12.
Eines Tages, als ich wieder Wasser holte, sah ich eine schwarzblaue Spinne mit glänzend grünem Kopf, die an der Wand des Hauses nach Beute jagte. Sie lief blitzschnell ein paar Zoll weit, saß dann still, lauerte eine Weile und lief dann wieder ein ganz kurzes Streckchen, um wieder zu lauern. So überholte sie einen Meter eines Brettes im Zickzackkurs, kein Fleckchen auslassend, dabei oft, nicht immer, einen ganz feinen Faden zurücklassend, um Insekten, die an dem Brette hinaufklettern würden, nicht gerade festzuhalten und zu verstricken, sondern deren Lauf nur zu verlangsamen, daß, wenn die Spinne inzwischen das Nachbarbrett abgesucht hatte und hier wieder zurückkam, ihre Beute mit einem mächtigen Satz anspringen konnte. Diese Spinne nimmt ihre Beute nur im Sprunge, wobei sie das Insekt von hinten anspringt und sofort im Nacken packt, so daß dieses Insekt von seinen Waffen, sei es nun ein Stachel oder Zangen oder Scheren, gar keinen Gebrauch machen kann. Das einzige Tier, das sich gegen diese Springspinne erfolgreich wehren könnte und dann den Spieß umkehren würde, ist der Skorpion. Aber diese beiden großen Jäger in den Tropen begegnen sich nie, weil jeder von ihnen eine andere Jagdzeit hat. Diese Spinne am Tage, in der glühenden Sonne, der Skorpion in der Dunkelheit.
Diese Spinne nun, die zu beobachten ich Tage und Wochen in den häufigen Perioden von Arbeitslosigkeit verwandt hatte, war es, die sofort wieder meine Aufmerksamkeit fesselte. Ich wollte ihr Gesichtsfeld prüfen und lernen, wie sie sich verhält, wenn sie selbst angegriffen und verfolgt wird. Ich stellte meine Konservenbüchse mit Wasser auf den Boden und vergaß, daß ich mir doch meinen Reis kochen wollte.
Ich bewegte meine Hand in ziemlicher Entfernung über der Spinne hin und her und sofort reagierte sie darauf. Sie wurde unruhig; ihre Zickzackläufe wurden unregelmäßig und sie suchte diesem großen Etwas, das ein Vogel sein mochte, zu entwischen. Aber die glatte Wand bot keinen Schlupfwinkel. Sie wartete eine Weile, duckte sich ganz langsam und behutsam und machte plötzlich, ganz unerwartet, einen Sprung in halber Armeslänge auf eines der benachbarten Bretter, aber natürlich an senkrechter Wand. Und so sicher war der Sprung, als wäre er auf ebener Erde vollführt. Dieses Brett nun hatte eine Leiste, die gespalten war und sich auch ein wenig verzogen hatte, so daß sie einen Unterschlupf bieten konnte.
Jedoch ich ließ der Spinne keine Zeit, sich den besten Platz auszusuchen. Ich nahm einen dünnen Zweig auf, der gerade zu meinen Füßen lag und berührte damit die Spinne leicht, sie so zwingend, einen anderen Weg zu wählen. Sie lief nun in rasender Schnelligkeit davon, aber wohin sie auch fliehen mochte, immer fand sie den angreifenden Zweig, entweder ihren Kopf berührend oder ihren Rücken. So lief sie kreuz und quer, immer verfolgt von dem Zweig, ihr keine Gelegenheit lassend, zu einem Sprunge anzusetzen. Plötzlich aber, als ich sie gerade im Rücken berührte, machte sie blitzschnell kehrt und in rasender Wut und mit unvergleichlicher Tapferkeit griff sie den sie belästigenden Zweig an, der gegenüber ihren bescheidenen Ausmaßen für sie gigantische Formen und übernatürliche Kräfte haben mußte. Und immer, wenn ich den Zweig zurückzog, so daß sie glauben mußte, sie habe den Feind abgeschlagen oder wenigstens eingeschüchtert, lief sie auf die schützende Leiste zu. Schließlich besiegte sie mich doch und fand dort Unterschlupf, aber nicht genügend, um sich ganz zu verbergen, denn sie konnte sich nur zur Hälfte darin verkriechen.
Nun schlug ich mit der flachen Hand an die Wand. Die Spinne kam sofort wieder hervor, lief eilends weiter nach oben, wo sie eine günstigere Höhle fand, in der sie sofort verschwand, ohne daß man noch viel von ihr sehen konnte.
Um sie nun auch dort wieder hinauszujagen und zu sehen, was sie zu guter Letzt tun würde, schlug ich mit voller Gewalt mit der flachen Hand so fest gegen die Wand, daß das ganze Haus, das ja auf Pfählen ruhte, erzitterte.
Die Spinne kam nicht hervor. Ich wartete einige Sekunden. Und als ich gerade zum zweiten Male kräftig gegen die Wand schlagen will, fällt innerhalb des Hauses etwas um.
Was konnte das sein? Ich kannte das Innere des Hauses. Es war nichts, absolut gar nichts darin, was mit so einem merkwürdigen Geräusch umfallen konnte. Eine Stange, ein Stück Holz, das einzige, was es vielleicht hätte sein können, war es nicht, nach dem Geräusch zu urteilen. Es war schon eher wie ein mit Mais gefüllter Sack. Aber wenn ich mir das Geräusch genauer vergegenwärtigte, so war etwas sonderbar Hartes dabei. Es konnte also kein Sack mit Mais sein.
Es wäre nun doch so einfach gewesen, sofort die paar Sprossen der Leiter hinaufzuklettern, die Tür aufzustoßen und hineinzusehen. Aber irgendein unerklärbares Empfinden hielt mich davon ab. Es war wie Furcht, als könnte ich drinnen etwas unsagbar Grauenhaftes sehen.
Ich nahm das Wasser auf und ging zu meinem Unterstand. Ich redete mir ein, daß es nicht Furcht vor dem Anblick von etwas ganz Gräßlichem sei, was mich veranlaßte, das Haus nicht zu betreten, sondern ich sagte mir: du hast ja in dem Hause durchaus nichts zu suchen, du hast überhaupt gar kein Recht, es zu betreten, und vor allen Dingen, es geht dich gar nichts an, was da drin ist. So entschuldigte ich mein Gebaren.
Als ich dann aber beim Feuer saß und darüber immer wieder nachdachte, was für ein Gegenstand das Geräusch verursacht haben könnte, kam mir plötzlich ein seltsamer Gedanke: In dem Hause hat sich jemand erhängt, und zwar schon vor einiger Zeit; die Schnur ist morsch geworden oder der Hals durchgefault, und nun beim Schlagen an die Wand ist der Körper erschüttert worden, die Schnur gerissen und der Leichnam umgefallen. So ähnlich war auch das Geräusch, als ob ein menschlicher Körper umfiele, und der Kopf auf den Boden schlüge.
Aber diese Idee war ja lächerlich. Sie zeigte mir, wohin die Phantasie einen führt wenn man sich nicht von der Tatsache überzeugt. So verwandelt sich ein Baumstamm in der Dunkelheit in einen Räuber, der auf der Lauer steht. In den Tropen erhängt sich niemand, ich wenigstens habe nie davon gehört. Hier sind die Tage nicht trübe genug dazu. Und wenn es wirklich einer täte, so würde er in den Busch gehen, wo man drei Tage später bestenfalls nur noch an der Schnalle seines Gürtels erkennen würde, daß es sich um einen Mann handelt.
So oft ich auch noch Wasser holte, ich ging nicht in das Haus und vermied es sogar, irgendeine Spalte zu suchen und durchzulugen. Das Unbestimmte, das Geheimnisvolle sagte mir mehr zu als eine vielleicht sehr prosaische Gewißheit.
Jedoch abends, wenn ich am Feuer saß oder wenn ich nachts wach lag, beschäftigten sich meine Gedanken mit nichts anderem als mit der Frage, was in dem Hause wohl sein könne.
Am Freitag ging ich zu Mr. Shine und fragte ihn, ob er irgendwelchen Bescheid vom Manager habe. Aber Mr. Shine war die ganze Woche nicht im Store unten gewesen und würde auch die nächste Woche nicht hinunterkommen. Weil nun Montag der letzte Termin war, der für den Urlaubsantritt jenes Drillers, für den ich Ersatzmann sein sollte, in Betracht kam, so beschloß ich, Samstag früh reisefertig mit meinem Bündel selbst zum Store zu gehen und nachzufragen. War Bescheid da, dann konnte ich Sonntag mittag, also rechtzeitig genug, im Camp sein. War kein Bescheid da, so wußte ich, daß der Driller entweder nicht in Urlaub ging, oder daß er die Sache anders zu regeln gedachte. Ist diesem Falle würde ich gleich zur Station gehen und meinen Plan, nach Guatemala zu wandern, ohne weiteres durchführen.
Samstag früh holte ich mir Wasser für den Kaffee. Als ich mit dem Wasser an dem Hause schon ein Stück vorüber war, dachte ich, nun will ich aber doch einmal zu guter Letzt nachsehen, was da drin los ist, denn wenn ich das nicht tue, so kann es sein, daß mich der Gedanke an das Haus die nächsten fünf bis sechs Monate nicht losläßt. Es konnte ja die bekannte Gelegenheit sein, die einmal verpaßt, nie im Leben wiederkehrt.
Ich kletterte die paar Sprossen der Leiter hinauf, stieß die Tür, die hier nur eingeklemmt war, auf und ging in den Raum, den einzigen Raum, den das Haus hatte.
An der Wand zur Rechten sah ich etwas liegen, ein großes Bündel. Ich konnte aber nicht sofort erkennen, was es sein mochte, denn die Sonne war noch vor dem Aufgehen.
Ich trat näher hinzu; es war ein Mann.
Tot!
Es war Gonzalo.
Getötet!
Ermordet!
Sein zerfetztes Hemd war schwarz von Blut. Ein Ball Baumwolle, den er zerknüllt in der rechten Hand hielt, war gleichfalls vollgesogen von Blut.
Er hatte einen Stich in der Lunge und noch einige Stiche auf der Brust, an der rechten Schulter und am linken Oberarm.
Der Körper war nicht verwest, sondern vertrocknet.
Er hatte auf dem Boden gesessen, gegen die Wand gelehnt und als ich gegen die Wand geschlagen hatte, war der Körper auf die Seite gefallen und der Kopf war auf den Erdboden geschlagen.
Ich suchte seine Taschen durch. Er hatte fünf Pesos und 85 Centavos darin. Er hätte haben müssen: wenigstens 25 bis 30 Pesos.
Also des Geldes wegen.
Dann hatte er noch ein kleines Leinensäckchen mit Tabak neben sich liegen und einige geschnittene Maisblätter lagen verstreut herum.
Während er sich eine Zigarette drehen wollte, war er überfallen worden, an derselben Stelle, wo er sich jetzt befand.
Der Chink und Antonio waren die letzten, die das Haus verlassen hatten. Der Chink war nicht der Mörder. Wegen 20 Pesos jemand auch nur zu berühren, dazu war er viel zu klug. Diese 20 Pesos waren zu teuer für ihn.
Also Antonio.
Das hatte ich von ihm nie gedacht.
Ich steckte Gonzalo das Geld wieder in die Tasche, ließ ihn jedoch liegen wie er lag.
Dann klemmte ich die Tür wieder ein, wie ich sie gefunden hatte und verließ das Haus.
Kaffee kochte ich nun nicht mehr, sondern ich machte mich sofort auf den Weg.
Ich ging zu Mr. Shine und sagte ihm, daß ich nun selber zum Camp gehen wolle, und falls nichts los sei, gleich weitermarschieren werde.
„Haben Sie sich da oben in Ihrem luftigen Wohnhause nicht einsam gefühlt, Mr. Gale?“ fragte er.
„Nein,“ sagte ich, „ich habe immer so viel zu sehen und so viel zu beobachten, daß der Tag herum ist, ehe ich es merke.“
„Ich dachte, Sie würden vielleicht doch in das Haus übersiedeln, weil es eben ein Haus ist.“
„Daran war gar nicht zu denken. Ich sagte Ihnen ja schon, als ich zurückkam, daß es darin vor Moskitos nicht auszuhalten sei.“
„Um die Jahreswende wollen meine beiden Neffen auf Besuch kommen und hier ein wenig herumstreifen und jagen. Die stecke ich dann da hinein, da können sie hausen nach Belieben. Die werden die Moskitos schon ausräuchern. Na, denn also „Viel Glück!“ Gale, für Ihre Zukunft.“
Wir schüttelten uns die Hände und ich ging.
Warum hätte ich denn etwas sagen sollen. Daß ich der Mörder sein konnte, diesen Gedanken würde niemand haben; denn ich war ja vor allen den übrigen Leuten fortgegangen und hatte die ganze Zeit im Camp gearbeitet.
Und hätte ich etwas von meinem Fund gesagt, so hätte das eine Unmenge Fragen verursacht, Hin- und Herlaufen und wer weiß was noch. Dabei wäre ich gar nicht mehr zur rechten Zeit zum Camp gekommen.