitig Bestätigung über deren Verbreitung im Südosten. MORESBY, der die dortigen Küsten aufnahm, stellt sofort dort Kannibalismus fest[149] und die dann später dort angesiedelten englischen Missionare geben dann weitere Einzelheiten. Die Kiefern der Verzehrten werden als Armschmuck getragen. Am Flusse Aivei oder Alele sind die Eingebornen „alle Menschenfleisch essende Kannibalen, sei es gekocht oder ungekocht; sie sagen es sei eine bessere Nahrung als alles andere“. Am Südkap kam ein befreundeter Häuptling zu der Frau des Missionars Gill und bot ihr eine Menschenbrust zur Speise an, die er als saftigen Bissen rühmte.[150] Das sind deutliche Beweise, daß hier das Menschenfleisch als Genußmittel betrachtet wird; ob andere Beweggründe dort für die Anthropophagie noch vorhanden sind, läßt sich aus den Berichten noch nicht ersehen.

In der Verlängerung der östlichen Halbinsel Neu-Guineas, nur durch eine schmale, korallenreiche See getrennt, ethnographisch und physikalisch aber mit dem Hauptlande übereinstimmend, liegt der Louisiade-Archipel, dessen melanesische Eingeborene Anthropophagen sind; vollauf Bestätigung ihres abscheulichen Kannibalismus verdanken wir dem französischen Schiffsarzt V. DE ROCHAS.[151] An der östlichen Insel Rossel strandete im Sommer 1858 das Schiff St. Paul, welches 317 chinesische Kulis von Hongkong nach Australien führen sollte. Die Schiffbrüchigen retteten sich auf eine kleine Nebeninsel und der Kapitän fuhr in der Schaluppe fort, um Hilfe zu holen. Er gelangte nach Neu-Caledonien, wo die französische Behörde sofort ein Kriegsschiff, auf dem Rochas sich befand, nach Rossel abordnete, um die Schiffbrüchigen zu retten. Am 5. Januar 1859 traf das Schiff dort ein; aber von mehr als 300 Männern waren nur noch vier am Leben, die übrigen waren von den Eingeborenen ermordet und aufgefressen worden. Einzelheiten übergehen wir, da sie nicht geeignet sind, Licht auf die Motive der That zu werfen, wenn es auch fast scheint, als sei bloße Lust nach dem Genusse von Menschenfleisch die Ursache des schauderhaften Vorfalls gewesen.

Von den übrigen Satelliten Neu-Guineas erwähnen wir, daß auf Rook kein Kannibalismus herrscht. „Die Menschenfresserei, welche an den Küsten Neu-Guineas herrscht, erregt auf Rook Abscheu.“[152] Dagegen sind die Eingeborenen der Massims-Inseln (d’Entrecasteaux-Inseln, an der Südostspitze Neu-Guineas) Kannibalen.[153]

Den Kannibalismus der Melanesier des Bismarck-Archipels kennt WILFRED POWELL aus eigener Anschauung, er wohnte den Menschenfressermahlzeiten bei und sein Reisewerk ist ein fortlaufender Bericht über die verschiedensten kannibalischen Einzelheiten. Beim Häuptling Toragood der Duke of York Insel bei Neu-Britannien sah POWELL abgehackte Menschenglieder an einem Tabubaum hängen. Von einem bei seinem Hause liegenden Leichnam sagte Toragood: „der Mann half meine Mutter verzehren“; jetzt kam er selbst an die Reihe. „Ich glaube, sagt POWELL, es ist für diese armen Geschöpfe fast unmöglich den Kannibalismus aufzugeben, so groß ist ihre Begierde nach Menschenfleisch.“ Frauen werden durch die Heirat völliges Eigentum des Mannes und wenn letzter erzürnt ist, kann er die Frau töten, um sie zu verzehren, was vorkommt. Jeder Häuptling hat zwei ständige Minister: einen Sprecher und einen Schlächter. Ersterer besorgt das Reden, letzterer das Schlachten und Zerlegen. Das wertvollste Stück vom Manne ist der Schenkel, vom Weibe die Brust. Der Kopf wird nie gegessen, ebensowenig die Eingeweide, welche man verscharrt. Bein- und Armknochen von Feinden werden am stumpfen Ende der Speere befestigt; die Eingebornen glauben, dies verleihe ihnen die Stärke des Mannes, dessen Gebein sie tragen und machen sie unverwundbar gegenüber den Verwandten der Gefressenen. Selten verzehren sie einen Mann aus ihrem eignen Stamm. Sollte aber einer von seinem Häuptling getötet oder wegen Verbrechen hingerichtet sein, so kann der Leichnam an einen andern Stamm verkauft werden. Auch die Neu-Irländer sind Kannibalen.[154]

Den Naturforschern des „Challenger“ erschienen die Bewohner der Admiralitätsinseln unzweifelhaft als Kannibalen; sie zeigten ihnen durch Pantomimen, wie sie menschliche Glieder kochten und verzehrten.[155]

Salomonen. Am 7. Februar 1567 entdeckte der Spanier ALVARO MENDANA DE NEYRA die Salomonen, landete auf der von ihm so benannten Insel Santa Ysabel im Sternhafen (Puerto de la Estrella) und trat mit den Eingeborenen in Verkehr, deren Häuptling Tauriqui Biliban Harra nach polynesischer Sitte durch Namentausch mit ihm Freundschaft schloß. Während eines zweimonatlichen Aufenthalts hatte er Gelegenheit, die Sitten der Eingeborenen genügend kennen zu lernen, deren Anthropophagie ihm sofort auffiel. „Diese Menschen, sagt er, sind Barbaren, Anthropophagen, Fresser von Menschenfleisch; sie verschlingen sich untereinander, wenn sie Kriegsgefangene machen und selbst dann, wenn sie, ohne in offener Feindschaft miteinander zu sein, sich durch Hinterlist gefangen nehmen. Der Beweis, daß sie Anthropophagen sind, besteht darin, daß sie dem General bei verschiedenen Gelegenheiten Stücke von Indianern anboten, als ein sehr delikates und von ihnen geschätztes Gericht“.[156]

Seitdem haben alle Reisenden und Missionare, welche von den Salomons-Inseln berichteten, deren Bewohner als unzweifelhafte Kannibalen geschildert. Die Anthropophagie besteht dort völlig unvermindert fort, wofür wir Belege aus der allerneuesten Zeit anführen wollen. Im Jahre 1872 besuchte das britische Kriegsschiff Blanche, Kapitän CORTLAND H. SIMPSON, die Insel Ysabel, wo sich ihm in einem der an der Küste gelegenen Dörfer ein schauderhafter Anblick darbot. An dem Hause eines Häuptlings waren 25 Köpfe von Feinden angenagelt, welche erst vor drei Wochen hinterrücks getötet und dann verspeist worden waren.[157]

Noch eingehender berichtet Kapitän EDWIN REDLICK vom Schoner „Franz“, der in neuester Zeit eine Kreuzfahrt durch das Inselgewirr des westlichen stillen Ozeans bis Neu-Guinea unternahm. Er ankerte in der Makira-Bai der Insel San Christoval (Bauro) und ging, begleitet von einem dort wohnenden Engländer, PERRY, der Jagd wegen ans Land. „Beim Verlassen der Bai begegneten wir verschiedenen großen Canoes und an eins derselben heranrudernd, fanden wir, daß in demselben ein zugerichteter oder gekochter Leichnam lag. PERRY nahm die Sache kühl, als etwas alltägliches und da er uns höchst entsetzt sah und den Matrosen übel wurde, bemerkte er, daß er mindestens zwanzig Körper in diesem Zustande gesehen habe, die gleichzeitig am Strande lagen, um verspeist zu werden. An Bord des Kriegscanoes waren zwei Gefangene, ein Knabe und ein Mädchen von etwa 14 Jahren. In der Absicht, ihr Leben zu retten, erbot ich mich sie zu kaufen; doch konnte ich bieten, was ich wollte, die Eingeborenen gingen nicht darauf ein. Wir hörten später, daß die Schwarzen nach Makira gingen, die Hälfte des Körpers dort verkauften und das Übrige einem andern Stamm; auch ihre beiden Gefangenen verkauften sie. Wir kamen bald nachher an zwei Häuser, in denen eine große Zahl Schädel von Leuten aufbewahrt wurden, die sie gefressen hatten. Wir fanden die Eingeborenen ruhig und inoffensiv, doch alle Kannibalen.“[158]

Die neuesten Nachrichten über den Kannibalismus auf den Salomonen verdanken wir dem dort stationierten katholischen Missionar VERGUET. Er ist dort noch en pleine vigueur; die Eingeborenen kennen nichts delikateres als Menschenfleisch. Das ganze Dorf erschallt von Freudenrufen, wenn ein Kannibalenfest stattfindet, man zerschlägt Kokosnüsse, raspelt Taro und Ignamen, um Pasteten zu backen, während der Leichnam zubereitet wird. VERGUET schildert als Augenzeuge; nach ihm ward der Kadaver in große Bananenblätter gewickelt und dann mit stets erneuerten heißen Kieseln umgeben, bis er gar war. So bleibt das Fleisch saftig. Man sieht sich vor, daß die Haare nicht verbrannt werden; diese zieht man skalpartig mit der Haut ab und setzt diese Perrücke auf eine Kokosnuß, die im Gemeindehaus aufgehangen wird. Wenn die Insulaner Menschenfleisch verzehren, verstecken sie sich vor den Europäern, doch verbergen sie die Sache nicht, wenn sie zufällig bei ihren Mahlzeiten überrascht werden. Nicht selten, namentlich auf Ysabel, sieht man Armbänder von Menschenzähnen oder am Halse der Eingeborenen hängen Finger, Ohren oder andere Teile qu’on ne nomme pas. Nach VERGUET scheint keinerlei besonderer Aberglauben hier mit dem Kannibalismus verknüpft zu sein.[159]

Neu-Hebriden. COOK und seine Begleiter, welche nicht „so lieblos“ sein wollten, die Bewohner der Neu-Hebrideninsel Tanna auf eine bloße Vermutung hin der Anthropophagie zu beschuldigen, wurden verhindert, in das Innere der Insel vorzudringen, wobei man ihnen andeutete, man würde sie, falls sie weiter vorwärts gingen, fressen. „Sie deuteten durch Zeichen sehr verständlich an, daß sie einen Menschen zuerst totschlügen, hierauf die Glieder einzeln ablöseten und dann das Fleisch von den Knochen schabten. Endlich setzten sie die Zähne an den Arm, damit uns gar kein Zweifel übrig bleiben sollte, daß sie wirklich Menschenfleisch äßen.“[160] Und noch wiederholt geschah während der Anwesenheit des Entdeckers dasselbe, so daß schon damals kein Zweifel darüber herrschen konnte, die Bewohner von Tanna seien Anthropophagen. G. FORSTER, nach dem Grunde forschend, ruft dann aus: „Gemeiniglich pflegt man dieselbe dem äußersten Mangel an Lebensmitteln Schuld zu geben; allein was für einer Ursache will man sie hier beimessen, wo das fruchtbare Land seinen Einwohnern die nahrhaftesten Pflanzen und Wurzeln im Überfluß und nebenher auch noch zahmes Vieh liefert? Wohl ungleich wahrscheinlicher und richtiger läßt sich diese widernatürliche Gewohnheit aus der Begierde nach Rache herleiten.“[161]

Die Neu-Hebriden-Bewohner sind, wie die übrigen Melanesier, bis zu dieser Stunde greuliche Kannibalen. Der Missionar GEORGE TURNER, der lange auf Tanna lebte, bemerkt von den dunkelfarbigen Eingeborenen: „Wenn der Körper eines Feindes erhalten wird, richtet man ihn für den Ofen her und serviert ihn bei der nächsten Mahlzeit mit Yams. Es kann darüber kein Zweifel herrschen. Sie sind ganz erpicht auf Menschenfleisch und verteilen es in kleinen Bissen weit und breit unter ihre Freunde als eine köstliche Speise. Ich erinnere mich eines Tages mit einem Eingeborenen darüber gesprochen zu haben und versuchte, ihm die Sache vergeblich zuwider zu machen. Er nahm alles mit herzlichem Lachen auf und antwortete: ‚Schweinefleisch ist gut für Sie, dies aber paßt für uns,‘ und indem er mich wie durch die That überzeugen wollte, biß er in seinen Arm und schüttelte ihn, als ob er mit den Zähnen ein Stück herausbeißen wollte. Auf anderen Inseln ist es anders, doch auf Tanna ziehen kannibalische ‚Kenner‘ einen schwarzen Mann einem Weißen vor. Der letztere, sagen sie, schmecke ‚salzig‘. Sie betrachten alles, was ihnen in den Weg kommt, als ‚Fisch‘, wie die Niedermetzelungen weißer Männer gezeigt haben.“[162]

Wie auf Tanna, so liegen die Verhältnisse auf den übrigen Eilanden der Neu-Hebriden, auf Erromango[163], Malikollo, Espiritu Santo. Von dieser nördlichen Insel haben wir einen den Kannibalismus bestätigenden Bericht des dort wohnenden Missionars JOHN GOODWILL, der vom 24. Juni 1873 datiert ist.[164] Es herrschte einer der häufigen Kriege unter den Eingeborenen. „Der zwei Miles von meiner Station wohnende Häuptling tötete fünf ‚Buschleute‘ und verteilte sie unter die uns befreundeten Dorfbewohner, damit sie sich daran ergötzen möchten. Ich that alles, was in meiner Macht stand, sie davon abzuhalten und erklärte ihnen, wie abscheulich der Kannibalismus sei. Ihre ständige Antwort aber war: Es waren Ihre Feinde, die Sie zu töten und auszuplündern suchten; sie stahlen Ihre Hühner, zerbrachen Ihre Fenster, Möbel u. s. w. und das ist Grund genug, sie zu töten und zu verzehren.“

Auch der Schweizer O. RIETMANN, welcher die Neu-Hebriden besucht hat, bemerkt nach den Angaben dortiger Missionare, daß die Eingeborenen von Mallicolo arge Kannibalen seien. Während er sich auf Deck die Hände wusch, kam ein Schwarzer grinsend auf ihn zu, ergriff seinen Arm und gab zu verstehen, daß der gut zu essen sei. Sein Geberdenspiel und das mehrfach wiederholte Wort kaikai, daß in den meisten Dialekten der Gruppe „essen“ bedeutet, zeigten genügsam an, wonach ihn gelüstete. „Wenn, sagt RIETMANN, unter den Eingeborenen Australiens manche Stämme Kannibalen sind, so erklärt sich das. Die Natur hat sie nur karg mit Nahrung aus dem Tier- und Pflanzenreiche beschenkt und man begreift, daß solche Wilden ihre Zuflucht zu Menschenfleisch nehmen. Aber auf den von der Natur geradezu beglückten Inseln der Südsee bringt die Natur nahrhafte und wohlschmeckende Pflanzen in Fülle hervor: Yams, Taro, Brotfrucht, Bananen und viele andere; den Eingeborenen stehen Schweine, Vögel und Fische zu Gebote, und doch sind sie auf manchen Eilanden die eingefleischtesten Kannibalen.“[165]

Noch einige Nachrichten finden wir bei ECKARDT.[166] Nach ihm ward auf Aneityum 1853 der letzte Mensch gefressen; an den Küsten derjenigen Inseln, wo häufig Europäer verkehren, ist die Anthropophagie verschwunden, doch im Innern dauert sie fort; so bei den Ermama Kararei, den Buschleuten, auf Tanna. Das Schiff Rosario konstatierte 1871 beim Besuche Espiritu Santos noch unverblümte Vorliebe für Menschenfleisch. Auf Vaté dagegen liefert man die im Kriege Erschlagenen den Verwandten gegen eine Anzahl Schweine aus.

Neu-Caledonien. Als COOK 1774 Neu-Caledonien entdeckte, erkannte er die seitdem festgestellte Anthropophagie der Eingeborenen nicht, ja er erzählt sogar eine Geschichte, wie die Insulaner sich erstaunt und angeekelt von den Matrosen abgewendet hätten, welche einen Rinderknochen benagten, wobei sie nicht undeutlich zu verstehen gaben, daß sie glaubten, jene nagten an Menschenknochen, da ihnen größere Säugetiere völlig unbekannt waren.

Alle späteren Reisenden und namentlich die auf Neu-Caledonien angesiedelten Franzosen bestätigen dagegen den ausgedehnten Kannibalismus der schwarzen Eingeborenen. Der Schiffsarzt ROCHAS sagt trocken, wenn auch nicht ganz richtig: L’anthropophagie est purement alimentaire chez les Néo-Calédoniens. Sie führen Krieg aus keinem anderen Grunde als um sich Fleisch zu verschaffen, da in ihrem Lande von Säugetieren nur eine Fledermausart vorkommt, die nicht eßbar ist. Nach dem Kampfe werden die wenigen Toten in Stücke zerhackt und unter die Häuptlinge verteilt. Die Neu-Caledonier ziehen das Fleisch ihrer Landsleute demjenigen der Europäer vor, da letzteres ihnen zu salzig schmeckt. Daß die Häuptlinge allein das Recht haben die Körper der Feinde zu verzehren beruht auf angemaßtem Privileg; sie verteilen dann das erhaltene Fleisch in ihren Familien.[167] Völlig beglaubigt ist der Fall, daß im Jahre 1850 fünfzehn Mann von der Besatzung des französischen Kriegsschiffs Alcmène von den Neu-Caledoniern erschlagen und verzehrt wurden.[168]

Noch weit eingehender spricht sich der Ingenieur JULES GARNIER über den Kannibalismus aus. Sein Besuch Neu-Caledoniens fällt in das Jahr 1864, er hat vortrefflich darüber geschrieben und wiederholt mit eigenen Augen die Kannibalenschmausereien gesehen.[169] Die Gegend, in welcher er beobachtete, ist der Distrikt von Houagap an der Nordostküste, wo von befreundeten Eingeborenen sehr häufig den französischen Postenkommandanten das Fleisch von erlegten Feinden angeboten wurde. GARNIER wohnte einem Pilufeste des Widustammes bei, der die französische Herrschaft anerkannt hat. Im Schein des Feuers sah er zwölf Häuptlinge sitzen, zwischen denen auf Bananenblättern Stücke gebratenen Menschenfleisches mit gekochten Yams und Tarowurzeln lagen. Es waren die Leichen der im Kampfe erschlagenen Feinde, welche das Material zu dem gräßlichen Mahle geliefert hatten. Folgen ekelhafte Einzelheiten, die wir hier übergehen.

GARNIER hat sich die Frage vorgelegt, wie die Neu-Caledonier und die Melanesier überhaupt zu der gräßlichen Sitte gelangt sind und teilt uns ein Gespräch mit, das er darüber mit einem Neu-Caledonier geführt hat. Dieser erklärte die Sache damit, daß die Europäer andere und bessere Speisen hätten; für die Neu-Caledonier aber sei Menschenfleisch das beste. Das wäre also eine physiologische Entschuldigung der Unsitte. Übrigens benutzte man nicht bloß erschlagene Feinde und Kriegsgefangene, sondern auch Übelthäter zum Verzehren; letztere wurden auf Befehl des Häuptlings getötet. Ferner wurden alte Leute und zwar mit ihrer Genehmigung den Göttern geopfert und gegessen. Endlich sollen nach GARNIER auch mißgestaltete Kinder von ihren eigenen Eltern geschlachtet und gefressen werden.

Auch der Missionar X. MONTROUZIER, welcher zwanzig Jahre auf Neu-Caledonien zugebracht hat, ist in der Lage gewesen sehr eingehend über die dortige Anthropophagie zu berichten. Die Insel ist in zwei große Conföderationen gespalten, die der Ot und die der Wawap. Die Kriege zwischen beiden werden bis aufs Messer geführt und diejenigen, welche in der Schlacht fallen, werden von den Siegern verzehrt, deren Erfolg nicht als vollständig gilt, wenn sie sich nicht die Leichen der Feinde verschaffen können. Alte Rivalität, bei dem geringsten Anlasse erneut, führt zu diesen Kriegen, die man außerdem zu bestimmten Zeiten unternimmt. So pflegte der zu den Ot gehörige Stamm der Puebo alle fünf Jahre den zu den Wawap gehörigen Stamm der Balade zu überfallen.

Abgesehen von den Kriegen haben die Neu-Caledonier noch andere Mittel sich Leichen für den Ofen zu verschaffen. Dahin gehört zunächst die Anklage wegen Zauberei und jeder, der einmal angeklagt wird, ist sicher, auch geopfert zu werden, denn Anklage und Verurteilung sind eins. Die Häuptlinge pflegen hiervon reichlichen Gebrauch zu machen.

Auch bei den Festlichkeiten verschafft man sich Menschenfleisch, indem man einen oder mehrere der geladenen Gäste tötet. Der Häuptling bestimmt seinen Vertrauten das Schlachtopfer; ein plötzlicher Tumult wird erregt und der Betreffende dabei erschlagen, nur um das nötige Fleisch zum Feste zu liefern. Die Häuptlinge töten oft ihre eigenen Untertanen, um sich Fleisch für Gäste zu verschaffen, wofür MONTROUZIER verschiedene Beispiele anführt. Daß aber die Schlachtopfer vorher gemästet werden, bestreitet der Missionar auf das Entschiedenste.[170]

Wenn nun im Jahre 1873 BALANSA von Neu-Caledonien schreibt: Aujourd’hui heureusement cette horrible coutume a disparu de l’île[171], so müssen wir dem leider das viel jüngere Zeugnis MONCELON’s gegenüberstellen, welcher noch heute vorkommende Fälle von Anthropophagie erwähnt; namentlich werden Weiber weggefangen und verzehrt. Auch er führt teils Hunger, teils Rachsucht als Motive an.[172]

Auf den Loyalitätsinseln bei Neu-Caledonien haben wir das Aufhören der Anthropophagie den Missionaren zu verdanken. Trotz des Zwiespaltes, in den die Eingeborenen durch die einander feindlich gegenüberstehenden katholischen und protestantischen Missionare gerieten, ist dort ein Fortschritt zu bemerken gewesen, aber mit diesen eine totale Umwälzung unter den Eingeborenen hervorrufenden Fortschritten ist auch ihr Untergang besiegelt. Sie nehmen an Zahl stark ab. L’idolatrie a disparu depuis peu d’années, et avec elle l’anthropophagie et tous les maux qu’elle entraîne. A des tribus indépendantes et en état de guerre presque permanent, guerres qui le plus souvent avaient pour enjeu la chair humaine, une religion toute de paix est venue.[173] So wie auf der Hauptinsel Lifu liegen auch die Verhältnisse auf den beiden kleinern Inseln Maré und Uea.

Noch 1845 fand TURNER auf Maré den gräßlichsten Kannibalismus, der ganze Körper wurde in sitzender Stellung, die Beine zum Kinn heraufgezogen, im Ofen gebraten und so aufgetischt.[174]

Fidschi-Inseln. Auf diesen, wo der Kannibalismus zu den sozialen Einrichtungen gehörte, hat derselbe wohl seinen höchsten Grad erreicht. Die Ursachen dafür sind auch dort verschiedener Art. Wir erkennen dieselben am besten, wenn wir dem Berichte des Missionars THOMAS WILLIAMS folgen[175], der sich längere Zeit auf den Inseln aufhielt.

Daß nicht bloß Geschmack am Menschenfleisch die Insulaner zum Kannibalismus trieb, erkennt man daran, daß derselbe im Zusammenhang mit den Tempelbauten oder dem Stapellauf der Kähne vorkam. Menschen wurden als Walzen bei letzterem benutzt und dann den Zimmerleuten zur Speise übergeben. Das Deck der neuen Kähne wurde mit Menschenblut abgewaschen; wird der Mast zum ersten Male niedergeholt, so schlachtet man ebenfalls Menschen ab und verspeist sie. Hier liegt sicher ein abergläubisches Motiv zu Grunde: durch die Menschenopfer wollte man den Kähnen glückliche Fahrt verschaffen.

Daß die natürlichen Todes Gestorbenen verzehrt wurden, leugnet WILLIAMS; man begrub dieselben stets. Auch die im Kriege Erschlagenen wurden nicht immer alle gefressen; denn die Leichen Hochstehender wurden davon zuweilen ausgenommen. Auch ist manchmal die Masse des vorhandenen Menschenfleisches zu groß, um verzehrt werden zu können, so daß man Stücke wegwarf. Im Jahre 1851 wurden einmal zu Namena fünfzig Kadaver gleichzeitig gekocht, es war Überfluß an Fleisch vorhanden, so daß man die Köpfe, Hände, Eingeweide wegwarf und nur das übrige verzehrte. Ist wenig Menschenfleisch vorhanden, so verzehrt man jedoch alles am Körper.

Wenn die Körper für den Ofen zugerichtet werden, so wird dieses durch einen besonderen Trommelschlag kund gethan. „Bakolo“, der für das Kannibalenmahl bestimmte Körper des Erschlagenen, wird unter bestimmten, von WILLIAMS mitgeteilten Gesängen und Kriegstänzen herangeschleppt, vor dem Häuptling niedergeworfen und von diesem dem Priester übergeben, um ihn dem Kriegsgott zu opfern — woraus ein religiöses Motiv sich für diese Form des Kannibalismus ergiebt. Während der große Ofen geheizt ist[176], zerlegt ein Fleischer kunstgerecht den vorher gewaschenen Körper; die einzelnen Teile werden in Blätter gewickelt und dann auf die heißen Steine gelegt. Zuweilen werden die Kadaver auch ganz, in sitzender Stellung gebraten. Kocht man dagegen das Menschenfleisch, so löst man es vorher von den Knochen.

Wie sehr auch Rachsucht beim Kannibalismus dieser Insulaner das Motiv ist, erkennt man daraus, daß, als 1850 Tuikilakila seinen eigenen ihm feindlichen Vetter Ratu Rakesa besiegte, ersterer nicht zugab, daß der Leichnam des letzteren begraben wurde. Er ließ ihn dem Kriegsgott opfern und sprach dabei: „Wäre ich in seine Hände gefallen, so hätte er mich verzehrt; nun er mein ist, verzehre ich ihn“. Daß aber auch reine Genußsucht nach Menschenfleisch Beweggrund für die Anthropophagie ist, ergiebt sich aus folgendem abscheulichen Fall. Ein gewisser Loti ging mit seinem Weibe in die Taropflanzung, um dort zu arbeiten. Als das Werk gethan war, ließ er sie Holz holen, den Ofen heizen und einen Bambussplitter herbeibringen, um die Speise zu zerlegen. Nachdem sie gehorsam dieses ausgeführt, erschlug er das Weib, kochte und verzehrte er es, wobei ihm von einem Bekannten Gesellschaft geleistet wurde. Niemals hatte der Unmensch mit dem Weibe, mit dem er ruhig lebte, Streit gehabt. Schiffbrüchige verzehrt man regelmäßig, da der Glaube herrscht, das Meer habe sie nur darum nicht verschlungen, damit sie verspeist werden könnten.

Einzelne heidnische Häuptlinge verabscheuten allerdings den Kannibalismus und konnten nie dazu vermocht werden Menschenfleisch zu essen. Diese aber waren Ausnahmen von der Regel. Die Anthropophagie war weit verbreitet und Menschenfleisch galt als Delikatesse. Man raubte Menschen um sie zu fressen. Dabei wurde weder Alter noch Geschlecht verschont, Kinder wie Greise wanderten in den Ofen. Herz, Schenkel und Oberarm galten als die größten Leckerbissen, der Kopf war weniger beliebt.

Die Weiber aßen selten „Bakolo“ und einigen Priestern war es verboten. Auf der Insel Moala wurden sogar oft die Gräber geöffnet, um die Leichen daraus als Nahrung zu verwenden. Häuptlinge sandten zuweilen ihren Freunden Leichname als Geschenk in weite Entfernung. Während der Insulaner sonst alles Fleisch nur im durchaus frischen Zustande verzehrt, erregt ihm faulendes Menschenfleisch keine Abscheu. Gewöhnlich kocht man Menschenkörper allein und die Öfen und Töpfe, in denen sie zubereitet wurden, sind ebenso streng tabu wie die bei der Mahlzeit benutzten Schalen und Gabeln. Zuweilen dienen die Schädel der Opfer als Trinkschalen, aus den Schienbeinen macht man Nadeln zum Segelnähen. Der schrecklichste, bei der Anthropophagie vorkommende Brauch jener Insulaner, ist aber das vakototoga, die Tortur, wobei dem noch lebenden Feinde Stücken Fleisch vom Körper abgeschnitten, dann gekocht und vor seinen Augen verzehrt werden. WILLIAMS erzählt von einem Häuptling, der 900 Menschen verzehrt hatte, deren Zahl durch aufgestellte Steine bezeichnet wurde.

Während die Polynesier bis zur Zeit der Ankunft der Europäer die Töpferei nicht kannten, besaßen die Fidschi-Insulaner schon Töpfe und in diesen kochten sie ihre Speisen, zumal auch das Menschenfleisch. Noch mehr, sie bedienten sich auch der Gabeln, was um so mehr auffallen muß, als dieses Kulturinstrument selbst bei uns in Europa ziemlich späten Datums ist. Wir wissen, daß sie zu ihren Kannibalenmahlzeiten ganz besondere, aus Holz geschnitzte Gabeln gebrauchten, die als Erbstücke in den Familien sich erhielten und mit individuellen Namen belegt waren, wie denn die Gabel eines Häuptlings, der sich durch großen Kannibalismus auszeichnete, undro-undro hieß, d. h. „ein kleines Ding, das eine große Last trägt.“[177]

WILLIAMS, der durchaus glaubwürdige Missionar, sagt ausdrücklich, daß er in seinem Berichte alle Färbung vermieden habe und daß er das schauderhafte Bild durch Mitteilung mancher Einzelheiten noch düsterer habe gestalten können. Es wird anderweitig genügend bestätigt.

Wer sich für die scheußlichen Einzelheiten interessiert, die bei den Kannibalenmahlzeiten der Fidschi-Insulaner stattfinden, der möge den Bericht des englischen Matrosen JOHN JACKSON nachlesen, der 1840-42 freiwillig unter ihnen lebte.[178] Diese eingehenden und ausführlichen Berichte liegen allerdings vierzig und fünfzig Jahre zurück. Seitdem haben die Fidschi-Inseln, die jetzt britische Besitzung sind, auch eine europäische Bevölkerung, wenigstens an ihrem Rande und auf den kleinen Eilanden erhalten: der 1883 verstorbene König Thakombau war Christ geworden, die Missionare sind thätig und die Anthropophagie hat abgenommen. Aber ganz ausgerottet ist sie noch keineswegs, und der Insulaner, der heute als guter Christ erscheint, kann morgen, wenn Gelegenheit sich bietet, wieder plötzlich in die alte Gewohnheit zurückverfallen. Fälle von Kannibalismus sind nicht ganz selten und man darf die Insulaner noch zu den Anthropophagen rechnen. Im Juli 1867 verließ der zu Mbau angesiedelte wesleyanische Missionar T. BAKER nebst mehreren Gefährten, trotz verschiedener wohlgemeinter Warnungen, seine Station, um im Innern von Viti Levu bei dem Stamme der Navosa das Christentum zu predigen: Er wurde erschlagen und verzehrt.[179] Glücklicher passierte dieselbe Stelle zwei Jahre vorher Dr. EDUARD GRÄFFE, der über den Kannibalismus, wie er gegenwärtig auf den Fidschi-Inseln herrscht, bemerkt, daß wesentlich der Geschmack am Menschenfleisch dort die noch nicht ganz ausgerottete Anthropophagie begründe.[180]

Indessen haben wir doch gesehen, daß außer der reinen Gourmandise, welche allerdings bei den Fidschi-Insulanern in Bezug auf Menschenfleisch nicht geleugnet werden kann, noch anderweitige Beweggründe der Anthropophagie auf diesen Inseln herrschte. Auch ERSKINE[181] berichtet, daß die erschlagenen Feinde den Göttern geweiht wurden, bevor man sie fraß.

Die Weihung der zu Fressenden den Göttern, das Tabu, welches dabei über manche Gegenstände ausgesprochen war, beweisen den ursprünglich religiösen Beweggrund der Anthropophagie, wozu dann noch Rachsucht sich gegen den erschlagenen Feind gesellt, die schließlich in Feinschmeckerei und gewohnheitsmäßigen Menschenfleischgenuß überging. So haben wir eine völlige Skala.

Ein furchtbarer Ausbruch des Kannibalismus, der wie eine Seuche ganze Distrikte erfaßte und an dem auch bereits „bekehrte“ Stämme Teil nahmen, fand im Jahre 1873 statt. Besonders waren die Kannibalen, die Alles mordeten und fraßen, was ihnen unter die Hände kam, darauf erpicht, „einen Jehovapriester zu fressen“, was ihnen indessen nicht gelang. Die Einzelheiten schildert der zu Rewa angesessene Missionar A. J. WEBB.[182]

Sandwich-Inseln. In Melanesien, wo die Anthropophagie bis auf unsere Tage herrscht, scheint dieselbe den Höhepunkt erreicht zu haben; in Polynesien dagegen ist sie heute bis auf geringe Reste verschwunden. Der Einfluß der Missionare hat hier durchgreifend gewirkt, er konnte dieses um so mehr, als bereits im verflossenen Jahrhundert die Entdecker jene Unsitte im Absterben begriffen sahen. Daß sie aber einst allgemein über Polynesien verbreitet war, darf nicht bezweifelt werden.

Da GERLAND eine sehr große Anzahl von Belegstellen für den Kannibalismus der Polynesier zusammengestellt hat[183], so können wir uns hier etwas kürzer fassen.

Auf den Hawaiischen Inseln war wohl schon zu COOKs Zeiten die Menschenfresserei in der Abnahme begriffen, ja man schämte sich derselben. Daß Teile von COOKs Leichnam selbst verzehrt worden seien, wie wohl angegeben wurde, ist noch neuerdings von Dr. WINSLOW eingehend widerlegt worden, der überhaupt die Sandwich-Insulaner von der Anthropophagie freisprechen möchte.[184] Letzteres ist indessen ein vergebliches Beginnen, indem, nach FORSTER, die Hawaier selbst erzählten, daß ihre Vorfahren Kannibalen gewesen seien; als ein Rest der Anthropophagie muß auch angesehen werden, daß der König bei seiner Einweihung that, als ob er das ihm dargereichte linke Auge eines geopferten Menschen verschlinge. JOHN TURNBULL, der in den ersten Jahren unseres Jahrhunderts die Südsee durchkreuzte, bemerkt dieses und glaubt überhaupt, daß zu seiner Zeit noch Anthropophagie vorkam. Er fand den Spucknapf des Königs mit den Zähnen erschlagener Feinde ausgelegt.[185] Durch das Verzehren des linken Auges glaubte man die Kraft des Herzens des Opfers in sich aufzunehmen.

Markesas-Inseln. Ist, wie von anderen polynesischen Eilanden, auch die Anthropophagie der Eingeborenen der Markesas-Inseln geleugnet worden, so kann daran doch keineswegs gezweifelt werden, wenn auch ein allmähliches Eingehen des Kannibalismus daselbst beachtet wurde, so daß derselbe gegenwärtig fast erloschen ist. Bemerkenswert bleibt, daß die Weiber sich an den Kannibalenschmausereien ebensowenig wie die Kinder beteiligen durften. Allgemein ausgeübt wurde sie nur im Kriege, wo man namentlich Augen und Herz, letzteres roh, verschlang. Von den Menschenopfern durften nach ELLIS außer den Priestern nur Häuptlinge und Greise essen.

CAMILLE DE ROQUEFEUIL, ein französischer Seemann, welcher 1817 auf den Markesas-Inseln des Sandelholzhandels wegen war, fand damals die Anthropophagie noch in voller Blüte. Sein Gewährmann war ein lange Zeit auf den Inseln ansässiger Engländer Namens ROSS, der ihm berichtete, wie 1815 noch die ganze Mannschaft eines europäischen Bootes von den Einwohnern Wahitoas niedergemetzelt und verzehrt wurde. In viele feindliche, sich stets untereinander bekriegende Parteien getrennt, rieben sich die Insulaner untereinander auf. Die Leichen der erschlagenen Feinde sowie die Kriegsgefangenen wurden regelmäßig verzehrt und es gab nur eine Ausnahme von dieser Regel, nämlich dann, wenn die Priester im Namen ihrer Eatuas (Götter) dagegen einkamen. Gewöhnlich rettete diese Weihung das Leben des Gefangenen nicht, aber er wurde wenigstens nicht gefressen und man beerdigte ihn bei den Hütten, wo die Fetische in die Erde verscharrt waren.[186]

Berichte aus der jüngsten Zeit, welche die Anthropophagie der Markesaner bestätigen, sind folgende. Dem Irländer LAMONT, der 1852 als Geschäftsmann Nukahiwa besuchte, wurde in der Hanapae-Oao-Bucht von den Eingeborenen ein Ofen gezeigt, welcher kurz vorher erbaut war, um einen weißen Ansiedler zu braten, weil er einen der Ortshäuptlinge erschlagen.[187]

Im Jahre 1872 unternahm die französische Fregatte „La Flore“ eine Expedition nach verschiedenen Inseln der Südsee und besuchte auch die Markesas. Berichte von dieser Reise hat der Schiffsfähnrich JULIEN VIAUD veröffentlicht und in einem derselben sagt er: Die Anthropophagie ist auf Nukahiwa seit mehreren Jahren erloschen und herrschte jetzt nur noch auf der Nachbarinsel Hivaoa (Dominica).[188] Noch neuer ist der Bericht CLAVELs. Dieser hält es für ausgemacht, daß die Anthropophagie auf den Markesas nicht in der Vorliebe für den Genuß von Menschenfleisch, sondern nur in der Befriedigung der Rachsucht begründet sei. Seine Anschauung begründet er durch folgende Beispiele: Vor wenigen Jahren wurde ein verstümmelter Leichnam gefunden; infolge der deshalb angestellten Untersuchung stellte sich heraus, daß die Mörder kleine Stückchen vom Fleisch des Ermordeten in Zündholzschachteln mit sich genommen und zwischen ihrer Nahrung genossen hatten. Ein Häuptling von Hatihéu, der seine Schwiegermutter verzehrt hatte, gab auf CLAVELs Frage, ob sie gut geschmeckt habe, eine abweisende Antwort. Jetzt ist die Anthropophagie dort so gut wie erloschen.[189]

Paumotu. Ursprünglich sind alle Bewohner der Paumotu-Inseln Anthropophagen gewesen und auf den östlichen sind sie es noch jetzt, was ihren Zusammenhang mit den Rarotongern (Hervey-Gruppe) beweist, bei denen das Menschenfressen allgemein geübt wurde; auf den westlichen Inseln ist es aber schon vor der Einführung des Christentums durch den Einfluß der Tahitier unterdrückt worden.[190] Auf dem östlich von den Niedrigen Inseln gelegenen Rapanui (Osterinsel) cannibalism was practised four or six years since (1862 oder 1864); some Spaniards were eaten.[191]

Gesellschaftsinseln. MEINICKE nimmt an, auf Tahiti sei die Anthropophagie niemals Sitte gewesen.[192] Indessen da alle übrigen polynesischen Inseln sie kannten und teilweise noch kennen, so wird auch Tahiti keine Ausnahme gemacht haben, wenn auch der Kannibalismus dort zur Zeit der Entdecker schon in den letzten Zügen lag. Nur um zu prahlen, verschlangen dort einige Leute ein paar Bissen Rippenfett wie COOK und ELLIS bezeugen, und das Darreichen des Auges eines Geopferten war hier so gut Sitte wie auf den Sandwich- und Samoa-Inseln. WILSON berichtet darüber folgendermaßen: Motuaro, das Oberhaupt von Eimeo, leistete dem jungen Könige (Pomare, Otu), der auf den Schultern eines Mannes getragen wurde und von allen seinen Vornehmen umgeben war, seine Huldigung. Er brachte von Eimeo drei Menschenopfer, der Priester höhlte von jedem ein Auge aus und reichte es auf einem Pisangblatte dem Oberherrn dar. Zugleich hielt er dabei eine feierliche Rede; die toten Körper wurden hierauf fortgetragen und im Morai begraben. Dieselbe Ceremonie wurde hernach von einem jeden Oberhaupte oder Fürsten der verschiedenen Distrikte wiederholt. Einige brachten ein, andere zwei Menschenopfer; sie waren an einem langen Pfahl befestigt und wurden nach Überreichung des Auges beerdigt.

„Man erklärte die grausamen Opfer auf folgende Art: der Kopf wird für heilig gehalten, und das Auge für dessen kostbarsten Teil. Dies wird daher dem Könige, als des Volkes Haupt und Auge, überreicht. Bei der Überreichung des Auges sperrt der König den Mund auf, als ob er es verschlingen wolle. Hierdurch glauben sie, erhalte er großen Zuwachs von Weisheit und Klugheit; auch glauben sie, daß ein Schutzgott bei dieser Feierlichkeit zugegen sei, das Opfer annehme und durch Mitteilung von mehr Lebenskraft die Seele des Königs stärke.“[193] ELLIS erzählt Kannibalengeschichten von der kleinen westlich von Tahiti gelegenen Insel Tapamanoa.[194]

Ist dies schon als Rest der ehemals auf Tahiti herrschenden Anthropophagie aufzufassen, so erhalten wir hierfür weitere Bestätigung durch ein von Cook mitgeteiltes Märchen: In den Bergen der Insel lebten vor Zeiten zwei Kannibalen, die großen Schaden verursachten. Zwei Brüder machten sich auf, sie zu töten, luden sie ein und setzten ihnen glühende in Brotfruchtteig gehüllte Steine vor. Der erste Kannibale starb daran; der zweite aber, gewarnt durch das Zischen der heißen Steine im Halse seines Gefährten, wollte nicht essen. Da überredeten ihn die Brüder, die Wirkung ginge rasch vorüber. Jener aß und starb. Die Brüder zerschnitten die Leichen der Menschenfresser und begruben sie. Eines der Weiber der Kannibalen, das zwei große Hauzähne hatte, aber kein Menschenfleisch aß, wurde nach seinem Tode unter die Götter versetzt. G. FORSTER schloß ganz richtig aus diesem Märchen, daß hierdurch auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hingewiesen werde[195], was auch daraus erhellt, daß die Tahitier direkt zu COOKs Leuten ihre Vorfahren als Tahe-ai, Menschenfresser, bezeichneten.[196]

Samoa-Inseln. Hier ist der Kannibalismus jetzt erloschen. Daß er herrschte, darf nicht bezweifelt werden, wenn auch nur noch spärliche Anzeichen für denselben aufgefunden werden können. GEORGE TURNER berichtet, daß bei den Kriegen der Eingeborenen gelegentlich ein Leichnam gekocht wurde, doch war dies stets ein wegen seiner Grausamkeit berüchtigter Feind, von dem zu essen, als der Gipfelpunkt des Hasses und der Rache betrachtet wurde, nicht etwa um einem Gelüste zu fröhnen. Letzteres war jedoch in alten Zeiten wohl der Fall. „Ich will dich braten“, ist die größte Beleidigung, die man einem Samoaner zurufen kann, ja ein Häuptling erklärte auf diesen Schimpf hin Krieg. Stolze Häuptlinge verließen die Missionskapelle, wenn eingeborene Prediger vom höllischen Feuer berichteten. Unterwirft sich ein kriegführender Teil dem andern, so ist es Sitte, sich vor dem Sieger zu beugen und Brennholz und ein Bündel Laub emporzuhalten, wie sie beim Braten der Schweine benutzt werden, gleichsam als wollten sie sagen: „Töte und koche uns, wenns dir beliebt.“[197]

Nach W. J. PRITCHARD dem Jüngern sind die Samoa-Insulaner zwar im allgemeinen von der Anthropophagie freizusprechen; doch kommen einzelne Fälle noch immer vor, wenn auch hierbei eine gewisse Renommage der bewegende Grund zu sein scheint.[198]

Auf der nordwestlich von den Samoa-Inseln gelegenen Insel Rotumah, die gleichfalls von Polynesiern bewohnt ist, erscheint die Anthropophagie erloschen; als in TURNERs Gegenwart 1845 einige Maoris die dortigen Insulaner aufforderten, die Leichen der im Kriege Gefallenen zu verzehren, wiesen die Eingeborenen dies mit Abscheu zurück.[199]

Tonga-Inseln. Auf diesen war gleichfalls zur Zeit der Entdecker die Anthropophagie im Erlöschen und kam nur noch infolge von Hungersnot, wo nach MARINER auch Weiber sich beteiligten, oder als Äußerung des Hasses vor. Ein beleidigter Insulaner erschlug seinen Feind, schnitt ihm die Leber, den Sitz der Leidenschaften, heraus und tauchte sie, zum Entsetzen der übrigen Tonganer, in sein Getränk. Die schlimmsten Flüche auf Tonga sind nach MARINER: „Koche deinen Großvater“ oder „Grabe deinen Vater bei Mondlicht aus und friß ihn“. Weiße zu fressen, galt für schädlich, da einige Tonganer, welche drei Weiße gefressen hatten, nach dem Genüsse des Fleisches erkrankten und starben. Zu MARINERs Zeiten (1818) hatten einige Tonganer auf den benachbarten Fidschi-Inseln die Anthropophagie wieder gelernt und übten sie zur Abscheu ihrer Landsleute aus.[200]

Neu-Seeland. Als COOK auf seiner ersten Reise Neu-Seeland wieder aufgefunden hatte und er beim Königin-Charlotte-Sund mit seinen Begleitern BANKS und SOLANDER ans Land gegangen war, sollte er sofort mit eigenen Augen beobachten, wie Maoris neben einem Hunde auch Menschenfleisch verzehrten, das in Körben neben jenem lag. Auf die Frage, warum sie denn nicht den im Wasser schwimmenden Leichnam einer Frau äßen, antworteten jene, die Frau sei eines natürlichen Todes verstorben und ihre Verwandte, sie aber verzehrten nur die Leichen ihrer in der Schlacht erlegten Feinde. GEORG FORSTER nimmt Gelegenheit, die angezweifelte Anthropophagie der Maoris zu bestätigen und macht die Bemerkung, daß dieses Volk weit über die erste Barbarei hinaus sei, darum also die Menschenfresserei desselben um so mehr auffalle. Mangel an animalischer Nahrung könne nicht die Ursache dieses schrecklichen Gebrauches sein, denn überall gebe es Fische im Überfluß, man züchte viel Hunde und auch an wilden Vögeln sei kein Mangel. Was aber auch die Ursache sein möge, als sicher erscheine die außerordentliche Vorliebe der Neu-Seeländer für Menschenfleisch. Höchst wahrscheinlich, nimmt FORSTER an, liege Rachsucht zu Grunde und mit der Zeit werde wohl der schauderhafte Gebrauch aufhören, wozu die Einführung der europäischen Haustiere wohl auch das ihrige mit beitragen werde.

Alle späteren Reisenden, sowie die Missionare bestätigten im vollsten Maße die weite Verbreitung der Anthropophagie unter den Neu-Seeländern und wenn die Missionare entsetzt darüber jammerten, antworteten die Maoris: „Die großen Fische fressen die kleinen, Hunde fressen Menschen, Menschen Hunde, Hunde einander, Vögel einander, ein Gott den andern.“

Aus den Überlieferungen der Maoris soll hervorgehen, daß der Kannibalismus erst lange nach ihrer Einwanderung auf Neu-Seeland aufkam und HOCHSTETTER nimmt an, daß die Anthropophagie daselbst zur Zeit der Entdeckung ihren Gipfelpunkt erreicht hatte; den Frauen war übrigens der Genuß von Menschenfleisch nur in Ausnahmefällen gestattet. Was den Ursprung der Menschenfresserei betrifft, so ist derselbe Forscher der Ansicht[201], daß mit der Zunahme der Bevölkerung auf den Inseln das Erträgnis der ohnehin wenig ergiebigen Jagd und damit die einzige Quelle der Fleischnahrung immer spärlicher wurde, und daß um neue Jagdgebiete, um gutes Ackerland und um ergiebige Fischplätze Streitigkeiten entstanden, die zum Kriege führten. Durch diese Kriege verwilderte der Geist des Volkes, die Feldarbeiten wurden vernachlässigt, Not trat ein und Hunger im Verein mit Rachedurst und Haß führten im Kriege zu den ersten Fällen des Kannibalismus. Aber die Kriege dauerten fort, der Mangel an Fleischnahrung wird mit der allmählichen Ausrottung der Tier- und Vogelarten (der Moas etc.), die das Hauptjagdwild ausmachten, immer fühlbarer, und was anfangs nur in der höchsten Not und in der äußersten Aufregung der Leidenschaften als vereinzelter Fall vorgekommen, wurde nach und nach ein fürchterlicher Brauch, der erst dann wieder aufhörte, als durch die Einführung ergiebiger Nahrungsquellen dem Mangel und Elend abgeholfen und die Grundursache der blutigen Kriege gehoben wurde. Das geschah mit der Einführung der Schweine, Kartoffeln und Getreidearten durch die Seefahrer zu Ende des vorigen Jahrhunderts. Dazu kamen die wohlthätigen Einflüsse des Christentums, das die wilden Sitten milderte und so verzeichnet die Geschichte schon im Jahre 1843 — siebzig Jahre nach COOK — den letzten (?) wirklichen Fall von Kannibalismus.[202]

Dieser Ansicht HOCHSTETTERs widerspricht aber GEORG FORSTERs Bemerkung auf das bestimmteste, daß zu seiner Zeit (COOKs zweite Reise) an animalischer Nahrung kein Mangel auf Neu-Seeland gewesen sei und auch wir sind geneigt, eher das von FORSTER hervorgehobene weit verbreitete Motiv der Rachsucht als die Ursache der Anthropophagie anzunehmen.

DARWIN führt an, daß schon zur Zeit, als er Neu-Seeland besuchte (1835), der Kannibalismus dort selten gewesen sei[203]; indessen fällt gerade in jene Zeit eine der kannibalischen Hauptthaten der Maoris. Damals überfielen Neu-Seeländer die nach Osten zu gelegene Warekaûri- oder Chatham-Insel, deren Eingeborene (sog. Moriori) sie zum großen Teil erschlugen und verzehrten. „Die Grausamkeit der Kannibalen war so raffiniert, daß die armen Geschöpfe das Holz herbeitragen und die Ofen herrichten mußten, in denen sie gebraten werden sollten. Die zum Schmause ausersehenen wurden dann in einer Reihe auf die Erde neben den Öfen gelegt und von einem der Maorihäuptlinge durch Schläge mit einem Mere (Steinkeule) getötet.“[204] Die Moriori waren, wie alle Polynesier, früher selbst Anthropophagen gewesen.

Der heutigen dahinschwindenden Maorigeneration erscheint übrigens jene alte Zeit nur wie ein Traum. Nachkommen jener Kannibalen sitzen im Parlamente von Neu-Seeland und HOCHSTETTER erzählt eine bezeichnende Geschichte, welche darthut, wie bei den Maoris jetzt alles verschwunden ist, was auf den Kannibalismus hindeutet. „Ein alter Häuptling, der mit einem jungen Manne auf der Reise war, erinnerte sich, als sie an einem Kriegspah vorbei kamen, vergangener Tage und erzählte seinem jungen Freunde: ‚Siehe, hier haben wir deinen Vater gefangen, dort haben wir ihn getötet und gegessen.‘ Der junge Mann hörte der Geschichte zu, als ob sie ihn weiter gar nichts anginge; beide schliefen gemütlich in demselben Zelte, aßen aus demselben Topfe und waren gute Freunde.“[205]

Mikronesien. Hier war die Anthropophagie zur Zeit der Entdeckung so gut wie verschwunden und nur wenig Tatsächliches liegt darüber vor. Von den Kingsmill-Inseln sagt WILKES: „Die Körper der Erschlagenen werden gewöhnlich nicht verzehrt; doch kommt es gelegentlich vor, daß, wenn ein berühmter Krieger erschlagen wurde, die jungen Männer aus Haß Teile seines Fleisches essen.“[206] Daß die Anthropophagie aber einst über die verschiedenen Inselgruppen verbreitet war, dafür liegen noch einzelne Andeutungen vor. So berichtet CHAMISSO[207] von den Marshall-Insulanern, daß beim Abschlusse eines Friedens dieselben vom Fleische eines gefallenen feindlichen Häuptlings kosteten und sich den Namen des gefallenen Häuptlings beilegten, eine Sitte, die häufig mit kannibalischen Gewohnheiten verknüpft erscheint.

Daß auf den Pelew- oder Pelau-Inseln Anthropophagie niemals vorkam, sucht CHAMISSO[208] zu beweisen. Weder WILSON noch SEMPER berichten davon, obgleich sie das Kopfschnellen der Insulaner recht gut kennen und bei dem besten und gründlichsten Kenner der Pelau-Inseln, JOHANN KUBARY, finden wir auch nur eine leise hierauf bezügliche Andeutung, welche aber auch nur auf ehemals vorhandene Anthropophagie hinweist. Die Bewohner der Insel Corror hatten nämlich jene von Molegojok auf Baobeltaop als Menschenfresser geschildert, wiewohl KUBARY dort keine Spur von Anthropophagie fand.[209] Hierbei bleibt stets zu beachten, daß die Pelauer wesentlich Papuas sind, wiewohl mit malayischem Blute durchsetzt, und daß fast überall noch die Papuas heute als Anthropophagen auftreten, und der malayische Stamm auch Kannibalen stellt. Wir glauben daher im Gegensatz zu CHAMISSO annehmen zu dürfen, daß die Pelauer allerdings früher Anthropophagen waren.