Asien.
Malayischer Archipel. Die Zeugnisse für die Anthropophagie im indischen Archipel beginnen mit dem 13. Jahrhundert, mit MARCO POLO, welcher die verschiedenen Inseln desselben erwähnt und die sechs „Königreiche“ von Giava minore (Sumatra) schildert, die er besuchte. Dagroian, sagt er, ist eins der Königreiche, welches eine besondere Sprache hat. Man erzählte mir von einem abscheulichen Gebrauche, daß, wenn einer krank ist, sie zum Zauberer senden, ob er wohl genesen könne; sagen diese Teufel nein, so schicken die Verwandten zu einem besonders dafür Angestellten, welcher den Kranken erwürgen muß. Hierauf schneiden sie ihn in Stücken, und die Verwandten verzehren ihn mit vielem Vergnügen, selbst bis auf das Mark der Knochen; denn — sagen sie — wenn irgend etwas von ihm übrig bleibt, werden daraus Würmer entstehen, welchen Nahrung mangelt und die so, zur großen Qual der Seele des Verstorbenen, sterben würden. Die Knochen werden dann in irgend eine Felsenhöhle getragen, damit die wilden Tiere sie nicht berühren können. Wenn sie einen Fremden gefangen nehmen, so verzehren sie ihn auch.[45] Ob nun hier speziell die heutigen menschenfressenden Batta gemeint sind, läßt sich nicht mehr nachweisen.
Die Anthropophagie hat sicher in früherer Zeit weit ausgedehnter als jetzt auf Sumatra geherrscht, und erst als der Islam sich an den Küsten verbreitete und eine Anzahl kleiner mohammedanischer Staaten entstand, wurden die Anthropophagen nach dem Innern zurückgedrängt, wo wir nun in den Batta den letzten Rest derselben finden. Es ist der Venetianer NICOLO DI CONTI, der uns wohl die früheste bestimmte Nachricht bringt, daß die Batta entschiedene Anthropophagen seien. Er hatte 25 Jahre lang Asien bereist und erhielt 1444 vom Papste EUGENIUS IV. Absolution dafür, daß er während dieser Zeit seinen Christenglauben verleugnet hatte. Auf Sumatra verbrachte CONTI ein Jahr, er berichtet, was damals von großer Wichtigkeit, daß dort vortrefflicher Pfeffer wachse, und daß in einem Teile des Landes, „Batech“ genannt, das Volk Menschenfleisch esse.[46]
Die Batta, ein vergleichsweise hochstehendes malayisches Volk, mit eigentümlicher Schrift und Litteratur, bewohnen im Innern Sumatras die Hochebenen von Tobah, Sipirok, Sikunna und erstrecken sich nordwärts bis über Singkel, wo das Pupa- und Duragebirge die Grenze zwischen ihnen und den Atschinesen bildet. Im Süden reichen sie bis in die Gegend von Ajer Bangis. Bei ihnen ist die Anthropophagie, wie aus den mannigfachsten Zeugnissen hervorgeht, so eigentümlicher Art und entspringt aus so merkwürdigen Motiven, daß wir hier etwas ausführlicher uns damit beschäftigen müssen. Oft angezweifelt, hat WILLIAM MARSDEN in seinem immer noch brauchbaren Werke über Sumatra die Thatsache, daß die Batta immer Anthropophagen sind, festbegründet.[47] Die Batta, sagt er, essen nicht Menschenfleisch, um den Hunger zu stillen, oder aus Mangel an anderen Nahrungsmitteln, ebenso wenig wird es, wie unter den Neuseeländern, als ein Leckerbissen gesucht. Sie essen es bloß als eine Art von Ceremonie, um ihren Abscheu gegen das Laster durch eine schmähliche Strafe an den Tag zu legen und als einen schrecklichen Beweis des Hasses und der Verspottung ihrer unglücklichen Feinde. Die Gegenstände dieser unmenschlichen Mahlzeiten sind im Kriege gemachte Gefangene und Missethäter, die großer Verbrechen überwiesen sind. — — Nachdem das Urteil vollzogen, wird der Unglückliche an einen Pfahl gebunden; das versammelte Volk wirft seine Lanzen nach ihm in einer gewissen Entfernung, und sobald er tödlich verwundet ist, laufen sie wüthend hin, schneiden Stücken aus seinem Leibe mit ihren Messern, tauchen sie in die Schüssel mit Salz und Citronensaft, rösten sie ein wenig über einem Feuer, das zu dem Zweck bereitet wird, und verzehren die Bissen mit einem wilden Enthusiasmus. Zuweilen verzehren sie den ganzen Körper, und man hat Beispiele, daß sie mit noch erhöhter Barbarei das Fleisch mit den Zähnen abgerissen haben. Folgen bei MARSDEN einzelne Belege.
Der Botaniker CHARLES MILLER, der gleichzeitig mit MARSDEN über Sumatra schrieb[48], bestätigt gleichfalls, daß die Batta „Menschenfleisch eher zur Erschreckung der Feinde, denn als gewöhnliche Nahrung essen; demungeachtet ziehen sie es allem übrigen vor und sprechen mit besonderer Entzückung von den Fußsohlen und flachen Händen als herrlichen Leckerbissen“.
Sehen wir hier nun Rachsucht als Ursache des Kannibalismus, so erstaunen wir nicht wenig, wenn wir durch FRANZ JUNGHUHN erfahren, daß die Menschenfresserei bei den Batta in einigen Fällen sogar gesetzlich als Strafe vorgeschrieben ist und zwar dann, wenn ein niedrig stehender Mann mit der Frau eines Radscha Ehebruch getrieben hat, wenn Jemand sich des Landesverrats, der Spionage oder Desertion zum Feinde schuldig gemacht und wenn ein Feind mit den Waffen in der Hand gefangen genommen wird. Im letztern Falle ist ein Auffressen bei lebendigem Leibe vorgeschrieben, in den beiden erstern Fällen ein Verzehren, nachdem der Betreffende getödtet worden ist.[49] Daß der Kannibalismus der Batta in der That integrierender Teil des Adat (der Gesetzgebung) ist, bestätigt neuerdings Dr. S. FRIEDMANN[50], und der amerikanische Reisende ALBERT S. BICKMORE[51] führt eine Reihe von Beispielen an, daß noch vor kurzem, aller holländischen Oberaufsicht zum Trotz, jene fürchterlichen Gesetze streng ausgeführt werden. Eine Folge dieser fortgesetzten Übung des Kannibalismus ist gewesen, daß ein Geschmack am Menschenfleisch bei einzelnen Batta sich eingestellt hat, wie denn der Radscha von Sipirok dem niederländischen Gouverneur von Padang versicherte, daß er zwischen dreißig- und vierzigmal Menschenfleisch gegessen, und daß er in seinem ganzen Leben nie etwas genossen habe, das ihm halb so gut schmeckte.[52]
Auf den übrigen Inseln des malayischen Archipels dürfen wir die Anthropophagie größtenteils als eingegangen betrachten. Zwar herrschen dort barbarische Gebräuche, wie das Kopfschnellen, noch immer im ausgedehnten Maßstabe, aber Kannibalismus nicht mehr. Der Malaye zeichnet sich durch Blutdurst aus, ja er ist nach MÜLLER[53] der Kannibale κατ’ εξοχήν; um so erfreulicher, daß die Menschenfresserei bis auf geringe Spuren im Archipel verschwunden ist. Zu PIGAFETTAs Zeiten scheint sie noch weiter verbreitet gewesen zu sein, denn er führt mehrere zu den Molukken gehörige Inseln — die sich heute nicht mehr identifizieren lassen —, ferner das Innere, damals noch von Heiden bewohnte Amboinas, endlich Buru an, wo Kannibalen hausen.[54] Mit dem Vordringen des Mohamedanismus ist die Anthropophagie auch hier ausgerottet worden.
Einst mag auch bei den Dajaks auf Borneo die Anthropophagie weit verbreitet gewesen sein; heute lassen sich nur verhältnismäßig geringe Spuren derselben nachweisen. Am schlimmsten scheint es hiermit noch bei den Kajans im Innern zu stehen, wie aus dem Zeugnisse SPENSER ST. JOHNs hervorgeht. Das Fleisch eines im Kriege gefallenen Feindes nahmen sie in Körben mit sich, um es Abends im Lager zu rösten und zu verspeisen. Als 1855 mehrere Muka-Leute in Bintulu hingerichtet wurden, versicherten einige Kajans sich des Fleisches, das sie brieten und verspeisten. Perhaps to strike terror into their enemies, sagt unsere Quelle.[55]
Von den Tring-Dajaks am Mahakkanflusse in Südostborneo giebt Bock auf das entschiedenste an, daß sie Kannibalen seien. Augenzeuge ist er indessen nicht gewesen. Eine Tringpriesterin erklärte ihm, daß die innere Fläche der Hände, das Fleisch an den Knieen und das Gehirn die größten Leckerbissen seien; der Häuptling des Stammes berichtete, daß sein Volk nicht jeden Tag Menschenfleisch äße, dieses wäre nur ein Festmahl bei Schädeljagden.[56] Im Verein mit der letzteren Thatsache läßt sich hier Rachsucht als Motiv des Kannibalismus der Dajaks annehmen.
Von Celebes sagt BICKMORE, daß im Innern ein Kopfjägervolk wohne, welches die Küstenstämme Turaju nennen und das Menschen fressen soll. BARBOSA, dessen Werk 1516 erschien, und der mit MAGALHAES später ermordet wurde, behauptet ähnliches von allen Einwohnern der Insel zu seiner Zeit. Er sagt, wenn sie nach den Molukken kämen, um Handel zu treiben, pflegten sie den König jener Inseln zu bitten, er möge die Güte haben, ihnen die Leute zu überlassen, die er zum Tode verurteilt hätte, damit sie an den Leichen solcher Unglücklichen ihren Gaumen befriedigen könnten, „als ob sie um ein Schwein bäten“.[57]
Philippinen. Schon als die Spanier unter MAGALHAES nach den Philippinen kamen, finden wir bei deren Bewohnern wenigstens eine beschränkte Anthropophagie erwähnt. ANTONIO PIGAFETTA, der überlebende Reisegefährte des großen Seemanns und der Schilderer seiner Fahrten, berichtet nämlich[58]: „An einem Vorgebirge dieser Insel Buthuan und Callaghan (Busuagan und Calamianes?) erzählte man uns als eine zuverlässige Sache, daß an dem Ufer eines gewissen Flusses einige haarigte große Männer wohnten, die sehr tapfer mit Bogen und hölzernen Degen einer Hand breit stritten; und wenn sie einige ihrer Feinde getötet hatten, sogleich das Herz roh mit Pomeranzen- und Citronensaft fräßen. Diese haarigten Menschen heißen Benaian“.
Den Namen Benaian finden wir wieder in Cap Benuian, der Nordspitze der Insel Mindanao, und es ist erlaubt, hierbei an den Stamm der Manobos zu denken, ein heidnisches malayisches Volk an der Ostküste von Mindanao. SEMPER[59] erzählt nämlich von ihren nächtlichen Überfällen und fügt hinzu: „Ist der Feind glücklich niedergeworfen und getötet, so zieht der anführende Bangani (Priester) ein heiliges, nur diesem Dienste geweihtes Schwert, öffnet der Leiche die Brust und taucht die Talismane des Gottes, die ihm um den Hals hängen, in das rauchende Blut ein. Dann reißt er das Herz oder die Leber heraus und verzehrt ein Stück davon, als Zeichen, daß er nun seine Rache an dem Feinde befriedigt habe. Dem gemeinen Volk wird es nie gestattet, Menschenfleisch zu kosten; es ist das Vorrecht, aber auch die Pflicht des fürstlichen Priesters.“
Desgleichen giebt JAGOR[60] uns Nachrichten, welche wenigstens das sporadische Vorkommen der Anthropophagie auf den Philippinen annehmbar erscheinen lassen. Er erzählt, daß fast in jedem größern Dorfe auf Samar und Leyte unter den Bisaya-Indiern ein oder mehrere Asuán-Familien wohnen, „die allgemein gefürchtet und gemieden, wie Ausgestoßene behandelt werden und sich nur unter einander verheiraten können. Sie stehen im Rufe Menschenfresser zu sein. Vielleicht stammen sie von solchen ab? — Der Glaube ist sehr allgemein und festgewurzelt. Darüber zur Rede gestellt, antworten alte einsichtsvolle Indier, sie glaubten allerdings nicht, daß die Asuánen jetzt noch Menschen fräßen, aber ohne Zweifel hätten ihre Vorfahren es gethan“.
Im Zusammenhang mit der bekannten Kopfjägerei, und Rachsucht als Beweggrund zeigend, steht eine kannibalische Gewohnheit des Stammes der Gaddanen auf Luzon. Nach Dr. JOSÉ DE LA CAMPA entnehmen sie den abgeschlagenen Köpfen ihrer Feinde das Gehirn, um es zu verzehren.[61] Die prähistorische Analogie für diese Art der Anthropophagie scheint — bevor letztere bekannt war — in den Höhlenbewohnern von Gourdan (Pyrenäen) durch PIETTE nachgewiesen.[62]
Asiatisches Festland. Das asiatische Festland angehend, so kommen auch hier einzelne Berichte vor, welche diese oder jene Völkerschaft der Anthropophagie bezichtigen. Indessen hier kann es sich nur um einen Nachhall früherer Unsitte handeln, oder einen gelegentlichen Kannibalenschmaus aus Hungersnot. Vergebens aber sehen wir uns nach Zeugnissen um, welche gewohnheitsmäßige Anthropophagie bei einem asiatischen Volke — die Batta ausgenommen — heute bestätigen. Der Vollständigkeit halber wollen wir indessen hier anführen, was wir an Andeutungen gefunden haben. Staatsrat VON EICHWALD giebt an, daß noch im Jahre 1863 bei den Ostjaken infolge von Hungersnot das Verzehren von Kindern vorgekommen sei.[63] Derselbe will auch die Samojeden des Kannibalismus bezichtigen, da der Name derselben sich aus dem Russischen sehr gut als „Selbstesser“ erklären läßt. Indessen bemerkt FR. MÜLLER[64] mit Recht, daß dieser Name der Volksetymologie zu Liebe aus Samod entstanden sein dürfte, mit welcher Bezeichnung noch gegenwärtig um Archangel die Samojeden von den Russen bezeichnet werden. Er ist wahrscheinlich mit dem Namen Suomi (Finne) und Same (Lappe) verwandt und datiert aus der Zeit, wo Finnen, Lappen und Samojeden in unmittelbarer Nähe zusammenwohnten. Die Kaschmiris berichten, daß die Darden Anthropophagen seien, und ein Dardenstamm sagt dies dem andern nach, wiewohl dies nach LEITNER unbegründet ist; doch soll unter ihnen das Trinken des Blutes vom Feinde vorkommen.[65]
Auf Hörensagen beruhen die Angaben des Mönchs RUBRUK (RUBRUQUIS, RUYSBROEK), daß bis zu seiner Zeit (13. Jahrh.) die Bewohner von Tebec (Tibet) die abscheuliche Sitte gehabt haben sollen, die Eltern nach dem Tode zu verzehren, sie seien deshalb von den Nachbarn verabscheut worden.[66]
[45] I viaggi di Marco Polo. Ausgabe von LODOVICO PASINI. Venezia 1857. 157.
[46] Purchas His Pilgrims. The Third Part. London 1625. 128. — Was ODOARDO BARBOSA (1516), BEAULIEU (1622), DE BARROS (1558) u. a. über die Anthropophagie der Batta sagen, mag nachgelesen werden in J. R. FORSTER und M. C. SPRENGEL: Beiträge zur Völker- und Länderkunde. Leipzig 1783. III, 298.
[47] Beschreibung der Insel Sumatra. Leipzig 1785, 387.
[48] Account of Sumatra. Philosophical Transactions vol. LXVIII. I. 1778. 161.
[49] FRANZ JUNGHUHN, die Battaländer auf Sumatra. Berlin 1847. II. 155 ff.
[50] Die ostasiatische Inselwelt. Leipzig 1868. II. 45 f.
[51] Reisen im ostindischen Archipel. Aus dem Englischen. Jena 1869. 323. 337. 338. 339.
[52] BICKMORE a. a. O. 323.
[53] Allgemeine Ethnographie. Wien 1873. 295.
[54] PIGAFETTA, Erste Reise um die Welt. In M. C. SPRENGEL „Beiträge zur Völker- und Länderkunde“. Vierter Teil. Leipzig 1784. 138. 139. 141.
[55] SPENSER ST. JOHN, Forests of the far east. I. 123. 124.
[56] C. BOCK, Unter den Kannibalen auf Borneo. Jena 1882. 152. 153.
[57] ALBERT S. BICKMORE a. a. O. 70.
[58] PIGAFETTA a. a. O. 110.
[59] Dr. C. SEMPER, Die Philippinen und ihre Bewohner. Würzburg 1869. 62.
[60] F. JAGOR, Reisen in den Philippinen. Berlin 1873. 236.
[61] Mitteilungen der Wiener anthropologischen Gesellschaft. Verhandlungen 1884. 53.
[62] Oben S. 4.
[63] Archiv für Anthropologie. III. 333.
[64] Allgemeine Ethnographie. 337. Anmerkung.
[65] Dr. G. W. LEITNER, Results of a tour in Dardistan etc. Vol. I. Part. III. 9. Anmerkung. Lahore 1873.
[66] Recueil des voyages publié par la Société de Géographie. Paris 1839. IV. 289.