WeRead Powered by ReaderPub
Die Anthropophagie cover

Die Anthropophagie

Chapter 11: Amerika.
Open in WeRead

Explore more books like this:

About This Book

The study differentiates incidental survival cannibalism from habitual, culturally sanctioned practices and restricts its focus to the latter, aiming to document facts, stages, and causes. It surveys possible prehistoric evidence and survivals in folklore and classical reports, then proceeds to a systematic, region-by-region ethnographic account of contemporary instances across Africa, Asia, Oceania, Australia, and the Americas. Varieties of practice, ritual contexts, and motivating factors are catalogued and compared. The work concludes by synthesizing these materials to explain reasons for persistence, variation, and the observed decline of such practices in the face of external influences and social change.

Amerika.

Westindien. Als die Spanier die Antillen entdeckten, stießen sie auf das Volk der Calinago oder Calina, das allgemeiner unter dem Namen der Cariben bekannt ist. Menschenraubend zogen sie von Insel zu Insel in Flotten, die ein Dutzend Segel und oft fünfhundert Streiter zählten. Die männlichen Gefangenen wurden gebraten und verzehrt. Die Anthropophagie der Cariben ist von LAS CASAS bestritten worden, auch KOLUMBUS wollte anfangs in diesem Punkte nicht den Erzählungen der Domingoindianer trauen, bis er selbst mit den Thatsachen vertraut wurde und Meldung davon macht, daß die Cariben sogar die mit gefangenen Weibern erzeugten Kinder verzehrt haben sollen.[210]

Was die Verbreitung der Cariben betrifft, die vom südamerikanischen Festlande kamen, so wissen wir, daß sie die ganzen kleinen Antillen einnahmen und auch die Westküsten von Portorico und Haiti besetzt hatten. Mit dem Verschwinden und Aussterben der Cariben auf den Antillen ist auch dort die Anthropophagie verschwunden, die indessen mit dem Namen dieses Volkes stets verknüpft bleiben wird, da aus ihm das Wort „Kannibale“ entstand. Die von den Bahamainseln stammenden Gefangenen am Borde des Kolumbus widersetzten sich nämlich der Fahrt nach der Insel Haiti, indem sie KOLUMBUS die Einwohner als Menschenfresser schilderten. Sie ließen dabei den Namen Cariben laut werden, den der Admiral mißhörte, so daß durch ihn der Ausdruck Caniba oder Canibalen für die anthropophagen Stämme Amerikas verbreitet worden ist. Nach ANTONIO DE HERRERA bedeutet der Name Canibal soviel wie ein Tapferer. DU TERTRE[211], der uns mit Einzelheiten des westindischen Kannibalentums vertraut macht, sagt, daß Auffressen der gefallenen Feinde sei auf dem Schlachtfelde erfolgt; die Gefangenen aber habe man zu Hause verzehrt, wobei dem tapfersten Krieger das Herz zu teil wurde — ein deutliches Zeichen, daß auch hier Aberglaube im Spiele war. Übrigens sollen viele nach dem Genusse von Menschenfleisch erkrankt sein.[212]

Mexiko. BERNAL DIAZ und SAHAGUN sind diejenigen Schriftsteller, welche am ausführlichsten über die Anthropophagie und die Menschenopfer der Mexikaner handeln und nach ihnen sind diese beiden zu einer speziellen Studie von JOURDANET gemacht worden, der wir in der nachstehenden Darstellung folgen wollen.[213]

Zur Zeit der spanischen Eroberung waren die Tempel außerordentlich zahlreich in Mexiko. Bei diesen Tempeln befand sich oft eine Terrasse mit zwei Türmchen, welche für die Idole bestimmt waren und vor den Türmchen lagen die Steine, auf denen man die Menschenopfer darbrachte. Diese Steine waren der Länge nach konvex gestaltet, so daß das darauf gelegte menschliche Schlachtopfer seine hervortretende Brust besser dem Schlachtmesser darbot. Noch existieren altmexikanische Darstellungen, welche uns zeigen, wie die Ceremonie vor sich ging. Das Opfer wurde von fünf kräftigen Gehilfen gehalten und der Oberpriester öffnete ihm mit einem Obsidianmesser die Brust, indem er die Knorpelansätze der Rippen beim Brustbein durchschnitt. Dann griff er in die Brust des Unglücklichen, nahm das Herz und schnitt es heraus, um es zu Füßen des Idols niederzulegen, vor dem Weihrauch brannte. Noch mehrmals griff er in die Brust, um mit dem Blute des Geopferten die Priester und Gehilfen zu besprengen. Der Leichnam diente dann teilweise zur Nahrung für die Priester, teils erhielt denselben derjenige zur Speise, welcher das Opfer veranlaßt hatte.

Solche Menschenopfer waren ungewöhnlich häufig, da sie auch bei jeder der überaus zahlreichen religiösen Festlichkeiten dargebracht wurden. Die zahlreichen Tempel der größeren Städte in Betracht ziehend kommt JOURDANET zu einer Schätzung von 20000 Opfern dieser Art im Jahre, während andere Autoren eine noch weit größere Anzahl herausrechnen. Fehlten einmal Opfer, dann bedrohten die Priester das Volk mit den schrecklichsten Landplagen und um diese hintanzuhalten begann man Kriege, nur um sich Gefangene zu verschaffen, mit deren Blut die erzürnten Götter versöhnt werden sollten.

Oben ist die Ausübung des Opferns in seiner einfachsten Form geschildert worden; allein es liegen auch Berichte vor, daß der Akt mit ganz besonders barbarischen Bräuchen umgeben wurde. So erzählt SAHAGUN[214]: „Man band ihnen Hände und Füße. So gefesselt nahmen die Priester oder ihre Gehilfen sie auf ihre Schultern und führten unter diesem Gewicht verschiedene Tänze um ein großes Feuerbecken auf. Plötzlich warf man das Opfer in das lodernde Feuer, ließ es eine Weile schmoren, ergriff es dann noch lebend mit einem Haken und schleifte es über den Boden weg zum Opferstein, wo man ihm das Herz herausriß.“ Bei anderen Gelegenheiten baten die Gehilfen, daß die Opferung auf ihrem Rücken, statt auf dem Steine stattfände, damit sie recht von dem Opferblute überströmt wurden. SAHAGUN berichtet auch, daß man den Geopferten häufig die Haut abzog und daß sich damit irgend ein kräftiger Mann wie mit einer Kleidung bedeckte.

Im Gegensatz zu dieser Barbarei stand die aufmerksame Behandlung, welche häufig die zum Abschlachten Bestimmten vor ihrem Tode erlitten, und so gleich einer demonstratio ad oculos der Vergänglichkeit menschlicher Freuden und Lüste erscheint; denn so kann man die ein Jahr lang dauernde Behandlung des Gefangenen vor seiner Opferung auffassen. Man wählte zu diesem Zweck einen schönen, jungen Gefangenen von tadelloser Körperbeschaffenheit und von aufgewecktem Geiste aus. Man lehrte ihn, berichtet SAHAGUN, das Flötenspiel, man gewöhnte ihn an das Rauchen nach Art der Großen und Prinzen, die besten Speisen wurden ihm vorgesetzt, die schönsten Kleider angelegt und während der letzten Lebensmonate führte man ihm die schönsten Mädchen zu. War aber das Freudenjahr abgelaufen, dann fand unwiderruflich seine Opferung statt, nicht in der Hauptstadt Mexiko, sondern in einer Stadt zweiten Ranges. Er wurde in einem Schiffe über den See gefahren und in dem Maße, als er dem Bestimmungsorte sich näherte, entäußerte man ihn seiner Kleidung, bis er zuletzt nackt anlangte. Am Tage seiner Hinrichtung wurde sofort ein neuer Gefangener auserwählt, der anstatt des Geopferten nun ein Jahr lang in Herrlichkeit und Freuden lebte. Oft fanden beim Opfer auch Tänze statt, an denen man den Gefangenen zwang teilzunehmen.

Gewöhnlich waren es Kriegsgefangene, die man den Idolen opferte; mehrere Gefährten des BERNAL DIAZ sind so gemordet worden. Doch kamen auch freiwillige Opferungen vor, wie es denn sich ereignete, daß sogar hochgestellte Personen ihr Leben den Göttern darbrachten. Blutopfer der Priester selbst für die Götter waren nichts ungewöhnliches; sie schnitten sich z. B. die Ohren ab und brachten sie dem Idole dar, oder nahmen Blut von der Zunge, um das Götzenbild damit zu bestreichen.

Die Leichname der Geopferten wurden auf bestimmte Art verteilt und verzehrt. Sobald das Herz dem Gotte und das Blut den Tempelpriestern verteilt war, warf man den Kadaver auf die Stufen des Gebäudes. Hier wurde er von Priestern zerstückelt und unter die Anwesenden verteilt; war viel Menschenfleisch vorhanden, so wurden die nicht gleich zur Verwendung gelangenden Überreste eingesalzen oder getrocknet, wie BERNAL DIAZ wiederholt versichert.

Bei den Mexikanern war es außerdem ein Zeichen des Sieges, wenn sie ihren toten Feind verzehrten. Zu den Spaniern sagten sie: „bald werden wir euch verschmausen“. Aber außerdem war das Verzehren von Menschenfleisch bei ihnen auch Sache der Leckerei, denn bei großen Tafeln durfte es nicht fehlen. BERNAL DIAZ erwähnt auch die Käfige aus Holz, in welchem die zur Opferung bestimmten Sklaven eingeschlossen waren; man nährte sie gut, damit sie der Tafel ihres Herrn keine Schande machten. Dieser selbst, der die Sklaven gewissermaßen als seine Kinder betrachtete, aß jedoch nicht von ihrem Fleisch, das seine Freunde verzehrten. Hervorzuheben ist, daß die Mexikaner nur von dem Fleische rituell Geopferter aßen — kein anderes Menschenfleisch, abgesehen von demjenigen der im Kriege erschlagenen Feinde. Bei der Belagerung Mexikos durch CORTEZ herrschte die größte Hungersnot, die zum Verzehren der Baumwurzeln zwang, aber die zahlreichen Leichen in der Stadt blieben von den Belagerten unberührt. Damit stimmt denn allerdings nicht, wenn SANDOVAL auf seinem Zuge gegen die Otomi fand, daß deren Krieger „Mais und gebratene Kinder als Proviant mit sich führten“.[215]

Die Anthropophagie verbreitete sich in Mexiko auch über die Nebenstämme des Landes aus, in einer Form, welche religiösen Beigeschmack hat. Nach MENDIETA töteten nämlich die in der Gegend des heutigen Veracruz wohnenden Totonaken alle drei Jahr einige Kinder, deren Herzblut mit Ullisaft (von Cassidea elastica) und gewissen Kräutern zu einem Teig gemischt wurde, der für heilig galt und Toyolliaytlaqual hieß. Diese Speise mußten alle sechs Monate die Männer, welche über 25, die Frauen, welche über 16 Jahre alt waren, genießen. Welchen Zweck damit die Totonaken verbanden, giebt MENDIETA nicht an.[216]

Man darf Yukatan nicht ausschließen, wenn von der Anthropophagie im Kreise altamerikanischer Kulturvölker die Rede ist. WALDECK vernahm zu Merida aus glaubwürdiger Quelle, daß zu Ende des vorigen Jahrhunderts dort noch Kannibalismus vorgekommen sei; er berichtet Einzelheiten, läßt uns aber über die Beweggründe im Unklaren. Derselbe Reisende fragte weshalb die Lancadones und Cholos eine große Affenart verzehrten und erhielt von einem Indianer die Antwort: seit durch die Spanier das Menschenessen verhindert worden sei, hätten ihre Vorfahren „die kleinen Waldmenschen“ angegriffen und verzehrt.[217] Auch die Mittelamerikaner haben dereinst sich anthropophagen Genüssen ergeben.

Centralamerika. Im September des Jahres 1528 hielt, wie OVIEDO uns berichtet, der Fray FRANCISCO DE BOBADILLA, ein großes Examen mit den Indianern Nicaraguas ab, um die Natur ihrer Religion zu ergründen. Es waren Leute vom Stamme der Niquirans, wahrscheinlich mexikanischen Ursprungs, die ihm die vorgelegten Fragen beantworteten. Quiateot war der Regengott und auf des Priesters Frage, wie er veranlaßt würde, daß es regne, antworteten die Indianer: „Wir gehen in seinen Tempel und opfern ihm einige junge Kinder. Nachdem wir diesen die Köpfe abgeschnitten haben, besprengen wir mit deren Blut die Bildnisse und Steinidole in dem Hause der Götter, das in unsrer Sprache Teobat heißt.“ Frage des Priesters: „Was beginnt ihr mit den Körpern der Geopferten?“ — Antwort der Indianer: „Diejenigen der Kinder begraben wir; die der Männer werden von den Kaziken und Häuptlingen verzehrt, doch nicht von dem übrigen Volke.“ Hiernach wurden also auch Männer geopfert, die in der ersten Antwort nicht erwähnt sind. Die Weiber waren von allen Dingen, welche die Tempel anging, ausgeschlossen und doch wurden auch ihre Körper in den Tempeln geopfert, indessen die Abschlachtung erfolgte im Vorhofe. Das Fleisch der Weiber wurde aber niemals angerührt, da sie in religiösen Dingen für unrein galten. Schlachtopfer waren aber nur Sklaven und Kriegsgefangene.[218]

Peru. Wenn wir ANTONIO DE HERRERA Glauben schenken dürfen, so wurde der Kannibalismus auch von den Eingebornen am Cauca, im heutigen Columbia, in einer schauderhaften Weise ausgeübt; der Bericht ist jedenfalls übertrieben, wie HERRERA denn gern in seinem Werke über Westindien Märchen einfließen läßt. Er sagt nämlich[219]: „Das Volk des Landes ist so fleischermäßig, daß die Lebendigen das Grab der Toten sind; denn es ist gesehen worden, daß der Mann sein Weib ißt, der Bruder den Bruder oder die Schwester, der Sohn den Vater, und wenn sie einen Gefangenen gemästet haben, so holen sie ihn an dem Tage, an dem er gefressen werden soll, mit mancherlei Gesängen herbei, und der Herrscher befiehlt, daß ein Indianer ihm jedes Glied abschneiden muß, und so fressen sie ihn bei lebendigem Leibe. Nach der Aussage der Einwohner von Arma haben sie mehr als achttausend Indianer verzehrt, und einige Spanier haben diese Qual auch ausgestanden.“

Wir erwähnen diese Erzählung des HERRERA nur, weil sie uns geeignet erscheint, den Übergang zu der Anthropophagie der Inkaperuaner zu machen. Denn sowie bei dem hochstehenden Volke auf der Hochebene von Anahuac Menschenopfer und Kannibalismus herrschten, so kamen sie auch in Peru vor. GARCILASSO DE LA VEGA entwirft ein abschreckendes Bild von der Wildheit der ältesten Urbewohner Perus vor dem Auftreten der Inkas, indem er die Opferfeste beschreibt, bei denen Menschen zu Tode gemartert und gefressen wurden. Selbst unter den Inkas hatten die Peruaner diese blutige Sitte noch, obgleich dieses traurige Erbteil einer barbarischen Vorzeit unter einer humaneren Regierung schon vor der Ankunft der Europäer mehr und mehr in Vergessenheit geraten war.[220]

Gebiet des Amazonas. Auf den Antillen (abgesehen von rückfälligen Negern), in Mexiko, im Gebiete der Cordilleren ist unzweifelhaft heute die Anthropophagie erloschen. Dagegen ist sie, was man mit Unrecht bezweifelt hat, noch weit in den Tiefebenen Südamerikas, zumal bei den umherstreifenden Horden im Gebiete des Amazonas und seiner Nebenflüsse vertreten. Zu den Zweiflern gehört in erster Linie der verdiente EDUARD PÖPPIG, welcher von den am Ostabhange der Anden lebenden Indianervölkern bemerkt: „Der ungewöhnliche Grad von Bildungsfähigkeit der meisten den Anden näher lebenden Stämme wird wohl am besten durch die Thatsache bewiesen, daß vor kaum 150 Jahren noch unter ihnen Gewohnheiten herrschten, die sie der Anthropophagie dringend verdächtig machten. Wenn man mit allem Ernste annimmt, daß dergleichen Völker die niedrigsten und wildesten sind, so ist es um so mehr Beweis ihrer guten Anlagen, wenn die Zucht der Europäer sie in ungewöhnlich kurzer Zeit von ihren Lastern zu entwöhnen und bis zu einem unverhältnismäßig hohen Grade zu civilisieren vermag“.[221] Andere, wie AZARA, haben die Anthropophagie der Südamerikaner ganz ableugnen, und alles darüber gesagte den sensationsbedürftigen Übertreibungen der Eroberer und Missionare zuschreiben wollen.[222] Die Thatsachen indessen beweisen, daß noch heute im östlichen Peru Menschenfresser wohnen, und daß mit Nichten anthropophage Völker zu den „wildesten und niedrigsten“ gehören. Im Gegenteil, wenn auch nicht immer, nehmen gerade diese sehr häufig eine höhere Stufe als ihre Nachbarn ein, die der Menschenfresserei nicht ergeben sind. Unter den neueren ist es WOLDEMAR SCHULTZ, welcher, mit philanthropischem Blicke auf die südamerikanischen Indianer schauend, deren Anthropophagie in der Gegenwart in Abrede zu stellen versucht.[223]

Diesem gegenüber haben wir festzustellen, daß bei den auf tiefer Gesittungsstufe stehenden Jagd- und Fischernomaden des südamerikanischen Kontinentes, zumal bei den schwachen Horden, die verborgen in den Urwäldern am Amazonas und seinen Nebenströmen hausen, die Anthropophagie noch jetzt eine sehr verbreitete ist. Bei der atomistischen Zersplitterung dieser Völkerschaften kann nicht die Rede davon sein, alle einzeln in ihrer Beziehung zur Anthropophagie hier aufzuführen, doch genügt wohl eine Anzahl aus der Menge hervorgegriffener Beispiele. KARL FRIEDRICH PHILIPP VON MARTIUS hat uns bewiesen, daß die physiologische Entschuldigung für die Anthropophagie bei den südamerikanischen Indianern in Wegfall kommt. „Nur selten, sagt er, verfällt der Mensch in diesen fruchtbaren und fischreichen Gegenden einem Hunger, der ihn zwänge, auf seines gleichen wie auf ein zahmes Wild Jagd zu machen. Die weibliche Bevölkerung ist mit so instinktivem Fleiße dem Anbau von Nährpflanzen und der Mehlbereitung ergeben, daß es nicht leicht zu jener Extremität des Hungers kommt. Aber außer allen übrigen Veranlassungen zu Streit und Krieg zwischen den Söhnen des Waldes, reizt ihn die Aussicht seine Gefangenen vorteilhaft zu verkaufen, zu fortwährenden Kämpfen und ein bei dieser Veranlassung getöteter Widersacher wird als Edelwild, das sich zur Wehre gesetzt hat, wie im Triumph verspeist. Es ist also weder dringender Hunger noch Nationalhaß, sondern Berechnung einer seltenen, leckeren, den rohen Stolz befriedigenden Mahlzeit, in gewissen Fällen vielleicht auch Blutrache und Aberglauben, was diesen Wilden zum Kannibalen macht. In der Kette ungünstiger Verhältnisse, welche ihn in seiner Entmenschung erhalten, ist die Anthropophagie eines der mächtigsten Glieder. Von allen tierischen Zügen in der sittlichen Physiognomie des Menschen ist sie der tierischste und obgleich sie ehemals vielleicht bei allen Völkerschaften Brasiliens im Schwange ging, ist sie doch gegenwärtig bei den meisten verabscheut. Die europäische Kultur kann sich rühmen erfolgreich gegen diese entmenschte Sitte angekämpft zu haben“.[224]

Die Kaschibos am Ucayale, denen wir uns zuerst zuwenden, haben wahrlich keinen Mangel an Wild, und der Fluß liefert ihnen Fische und Schildkröten in Menge, dessenungeachtet sind sie Kannibalen. Allerdings sind die Nachrichten darüber nicht immer bestimmt. The Cashibos are said to be cannibals meint HERNDON[225], während Professor RAIMONDI angiebt, daß sie nur ihre Alten aus religiösen Gründen verzehren.[226] J. J. V. TSCHUDI dagegen behauptet, daß sie Kriege führten, um sich Gefangene zum Verzehren zu verschaffen. Auch Leute des eigenen Stammes verzehren sie, dagegen niemals Weiber, wie 1842 die Missionare von Ocopa aussagten, nicht etwa aus Rücksicht und Schonung, sondern weil sie die Weiber für etwas untergeordnetes und ihr Fleisch für giftig halten.[227]

Am Cosiabatay, einem Nebenflüßchen des Ucayale, fand MARCOY einen gekreuzigten Kaschibo-Indianer, die Schetibos hatten ihn hier lebendig ans Kreuz geschlagen. C’etait une vieille coutume des Schetibos de tuer tout Cachibo qu’ils rencontraient, et cela pour punir la nation dans l’individu, de son goût décidé pour la chair humaine. MARCOY bildet die ekelhafte Scene, wie die Aasgeier den Gekreuzigten zerfleischen, auch ab.[228]

Diese Kaschibos (Carapuchos, Callisecas, Fledermausindianer) reichen vom Pachitea bis zum Aguaita (linkes Ucayaleufer) und sind, wie Dr. ABENDROTH, der sich unter ihnen aufhielt, versichert, gegenwärtig die einzigen Anthropophagen in Peru.[229] Noch 1865 wurden die peruanischen Offiziere Juan Tavara und Alberto West am Ucayale von den Kaschibos ermordet und gefressen, und als 1866 die ersten Dampfer vom Amazonas aus in den Ucayale einfahrend bis zu diesen wilden Indianern kamen, wurden sie von ihnen angefallen. In einem Gefechte kamen 25 Kaschibos um, die auch nach dem Berichte dieser Dampferexpedition „unzweifelhaft Kannibalen“ sind. Über die Motive des Kannibalismus bei den Kaschibos bleiben wir im Unklaren.

Kannibalischen Gewohnheiten ergeben sind, wie MARTIUS bezeugt, die Miranhas und nach MARCOYs Berichten die ihnen benachbarten Mesayas. Beide Völker, noch verhältnismäßig zahlreich, haben der Civilisation und den Seuchen Stand gehalten, beide leben in arger Feindschaft miteinander und verzehren gegenseitig ihre Gefangenen aus Rachsucht. Sie leben am Japure und an dessen Mündung in den Amazonenstrom sowie an letzterem selbst.

Die Mesayas gehören zu dem weit verbreiteten Stamme der Umaüas und sollen nach MARCOY noch tausend bis zwölfhundert Köpfe zählen. Ihre Ältesten erzählen den Ursprung der Anthropophagie bei ihnen folgendermaßen: Vor langer Zeit, als die Tiere noch sprechen konnten, trieb sich eine Horde Miranhas am Japure umher und fand dort einen auf dem Sande schlafenden Umaüa. Diesen schlugen die Miranhas, welche sehr hungrig waren, tot und fraßen ihn auf. Die Umaüas erhielten Kunde von diesem Vorgange durch einen Vogel, den Surucua; sie begannen von nun an einen Rachekrieg gegen die Miranhas, und wer von diesen in ihre Gewalt geriet, wurde aus Rache und Wiedervergeltung aufgefressen. Dabei ging oder geht man mit ausgesuchtem Raffinement zu Werke. Der Gefangene wurde im Dorfe der Mesayas streng überwacht, aber nicht etwa eingesperrt. Man gab ihm eine Frau, die ihn recht gut und vollauf füttern mußte, damit er wohlbeleibt werde. Nach etwa einem Vierteljahre führte man ihn Abends bei Vollmond in den Wald; dort mußte er selber das Holz sammeln, mit welchem er gebraten werden sollte. Wenn er mit seiner Last im Dorfe angekommen war und dieselbe niedergelegt hatte, bezeichneten die Krieger, die ihn bisher bewachten, mit rotem Oker jene Körperteile, die sie am andern Tage verspeisen wollten, und nachher wurde bei Mondschein ein Tanz aufgeführt, an welchem der Gefangene teilnahm. Inzwischen brachten die Frauen das zum Schmause notwendige Geschirr herbei, und nach Mitternacht mußte der Miranha in seine Hütte gehen. Am nächsten Morgen wurde der Gefangene gerufen; sobald er aus der Hütte trat, erhielt er sofort mehrere Keulenschläge auf die Schläfe und sank leblos nieder. Dann schnitt man ihm den Kopf ab, der auf eine Lanze gesteckt und im Dorfe umhergetragen wurde; den Körper schleppte man zu den Kochkesseln, wo er zerlegt wurde; auch die Knochen wurden entzwei geschlagen, damit man das Mark genießen könne. Von dem Schlachtopfer durfte nichts übrig bleiben als der mit Farbe bemalte Kopf, der in der Hütte des tapfersten Kriegers als Trophäe aufbewahrt wurde. Aber was geschah unmittelbar nach dem Schmause? Alle Mesayas waren bemüht, das genossene Menschenfleisch so rasch wie möglich wieder von sich zu geben; sie ekelten sich selber vor der abscheulichen Speise, und damit ist der Beweis geliefert, daß sie dieselbe nicht aus Gier nach Menschenfleisch verzehrt hatten, sondern lediglich der Rache und der Wiedervergeltung wegen. Der letzte Kannibalenschmaus soll nach MARCOY im Jahre 1846 stattgefunden haben.[230]

Was die Miranhas betrifft, so herrscht seit langer Zeit in ihrem Lande Hungersnot. Zu Ackerbauern haben sie sich nie emporgeschwungen, sie sind Jäger und Fischer. Seit langem nun giebt es in ihrem Gebiete am rechten Japureufer, wie MARCOY erzählt, weder Tapire noch Peccaris mehr, weder Affen noch große Nagetiere, selbst der Jaguar kommt nicht mehr vor, und da wird es begreiflich, wenn den Miranhas nachgesagt wird, sie fräßen ihre Kranken und Alten. Der Grund aber, weshalb sie ihr armseliges Gebiet nicht verlassen, ist die Feindschaft der angrenzenden Stämme, die jeden Miranha niedermachen, der sich bei ihnen blicken läßt.[231] Nachbarn der Miranhas waren die jetzt untergegangenen Yamas. Diese zerbrachen die Knochen ihrer Todten, um das Mark auszusaugen, und sie thaten dieses, weil sie meinten, im Marke stecke die Seele des Verstorbenen, und diese gehe in den Menschen über, welcher das Mark verzehrt.[232]

Am Madeira sind die wilden, in den Wäldern hausenden, von allem europäischen Einflüsse noch völlig unberührten Parentintins bei Crato unzweifelhaft Kannibalen, die einen brasilianischen Seringueiro (Kautschuksammler) bei Crato überfielen und auf einer Sandbank brieten und verzehrten, wobei sie von den Verfolgern überrascht wurden. Desgleichen gelten die Araras für Anthropophagen und beide Stämme sind Ursache, daß die Seringueiros nicht in die ausgedehnten, reichen Kautschukwälder der Nebenflüsse des Madeira vorzudringen wagen.[233]

Am Uaupés sind die Cobeus echte Kannibalen; sie verzehren die Leichen der im Kriege erschlagenen Feinde, ja sie führen Kriege zu dem ausgesprochenen Zwecke sich Menschenfleisch zu verschaffen. Haben sie mehr davon, als sie auf einmal verzehren können, so räuchern sie den Rest über Feuer und bewahren ihn lange auf.[234]

Die Indianer am Putumajo — auf columbischem Gebiete im Territorium von Caqueta — haben im Jahre 1883, wie aus einem amtlichen Berichte hervorgeht, einen jungen Columbianer Namens Portés erschlagen und verzehrt. „Die Indianer sind in der That Kannibalen, essen aber nur ihre Kriegsgefangenen, um Rache an denselben zu üben. Besondere Vorliebe für Menschenfleisch ist nicht vorhanden.“[235]

Am Jauari sind die Majorunas noch jetzt Kannibalen, wofür BATES die Beweise beibringt.[236]

Alle Tupivölker waren bei der Entdeckung Südamerikas Kannibalen und so kann es nicht Wunder nehmen, wenn nun auch heute noch die zu ihnen zählenden Stämme kannibalischen Sitten ergeben sind, so die im Gebiete des Tapajoz wohnenden Apiacas, die zu den Centraltupis gerechnet werden. Ihr Name stammt von dem Tupiworte Apiaba, Mensch und ihre Sprache ist der herrschenden lingua geral so nahe verwandt, daß über ihre ethnische Stellung keine Zweifel aufkommen. Wie DE CASTELNAU berichtet[237], töten sie im Kriege alle ihre Feinde, gleichviel welchem Geschlechte dieselben angehören, um deren Leichname dann zu braten und zu verzehren. Die Kinder der Feinde führen sie aber mit in ihre Aldeas, um sie gleich ihren eigenen Kindern zu behandeln und mit diesen zu erziehen. Wenn aber diese gefangenen Kinder das Alter von 12 bis 14 Jahren erreicht haben, so dienen sie zu einer Kannibalenmahlzeit, welche von dem ganzen Dorfe unter großen Feierlichkeiten begangen wird. Mit Arafedern schön geschmückt zieht die Bevölkerung auf, die Kriegstrompeten erklingen und die unglücklichen Kinder werden in einem Kreis vor die tanzende Menge geführt. Hinter den armen Geschöpfen stehen die Pflegeeltern, welche sie aufgezogen und diese sind es auch, welche sie erschlagen. Während der nächtliche Tanz fortdauert, werden die Leichen zerstückelt und verzehrt. Auch junge Weiber hält man zuweilen jahrelang gefangen, ehe sie geschlachtet und gefressen werden.

Anthropophagie der Tupi zur Zeit der Entdeckung. Sowohl in dem Berichte MARCOYs über die Behandlung der zum Verzehren bestimmten Gefangenen, als in dem, was DE CASTELNAU über die Apiacas sagt, erkennt man wesentliche Züge aus den eigentümlichen Gebräuchen wieder, die von den ersten Entdeckern uns geschildert werden, als sie die kannibalischen Gewohnheiten der Tupivölker kennen lernten.

AMERIGO VESPUCCI, der 1501 die brasilianische Küste besuchte, bringt in einem Briefe an LORENZO MEDICI ausführliche Mitteilungen über die Anthropophagie der Tupivölker, mit welchen er zusammentraf.[238] Nachdem er über die Kämpfe der Eingeborenen untereinander gesprochen, fährt er fort: „Wenn sie Sieger sind, schneiden sie die Besiegten in Stücke, verzehren dieselben und versichern, daß es ein sehr vortreffliches Gericht sei. Sie ernähren sich auch vom Menschenfleisch; der Vater verzehrt den Sohn und der Sohn den Vater, je nach Umständen und den Zufällen des Kampfes. Ich habe einen abscheulichen Menschen gesehen, der sich rühmte, mehr als 300 Leute verzehrt zu haben. Ich habe auch einen Ort gesehen, den ich etwa 27 Tage bewohnte und wo Stücke gesalzenen Menschenfleischs an den Balken der Häuser hingen, wie wir bei uns getrocknetes oder geräuchertes Schweinefleisch, Würste oder andere Eßwaren aufhängen. Sie waren höchst erstaunt, daß wir nicht gleich ihnen das Fleisch unserer Feinde verzehrten; sie sagten, daß nichts vortrefflicher schmecke als dieses Fleisch und daß man nichts saftigeres und delikateres haben könne.“

PIGAFETTA, welcher mit MAGALHAES auf der ersten Weltumsegelung die brasilianische Küste berührte und zwei Monate im Hafen Sta. Lucia blieb, erzählt uns ein Geschichtchen[239] — das den Ursprung der Anthropophagie bei den Tupivölkern erklären soll. „Die Einwohner haben den Gebrauch Menschenfleisch zu essen, üben aber diese Grausamkeit nur gegen ihre Feinde aus, und sagen, diese Gewohnheit habe ihren Anfang durch eine Frau genommen, deren einziger Sohn ermordet war. Als man nachher verschiedene von den Thätern gefangen zu der Alten geführt, wäre sie als ein wüthender Hund auf einen von ihnen gestürzt und hätte ihm einen Teil der Schulter abgefressen. Dieser wäre nachher zu den Seinigen entflohen und hätte ihnen seine Schulter gewiesen, worauf sie alle angefangen, das Fleisch ihrer Feinde zu verzehren. Doch essen sie solches nicht auf einmal, sondern schneiden es in Stücken und hängen es in den Rauch, und einen Tag essen sie ein Stück gekocht, und den andern gebraten, zum Andenken ihrer Feinde.“

Daß der Kannibalismus sich nach Süden zu bis an den la Plata erstreckte, dafür haben wir abermals PIGAFETTAs Zeugnis.[240] Unter 34½ Grad fanden die Weltumsegler einen großen Fluß von süßem Wasser — den la Plata — und „gewisse Leute, die man Kannibalen nennt und die Menschenfleisch essen. Unter anderen sahen wir einen derselben von unserem Schiff, der so groß wie ein Riese war und eine Stimme hatte wie ein Stier“. Der Name Kannibalen für Anthropophagen war also damals — 28 Jahre nach Entdeckung der Neuen Welt — schon gang und gäbe.

Nehmen wir eine der alten Reisebeschreibungen, eines der zahlreichen Flugblätter zur Hand, die im Beginn des 16. Jahrhunderts, kurz nach der Entdeckung Brasiliens, erschienen und von dieser handeln, so finden wir unfehlbar Berichte über die dort herrschende Menschenfresserei.

So zeigt ein um jene Zeit zu Nürnberg oder Augsburg gedrucktes Blatt das Bild eines brasilianischen Indianers nebst Erläuterung, in der es heißt: „Sy streiten auch miteinander. Sy essen auch einander selbst die erschlagen werden und hencken dasselbig Fleisch in den rauch.“[241] Keiner aber hat die Anthropophagie der Tupivölker besser und eingehender geschildert als unser Landsmann HANS STADEN aus Homburg in Hessen, der als Abenteurer im Jahre 1547 beschloß, „Indien zu besehen“ und zehn Monate lang Gefangener der Tupinamba im heutigen Brasilien war, die er gründlich kennen lernte.[242]

Im 25. Kapitel des zweiten Teiles erläutert HANS STADEN „warumb ein Feind den andern esse“ und er giebt darauf die Antwort: „Sie thuen das nicht aus Hunger, sondern nur aus großem Haß und Neid. Treffen sie im Kriege aufeinander, so rufen sie einander zu, daß sie ihrer Freunde Tod aneinander rächen, die Feinde erschlagen und verzehren wollen.“ STADEN, der selbst nur durch ein Wunder dem Tode unter den Tupinamba entrann, hat wiederholt den Kannibalenmahlzeiten beigewohnt, er spricht als unverdächtiger Augenzeuge und schildert im 38. Kapitel des zweiten Teils „mit was Ceremonien sie ihre Feinde tödten und essen“. Dort heißt es:

„Wenn sie ihre feinde erstmals heimbringen, so schlagen sie die weiber und die jungen. Darnach vermalen sie ihnen mit grawen federn, scheren im die augenbrawen über den augen ab, danzen umb in her, binden inen wol, das er inen nicht entläufft, geben im ein weib, das in verwaret, und auch mit im zu thun hat. Und wann die schwanger wirdt, das kind ziehen sie auf biß es groß wird. Darnach wann es inen in den Sinn kompt, schlagen sie es todt und essen’s. Geben im wol essen, halten inen eine zeitlang, rüsten zu, machen der gefeß vil, da sie die geträncke in thun, backen sonderliche gefeß, darin thun sie die reidtschaft, darmit sie in vermalen, machen fedderqueste, welche sie an das holtz binden, darmit sie in todtschlagen, machen eine lange schnur, Massurana genant, da binden sie inen ein, wann er sterben sol. Wenn sie alle reidschaft bey einander haben, so bestimmen sie ein zeit, wann er sterben sol, laden die wilden von andern dörfern, daß sie auff die zeit dahin kommen. Dann machen sie alle gefeße voll geträncke, und einen tag oder zwen zu vorn. Ehe dann die weiber die getrencke machen, führen sie den gefangen ein mal oder zwey auff den platz tantzen umb inen her.“

„Wenn sie nun alle bey einander sein, die von außen kommen, so heyßet sie der oberste der hütten wilkommen, spricht: so kompt helfet unsern feindt essen. Des tages zuvor, ehe sie anheben zu trincken, binden sie dem gefangenen die schnur Massurana umb den Hals. Desselbigen tages vermalen sie das holtz, Iwera Pemme genant, darmit sie ihn todt schlagen wöllen. Ist lenger denn ein klaffter, streichen ding daran, das klebet. Dann nemen sie eyerschalen, die sin graw, und sein von einem vogel Mackukawa genant, die stoßen sie klein, wie staub, und streichen das an das holtz. Dann sitzet ein fraw und kritzelt in dem angeklebten eyerschalen staub. Dieweil sie malet, stehet es vol weiber umb sie her, die singen. Wenn das Iwera Pemme dann ist, wie es sein sol, mit fedderquesten und anderer reidschaft, hencken sie es dann in eine ledige hütte über die erden an einen reidel, und singen dann darum her die ganze nacht.“

„Dasselbigen gleichen vermalen sie den gefangenen sein angesicht. Auch dieweil das weib an im malet, dieweil singen die andern. Und wann sie anheben zutrincken, so nemen sie den gefangenen bey sich, der trinket mit inen und sie schwatzen mit im.“

„Wann das trinken nun ein ende hat, des andern tages darnach ruhen sie, machen dem gefangnen ein hütlin auff den platz, da er sterben sol, da liegt er die nacht inne, wol verwart. Dann gegen morgen ein gute weil vor tage, gehen sie tanzen und singen umb das holtz her damit sie in todtschlagen wöllen, bis das der tag anbricht, dann zihen sie den gefangenen aus dem hütlin, brechen das hütlin ab, machen räum, dann binden sie im die Mussurana von dem hals ab und binden sie in umb den leib her, zihen sie zu beiden Seiten steiff. Er stehet mitten darin gebunden, irer viel halten die schnür auff beiden enden. Lassen in so ein weil stehen, legen steinlein bey ihn, damit er nach den weibern werfe, so umb ihn herlaufen und dräwen im zu essen. Dieselbigen sein nun gemalet und darzu geordiniret, wenn er zerschnitten würd, mit den ersten vier stücken um die hütten her zulaufen. Daran haben die andern kurtzweil.“

„Wann das nun geschehen ist, machen sie ein fewer ungefehrlich zweier schritt weit von dem Schlaven. Das fewer muß er lehen. Darnach kompt ein fraw mit dem holtz Iwera Pemme gelauffen, keret die fedderquesten in die höhe, kreischt von freuden, läuft vor dem gefangenen uber, das er es sehen soll.“

„Wann das geschehen ist, so nimpt eine mannsperson das holtz, gehet mit vor den gefangenen stehen, hält es vor in, daß er es ansiehet, dieweil gehet der, welcher in todtschlagen wil, hin, selb XIIII oder XV und machen iren leib graw mit äschen, dann kompt er mit seinen zuchtgesellen auf den platz bey den gefangenen, so uberliffert der ander so vor dem gefangnen steht, diesem das holtz, so kompt dann der könig der hütten und nimpt das holtz und steckts dem, der den gefangen soll todtschlagen, einmal zwischen den beynen her, welches nun eine ehr unter inen ist. Dann nimpt er wiederumb das holtz, der den todtschlagen sol, und sagt dann: Ja hie bin ich, ich wil dich tödten, denn die deinen haben meiner freunde auch viel getödtet und gessen, antwortet er: Wenn ich todt bin, so habe ich noch viel freunde, die werden mich wol rechen, darmit schlecht er inen hinten auf den kopff, das im das Hirn darauß springt, alsbaldt nemen in die weiber, ziehen in auf das fewer, kratzen ihm die haut alle ab, machen in ganz weiß, stopfen in den hintersten mit einem holtze zu, auf daß im nichts entgeht. Wann im dann die haut abgefegt ist, nimpt in eine mannsperson, schneidet im die Beine über den knien ab, und die arme an dem leibe, dann kommen die vier weiber, und nemen die stücke, und laufen mit um die hütten her, machen ein groß geschrey von freuden, darnach schneiden sie im den rücken mit den hintersten von den vorderleib ab, dasselbige theilen sie dann unter sich, aber das eingeweyd behalten die weiber, sieden, und in die brühe machen sie einen brey, mingau genannt, den trinken sie und die kinder. Das eingeweyd essen sie, essen auch das fleisch um das haupt her, das hirn in dem haupt, die zungen, und was sie sonst daran genießen können, essen die jungen. Wann das alles geschehen ist, so gehet dann ein ieder wiederumb heim, und nemen ir theil mit sich. Derjenige, so disen getödtet hat, gibt sich noch einen namen.“

Botokuden. Die Botokuden, wie sie von den Portugiesen nach dem Stöpsel (botoque) in ihrer Unterlippe bezeichnet werden, sind unzweifelhaft Anthropophagen bis zum heutigen Tage. Dieses Volk haust in der Provinz Minas Geraes in dem weiten Raum zwischen dem Rio Doce und Rio Jequitinhonha, vom 17. bis 20.° s. B. Um über ihren Kannibalismus aufgeklärt zu werden, können wir uns an die Berichte deutscher Reisender halten: ESCHWEGE, NEUWIED, TSCHUDI, welche uns die besten Nachrichten über sie vermittelt haben. ESCHWEGE drang 1811 in die Wälder dieser Anthropophagen vor. Damals lebten die Botokuden mit ihren Nachbarn, Portugiesen wie Negern, in fortwährenden Kriegen, fielen über dieselben her, mordeten und fraßen sie. „Ein Augenzeuge der Greuelthaten erzählte mir, daß ihre Anzahl nicht sehr beträchtlich war, so daß sich alle an einem einzigen Neger, den sie brateten, satt aßen; von anderen schnitten sie Arme und Beine ab und nahmen sie als Lebensvorrat mit sich. Die getöteten Weißen hatten sie alle liegen lassen, aber alle Teile des Körpers querüber eingeschnitten, so ungefähr, wie man Fische zuzubereiten pflegt, wenn man sie einsalzen will. Den Getöteten saugen sie zuerst das Blut aus und dieses scheint ihnen das leckerste zu sein. Überhaupt hat man aber bemerkt, daß, sobald sie Negerfleisch haben, sie das Fleisch der Weißen nicht achten. Bei großem Überflusse schneiden sie den Negern auch nur die Waden und das Inwendige der Hände aus, welches wahre Leckerbissen sein sollen.“[243]

Prinz MAXIMILIAN ZU WIED, der 1815-1817 das Land am Rio Doce und Mucury durchstreifte, brachte unzweifelhafte Beweise der Anthropophagie der Botokuden mit. „Sie schälen das Fleisch vom Körper ihrer Feinde ab, kochen es in ihren Töpfen oder braten es; den Kopf stecken sie auf einen Pfahl.“ NEUWIED hebt hervor, daß die Botokuden keineswegs aus Wohlgeschmack am Menschenfleisch zu Kannibalen geworden sind, dagegen spräche, daß sie einzelne Gefangene am Leben lassen; nur wilde Rachgierde treibe sie zu der schauderhaften Sitte.[244]

Bei J. J. V. TSCHUDI, der die Botokuden am Mucury besuchte, erscheint die Anthropophagie dieses Volkes nicht in so grausigem Lichte wie bei V. ESCHWEGE. „Die Botokuden,“ sagt er, „werden zu den Anthropophagen gezählt und sie sind in der That Menschenfresser, aber nicht in der grausam blutdürstigen Bedeutung, die man gewöhnlich mit diesem Begriff verbindet, sondern bloß aus unersättlichem Heißhunger und aus Rache. Ich glaube nicht, daß sie einen Feind erschlagen, um ihn zu fressen, sondern daß sie einen erschlagenen Feind auffressen, weil er ihnen gerade wie gelegen und bequem Nahrung darbietet und sie überhaupt alles fressen, was sie nur verdauen können. — — — Das Verzehren der Feindesleichen war und ist meistens in erster Linie eine Folge des heftigen Dranges den Hunger zu stillen, dann aber mag auch eine Befriedigung des Rachedurstes dazu kommen und in diesem Falle werden nur gewisse Körperteile des getöteten Gegners als Leckerbissen dem Siegesmahle beigefügt. Auffallenderweise sucht jeder Stamm den Vorwurf dieser scheußlichen Sitte von sich ab und auf andere Horden zu wälzen. Es mag doch vielleicht bei ihnen das Gefühl vorhanden sein, daß sie sich durch das Auffressen ihresgleichen selbst unter die Tiere stellen.“[245] Darnach stimmen NEUWIED und V. TSCHUDI überein und wir dürfen bei den Botokuden Rachgier als den Beweggrund des Kannibalismus annehmen.

Südlich von den Botokuden treffen wir, gleichfalls noch in der Provinz Minas Geraes unter 21.° s. Br. an den oberen Zuflüssen des Parahyba, speziell am Rio Xipolo zwischen der Serra Geraldo und Serra do Onça auf die Coroatos-Indianer, ein sehr rohes Volk, welches im Beginn unseres Jahrhunderts noch 1900 Köpfe zählte. Bei ihnen, die einst wohl mehr der Anthropophagie ergeben waren, finden wir gleichsam die Ausläufer kannibalischer Gewohnheiten, da sie bei ihren Festen an dem abgeschnittenen Arme eines erlegten Feindes, der zuvor in Maiswein getaucht wird, zu saugen pflegen. „Der Arm des Puri geht beim Tanze in der Reihe herum, wird auch wohl aufgestellt und mit Pfeilen nach ihm geschossen, andere tauchen ihn in das Getränk, saugen davon und mißhandeln ihn auf alle mögliche Art.“[246] Unschwer ist aus dieser Schilderung zu erkennen, wie es sich auch hier um einen Racheakt handelt.

Die Puris, die am Parahybastrome hausen und stark dem Einflusse der Brasilianer ausgesetzt sind, erscheinen heute nicht mehr als Anthropophagen; daß sie es einst waren, beweist ihr Name, denn Puru oder Puri bedeutet nach VARNHAGEN einfach Anthropophage.[247] Noch zu NEUWIEDs Zeit kamen bei ihnen Fälle von Kannibalismus vor.[248]

Es mag hier und da in Brasilien außer den angeführten noch Horden geben, welche kannibalischen Gewohnheiten fröhnen[249]; im allgemeinen läßt sich aber darthun, daß in Südamerika teils durch Verdrängung der Ureinwohner, teils durch Sittigung derselben die Anthropophagie ganz außerordentlich abgenommen hat, wie ein Vergleich mit den Berichten der ersten Besucher des Landes ergiebt.

Araukaner. Noch haben bei diesen sich wenigstens Spuren erhalten, die auf ehemals weiter verbreitete Anthropophagie hinweisen. Als Genugthuung für die Manen der im Kriege gefallenen Tapferen des eigenen Stammes bringen sie Menschenopfer dar, zu denen Gefangene des feindlichen Stammes benutzt werden. Dem mit einer Keule erschlagenen Opfer wird das Herz aus der Brust gerissen und frisch dem Toqui dargereicht, der einige Tropfen Blut daraus saugt, um es alsdann den übrigen Häuptlingen zu geben, die damit ein gleiches thun.[250]

Feuerländer. Unmöglich ist es nicht, daß der Kannibalismus sich einst durch ganz Südamerika bis zur Magalhaesstraße und darüber hinaus erstreckte. Nach CHARLES DARWIN sind die Feuerländer demselben infolge häufiger Hungersnot ergeben, auch herrscht bei ihnen Elternmord[251], wie dieses auch Admiral FITZROY bestätigt. „Fast immer im Kriege mit den Nachbarstämmen begriffen, treffen sie sich selten, ohne daß ein feindlicher Zusammenstoß erfolgt. Diejenigen, welche besiegt und gefangengenommen worden sind, werden, falls sie nicht schon tot sind, von den Siegern erschlagen und verzehrt. Arme und Brust essen die Frauen, die Beine erhalten die Männer und der Rumpf wird ins Meer geworfen.“ Auch im strengen Winter nehmen sie, wenn sie keine andere Nahrung finden können, „das älteste Weib aus ihrer Mitte, halten ihr den Kopf über dichten, durch grünes verbranntes Holz erzeugten Rauch, pressen ihr die Kehle zu und ersticken sie. Sie verzehren dann das Fleisch bis auf den letzten Bissen, den Rumpf aber werfen sie, wie bei dem vorhergehenden Falle, ins Meer“.[252] Auch W. PARKER SNOW, der gute Gelegenheit hatte, sie kennen zu lernen, sagt, daß sie nur im Falle von Hungersnot die alten Weiber, zuletzt aber ihre Hunde fressen[253] und an anderer Stelle sagt derselbe: They are cannibals from necessity, but, I believe, not from choice.[254] Ein neuerer Beobachter, der Franzose MARGUIN, der längere Zeit unter ihnen lebte, spricht sie gänzlich frei. On les dit anthropophages, mais rien pour moi ne justifie cette accusation[255], und so auch Dr. HYADES, der gleichfalls einige Zeit unter ihnen lebte und das Verzehren der alten Weiber für Fabel erklärt.[256]

Eskimos. Bei den Eskimos mag wohl gelegentliche Anthropophagie aus Not und Hunger vorkommen, aber vom Kannibalismus aus anderen Beweggründen sind sie freizusprechen. Sie sind kein kriegerisches Volk, das seinen Rachedurst durch das Verzehren des überwundenen Feindes stillt, wie etwa ihre südlicher lebenden indianischen Nachbarn, die unter gleichen äußeren Bedingungen (bis zum Eismeer hin) leben, jedoch kriegerischer und rachdürstiger Natur sind. Ob aber unter den Eskimos Anthropophagie herrschte, läßt sich jetzt nicht mehr nachweisen. Die Anklänge einiger Legenden in dieser Richtung, sowie die von Eskimos selbst gezeichneten und ausgeführten Holzschnitte, welche das Menschenfressen darstellen[257], erscheinen nicht als genügender Beweis.

Nordamerika. Bei den Indianern Nordamerikas mag in früheren Zeiten die Anthropophagie viel weiter verbreitet gewesen sein, als sie jetzt noch vorhanden ist. In der That war sie zur Zeit der Entdeckung schon auf ein geringes zusammengeschmolzen. Heute ist nur wenig von derselben vorhanden, und auf Rachsucht am Feinde als Beweggrund zurückzuführen, abgesehen von dem durch Not erzeugten Kannibalismus. So systematisch wie in Mexiko oder weit ausgedehnt wie bei den Jagdnomaden der Südhälfte des Kontinents scheint die Anthropophagie im Norden überhaupt nie vertreten gewesen zu sein.

Für das Vorkommen der Anthropophagie in den Hudsonsbai-Ländern bei den dortigen Indianern haben wir das Zeugnis des heldenmütigen SAMUEL HEARNE, der auf sehr beschwerlichen, an Entbehrungen überreichen Reisen 1770-1771 von Fort Churchill an der Hudsonsbai bis zur Mündung des von ihm entdeckten Kupferminenflusses in das Eismeer vordrang. Er berichtet[258]:“Diejenigen, welche mit der Geschichte der Hudsonsbai bekannt sind, und das Elend kennen, welches die Bewohner dieser Gegenden häufig erfahren, werden darin nur die alltäglichen Begebenheiten des Lebens der Wilden finden, die nicht selten durch die Not gezwungen werden, einander zu verzehren. Die südlichen Wilden — es sind die Tinnévölker gemeint — haben über diesen Punkt die sonderbare Meinung, daß sobald einer ihres Stammes, durch Not gedrungen, Menschenfleisch genossen hat, bekommt er davon einen solchen Geschmack, daß sich niemand unter seiner Gesellschaft des Lebens sicher glaubt. Und ungeachtet es allgemein bekannt ist, daß nur die Not zu diesem schrecklichen Genusse treibt, so werden doch diejenigen, die daran Teil genommen haben, allgemein vermieden und durchgängig verabscheut und verachtet. Kein Wilder erlaubt ihnen, sein Zelt neben dem seinigen aufzuschlagen, sie werden oft sogar heimlich ermordet. Ich habe mehrere dieser Unglücklichen gesehen, die vorher allgemein geschätzt, im besten Ansehen standen und nun so verachtet und vernachlässigt wurden, daß nie ein Lächeln ihren Blick erheiterte, eine tiefe Schwermut herrschte in allen Zügen, und in dem kummervollen Auge lag deutlich die Frage: „Warum verachtet ihr mich wegen meines Unglücks? Die Zeit ist vielleicht nicht fern, wo die Not auch euch dazu verleiten kann.“ HEARNE war 1775 Zeuge in Cumberland House — westlich vom Winnipegsee —, daß ein Indianer in Gefahr geriet, von seinen Gefährten umgebracht zu werden, da er im Verdachte stand, Menschenfleisch genossen zu haben.“[259]

J. LONG, ein britischer Holzhändler, welcher gegen Ende des vorigen Jahrhunderts Canada und die Region der großen Seen Nordamerikas durchstreifte, ein mit den Sprachen und Sitten der Rothäute außerordentlich vertrauter Mann, führt die Anthropophagie der Chippeways auf Blutdurst und Rachsucht zurück. Nachdem er verschiedene Mordgeschichten erzählt, fährt er fort[260]: „Ein Missionar der Jesuiten erzählte mir über diesen Gegenstand eine Geschichte, die niemand ohne Schaudern anhören wird. Ein indianisches Weib in seiner Mission fütterte ihre Kinder mit einem gefangenen Engländer, den ihr Mann eingebracht hatte. Sie hieb ihm sogleich einen Arm ab und gab den Kindern das strömende Blut zu trinken. Als der Jesuit ihr die Grausamkeit dieser Handlung vorhielt, sah sie ihn an und sagte: ‚Ich will Krieger aus ihnen haben, und darum füttere ich sie mit Speise von Menschen.‘“ Hier liegt also ein abergläubiges Motiv zu Grunde.

Eine Autorität wie ALEXANDER MACKENZIE, den seine Entdeckungsreisen und sein langer Aufenthalt in Britisch Nordamerika wohl zu einem maßgebenden Urteil befähigen, leugnet die Anthropophagie der Chippeways im allgemeinen und giebt nur Fälle zu, in denen Hungersnot zu derselben trieb. „Wenn man,“ sagt er, „bei irgend einem Volke, nach dem unfruchtbaren Zustande seines Landes, voraussetzen könnte, daß es von Natur kannibalisch wäre, so möchte man bei der zuweilen eintretenden Schwierigkeit, sich Nahrung zu verschaffen, dieses Volk (die Chippeways) dem Vorwurf unterworfen glauben. Aber bei aller meiner Bekanntschaft mit ihnen erfuhr ich nie ein Beispiel dieser Neigung; auch sah und hörte ich unter allen Eingeborenen, die ich auf meinem Wege von 5000 (englischen) Meilen traf, nie von einem Beispiele von Kannibalensinn, sondern nur von solchen, die von der unwiderstehlichsten Notwendigkeit herrührten, die, wie man weiß, auch Menschen von den civilisiertesten Völkern einander zu verzehren zwingt.“[261] Auf solchem Boden steht auch P. KANE, der bei den Chippeways nur Kannibalismus verursacht from absolute want zuläßt, dabei aber darauf hinweist, daß unter den Chippeways ein Stamm als „Windigo“ bezeichnet werde, was bedeutet „Einer, der Menschenfleisch verzehrt“, worin eine geschichtliche Reminiscenz an früheren Kannibalismus erkannt werden mag.[262] Wie weit die Ableugnungen MACKENZIEs und KANEs berechtigt sind, mag das Folgende ergeben.

Der apostolische Vikar H. FARAUD, der achtzehn Jahr lang als Missionar in der Athabaska-Region verlebte, bestätigt nämlich auf das entschiedenste den jetzt noch vorhandenen Kannibalismus der nördlichen Indianer. Derselbe sei allerdings teilweise aus Not im Winter bei Nahrungsmangel verursacht, dann schlachte man gewöhnlich Weiber oder Kinder — teilweise aber sei er eine Folge der Rachsucht im Kriege. Und hier beschuldigt er Kris und Schwarzfüße, die auf dem Schlachtfelde, nachdem sie den getöteten Feind skalpiert, diesem das Herz herausreißen und an Ort und Stelle verzehren.[263]

Gewöhnlich scheint der Kannibalismus nur bei den Chippeways, Miamis, Potowatomis und überhaupt bei den Rothäuten vom Algonkinervolke gewesen zu sein; bei den Potowatomis hingegen scheint er nur das Privilegium einer Gesellschaft oder Brüderschaft zu sein. Die Mitglieder dieser Brüderschaft sind nicht allein mit großen Heldentugenden begabt, sondern sie sollen diese auch durch Zaubersprüche mitzuteilen imstande sein.[264]

Wie KEATING bezeugt, ist bei den Chippeways Kannibalismus nach einer Schlacht stets allgemein gewesen; ja, fügt er hinzu, man hat unter ihnen Beispiele, wo das Menschenfleisch gedörrt und Jahre lang aufgehoben wurde, um nach langer Zeit einen Schmaus daraus zu bereiten, zu dem sie Gäste einluden.[265] Die Dakotas (Sioux) spricht er dagegen frei von der Anklage des Kannibalismus.[266] Sein Führer und Dolmetscher, ein Halbblutindianer RENVILLE, versicherte KEATING, daß er dabei zugegen war, als die Briten im Jahre 1813 in Verbindung mit einem Corps von etwa 3000 Indianern das Fort Meigs belagerten, letztere einen gefangenen Amerikaner schlachteten und in so viele Teile teilten, als Nationen gegenwärtig waren, indem sie den tapfersten unter jeder Nation aufriefen, um seinen Anteil an dem Kopf und Herzen zu empfangen. Der dazu aufgeforderte Dakota aber äußerte hierüber seinen Abscheu, weigerte sich das Fleisch zu essen und entfernte sich. Der englische Oberst DICKSON aber, welcher die Truppen kommandierte, ließ den Winnebago rufen, der die Sache angeregt, machte ihm Vorwürfe und schickte ihn aus dem Lager fort.[267]

Furchtbare Rachsucht, die über das Leben hinaus den Feind noch verfolgen will, war der wesentlichste Beweggrund des Kannibalismus der Rothäute und so sind denn unter ihnen darauf zielende Ausdrücke wie „das Herz des Feindes verzehren“ oder „Feindesblut trinken“ sehr verbreitet. Algonkiner und Irokesen sind ganz entschieden in diesem Sinne Anthropophagen gewesen und die Mohawks, die zu den Irokesen gehören, haben sogar ihren Namen davon, denn er lautet richtig Mauquawog = Menschenfresser.[268] Nach Dr. SAMUEL MITCHILLS Berichten waren die im Staate New-York einst lebenden Indianer Anthropophagen. Die Ottawas kochten Suppe aus dem Fleische gefangener Irokesen. Unter den Miamis bestand ein Ausschuß von sieben Kriegern, whose business it was to perform the maneating required by public authority. Ihr letztes Kannibalenfest, bei dem ein Weißer aus Kentucky verzehrt wurde, fand gegen Ende des vorigen Jahrhunderts statt. Im Beginne unseres Säculums lebten noch Mitglieder des Menschenfresserkomitees der Miamis.[269]

Das mag genug sein, um festzustellen, daß die Indianer im Osten der Felsengebirge in geschichtlicher Zeit und bis auf unsere Tage herab nicht frei zu sprechen sind von Kannibalismus, wenn auch hervorgehoben werden muß, daß derselbe nur in geringem Umfange sich zeigt. Es hindert uns aber nichts anzunehmen, daß die Anthropophagie einst weit häufiger war, worauf auch die Spuren prähistorischen Kannibalismus hindeuten.

Diese zuerst nachgewiesen zu haben ist das Verdienst des Prof. JEFRIES WYMAN, welcher die uralten Muschelhügel am St. Johns River im östlichen Florida untersuchte und dabei zahlreiche Menschenknochen fand, die keineswegs, nach ihrer zerstreuten Lage zu schließen, von Begräbnissen herrühren konnten. Fast alle waren zerbrochen und oft fehlten wichtige Teile des Skelettes. Die Art und Weise, wie das Zerbrechen stattgefunden hatte, entsprach jener der Tierknochen, die in den Küchenabfallen (als welche die Muschelhügel zu gelten haben) vorkommen; die Knochen von Hirschen und Alligatoren waren wie die Menschenknochen behandelt und überall zeigte sich Methode, welche das Zerbrechen der Knochen etwa durch Tiere ausschloß. Wie in ähnlichen Fällen in Europa schließt WYMAN aus dieser Art der Knochenbehandlung auf Kannibalismus der alten Bewohner von Florida, welche ihre Küchenabfälle in den Muschelhügeln hinterließen.[270]

Nordamerikas Westküste. Kannibalismus ist auch bei den kalifornischen Indianern bekannt gewesen. Noch existieren unter ihnen Sagen von Menschenfressern und die das Land erobernden Spanier erzählten, daß die Wappo (oder Ash-o-chi-mi) in den heißen Quellen des Calistoga-Thales einst Menschenfleisch kochten, daher der frühere spanische Name Carne Humana für diese Quellen.[271]

In Nordwestamerika ist die Vancouverinsel, das Küstengebiet von Britisch-Columbia mit seinen Fjorden, sowie das benachbarte Inselgewirr der Sitz einer ganz eigentümlichen Art von Anthropophagie, die hier mit sozialen Rangstufen und einer Art von Kultus verknüpft ist. Dort wohnen die in ethnologischer Beziehung sehr ausgezeichneten Quakult, Tschimsian und Bella Coola-Indianer, über die wir Kapitän JACOBSEN eingehende Nachrichten verdanken. Der letztere Stamm ist von ihm 1885, vertreten durch neun Individuen, in verschiedenen deutschen Städten gezeigt worden und es hat sich herausgestellt, daß die Art der von ihm betriebenen Anthropophagie identisch ist mit derjenigen, welche die Quakult auf Nordvancouver üben, die JACOBSEN ausführlich geschildert hat.[272]

Diese Indianer, die durch ihre künstlerischen Leistungen hervorragen, sind Menschenfresser bis auf unsere Tage gewesen, wo die überhand nehmende Herrschaft der Engländer ihrem Kannibalismus ein Ziel setzt. Sie haben unter sich eine Anzahl gesellschaftlicher Rangstufen, deren höchste die der „Hametze“ oder Menschenfresser ist. Diejenigen, welche dieser Kaste angehören, sind stolz darauf und genießen unter ihrem Stamme besondere Ehren. Freilich ist bei ihnen jetzt die Zeit vorüber, in der sie Sklaven oder Kriegsgefangene schlachten und verzehren konnten, ohne daß Jemand sie daran hinderte; aber sie entschädigen sich auf weit gräßlichere Weise, indem sie bei ihrem Feste menschliche Leichen verzehren, die bereits ein oder mehrere Jahre alt sind.

Nicht das Bedürfnis nach Fleischnahrung treibt die Hametzen zu dieser Art von Kannibalismus. Menschenfleisch zu essen gilt bei ihnen als Vorrecht, das nur solchen ausgezeichneten Leuten gestattet wird, die eine ganze Reihe von Kasteiungen und Vorbereitungen durchgemacht haben. Ein aus gewöhnlichem Geschlechte stammender Indianer wird nie zur Hametzenwürde zugelassen, dieses ist nur den Söhnen von Häuptlingen oder sonst hervorragenden Leuten gestattet. Die Vorbereitungen dauern vier Jahre und es erhält der Eintretende als besonderes und ehrendes Abzeichen ein aus Cedernbast gefertigtes Band, welches er über der linken Schulter unter dem rechten Arme durchgehend trägt. Während der letzten vier Monate der Lehrzeit verlassen die angehenden Hametze Haus und Familie, um in stiller Waldeseinsamkeit und unter körperlichen Entbehrungen sich zur letzten großen Ceremonie vorzubereiten. Nachdem diese Periode vorüber, ist der Augenblick gekommen, daß der so vorbereitete „Hametze“ werden soll. Er muß zunächst Menschenblut genießen. „Der künftige Hametze springt plötzlich aus dem Walde hervor, mitten in das Dorf hinein, stürzt sich auf einen der Anwesenden und beißt ihn in den Arm oder das Bein, indem er zugleich etwas Blut aussaugt.“ Der Gebissene hat das Recht Zahlung für diesen Akt zu verlangen, die in Decken (Blankets) bis zu 40 Stück geleistet wird.[273]

Die Hametze genießen besondere Vorrechte. Ihre Tanzmasken, ihre Rasseln, ihre Kopf-, Hals- und Armringe sind besonders schön hergestellt und verziert. Wenn ein Hametze an einem Tanzfest teilnehmen soll, sind vier Häuptlinge nötig, welche ihn viermal hintereinander einladen müssen, ehe er sein Erscheinen zusagt. Beim Feste bilden sie den Gegenstand allgemeiner Hochachtung und sie selbst fühlen sich als Wesen höherer Gattung und lassen sich feiern.

Mit dem Trinken des Menschenbluts hat ein Hametze jedoch noch nicht den höchsten Grad seiner Würde erreicht. Die Ceremonie, bei welcher dieses geschieht, wird von den Hametzen allein in tiefster Einsamkeit gefeiert. Ist das Kannibalenmahl vorüber, so hat der Hametze das Recht an seiner Maske einen kleinen, aus Holz geschnitzten Menschenschädel zu befestigen. JAKOBSEN sah Indianer, die nicht weniger als acht solcher Schädel an der Maske trugen. Wenn die Leiche, von der diese Leute einige Bissen zu sich nehmen, genügend alt und mumifiziert ist, so soll der Genuß unschädlich sein, dagegen ist es wiederholt vorgekommen, daß beim Genuß vom Fleische verhältnismäßig frischer Kadaver einige Hametze durch Blutvergiftung ihr Ende gefunden haben.

Noch im Jahre 1859 sah es der Verwalter der Hudsonsbai in Fort Rupert, HUNDT, mit eigenen Augen an, daß dort (Nordvancouver) ein gefangener Sklave bei Gelegenheit eines großen Festes an einen Pfahl gebunden und ihm der Leib aufgeschnitten wurde, worauf die Hametze ihre Hände mit dem hervorströmenden Blut füllten und letzteres tranken. Wahrscheinlich wurde der Sklave nachher ganz verzehrt. Zur Strafe für diese Unthat ließ die englische Regierung das Dorf jener Indianer durch ein Kanonenboot zerstören.

Bei den Wintertänzen der Indianer auf West-Vancouver sah JAKOBSEN Szenen, wie die eben geschilderte, wenigstens pantomimisch dargestellt.[274]

Das Leichenfressen ist auch bei den Vancouver gegenüber am Festlande wohnenden Tschimsian festgestellt, während bei den nördlicher wohnenden Tlinkit (im ehemals russischen Nordamerika) und bei der Haida (auf den Königin Charlotte-Inseln) nichts sicheres über etwa vorhandene Anthropophagie verlautet.[275]