Ich wanderte also am nächsten Morgen wieder rauf zu Mr. Shine und fragte ihn, ob ich in dem Unterstande, in dem ich seinerzeit gehaust hätte, ein paar Tage wohnen dürfe.
„Natürlich, Mr. Gale,“ sagte der Farmer, „solange Sie wollen.“
Ich erklärte ihm warum und fragte ihn dann nach den Leuten, mit denen ich da gewohnt hatte.
„Ach,“ antwortete er, „der lange Nigger ist gleich den Tag nach Ihnen gegangen, ich glaube rauf nach Florida. Das geht mich nichts an. Der kleine Nigger, Abraham heißt er, scheint ein ganz geriebener Schlingel zu sein.“
„Wieso?“ fragte ich.
„Er hat mir da Hühner verkauft, gute Leghühner, wie er mir versicherte. Er hatte sie bei Indianern für einen Peso das Stück gekauft, wie ich inzwischen erfahren habe. Mir hat er anderthalb Pesos dafür abverlangt. Ich habe sie ihm auch bezahlt dafür, denn die Hühner waren gut genährt. Aber mit den guten Leghühnern hat er mich reingelegt, der schwarze Teufel. Mit dem Legen ist nicht viel los bei ihnen. Aber na, das Fleisch ist es ja wert.“
„Und was ist mit dem Chink und den beiden Mexikanern?“
„Die sind am Montag sehr früh hier vorbeigekommen. Ich habe sie vom Fenster aus gehen sehen. Soviel ich weiß, sind sie nach Pozos gegangen. Diese Station ist nicht ganz so weit als die, von der Ihr gekommen seid. Der Weg ist auch besser, weil wir jetzt diese Station selbst benutzen, während wir in früheren Jahren immer zu der anderen gingen. Aber Pozos liegt bequemer für uns; früher hatten wir nur keinen Weg. Seitdem aber die Oelleute gekommen sind, haben die einen Weg geschaffen. Ich empfehle Ihnen, wenn Sie wieder zurückgehen, auch diesen Weg, da können Sie ab und zu schon einmal ein Auto antreffen, wo Sie jumpen können. Nebenbei bemerkt, warum wollen Sie denn in dem Unterstand hausen, Sie können doch in dem Hause wohnen.“
Ich lachte. „Nein, Mr. Shine, das Haus kenne ich zur Genüge. Ich betrete es nicht mit einer Zehenspitze. Das ist die reine Moskitohölle.“
„Na, wie Sie wollen. Ich habe mit meiner Familie fünfzehn Jahre drin gewohnt. Wir sind von den Moskitos nicht merklich geplagt worden. Aber Sie können schon recht haben. Wenn so ein Haus lange nicht bewohnt wird, nicht genügend Luft reinkommt, sammelt sich schon allerhand von diesem Zeug an. Ich bin übrigens seit einem Vierteljahr nicht oben gewesen, weiß gar nicht, wie es da herum augenblicklich aussieht. Und wahrscheinlich komme ich im ganzen nächsten Vierteljahr auch nicht rauf. Ich habe ja da oben nichts verloren. Ab und zu lasse ich mal die Pferde und die Mules rauftreiben, weil sie da herum genügend Gras finden und ein Tränkepfuhl oben ist. Aber, wie gesagt, es ist mir gleichgültig, wo Sie Ihre Wohnung aufmachen. Mich stören Sie nicht, und Sonntags können Sie schon mal runter kommen und eine Tasse Kaffee mit uns trinken und ein Stück Kuchen essen.“
Ich richtete mich oben in meinem Unterstande wieder ein. Mein Feuer machte ich mir jetzt gleich vor dem Unterstand, weil dort in der Nähe des Hauses, wo sonst unser gemeinschaftliches Feuer gewesen war, ja doch keine Unterhaltung gepflogen werden konnte, denn es war ja niemand da.
Ich lebte jetzt in schönster Einsamkeit. Als einzige Gefährten hatte ich nur Eidechsen, von denen zwei sich in drei Tagen so an mich gewöhnt hatten, daß sie all ihre angeborene Scheuheit vergaßen und mir an und auf meinen Füßen die Fliegen wegfingen, die dort nach Krümelchen von meinen Mahlzeiten suchten.
Tags über kroch ich in dem nahen Busch herum oder beobachtete die Tiere bei ihren Handlungen oder las in den Zeitschriften, die ich vom Camp mitgebracht hatte.
In Wasser konnte ich schwelgen, so reichlich hatte ich es, weil es inzwischen einige Male gut geregnet hatte und der Tank beim Hause zu einem Drittel gefüllt war. Wir hatten ja derzeit die Auffänge in Ordnung gebracht.
Ich konnte mich sogar waschen und mir den Luxus leisten, mich sogar zweimal des Tages zu waschen. Kaffee kochte ich in Riesenmengen, teils um die Zeit zu vertreiben, teils um so viel Vorrat in mich hineinzutrinken, daß ich gut wieder einmal einen Tramp von einigen Tagen durch wasserlosen Busch aushalten konnte. Da ich im Store hatte tüchtig einkaufen können, Geld hatte ich jetzt reichlich, so lebte ich wirklich einen guten Tag. Sorgenfrei, weder durstig noch hungrig, ein freier Mann im freien tropischen Busch, Siesta haltend nach Belieben, herumstreifen wo und wann und solange ich wollte. Es ging mir gut. Und dieses Gefühl lebte ich auch voll bewußt.
Der Tank, aus dem ich mein Wasser holte, war dicht an dem alten Hause. Und zu diesem Hause hatte ich jedesmal etwa 250 Schritte von meinem Unterstand aus zu gehen.
Das Wasser holte und schöpfte ich mit einer von diesen Konservenbüchsen, die 40 Liter Inhalt haben. Mit Konserven in kleinen Büchsen gibt man sich hier nicht viel ab, höchstens wenn es sich um schnell verderbliche Ware handelt.
Das Haus, das man überall, nur nicht in Zentralamerika, eine ganz elende Bretterbude nennen würde, kaum gut genug, um auf einem Bauplatz als Lagerschuppen zu dienen, stand auf Pfählen. Die meisten Häuser hier, besonders außerhalb der größeren Städte, werden auf Pfählen errichtet. Stünden sie auf flacher Erde, wären sie vielleicht gar noch unterkellert, so würden sie in der Regenzeit jeden Tag zweimal überflutet. Das ist aber nicht der einzige Grund. Bei einem auf Pfählen ruhenden Haus kann der Wind von allen Seiten unter dem Fußboden hin- und herfegen und so das Innere des Hauses kühl halten. Außerdem bekommt ein Haus, das in dieser Art gebaut ist, nicht so viel unerwünschte Gäste, wie Schlangen, Eidechsen, Skorpione, Spinnen, Milliarden von Ameisen, Grashoppern, Grillen und tausenden anderen unangenehmen Ueberläufern aus dem nahen Busch. Alle diese mehr oder weniger erfreulichen Bewohner des tropischen Busches klettern natürlich auch an den Pfählen hoch, können aber doch nicht in solchen Mengen und so leicht ins Haus gelangen, als wenn das Haus auf ebener Erde errichtet wäre.
Alle die Gründe, die den Menschen hier veranlassen, sein Haus in dieser Form zu erbauen, sind die gleichen geblieben, die unsere Urvorväter zwangen, sich eine Behausung in den Wipfeln der Bäume zu bauen.
Ein Holzhaus, so errichtet, erbebt, erzittert und schwankt oft beim Sturm so, daß man glauben könnte, es sei in der Tat auf einem Baume errichtet.
Die Indianer freilich haben ihre Hütten zu ebener Erde. So zu ebener Erde war ja auch mein Unterstand, wo das Buschgetier aus- und einging, als wäre es sein gutes Recht.
An jeder Seite des Hauses war eine Tür, um Licht und Wind hineinzulassen. Beim Verlassen des Hauses hatten meine damaligen Arbeitskollegen die Türen geschlossen, wie üblich mit einem drehbaren Stückchen Holz. Damals war immer Leben im Hause und vor dem Hause, Streit um das Feuer, Zank wegen einer Prise Salz, die jemand genommen hatte, ohne den Besitzer zu fragen, lange und fruchtlose Diskussionen darüber, wer das Holz heute zu holen habe. An diese lebhaften Bilder zurückdenkend, erschien jetzt das Haus geisterhaft einsam und still. Jedesmal, wenn ich Wasser holte, quälte es mich, doch mal einen Blick hineinzuwerfen, ob jemand etwas zurückgelassen habe. Aber dann wieder gefiel mir diese gespensterhafte Stille, die über dem Hause lagerte. Sie fügte sich zu der Einsamkeit der Umgebung nicht weniger als zu der Einsamkeit und Abgeschiedenheit, in der ich augenblicklich lebte. So unterdrückte ich jedesmal, wenn ich an das Haus kam, den Wunsch, eine Tür aufzumachen und hineinzulugen. Ich wußte genau, die Hütte war leer, vollkommen leer; niemand hatte etwas, sei es auch nur der Fetzen eines alten Hemdes, zurückgelassen, denn bei uns hatte alles seinen Wert. Die Ungewißheit, die mysteriöse Stimmung, die um das Haus lagerte, wollte ich mir nicht zerstören. So, wie es wirkte, mochte ich träumen, daß vielleicht der Geist eines der alten aztekischen Priester, der wegen der Tausenden von Menschen, die er auf dem Altar seines Gottes geschlachtet und ihnen das Herz aus dem lebendigen Leibe gerissen hatte, um es seinem unersättlichen Gotte vor die goldenen Fuße zu werfen, nun keine Ruhe finden konnte und deshalb aus dem Busch in das gefeite Haus eines Christen geflüchtet sei, um wenigstens ein paar Wochen von seinem rastlosen Herumirren auszuruhen.