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Die Baumwollpflücker cover

Die Baumwollpflücker

Chapter 22: 18.
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About This Book

The narrative explores the lives and conditions of cotton pickers in Mexico, shedding light on the often-overlooked laborers who provide raw materials for the textile industry. It presents a vivid portrayal of their struggles, hardships, and the stark realities of their existence, contrasting their plight with the wealth of those who benefit from their labor. The work does not feature a central hero or romantic subplot, instead focusing on the collective experience of these workers as they toil under challenging circumstances, emphasizing themes of exploitation and social injustice.

18.

Wir nahmen ein flammendes Holzscheit vom Feuer und krochen im Busch herum, bis wir zwei passende Stämmchen gefunden hatten.

Sam wurde beauftragt, genügend Holz heranzuschleppen, damit wir ein tüchtig Feuer bekämen, um im Kampfe auch Ziellicht zu haben.

Wir befreiten die Stämmchen von den Aesten und banden oben unsere aufgeklappten spitzen Taschenmesser fest an.

„Selbstverständlich lassen wir nicht die ganze Messerklinge überstehen,“ sagte Gonzalo. „Denn wir wollen uns ja nicht ermorden. Es ist ja nur um das Spiel. Das Messer braucht nicht weiter überstehen, als der halbe kleine Finger. So, das ist gut!“ fügte er hinzu, meinen Speer betrachtend. „Jetzt binden wir unten noch ein Stück Holz an, um dem Speer ein richtiges Schaftgewicht zu geben, damit er nicht flattert.“

Dann umwickelten wir unseren linken Arm mit Gras und einem Sack, um ein Abwehrschild zu haben. „Denn,“ erklärte Gonzalo, „der Schild ist wichtig. Das ist ja eben gerade das Vergnügen, aufzufangen und abzuwehren.“

Als wir mit allem fertig waren, sagte Sam: „Ja und ich? Soll ich vielleicht nur zugucken? Ich will auch mitspielen.“

Der Chino hatte recht. Für seine Mühewaltung als Verwahrer der Spielsumme und als Zeuge mußte er seinen Lohn haben. Sie wissen ja, Gale, was für Spielratten die Chinos sind. Die würden die Frachtkosten für ihren Leichnam verspielen, wenn ihnen das nicht gegen alle Moral ginge.

„Ho!“ sagte Gonzalo zu Sam, „Du kannst ja auf einen von uns wetten.“

„Fein,“ erwiderte Sam, „dann wette ich auf dich, Gonzalo. Fünf Pesos. Wenn du gewinnst, bekomme ich von dir fünf Pesos und wenn du verlierst, kliegst du von mir fünf Pesos. Du hast ja kein Intelesse zu verlielen, weil du dann deine zwanzig Pesos los würdest.“

Wir deponierten jeder unsere zwanzig Pesos, die Sam vor sich auf einen Stein legte und dann legte er selbst seine fünf Pesos Wetteinsatz hinzu.

Sam schritt fünfundzwanzig Schritte ab und wir legten jeder ein langes Stück Holz an die Marken, die keiner der Kämpfer überschreiten durfte, wenn er nicht sofort fünf Pesos an den anderen verlieren wollte.

Dann warfen wir die Speere aufeinander los. Zum Rückwerfen benutzte jeder den Speer des anderen.

Bei dem flackernden, ab und zu qualmenden Feuer konnte ich Gonzalo nur in Umrissen sehen und den Speer, wenn er auf einen zugeflogen kam, konnte man beinahe gar nicht sehen, denn rund herum war ja stockdunkle Nacht.

Gleich beim zweiten Gang bekam ich einen Stich in die rechte Schulter. Sie können hier die Wunde noch sehen, Gale.

Dabei zog er sein Hemd von der Schulter und ich sah den Stich noch unvernarbt.

Nach und nach kamen wir in Bewegung oder eigentlich in Aufregung. Ich bekam nach einigen weiteren Gängen noch einen Stich, der mir durch die Hose ins Bein ging. Aber ich konnte ganz gut aushalten.

Wie lange wir warfen, weiß ich nicht. Aber weil keiner nachgeben wollte, wurde das Tempo immer rascher. Es kam so mittlerweile ein gutes Stück Wildheit in die Sache und jemand, der uns jetzt beobachtet hätte, würde niemals geglaubt haben, daß es nur ein Spiel sei.

Vielleicht warfen wir eine Viertelstunde, vielleicht eine halbe. Ich weiß es nicht. Ich wußte auch nicht, ob ich Gonzalo überhaupt schon einmal ernsthaft getroffen hatte oder nicht. Aber ich fing dann doch an, müde zu werden. Der Speer wurde mir bald so schwer als ob er zwanzig Kilo wiege und das Werfen wurde langsamer bei mir. Ich konnte mich bald kaum noch bücken, um den Speer aufzuheben und einmal wäre ich beim Niederbücken beinahe zusammengesunken. Aber ich hatte doch das Gefühl, ich darf nicht niedersinken, sonst kann ich bestimmt nicht mehr aufstehen.

Gonzalo konnte ich nicht mehr sehen. Ich konnte überhaupt nichts mehr sehen. Ich warf den Speer immer nur in der Richtung, in der ich ihn bisher geworfen hatte und wo Gonzalo stehen mußte. Es wurde mir ganz gleichgültig, ob ich ihn traf oder nicht. Ich wollte nur nicht zuerst aufhören. Und weil von drüben immer wieder der Speer kam, warf ich ihn eben immer wieder zurück.

Plötzlich, als das Feuer einmal hell aufflammte, sah ich, daß Gonzalo sich umdrehte, um den Speer zu suchen, der offenbar weit an ihm vorbei geflogen war. Er ging ein paar Schritte zurück, fand den Speer, hob ihn auf und als er sich mir zuwandte, um ihn zu werfen, sank er auf einmal so heftig in die Knie, als habe ihn jemand mit großer Wucht niedergeschlagen.

Ich warf meinen Speer, den ich in der Hand hatte, nicht, weil ich froh war, ihn zu stellen und mich darauf zu stützen, sonst wäre ich umgefallen. Wenn Gonzalo jetzt aufgestanden wäre und geworfen hätte, ich hätte meinen Arm nicht mehr heben können, um zu erwidern.

Aber Gonzalo blieb in die Knie gesunken.

Sam lief hin zu ihm und rief dann: „Jetzt habe ich meine fünf Pesos verlolen. Antonio, Sie haben gewonnen. Gonzalo gibt auf.“

Ich schleppte mich zu einer Kiste am Feuer, hatte aber nicht mehr die Kraft, mich drauf zu setzen. Ich sank neben der Kiste auf den Boden.

Sam führte Gonzalo schleifend zum Feuer und gab ihm Wasser, das er gierig hinuntergoß. Ich sah jetzt, daß seine nackte Brust blutig war. Aber ich hatte für nichts mehr Interesse. Mir fiel der Kopf schläfrig auf die Brust und als ich gleichgültig die Augen aufschlug, bemerkte ich, daß mein Hemd und meine Brust ebenso voll Blut waren, wie die Gonzalos. Aber ich legte keinen Wert darauf. Es war mir alles egal.

Sam brachte mir die vierzig Pesos und schob sie mir in die Hosentasche. Ich hatte das Empfinden, als ob das alles irgendwo in ganz weiter Ferne geschähe. Wie durch einen Schleier sah ich, daß Sam dem Gonzalo die fünf Pesos ebenfalls in die Tasche steckte.

So hockten wir wohl eine halbe oder eine ganze Stunde. Das Feuer wurde kleiner und kleiner.

Da sagte Sam: „Jetzt lege ich mich schlafen.“

Und ich wiederholte diese Worte, als wären sie meine eigenen gewesen: „Ja, jetzt lege ich mich schlafen.“

Ich sah, wie sich auch Gonzalo erhob und ebenso schwankend und sich festkrallend wie ich die Leiter zum Hause raufkletterte.

Und als ich mich dort hingeworfen hatte und eben eindämmerte, hörte ich, wie Gonzalo sagte: „Wenn ihr morgen zeitig geht und ich bin noch nicht auf, braucht ihr mich nicht wecken. Ich will lange durchschlafen, ich bin furchtbar müde. Ich fahre ja doch nicht mit euch, ich habe ja kein Fahrgeld.“

Lange vor Sonnenaufgang stieß mich Sam an. Es war Zeit. Um acht Uhr abends mußten wir auf der Station sein, sonst verloren wir zwei Tage.

Es war noch stockfinster. Ich konnte nichts in der Hütte sehen. Sah auch Gonzalo nicht, der noch fest in seiner Ecke schlief.

Wir weckten ihn nicht, sondern ließen ihn ruhig weiterschlafen.

Wir packten rasch unsere Bündel zusammen und als gerade der Tag zu grauen anfing, gingen wir. Ein paar Schritte weiter trafen wir den Indianer, der die Hühner kaufen wollte. –

Ja, sehen Sie, Gale, das ist die Geschichte, die wahre Geschichte.“

„Ihr hättet Gonzalo an diesem Morgen auch gar nicht wach gekriegt,“ sagte ich.

„Warum denn nicht?“ fragte Antonio, die Wahrheit schon halb ahnend.

„Weil er bereits tot war!“ –

„Aber das ist die Wahrheit, Gale. Wir können noch gleich jetzt zu Sam gehen, der weiß es auch.“

„Ist nicht nötig Antonio. Lassen Sie nur sein. Ich glaube es. Es ist die Wahrheit!“