Australien
Der australische Kontinent zählt heute noch höchstens 50,000 eingeborene Schwarze und diese sind, wo sie sich dem Einflüsse der Weißen entziehen, Anthropophagen, wofür die bündigsten Beweise vorliegen.
Er kommt am Schwanenfluß, also Westaustralien, nach Salvado vor, wo man selbst Tote ausgrub, um sie zu essen[123], und JOHN FORREST, welcher 1869 längere Zeit in der Umgebung des Barlee-Sees zubrachte, wurde dort von den Eingeborenen bedroht, daß sie ihn fressen wollten, auch fand er dort einen Schwarzen, der ihm mitteilte, daß kürzlich sein Bruder gefressen worden sei.[124] Weiteres über die Anthropophagie der Westaustralier teilt OLDFIELD mit, nach welchem einmal die bei ihnen allgemein herrschende Blutrache, andererseits Hunger zum Kannibalismus treiben. Die erschlagenen Feinde werden verzehrt, the bloodrevergers subsisting entirely on the flesh of their victims, wenn sie sich im feindlichen Gebiete befinden. Dabei wird weder Geschlecht noch Alter geschont und wenn keine Gelegenheit vorhanden, das Fleisch zu kochen, so wird es roh verzehrt.[125] Auf reinen Fleischgenuß gerichtet ist der westaustralische Kannibalismus, wenn sie die Alten erschlagen und verzehren, that so much good food may not be lost. Man glaubt, die Alten hätten keine Seelen mehr, welche, zurückkehrend, dem Fresser etwa Ungemach bereiten könnten.[126] In Hungerszeiten töten die Watchandie in Westaustralien eines ihrer Kinder durch einen Schlag mit der Keule in den Nacken um das Fleisch zu verzehren. Die Mutter, welche keinerlei laute Klagen ausstoßen darf, da sie sonst Prügel erhält, bekommt den Kopf als ihren Anteil; der Mann verzehrt die fetten Stücke, die übrigen Kinder, wenn vorhanden, werden mit den Eingeweiden abgefunden. Alles wird roh verzehrt, da solche Greuel gewöhnlich in der nassen Winterszeit stattfinden, wenn es unmöglich ist, Feuer anzuzünden. Bei andern Kannibalenschmäusen werden die Eingeweide und Füße nicht verzehrt; die letzteren häutet man — aus einem unaufgeklärten Grunde — nur ab. Das Fleisch der Europäer, sagen die Westaustralier, schmecke „salzig“; das Fleisch der Weiber ziehen sie jenem der Männer vor.[127]
Die Anthropophagie wird von W. P. STANBRIDGE, der 18 Jahre mit den Schwarzen in naher Berührung lebte, für Südaustralien nachgewiesen.[128] „Eine ganz abscheuliche Erscheinung im Leben dieser Wilden, sagt er, ist ihr Kannibalismus, der sich auf die gräßlichste Weise äußert. Die Eltern ermorden nicht selten ihre neugeborenen Kinder, um sie aufzufressen. Auch herrscht ein entsetzlicher Aberglaube, demgemäß ein älterer Bruder in dem Wahne lebt, daß er sofort auch die Körperkraft seines jüngeren Bruders sich aneignen könne, wenn er diesen erschlägt und verzehrt. Das geschieht unter Festlichkeiten und bei diesen dringen Vater und Mutter mit eifriger Ermahnung in den älteren Sohn, so viel Fleisch von dem Leichnam hinabzuwürgen, als irgend möglich ist.“ Hier liegt also entschieden Aberglauben als Beweggrund vor. Übrigens herrscht in Südaustralien auch der Kannibalismus aus reiner Gourmandise, wenigstens bei den Narrinyeri. If a man had a fat wife, he was always particulary careful not to leave her unprotected lest she might be seized by prowling cannibals.[129]
Am Cooper Creek, nördliches Südaustralien, sind deutsche Missionare angestellt, die dort (1868) vollauf Gelegenheit hatten den Kannibalismus der Schwarzen zu beobachten. Einer derselben schreibt: „Die zahlreichen Arten von Ratten und Mäusen liefern hauptsächlich die Fleischkost der Eingeborenen. — Die zahlreichen kleinen Eidechsen schmecken den Kindern gut. Zudem fangen sie vier Arten Fische und essen eine große Anzahl von Würmern, die als eine Delikatesse gelten. Kannibalismus ist hier eine Thatsache und eine Mutter verzehrt mit lächelnder Miene ihr eigenes Kind. Die Schwarzen essen Teile von jeder Leiche, wenn etwas Eßbares daran ist. Vor einiger Zeit starb der Älteste des Stammes. Als ich fragte, ob sie diese Leiche auch verzehren würden, antwortete mir einer der Schwarzen: ‚Nein, der Kerl ist zu mager, er hat kein Fett.‘“[130] Bedarf man einer Bestätigung dieses Berichtes, so giebt sie WARBURTON, nach dem die Bewohner des untern Barkuthales (Cooper Creek, Lake Eyre) entschieden Anthropophagen sind.[131] Auch am Peakfluß werden die gestorbenen Kinder verzehrt, als Grund wird von den Schwarzen angegeben, daß, wenn sie dieses nicht thäten, sie sich fortwährend grämen müßten. Den Kopf bekommt die Mutter und die Kinder im Lager bekommen auch ihr Teil, damit sie gut wachsen. Auch verzehren sie einzelne Teile von verstorbenen Männern und Frauen, namentlich solche, in denen sie den Sitz gewisser tüchtiger Eigenschaften wähnen.[132]
Was die Eingeborenen der Kolonie Victoria betrifft, so hat über deren Kannibalismus RICHARD OBERLÄNDER, der längere Zeit unter ihnen lebte, seine eigenen und fremde Erfahrungen zusammengestellt.[133] „Die Eingeborenen Australiens, so berichtet er, sind Kannibalen, machen daraus kein Geheimnis und sprechen davon als von einer selbstverständlichen Sache, wie sie denn auch die Art und Weise der Zubereitung des Mahles ganz unbefangen beschreiben.“ Nach BUCKLEY, den OBERLÄNDER citiert, begegnete jener auf seinen Wanderungen dem wegen seines Kannibalismus übel berüchtigten Pallidurgbarran-Stamme, der nicht nur das Fleisch seiner getöteten Feinde verzehrt, sondern Menschenfleisch bei allen möglichen Gelegenheiten. „Der Barrabulstamm, schreibt OBERLÄNDER ferner, fing einen alten Mann und ein Mädchen ein, die zu einem andern Stamm gehörten, und welche sie beschuldigten, meinen Freund GELLIBRAND gemordet zu haben. Das Mädchen ward getötet und gebraten und das Fett als Haarpomade benutzt. Etwas warmes Fleisch ward lachend einem Engländer zum Kosten gereicht. Dr. COTTEN nahm, so viel mir erinnerlich, einen Teil des Schenkels als Beweis der Thatsache mit sich fort.“
In Neu-Süd-Wales, woher MAJORIBANKS 91 Beispiele des Kannibalismus zusammenstellt, aß man besonders das Nierenfett der Gefallenen, dessen Genuß man übernatürliche Kräfte zuschrieb.[134]
ANGAS, bekannt durch seine Arbeiten über die Australier, teilte den Gelehrten von der Novara-Expedition mit, daß in der Nähe der Moreton-Bai (Queensland) ein Knabe starb, dessen Kopf und Haut, der rohen Sitte gemäß, vom übrigen Körper getrennt und an einem Stocke über Feuer getrocknet wurden. Vater und Mutter waren bei dem Vorgange zugegen und stießen laute Schreie aus. Das Herz, die Leber und die Eingeweide wurden unter die anwesenden Krieger verteilt, welche Stücke davon an den knöchernen Spitzen ihrer Speere mit forttrugen, während die gerösteten Oberschenkel — angeblich die größten Leckerbissen — von den Eltern selbst verzehrt wurden. Haut, Schädel und Knochen dagegen packten die Eingeborenen sorgfältig zusammen und nahmen sie in ihren Säcken aus Grasgeflecht auf die Reise mit. Nicht selten soll eine Mutter ihr eigenes Kind in dem dunkeln Wahn auffressen, daß jene Kraft, welche ihre Leibesfrucht ihr entzogen, auf solche Weise wieder in den Körper zurückkehre! Fällt den Eingeborenen ein Krieger eines feindlichen Stammes in die Hände, so sollen sie ihrem erbarmungswürdigen Opfer mit fanatischer Wildheit das Fett der Nieren aus dem Leibe reißen und sich in dem Glauben damit beschmieren, daß dies dem Körper Kraft, dem Herzen Mut verleihe.[135]
Ein Gutsbesitzer am obern Mary River (nördlich von Brisbane, Queensland), giebt höchst eingehende auf Selbstbetrachtung gegründete Schilderungen des merkwürdigen Gebrauches, wie die Schwarzen den Toten die Haut abziehen, die Knochen vom Fleisch befreien und beides zu abergläubigen Zwecken bewahren. In seiner Gegenwart schämte man sich indessen auch das schon geröstete Fleisch zu verzehren. Er fügt aber seinem Bericht hinzu: „Ich fühle mich verpflichtet es auszusprechen, daß die Eingeborenen das Fleisch ihrer verstorbenen Freunde verzehren und indem sie das thun, glauben sie fest, daß sie sich damit eine Wohlthat erweisen und den Toten ehren. Sie verzehren es nicht etwa, weil sie nach demselben lüstern wären; doch ist dem früher so gewesen, und noch vor einigen Jahren schmausten die alten Männer mit großem Appetit das gut geröstete Fleisch junger Frauen. Infolge des Verkehrs mit den Weißen geschieht das aber nicht mehr häufig und man begräbt oftmals auch Frauen und Kinder unzerstückelt, aber die Männer, insbesondere die Häuptlinge, werden auch jetzt (1871) noch verzehrt. Es ist mir mitgeteilt worden, daß noch ganz vor kurzem alte abgemagerte Männer, deren Fleisch gewiß nicht saftig war, gewissenhaft gefressen worden sind. Wenn man das Fleisch eines Menschen genießt, gewinnt man dadurch die Kraft und die guten Eigenschaften, welche derselbe gehabt hat. Das ist Wahnglaube.“[136]
Auch die Schwarzen im nördlichen Queensland machen kein Geheimnis daraus, daß sie Menschenfleisch verzehren; doch scheint es, daß sie mehr aus gewissen Traditionen als aus Nahrungsbedürfnis Anthropophagen sind. Die meisten Schwarzen werden begraben, ohne gefressen zu werden. Auch an der Wide Bay werden diejenigen, die man verzehrt, vorher abgehäutet. Die Haut wird um ein Bündel Speere gewickelt, so, daß das Haar auf die Spitzen zu stehen kommt. Die Fingernägel läßt man an der Haut sitzen. Die Reliquie wird von Lager zu Lager geschleppt und in jedem aufgestellt, wo sich die Trauerweiber um dieselbe versammeln und sich mit Beilen Einschnitte beibringen. Am Carpentariagolf verzehrt man die im Gefecht Gebliebenen. Sterben sie infolge der Wunden Abends oder in der Nacht, so kocht man sie am Morgen. Ein großes Loch wird im Boden ausgehöhlt und der Leichnam wird in einem Stück gekocht, wozu drei bis vier Stunden nötig sind. Die Weichteile werden nicht gegessen, sondern herausgenommen und begraben. Am Golf häutet man die Toten nicht, ehe man sie verzehrt. Nachdem das Fleisch gegessen ist, werden die Knochen auf einen Baum gelegt oder begraben. Die Leichen der Feinde bleiben da liegen, wo sie gefallen sind; man verzehrt nur die Leichen von der eigenen Partei. Kinder werden verzehrt, wenn sie sterben; Kindsmord ist nicht häufig in Queensland.[137]
Der kannibalische Ring um den australischen Kontinent wird geschlossen, wenn wir die Beweise für die Anthropophagie im Norden beibringen. Schon als OWEN STANLEY mit dem Aufnahmeschiff Rattlesnake Nordaustralien besuchte, wurde die Bemerkung gemacht, daß man die Leichen der erschlagenen Feinde verspottete und zerstückelte. Der Kopf aber wird als Trophäe mitgenommen und die Krieger verzehren die Augen nebst den Wangen, im Glauben, dadurch tapfer zu werden.[138]
Wenn auch in Tasmanien dieselben Naturverhältnisse herrschten wie auf dem australischen Kontinente und die dortige, jetzt ausgestorbene Rasse den Australiern sehr nahe stand, so ist sie doch, zur Zeit der Entdeckung wenigstens, von Kannibalismus frei zu sprechen gewesen. Es waren wenigstens keine Beweise dafür beizubringen.[139]
[123] WAITZ (GERLAND), Anthropologie der Naturvölker. VI. 749.
[124] PETERMANNs Mitteilungen. 1870. 147. 148.
[125] OLDFIELD in Transactions of the Ethnolog. Society. New Series. III. 245.
[126] OLDFIELD a. a. O. 248.
[127] OLDFIELD a. a. O. 286. 288.
[128] Transactions of the Ethnological Society. New Series. I. 291.
[129] The Native Tribes of South Australia. Adelaide 1879. 2.
[130] Auszug aus der zu Tanunda erscheinenden „Deutschen Zeitung“. Globus XVI. 15.
[131] Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde zu Berlin. 1868. II. 16.
[132] Verhandlungen der Berliner Anthropologischen Gesellschaft. 1879. 237.
[133] Globus IV. 279.
[134] WAITZ (GERLAND), Anthropologie der Naturvölker. VI. 748.
[135] Reise der österreichischen Fregatte Novara um die Erde. III. 32.
[136] Journal of the Anthropological Institute. II. 179 (1873).
[137] E. PALMER, Notes on some Australian Tribes. Journal of the Anthropological Institute. XIII. 282.
[138] MACGILLIVRAY, Narrative of the Voyage of H. M. S. RATTLESNAKE. London 1852. I. 152.
[139] BONWICK, Daily Life of the Tasmanians. 23.