Nachdem der Driller von seinem Urlaub zurückgekehrt war, wurde ich ausbezahlt und fuhr mit einem Lastwagen, der Oel zu holen hatte, zur Station, von der ich nach Dolores Hidalgo reiste. Von dort aus fuhr ich ohne viel Aufenthalt glatt durch die Oaxaca, so daß ich schon in wenigen Tagen in Guatemala sein konnte, vorausgesetzt, daß ich meinen Plan nicht wieder einmal änderte.
In Oaxaca wollte ich erst einmal herumhören, was im Süden los sei, was hinter den Gerüchte von den neuen Oelfeldern und den Arbeitsmöglichkeiten überhaupt zu suchen sei, und ob ich nicht besser vielleicht einen windigen Segelkasten ergattern und auf Argentinien los gehen sollte. Aber von dort kamen mir auch wieder zu viele herauf, die wahre Schauergeschichten von der furchtbaren Epidemie Arbeitslosigkeit berichteten. Achtzigtausend lagen in Buenos auf der Straße und suchten eine Gelegenheit, fortzukommen. Aber schlimmer als in Mexiko konnte es ja dort auf keinen Fall sein.
Ich setzte mich auf eine Bank im Park. Ich ließ mir die Stiefel putzen, trank ein Glas Eiswasser, und als ich mich von diesen Beschäftigungen gerade so recht ungestört, zufrieden mit mir und der Welt ausruhen will, sehe ich, daß auf der Bank der meinen gegenüber ein Bekannter sitzt.
Es ist Antonio.
Ich gehe rüber zu ihm und sage: „Hallo, Antonio, guten Tag, was machen Sie denn hier?“
Wir gaben uns die Hand. Er war sehr erfreut, mich zu sehen. Ich setzte mich neben ihn und sagte ihm, daß ich auf der Suche nach Arbeit sei.
„Das ist gut,“ sagte er. „Ich arbeite seit zwei Wochen in einer Bäckerei, Brot- und Kuchenbäckerei. Da können Sie gleich heute anfangen, als Bäcker. Wir suchen gerade einen Gehilfen. Sie haben doch schon als Bäcker gearbeitet, nicht wahr?“
„Nein,“ erwiderte ich, „ich habe zwar schon in hundert verschiedenen Berufen gearbeitet, sogar schon als Kameltreiber – und das ist eine gottverfluchte Beschäftigung –, aber bis zu einem Bäcker habe ich es noch nicht gebracht.“
„Das ist ausgezeichnet, dann können Sie anfangen,“ sagte Antonio darauf. „Wenn Sie nämlich Bäcker wirklich wären oder etwas vom Backen verstünden, dann wäre nichts zu machen. Der Inhaber ist ein Franzose, er hat keine Ahnung vom Backen; wenn Sie ihm erzählen, in ein Brot gehöre Pfeffer hinein, das glaubt er Ihnen. Der wird Sie natürlich fragen, ob Sie Bäcker seien. Da müssen Sie ganz dreist sagen, das sei ihr Beruf seitdem sie nicht mehr in die Schule gingen. Der Meister ist ein Däne, ein entlaufener Schiffskoch. Er versteht auch nichts vom Backen. Seine größte Sorge ist nun, daß ein richtiger Bäcker dort anfangen könnte; einer, der das Backen wirklich versteht. Dann wäre es natürlich mit der Meisterherrlichkeit des Dänen gleich aus, denn ein richtiger Bäcker würde nach zehn Minuten sehen, was los ist. Wenn Sie nun der Meister fragt, müssen Sie gerade das Gegenteil sagen von dem, was Sie zu dem Inhaber sagen. Zum Meister müssen Sie sagen, es sei das erstemal in ihrem Leben, daß Sie in einer Backstube stehen. Dann nimmt er Sie sofort an und Sie sind sein Freund.“
„Das kann ich ja gut machen. Als Bäcker wollte ich schon immer mal arbeiten,“ sagte ich, „man kann dann, wenn man mal in der Verlegenheit ist, die Bäcker alle so schön mitnehmen. Dann hört die Sorge um das tägliche Brot auf und man hält es ein paar Tage länger aus. Also, wird gemacht. Was ist denn der Lohn?“
„Ein Peso und fünfzig Centavos.“
„Nackt?“
„Ach wo, mit Essen und Schlafen. Seife haben wir auch frei. Sie kommen weiter damit als beim Baumwollpflücken, das kann ich Ihnen sagen.“
„Wie ist denn das Essen? Gut?“
„Ach, es ist nicht gerade schlecht, es ist –“
„Weiß schon bescheid.“
„Aber man wird immer satt.“
„Kenne die Magenkneter zur Genüge.“
Antonio lachte und nickte. Er drehte sich eine Zigarette, bot mir Tabak und Maisblatt an und sagte nach einer Weile: „Unter uns gesagt, das mit dem Essen ist auszuhalten. Hier wird in den Bäckereien und Konditoreien mit Eiern und Zucker gewirtschaftet, daß es eine wahre Freude ist. Na und sehen Sie, da kommt es auf so ein Dutzend Eier auf den Mann nicht an. Da sind rasch drei Eier in die Tasse geschlagen, mit Zucker verrührt und da hilft man der Kost nach. Das macht man in der Nacht und am Vormittag vier- oder fünfmal, dann können Sie schon gut zurecht kommen.“
„Wie lange arbeitet Ihr denn?“
„Das ist verschieden; manchmal fangen wir schon um zehn abends an und arbeiten dann durch bis ein, zwei oder drei Uhr nachmittags. Manchmal wird es auch fünf.“
„Das wären dann also 15 bis 19 Stunden täglich?“
„So ungefähr. Aber nicht immer, manchmal, besonders Dienstag und Donnerstag fangen wir auch erst um zwölf an.“
„Verlockend ist es ja nun gerade nicht,“ sagte ich.
„Aber man kann ja so lange dort arbeiten, bis man etwas Besseres findet.“
„Natürlich! Wenn der Tag 36 Stunden hätte, würde man ja auch Zeit finden, sich nach anderer Arbeit umsehen zu können. Aber so? Immerhin, ich werde anfangen.“
Der Gedanke, daß ich von nun an mit einem Raubmörder Tag und Nacht zusammenarbeiten, mit ihm aus derselben Schüssel essen, mit ihm vielleicht gar im selben Bett schlafen sollte, der Gedanke kam mir gar nicht. Entweder war ich moralisch schon so tief gesunken, daß ich für solche Feinheiten der Zivilisation das Empfinden verloren hatte, oder aber ich war so weit über meine Zeit hinaus gewachsen und über die herrschende Sitte erhaben, daß ich jede menschliche Handlung verstand, daß ich mir weder das Recht anmaßte, jemand zu verurteilen, noch mir die billige Sentimentalität einflößte, jemand zu bemitleiden. Denn Mitleid ist auch eine Verurteilung, wenn auch eine uneingestandene, wenn auch eine unbewußte. Und vielleicht ein Gefühl des Schauderns vor Antonio, eine Abscheu, seine Hand zu schütteln? Es laufen so viele Raubmörder herum, wirkliche und moralische, mit Brillanten an den Fingern und einer dicken Perle in der Halsbinde oder goldenen Sternen auf den Achseln, denen jeder Ehrenmann die Hand drückt und sich dabei noch geehrt fühlt. Jede Klasse hat ihre Raubmörder. Die der meinen werden gehenkt; diejenigen, die nicht meiner Klasse angehören, werden bei Mr. Präsident zum Ball eingeladen und dürfen auf die Sittenlosigkeit und Roheit, die in meiner Klasse herrscht, schimpfen.
Zu solchen Gedanken verwildert man und sinkt man hinab in den Morast und zwischen den Abschaum der Menschheit, wenn man um Brotrinden kämpfen muß.
Aber aus diesem Strudel törichter und verrückter Gedanken, die mir das Blut zu Kopfe jagten, riß mich plötzlich Antonio mit der Frage:
„Wissen Sie, Gale, wer noch in Oaxaca ist?“
„Nein! Wie kann ich das auch wissen, ich bin ja gestern abend erst angekommen.“
„Sam Woe, der Chinese.“
„Was tut denn der hier? hat der hier auch Arbeit gefunden?“
„Aber nein! Er hat uns doch damals schon immer erzählt von seiner Speisewirtschaft, die er aufmachen wollte.“
„Und hat er eine aufgemacht?“
„Natürlich! Das können Sie sich doch denken. Was sich so ein Chino einmal vornimmt, das tut er auch. Er hat das Geschäft mit einem Landsmanne in Kompanie.“
„Ja, lieber Antonio, wir haben halt nicht die geschäftliche Ader, die zu solchen Dingen notwendig ist. Ich glaube sicher, wenn ich ein solches Geschäft gründete, würden sofort alle Leute ohne Magen geboren, nur damit ich ja nicht etwa auf einen grünen Zweig komme.“
„Das kann schon möglich sein,“ lachte Antonio. „Geht mir gerade ebenso. Ich habe schon einen Zigarettenstand gehabt, schon einen Zuckerwarentisch, habe schon Eiswasser herumgeschleppt und wer weiß, was nicht sonst noch alles versucht. Mir hat selten jemand etwas abgekauft. Ich habe immer elendiglich Pleite gemacht.“
„Ich glaube, die Ursache ist eben,“ erwiderte ich, „wir können die Leute nicht genügend anschwindeln. Und schwindeln muß man können, wenn man Geschäfte machen will. Aber gründlich.“
„Wir könnten eigentlich mal hingehen zu Sam. Der wird sich auch freuen, Sie zu sehen. Ich esse ab und zu ganz gern mal draußen irgendwo. Zur Abwechselung, sehen Sie. Jeden Tag denselben langweiligen Fraß, das wird einem auch über.“