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Die Baumwollpflücker cover

Die Baumwollpflücker

Chapter 21: 17.
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About This Book

The narrative explores the lives and conditions of cotton pickers in Mexico, shedding light on the often-overlooked laborers who provide raw materials for the textile industry. It presents a vivid portrayal of their struggles, hardships, and the stark realities of their existence, contrasting their plight with the wealth of those who benefit from their labor. The work does not feature a central hero or romantic subplot, instead focusing on the collective experience of these workers as they toil under challenging circumstances, emphasizing themes of exploitation and social injustice.

17.

„Nein!“ sagte Antonio, ruhiger geworden, „es war ganz bestimmt nicht meine Absicht, Gonzalo zu töten. Er hätte mich genau so gut treffen können. Glauben Sie mir doch, oh, amigo mio! Ich bin nicht schuld an seinem Tode.“

„Ich weiß, Antonio. Es konnte Sie treffen. Es kann Sie heute abend noch treffen. Es ist der Busch, der uns alle am Kragen hat und mit uns macht, was er will.“

„Ja!“ sagte er, „Sie haben recht, Gale, es ist der Busch. Hier in der Stadt wären wir auf so eine verrückte Idee gar nicht verfallen. Aber da singt der Busch die ganze Nacht, da schreit ein Fasan seinen Todesschrei, wenn er gepackt wird, da heult der Cougar auf seinem Mordwege. Alles ist Blut, alles ist Kampf. Im Busch sind die Zähne, bei uns sind es die Messer. Aber es war nur Scherz, nur der reine Spaß. Wirklich nur Spaß. Nichts weiter.

Ob es nun die Würfel sind, oder die Karten, oder das Rädchen, oder die Messer! Wir hatten keiner so viel Geld übrig nach siebenwöchiger Arbeit wie wir brauchten, um aus dieser verlassenen Gegend fortzukommen und was anderes aufzusuchen.

Wir hatten ziemlich gleich viel Geld. Gonzalo hatte etwas über zwanzig Pesos, ich hatte fünfundzwanzig.

Es war am Sonntag abend. Montag früh wollten wir gehen.

Abraham war schon ein paar Tage fort, auch Charly war gegangen. Sie waren auch nicht mehr da. Wir waren nur noch drei, Gonzalo, Sam und ich.

Wir zählten unser Geld auf dem Erdboden. Wir hatten jeder Goldstücke, das Kleine in Silber.

Und als das Geld nun da vor uns auf dem Erdboden lag, kaum zu sehen bei dem Schein unseres Feuers, da fing Gonzalo an zu fluchen.

Er sagte: „Was tu ich mit den paar lausigen Kröten? Da hat man nun sieben Wochen geschuftet wie ein verrückter Negersklave, in der Glut, von früh um vier bis Sonnenuntergang, dann heim. Und dann abgerackert, daß man kaum noch einen Knochen rühren kann, noch den elenden Fraß zu kochen und runterzuwürgen. Keinen Sonntag gehabt, kein Vergnügen, keine Musik, kein Tanz, kein Mädchen, keinen Schnaps und den schlechtesten Tabak. Was soll ich mit dem Lausedreck da anfangen?“

Dabei schob er mit dem Fuß das Geld fort.

„Mein Hemd ist in Fetzen,“ schimpfte er weiter, „meine Hose ein Lumpen, meine Stiefel, guck’ sie dir an, Antonio, keine Sohle, kein Oberleder, kein Nischt, sogar die Riemen sind zwanzigmal geknotet. Und nischt bleibt übrig und geschuftet wie ein Pferd. Ja, wären es wenigstens vierzig Pesos!“

Als er das sagte, heiterte sich sein Gesicht auf.

„Mit vierzig Pesos,“ sagte er, „käme ich zurecht. Könnte nach Mexico Capitale fahren, mir neue Lumpen kaufen, damit man auch anständig aussieht, wenn man zu einem Mädchen „Buenos tardes!“ sagen will. Und man hat noch ein paar Pesos übrig, um es ein paar Tage auszuhalten.“

„Du hast recht, Gonzalo,“ sagte ich nun, „die vierzig Pesos sind es auch gerade, die ich haben müßte, um wenigstens das Notdürftigste zu kaufen.“

„Weißt du was?“ sagte darauf Gonzalo, „laß uns um das Geld spielen. Keiner von uns kann mit den paar Dreckgroschen etwas Rechtes anfangen. Wenn du mein Geld noch dazu bekommst oder ich das deine, dann kann doch einer von uns wenigstens etwas werden, denn so, wie es jetzt ist, ist jeder ein Bettler. Diese paar Groschen versäuft man doch gleich auf den ersten Sitz aus lauter Wut, daß man umsonst geschuftet hat.“

„Die Idee von Gonzalo war nicht schlecht,“ erzählte Antonio weiter. „Ich hätte mein Geld auch gleich versoffen. Wenn man mit dem gottverfluchten Tequila erst einmal anfängt, hört man nicht eher auf, bis der letzte Centavos verwichst ist. Das geht dann durch, besoffen, nüchtern-besoffen, nüchtern-besoffen immerfort bis alles hin ist. Und was man nicht selber durch die Gurgel rasselt, da helfen dann die Mitsäufer, und der Wirt beschwindelt einen ums Dreifache, und der schäbige Rest wird einem aus der Tasche gestohlen. Das kennen Sie doch, Gale?“

Und ob ich das kannte! Ob ich den Tequila kannte, der einem die Kehle zerreißt, daß man sich nach jedem Glas schütteln muß und schnell ein paar eingemachte Bohnen, die einem der kluge Wirt mit einem spitzen Hölzchen zum Aufspießen hinstellt, hinterher schlucken muß, um den Petroleumgeschmack los zu werden. Aber man trinkt in einem fort wie besessen, als ob man behext wäre oder als ob dieser Rachenzerreißer ein Zaubertrank wäre, den man aus irgendeinem mysteriösen Grunde durch die Kehle jagen muß, ohne ihn mit der Zunge zu betasten. Und wenn man dann endlich glaubt, genug zu haben, hat man weder Hirn, noch Körper, noch Blut. Man hört auf zu existieren. Das Daseinsbewußtsein verlöscht vollständig. Alles ist fortgewischt. Sorgen, Leid, Aerger, Zorn. Uebrig bleibt nur das absolute Nichts. Welt und Ich sind verweht. Nicht einmal Nebel bleibt.“

Antonio brütete eine Weile vor sich hin wie in der Erinnerung suchend. Dann fuhr er in seiner Erzählung fort: „Wir hatten keine Karten und keine Würfel. Wir zogen Hölzchen. Aber der gesetzte Peso ging immer hin und zurück. Es wurden nie mehr als fünf Pesos, die aus der einen Tasche zur anderen gingen. Sam spielte auch mit, und auch sein Geld wechselte nicht von Haus zu Haus.

Es war nun schon ziemlich spät in der Nacht geworden. Vielleicht zehn oder elf Uhr.

Da wurde Gonzalo wütend und fluchte wie ein Wilder, jetzt habe er genug von diesem Kinderspiel, jetzt wolle er endlich wissen, woran er morgen früh sei.

„Ja, weißt du denn einen anderen Vorschlag?“ sagte ich zu ihm.

„Nein!“ erwiderte er, „das ist es ja gerade, was mich so wütend macht. Wir albern hier herum wie die kleinen Kinder, ohne zu einem Ende zu kommen. Immer hin und her. Es ist zum verrückt werden!“

Dann als er eine Weile beim Feuer gehockt hatte, in die Glut starrend, sich eine Zigarette nach der anderen drehend und jede kaum angeraucht ins Feuer warf, sagte er plötzlich aufspringend: „Jetzt weiß ich, was wir tun. Wir machen ein Azteken-Duell um die ganze Summe.“

„Ein Azteken-Duell?“ fragte ich. „Was ist denn das?“

Gonzalo war aztekischer Abstammung. Er war aus Huehuetoca, und seine Vorfahren waren einst Caciques gewesen. Das ist so etwas wie Heerführer und Statthalter. Die Erinnerung an solche Adelsfamilien wird auf dem Lande durch Tradition festgehalten, so gut festgehalten, daß sehr selten ein Irrtum unterläuft.

„Ja, weißt du denn das nicht, was das ist, ein Azteken-Duell?“ sagte Gonzalo erstaunt.

„Nein,“ gab ich zur Antwort, „wie sollte ich denn? Wir sind doch spanischer Abkunft, wenn wir auch schon mehr als zweihundert Jahre hier sind, Vaters und Mutters Seite. Aber von einem Azteken-Duell habe ich nie gehört.“

„Aber das ist ganz einfach,“ sagte Gonzalo. „Wir nehmen zwei junge, gerade gewachsene Bäumchen, binden oben unsere Messer fest daran und werfen sie dann gegenseitig auf einander los, bis der eine aus Ermattung nachgeben muß. Einer von beiden muß ja zuerst ermüden. Und wer stehen bleibt, hat gewonnen, der kriegt dann das ganze Geld. Dann kommen wir doch wenigstens zu einem Ende.“

Ich überlegte mir das eine Weile, denn es schien mir eine ganz verrückte Idee zu sein.

„Du hast doch nicht Angst, Spanier!“ lachte Gonzalo.

Und weil in seinen Worten so ein merkwürdiger Ton von Verhöhnung lag, brauste ich auf:

„Angst vor dir? Vor einem Indianer? Ein Spanier hat nie Angst! Das will ich dir gleich beweisen. Los zum Azteken-Duell!“