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Die Baumwollpflücker cover

Die Baumwollpflücker

Chapter 3: Erster Teil.
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About This Book

The narrative explores the lives and conditions of cotton pickers in Mexico, shedding light on the often-overlooked laborers who provide raw materials for the textile industry. It presents a vivid portrayal of their struggles, hardships, and the stark realities of their existence, contrasting their plight with the wealth of those who benefit from their labor. The work does not feature a central hero or romantic subplot, instead focusing on the collective experience of these workers as they toil under challenging circumstances, emphasizing themes of exploitation and social injustice.

Erster Teil.

1.

Ich stand auf der Station und sah mich um, wen von den wenigen Eingeborenen, die dort herumlungerten oder auf dem nackten Erdboden saßen, ich hätte nach dem Wege fragen können.

Da kam ein Mann auf mich zu, den ich schon im Zuge gesehen hatte. Schokoladenbraun im Gesicht und am Körper. Vierzehn Tage nicht rasiert. Einen alten, breitrandigen Strohhut auf dem Kopfe; einen roten Baumwollfetzen am Leibe, der offenbar einmal ein richtiges Hemd gewesen war; eine, an fünfzig Stellen durchlöcherte gelbe Leinenhose an den Beinen und an den Füßen die landesüblichen Sandalen, die vorn und hinten offen sind.

Er stellte sich vor mich hin und sah mich an. Sicher wußte er nicht, in welcher Form und Reihenfolge er die Worte bringen sollte für den Satz, den er mir sagen wollte.

„Nun, was wünschen Sie?“ fragte ich endlich als es mir zu lange dauerte.

„Guten Tag,“ begann er. Dann gluckste er ein paarmal und kam endlich heraus: „Ich möchte wissen, wo es nach Ixtilxochitchuatepec geht?“

„Was wollen Sie denn da?“ sagte ich.

Die Unhöflichkeit, ihn nach seinen persönlichen Angelegenheiten zu fragen in einem Lande, wo es taktlos, beinahe beleidigend ist, jemand nach Namen, Beruf, woher und wohin auszuforschen, kam mir sofort zum Bewußtsein. Deshalb fügte ich rasch hinzu:

„Dort will ich nämlich auch hin!“

„Dann sind Sie wohl Mr. Shine?“

„Nein,“ sagte ich, „der bin ich nicht, aber ich will zu Mr. Shine, Baumwolle pflücken.“

„Ich will auch Baumwolle pflücken bei Mr. Shine,“ erklärte er nun und heiterte ein wenig auf; zweifellos weil er einen Kameraden gefunden hatte.

In diesem Augenblick kam ein langer und stark gebauter Neger auf uns zu und platzte sofort heraus:

„Señors, wissen Sie den Weg, wie ich zu Mr. Shine komme?“

„Baumwolle pflücken?“ fragte ich.

„Jawohl, ich habe seine Adresse bekommen von einem anderen schwarzen Kollegen in Queretaro.“

Soweit waren wir, als ein kleiner Chinese auf uns zu getrippelt kam.

Er lachte uns breit an und sagte: „Guten Tag, meine Herren, ich will dort hin, wo ist der Weg?“

Umständlich brachte er ein Notizblättchen heraus, las und sagte dann: „Mr. Shine in Ixtilxo – –.“

„Stop!“ sagte ich lachend, „wir wissen schon, wohin Sie wollen, verrenken Sie sich nicht die Zunge. Wir wollen auch dort hin.“

„Auch Baumwolle pflücke?“ fragte der Chink.

„Ja,“ antwortete ich, „auch, sechs Centavos für ein Kilo.“

Durch diese meine Aeußerung war auch mit dem Chink das kameradschaftliche Band hergestellt. Die proletarische Klasse bildete sich, wir hätten gleich mit dem Organisieren anfangen können. Wir fühlten uns alle vier so wohl wie vier Brüder, die nach langer Trennung sich plötzlich unerwartet an irgendeinem fremden Ort der Erde getroffen haben.

Ich könnte nun noch erzählen, in welcher Form ein zweiter Neger, nur halb so lang wie sein Stammesvetter, aber ebenso pechschwarz wie jener, auf uns zuschlenderte und mit welcher Sorglosigkeit ein zweiter Mexikaner uns ansteuerte, beide mit dem gleichen Ziel der Reise: Mr. Shine in Ixtilxochitchuatepec, Baumwolle pflücken.

Keiner von uns wußte, wo Ixtilxo – – lag. –

Die Station war inzwischen so leer geworden, lag so einsam und verschlafen in der tropischen Hitze, wie eben nur eine Station in Zentralamerika zehn Minuten nach Abfahrt des Zuges daliegen kann.

Den Postsack, fünfmal mehr Quadratzoll Leinen als Quadratzoll Inhalt, selbst wenn man alle Briefe und Umschläge auseinanderfaltete, hatte irgendein Jemand, den kein vernünftiger Mensch für einen Postbeamten gehalten hätte, mitgenommen.

Das Frachtgut: eine Kiste Büchsenmilch – in einem Erdstrich, wo das ganze Jahr hindurch das Gras grünt und ein ganzer Erdteil mit Milch versorgt werden könnte – zwei Kannen Gasolin, fünf Rollen Stacheldraht und zwei Kisten Bonbons lagen herrenlos auf dem glühenden Bahnsteig.

Die Bretterbude, wo die Fahrkarten verkauft und das Gepäck abgewogen wurde, war mit einem Vorhängeschloß abgeschlossen. Der Mann, der alle die Amtshandlungen vorzunehmen hatte, zu denen auf einer europäischen Bahnstation wenigstens zwölf gutgedrillte Leute notwendig sind, hatte die Station schon verlassen, als der letzte Wagen des Zuges noch auf dem Bahnsteig war.

Selbst die alte kleine Indianerin, die zu jedem Zuge erschien mit zwei Bierflaschen voll kaltem Kaffee und in Zeitungspapier eingewickelten Maiskuchen, was sie alles in einem Schilfkorbe trug, schlich bereits durch das mannshohe Gras in ziemlicher Entfernung heimwärts. Sie hielt stets am längsten auf dem Bahnsteige aus. Obgleich sie nie etwas verkaufte, kam sie doch jeden Tag zum Zuge. Wahrscheinlich war es vier Wochen lang immer derselbe Kaffee, den sie zur Bahn brachte. Und das wußten auch offenbar die Reisenden. Andernfalls hätten sie doch in der Hitze wenigstens hin und wieder einmal der Alten etwas zu verdienen gegeben. Aber das Eiswasser, das in den Zügen kostenlos gegeben wurde, war ein zu starker Konkurrent, gegen den ein so kleines Kaffeegeschäft nicht aufkommen konnte.

Meine fünf proletarischen Klassengenossen hatten sich gemütlich auf den Erdboden an die Bretterbude gesetzt. In den Schatten.

Freilich, da jetzt die Sonne senkrecht über uns stand wie mit dem Lot gerichtet, gehörte schon eine langausprobierte Uebung dazu, herauszufinden, wo eigentlich der Schatten war.

Zeit war ihnen ein ganz und gar unbekannter Begriff; und weil sie wußten, daß ich ja auch dort hin wollte, wo sie hin wollten, überließen sie es mir, den Weg auszukundschaften. Sie würden gehen, wenn ich gehe, nicht früher; und sie würden mir folgen und wenn ich sie bis nach Peru führte, immer in der Gewißheit lebend, daß ich ja zum gleichen Ort müsse wie sie.