Ich hätte Dich vergessen können? rief Lorenz. O Justine, Du thust mir Unrecht. Dein Andenken war unzertrennlich von mir — es begleitete mich wie mein Schutzgeist. Ach, wenn es von mir gewichen wäre, wär' ich vielleicht weniger unglücklich gewesen. Jetzt sind die Bande zerrissen, die mich fesselten. Der heilige Wille meines sterbenden Weibes giebt Dir diese Zeilen zum Vermächtniß — und mich!
Seine Thränen flossen — Justinens heftiger Schmerz ging in die sanfteste Rührung über. Im heißen Mitgefühl dieser Scene hatte ich bisher den schwarzen Flor übersehen, der um seinen Arm geknüpft war — jetzt, als ich ihn bemerkte, als er den Sinn seiner Worte bedeutend unterstützte, schöpfte mein Herz, zwar von Wehmuth bewegt, aber doch heiter, eine frohe Hoffnung für Justinens künftige Tage.
Ihre bebende Hand ergriff den Brief, den er ihr reichte, aber sie vermochte es nicht, sein Siegel zu öffnen, und ihn zu lesen. Bittend gab sie ihn mir, und neigte ihr Gesicht an den Busen ihrer Schwester. Ich verstand ihr flehendes Auge und ihren Wink — es herrschte eine allgemeine Stille, — ich benutzte sie, erbrach ihn, und las:
»Wenn am Rande meines Grabes mir noch ein Gedanke Freude machen kann, so ist es der, daß mein Daseyn nun nicht mehr zwei gleichgeschaffne Herzen scheidet — Herzen, die sich liebten, ehe noch das Schicksal und meine Neigung zwischen sie trat. Justine! ich habe Ihnen wehe gethan, können Sie mir vergeben? Ich habe Sie des Verbrechens fähig gehalten, dessen man sie beschuldigte, weil ich unvermögend war zu glauben, daß die menschliche Natur bis zu der Abscheulichkeit einer solchen Verläumdung sinken könne. Ich habe einer unglücklichen Schwachheit gefolgt, und in dem kühnen Wahn, als werde es mir gelingen, Ihr Bild in Lorenzens Brust zu verlöschen, bin ich seine Frau geworden. Ach, es war ein Wahn, auf den sich süße Träume gründeten, den aber die Wahrheit nur allzu schnell vernichtete, daß treue Liebe ewig ist. — Möchte mein Tod Ihnen recht bald den Geliebten wiedergeben, den, wie ich fühle, man niemahls vergessen kann. Möchte ein langes und glückliches Leben an Ihrer Seite den besten Mann für den Edelmuth belohnen, mit dem er Jahre lang seinen verschwiegenen Kummer trug, um meiner kranken Empfindung zu schonen, die sich es nicht verhehlen konnte, daß er meine Zärtlichkeit nur duldete, nicht erwiederte. Ich nehme die Hoffnung mit mir aus der Welt, daß Sie die erste und letzte Bitte, mit der ich mich Ihnen nahe, nicht unerfüllt lassen werden. Sie besteht darin, daß Sie den Triumph Ihrer Unschuld, die Ihr Verfolger auf seinem Sterbebett bekannt hat, in den Armen meines Lorenz genießen — meines Lorenz, den ich nur als den Ihrigen gern zurücklasse, und den ich Ihren ältern, von seiner wärmsten Gegenliebe geheiligten, Ansprüchen wiedergebe. Suchen Sie ihn die trüben Stunden vergessen zu machen, die er in einer Verbindung vertrauerte, die nicht die Wahl seines Herzens schloß, und über die er mich so großmüthig, wenn gleich vergeblich, zu täuschen suchte. Und wenn die Zukunft, die ich für Sie im heitersten Lichte erblicke, Sie mit der Vergangenheit wieder aussöhnt, o so verweilen Sie bei meinem Andenken bisweilen einen Augenblick in freundlicher Erinnerung, und wünschen Sie meiner Asche die Ruhe, nach der ich mich sehne.
»Und wenn Lorenz zuweilen mein stilles Grab besucht, und mit einer Thräne auf den Hügel blickt, der meine schlummernden Gebeine bedeckt — o so halten Sie diese Thräne, die nur das Opfer seiner Freundschaft ist, nicht für einen Hochverrath der Liebe, und zürnen Sie der Rührung nicht, mit der er sich meiner treuen Anhänglichkeit erinnern wird. Ach diese Anhänglichkeit war es ja, die mein Herz im frühen Todeskampfe brach — mein Herz das nur darum dem Sterben muthig entgegen schlug, weil es fühlte, daß es selbst mit dem redlichsten Bemühen nicht die Foderungen seiner Sehnsucht zu stillen vermochte. — O Justine, reizend lachte mich einst das Leben an, aber was ist das Leben ohne Liebe — was ist Liebe ohne Erwiederung? — Seyn Sie glücklich — machen Sie Lorenz glücklich! Das ganze Übermaß des Segens, womit der Himmel seine Lieblinge überschüttet, wird mein Gebet dann auf Sie hernieder flehen, und mein Geist, auch noch jenseits mit Bildern der Vergangenheit beschäftigt, wird, wenn es ihm vergönnt ist, Sie unsichtbar umschweben und mit wehmuthsvoller Freude Antheil an dem Glück Ihres Bundes nehmen.«
Wir weinten alle, und eine feierliche Stille umfing unsern Kreis, als ich aufhörte zu lesen, gleichsam als fühlten wir Lorchens geheime Gegenwart in einem linden Wehen, wie man das Nahen der Geister sich denkt, und als suchten wir ihr Andenken durch Schweigen und Thränen zu ehren.
Endlich ermannte sich Lorenz. Bescheiden hoffend trat er vor Justinen, und hob seine schönen, nassen Augen bittend und mit der ganzen Innigkeit der Liebe zu ihr empor. O Justine, rief er, und seinen männlichen Ton brach sanft die Rührung, die noch aus seinen Blicken leuchtete, stimmt Dein Herz nicht mehr in die Wünsche des meinigen ein? Darf ich, wenn ich mein Betragen gegen Dich gerechtfertigt habe, wenn ich Dir geklagt habe, wie tief und endlos mein Kummer um Dich war, darf ich dann nicht hoffen, daß Dein Besitz mich für meine Leiden entschädigen werde, und daß Du nicht bloß um das Verlangen der guten hingeschiedenen Seele zu erfüllen, die sterbend unser Glück von Gott erbat — nein, daß Du aus eigner Neigung mir diese liebe Hand reichen werdest, die so lange schon das Ziel meines heißesten Strebens war?
Justine trocknete ihr Auge, und lehnte matt ihr Gesicht an Philippinen, die sie freundlich und liebevoll unterstützte. Ach Lorenz, sagte sie sanft, schone meiner Schwäche. Schmerz und Freude Dich wieder zu sehn, Überraschung und Wehmuth machen mich unfähig, Dir jetzt zu antworten. Begnüge Dich mit dem Geständniß, daß Dein Bild noch eben so fest in meiner Brust steht, als in jenem Augenblick, der es zuerst mit den Flammenzügen der Liebe ihr eingrub. Erkläre mir erst, wie es möglich war, daß Du mich meinem harten Schicksal so ganz überlassen konntest, ohne es durch Deinen Beistand lindern zu wollen — helle mir das Dunkel auf, das feindseelig über dem Theil der Vergangenheit liegt, den ich nie begreifen konnte, und dann — sie verstummte. Lorenz deutete ihr Schweigen, und drückte sie mit Wärme an sein Herz.
Daß auf meiner ganzen Reise, (hub er seine Erzählung an) die mir der Kammerherr mit der dringendsten Eil anempfahl, Du mein Hauptgedanke bliebst — daß Du mitten in den Geschäften, die mich verwickelten, der Gegenstand meiner innigsten Sehnsucht warst, das glaubst Du gewiß meinen Betheuerungen, in die sich noch nie die kleinste Unwahrheit mischte. Es war mir unmöglich gewesen, Dir Lebewohl zu sagen, denn ich sah jeden meiner Schritte bewacht, und die Ängstlichkeit des Kammerherrn, mit der er mich zur Abreise trieb, hätte sicher meinen Argwohn erregt, wenn nicht der Unmuth über die unartige Behandlung meiner Mutter stärker in mir gewesen wäre, als die Verwunderung über seine sonderbare Eil. Gespornt — nicht bloß von seinen Befehlen, sondern von dem Verlangen bald wieder zu kommen, verfolgte ich meinen Weg und suchte meine Aufträge mit der möglichsten Schnelligkeit zu besorgen. Ach mit einem Herzen, das Dir so heftig entgegen schlug, das so gern durch die ganze Fülle seiner Zärtlichkeit Dich für die trüben Stunden entschädigt hätte, die die Unfreundlichkeit meiner Mutter und meine schnelle Entfernung Dir schufen, kehrte ich nach Spillingen zurück, und hoffte, Deiner verwundeten Seele Trost durch meinen Anblick zu bringen. Der Auflauf von Menschen auf dem Hofraum erregte nur flüchtig meine Neugierde. Unbekümmert, was es bedeuten mochte, spähte mein Auge nach allen Fenstern des Schlosses, in der Erwartung, Dich an einem derselben anzutreffen, aber vergebens. Alle bekannten Gestalten, nur die geliebtere nicht, begegneten meinem Blicke, und so richtete ich ihn dann mißmuthig auf den Punkt, um den sich lärmend das Gedränge des Volks herzog. Großer Gott, wie wurde mir zu Muthe, als ich Dich am Schandpfahl erblickte! — Ich fühlte eine Lähmung in allen meinen Gliedern, mein Blut erstarrte, meine Pulse stockten. Ich weiß nicht, wie ich vom Pferde kam. Meine starke Natur trotzte zwar einer gänzlichen Ohnmacht, aber eine dumpfe Betäubung, die ihr glich, hielt meine Sinne wie mit dunkler Nacht umfangen, und ich war unfähig, für mich selbst zu denken und zu handeln. Man hatte mich zu Bette gebracht, da ich mehr einem Todten, als einem Lebenden glich. Nach einigen Stunden, die ich wohl so zugebracht haben mochte, kehrte meine Besinnung wieder. Es kam mir vor, als hätt' ich geträumt, und eben wollt' ich mich aufrichten, um zu fragen, was mit mir vorgegangen war, als eine heiße Thräne auf mein Gesicht fiel, und eine warme weibliche Hand die meinige ergriff und leise drückte. Ich wendete mich um, und sah Lorchen, die neben meinem Bette stand, und sich mit jenem sanften Ausdruck des Mitleids über mich bog, der auch unbedeutende Züge mit dem stillen, aber tief eindringenden Reiz der herzlichsten Güte schmückt. Sie reichte mir einige stärkende Tropfen und ein Glas Wasser, aber nur mit den Schreckensbildern beschäftigt, die vor meiner Fantasie schwebten, wies ich jede Hülfsleistung zurück, und forschte nur nach Dir!
Soll ich Ihnen eine so unangenehme Erzählung nicht auf eine ruhigere Stunde aufsparen? sagte Lorchen mit bittenden Mienen, und suchte meine Aufmerksamkeit von einem Gegenstand wegzulenken, der mir so traurig und doch so wichtig war. In diesem Augenblick trat meine Mutter herein. Ich las, — ach Justine, warum muß ich es sagen, ich las in ihrem höhnischem Lächeln, was mir Lorchens zarte Schonung verschweigen wollte, — ich las die Bestätigung der Scene, die wie ein dunkler Traum vor meinem Geiste schwankte, und bald vernahm ich von ihren Lippen wessen man Dich beschuldigte.
Wäre ich Deiner Liebe wohl jemahls werth gewesen, wenn ich nur einen Moment die Reinheit Deiner Seele durch den Verdacht hätte entweihen können, daß diese schändliche Behauptung gegründet war? Und doch — ist der Stolz nicht verzeihlich, der sich bitter in mir regte, der Stolz, dem es wohl thut, den Gegenstand seiner Leidenschaft vor der ganzen Welt geachtet zu sehn, und der selbst in der festen Überzeugung, daß Du unschuldig littest, mit grellen Farben und wüthendem Schmerz nicht bloß den Anblick Deiner Leiden, sondern auch ihre Folgen mir mahlte. Ich hätte weinen mögen, wie ein Kind, denn nicht allein die Unbescholtenheit Deines Gemüths, auch Deines Namens, galt mir mehr, wie der halbe Erdball, und ich hätte ihn willig hingegeben, wenn er mein gewesen wäre, um den Flecken auszulöschen, den diese unglückliche Beschuldigung Deiner Ehre anhing.
Alle Rücksichten, die ich sonst für nöthig hielt, fielen jetzt vor mir weg, — ich verhehlte weder meinen Kummer noch meine Liebe, und beschwor Deine Unschuld mit aller Wärme meines gereizten Gefühls. — Die Unschuld weiß sich zu vertheidigen, sagte meine Mutter. Sie läuft nicht bei Nacht und Nebel davon, und führt auch keine brilliantene Armbänder bei sich, die ihr nicht gehören. Frage nur alle die, die den gnädigen Herren begleiteten, als er ihr nachsetzte, ob er sie nicht in ihrem Beiseyn über den Beweis ihres Verbrechens ertappt hat. Was die Liebschaft betrifft, die Du mit ihr hattest, so bist Du viel zu vernünftig und ehrliebend, als daß Du nicht einsehen solltest, daß daran nicht mehr zu denken ist. Welcher Mensch mit fünf gesunden Sinnen und rechtlicher Denkungsart wird wohl ein Mädchen nehmen, das wegen überwiesener Spitzbüberei öffentlich am Schandpfahl gestanden hat? —
Justine konnte ein leises Schluchzen nicht unterdrücken. Ich thue Dir weh, sagte Lorenz, laß mich abbrechen. — Nein, versetzte Justine, fahre nur fort, und kehre Dich nicht daran, wenn Deine Erzählung Gedanken und Erinnerungen in mir weckt, die mir Thränen kosten. Ach sie kann ja doch nicht herber seyn, wie alles das, was ich litt.
Lorchens Auge, fing Lorenz wieder an, benetzte sich sanft. O wer hätte hinter diesen holden, lieblichen Zügen eine so erniedrigende Handlung vermuthen können, sagte sie. Es that mir unbeschreiblich weh, als man sie zurückbrachte, und um ihr den Schimpf ihrer Strafe zu ersparen, hätte ich gern alles, was in meinem Vermögen ist, hingeben mögen. Aber gleichwohl kann ich sie unmöglich für unschuldig halten, so sehr ich auch wünschte, daß sie es wäre, denn ihre Flucht, ihr Bemühen, das Bündel zu verstecken, worin sich das Armband befand, und die Betroffenheit, die sie zeigte, als sie sich entdeckt sah, alles dieß spricht leider nur all zu sehr zu ihrem Nachtheil, und ich kann sie wohl bedauern, aber nicht entschuldigen.
Jedes ihrer Worte war ein Dolchstich, der in mein Inneres drang. Ob ich gleich nie bis zu einem Zweifel an Deiner Redlichkeit sank, so konnte ich mir doch das Räthsel Deines Benehmens nicht lösen, und die Ungewißheit in dem, was Dich dazu bewogen haben konnte, war mir höchst schmerzlich, ob mich gleich alles zu überreden suchte, daß eine Erklärung nicht anders, als noch schmerzlicher seyn könne.
Da ich dem Kammerherrn keine Nachricht von dem Erfolg meiner Aufträge gab, kam er selbst, um sich darnach zu erkundigen. Er bedauerte theilnehmend meine Unpäßlichkeit, die er dem bloßen Zufall zuschrieb, und spielte, was mein Verhältniß zu Dir betraf, meisterhaft den Unwissenden. Da er indessen den Vorgang nicht wohl mit Stillschweigen übergehen konnte, so sprach er so unbefangen davon, wie nur ein gutes Gewissen, oder die höchste Frechheit es im Stande ist. Wer hätte diesem hübschen Mädchen ein solches Laster zutrauen sollen, sagte er. Gott weiß, daß es mir recht nahe ging, hart, oder vielmehr gerecht gegen sie zu seyn, aber vielleicht bessern sie die Folgen dieser verunglückten Probe für ihr ganzes künftiges Leben, und das soll mir herzlich lieb seyn.
Die Gewißheit, mit der er von Deinem vermeintlichen Vergehen sprach, empörte mich zu sehr, als daß ich sogleich hätte antworten können. Er schien zu bemerken, was in mir vorging, und entfernte sich schnell, um den gewaltsamen Ausbruch meiner Gefühle zu vermeiden. Unter dem Vorwand der Sorgfalt um meine Gesundheit gab er den Befehl, mich genau zu bewachen, den meine Mutter nur gar zu gern befolgte. Man behandelte mich völlig wie einen Kranken. Meine Klagen und Verwünschungen, die immer Bezug auf Dich hatten, hielt man für Fieberfantasien, und suchte durch starke Aderlässe und andere medicinische Ermattungsmittel meinem kochenden Blut einen ruhigern Gang zu lehren. Aber mit dem letzten Tropfen desselben wäre doch die geheimnißvolle Allmacht nicht geschwächt worden, die mich mit tausend zarten unsichtbaren Banden an Dein Wesen kettete. Acht Tage lang hielt ich den Zwang aus, der mich fesselte, weil mir der Verlust meiner Kräfte zu fühlbar war, als daß ich die Hindernisse hätte hinweg räumen können, die jeden Versuch nach Dir zu forschen, vereitelten. Endlich aber raffte ich mich auf, und erklärte fest und entschlossen meinen Vorsatz, Dich zu sehn, und Dich aufzusuchen. Meine Mutter hörte meinen Entschluß unruhig an. Ihr Blick, ihre Miene, ihr Ton war sanfter, wie gewöhnlich. O mein Sohn, sagte sie, vergiß doch das Vergangene. Selbst wenn Justine unschuldig wäre, selbst wenn ihre Schande sie nicht auf immer von Dir geschieden hätte, würde sie jetzt für Dich verlohren seyn. — Sie ist todt! — Todt? rief ich fürchterlich erschüttert, ach unmöglich, unmöglich!
Leider ist es wahr, sagte Lorchen, die seit dieser unglücklichen Geschichte wie ein Glied unserer Familie bei uns geblieben war, und mit aller Wärme der zärtlichsten Freundschaft meine Pflege mit meinen Eltern getheilt hatte. Sichere Nachrichten haben uns verkündigt, daß sie schon vor einigen Tagen gestorben ist. Ach was muß sie nicht gelitten haben, da sie so plötzlich in der vollen Blüthe der Jugend und Gesundheit ein Opfer des Todes wurde! Gewiß hat sie Schmerz, Schaam und Reue zum frühen Grabe geführt. —
Tod! ich vermochte den Gedanken nicht zu fassen. — Nein, sie lebt, sie lebt! rief ich, aber die Vorstellung, wenn es nun doch so wäre? schnitt mit Höllenquaalen in mein blutendes Herz. Ich sattelte mein Pferd. Was willst Du machen? fragte meine Mutter.
Ich will hin nach Mühlberg, ich will mich selbst überzeugen, — aber wehe dem, der durch eine Lüge dieß gräßliche, vernichtende Bild vor mir aufstellte. Ich würde die Pein, dir ich jetzt leide, fürchterlich an ihm rächen. Doch nein, nein, setzte ich weicher hinzu; ich würde ihm vergeben, — ich würde ihm danken, daß es nur Lüge war.
Ich schwang mich aufs Pferd, und hatte eben den Hof verlassen, als ich des Kammerherrn Stimme fast athemlos hinter mir hörte. Nur eine Minute hielt ich den Zügel an, um zu vernehmen, was er wollte. Unbesonnener, zurück! rief er, ich muß für Dein Bestes sorgen. Der Anblick, dem Du entgegen eilst, taugt nicht für einen Halbgenesenen.
Nein, gnädiger Herr, ich gehe nicht zurück. Meine Liebe und meine Pflicht ruft mich vorwärts, und wenn Sie die Rechte der Menschheit ehren, so halten Sie mich nicht auf.
Zurück, ich befehl es Dir, sagte er drohend und gebieterisch.
In diesem Augenblick folg' ich nur dem heiligern Befehl meines Herzens.
Wie, Du willst Dich widersetzen, Unverschämter, rief er mit loderndem Zorn, wende gleich um, oder geh aus meinen Diensten.
Das fällt mir nicht so schwer, als Ihnen zu gehorchen, war meine Antwort, und ich sprengte dahin.
Eine tiefe, traurige Stille herrschte im Dorfe, als ich durch Mühlberg ritt. Ach beinahe war es mir willkommen, daß mir niemand begegnete, den ich hätte fragen können, denn selbst in meiner peinlichen Ungewißheit lag noch eine Art von Trost, die wenigstens einen Schimmer von Hoffnung zuließ.
Mit klopfendem Herzen, auf dem die ängstlichste Erwartung mit bleiernem Gewicht lag, nahte ich mich Deinem Hause, aber ach, wie kann ich Dir beschreiben, was ich empfand, als ich es von schwarz gekleideten Leuten umringt sah, und in ihrer Mitte einen Sarg erblickte, den man eben im Begriff war, fortzutragen. Niedergedonnert von allen Schrecknissen der Fantasie und der Wahrheit gerieth ich ausser mir. Mein Pferd wurde bei dem ungewohnten Anblick scheu, und sprang auf die Seite, — indem stimmte man einen geistlichen Gesang an, der meiner Meinung nach Dich zur Ruhe begleiten sollte, und zu gleicher Zeit begann der Leichenzug. Ich drückte den Hut tief in die Augen, gab dem bäumenden Roß die Sporen, und jagte mit verhängtem Zügel, — gleichviel wohin.
Der Zufall, der so oft über die Wege entscheidet, die wir auf der Bahn des Lebens wählen, veranstaltete dießmahl, daß ich ohne es zu wissen, den nach meiner Heimath einschlug. Gedankenlos ritt ich die bekannte Straße, die mir vorkam, als führe sie durch lauter fremde, dämmernde Gefilde, — gedankenlos langte ich in Spillingen bei dem Hause meiner Eltern an, und als ich mich von ihnen theilnehmend umringt sah, glaubte ich in der Zerrüttung meines innern Sinnes unter feindseelig gesinnten, unbekannten Menschen zu seyn.
Mein Zustand war ihnen fürchterlich. Er schien die Dumpfheit der tiefsten Verzweiflung zu seyn, die nur eines geringen Anlasses bedurfte, um in tobenden Wahnsinn überzugehn. Endlich als ich weinen konnte, wurde es leichter in meiner Seele, aber es war nur Ermattung, nicht Ruhe, die mit dem Sturm abwechselte, der in mir braußte. Ich wurde gefährlich krank, doch behielt ich stets meine völlige Besonnenheit, vielleicht um desto empfindlicher zu leiden. Lorchen und ihre Eltern nahmen den innigsten Antheil an der Traurigkeit, die an meinen besten Kräften zehrte, und da theils die Behandlung meiner Mutter nicht delicat genug war, um nicht stündlich meinen Schmerz zu erneuern, theils sich auch in Spillingen mir eine Menge Erinnerungen aufdrangen, die ihn nährten, so schlug mir Werner vor, meine Wiederherstellung in seinem Hause zu erwarten. Veränderung der Gegenstände und der Luft war mir von dem Arzt empfohlen, und so gleichgültig, so verdrießlich mir beinahe meine Genesung war, so konnte ich doch der freundlichen Einladung nicht widerstehen, ohne die reinste Gutmüthigkeit zu beleidigen. Ich zog also nach Langenfeld, und hier fingen meine Wunden zwar nicht an zu heilen, aber man suchte ihr Bluten durch den mildernden Balsam jener feinen Aufmerksamkeit zu stillen, die sorgsam alles entfernt, was schwermüthige Ideen hervorrufen könnte.
So waren drei Monate verstrichen, und je mehr ich wieder zu mir selbst kam, je inniger fühlte ich mich durch Dankbarkeit und Freundschaft an Werners liebevollen Familienkreis gefesselt. Man erwähnte Deinen Namen nicht, und ich empfand wohl, daß es nicht aus Gleichgültigkeit geschah, sondern um mein Herz zu schonen. —
Meine Eltern besuchten mich zuweilen, und klagten jedesmahl über die Härte, mit der sich der Kammerherr jetzt gegen sie benahm. Auch mir hatte er den Abschied in den ungerechtesten zornigsten Ausdrücken geschickt, und vielleicht da er so sehr über mich erbittert war, bewog ihn nur die allgemein anerkannte Redlichkeit meines Vaters und seine eigene Unkenntnis der Wirthschaft ihm nicht ebenfalls den Dienst aufzusagen. Ich sahe wohl ein, daß es nicht der rühmlichste Weg meines Fortkommens war, bei Leuten, die ohngeachtet ihrer Güte mir doch nur immer Fremde waren, im sorgenlosen Müßiggang meine Tage zuzubringen, und beschloß, ihnen bei der ersten schicklichen Gelegenheit den Vorsatz, mich in der Ferne um irgend einen Dienst zu bemühen, zu entdecken. Sie fand sich bald, und ich erklärte ihnen meinen Entschluß im Beysein meiner Eltern mit den lebhaftesten Gefühlen von Dank für die unvergeßliche Nachsicht, mit der sie die Launen und Phantasien eines an Leib und Seele Kranken bisher geduldet hatten.
Lorchen wurde blaß, als sie meinen Willen vernahm. Ihr Auge füllte sich mit Thränen, und schweigend verbarg sie es an der Brust ihrer Mutter. Der alte Werner schüttelte den Kopf, und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. Mein Vater schwieg, — meine Mutter sah bedeutend bald auf mich bald auf Lorchen.
Hören Sie, lieber Lorenz! fing Werner auf einmahl an, ich kann nicht läugnen, daß ich seit Ihrem Aufenthalt bei mir den Gedanken genährt habe, er werde immer dauern.
Immer, Herr Werner? — Schon zu lange, fürcht' ich, hab ich Ihre Gastfreiheit gemißbraucht.
Lassen Sie die Komplimente weg, junger Mann, und reden Sie deutsch und offen mit mir, wie ich mit Ihnen. Meine Tochter liebt Sie, — warum soll ich es verhehlen? Sie liebt Sie mehr als alles in der Welt. — Ihr Verhältniß zu Justinen ist zerrissen, aber die Art, wie es geschah, macht es nothwendig, daß Sie ein neues Band knüpfen, das Ihnen Ihren Verlust ersetzt. Zwar werden Sie mir den Einwurf machen, daß man nicht so leicht sein Herz dem einen entziehen und dem andern zu wenden könne, aber darauf bin ich gefaßt. Ich war auch kein leidenschaftlicher Liebhaber, und wurde doch ein guter Ehemann. Nicht wahr, setzte er mit einem frohen Blick auf seine Frau hinzu, die ihm mit Herzlichkeit die Hand zur Bekräftigung seiner Behauptung reichte. — Also prüfen Sie Sich wohl, fuhr er fort. Ich will Ihnen meine Tochter keineswegs aufdringen, nur weil Sie so innig geliebt werden, weil ich glaube, daß Sie durch ihre häuslichen Tugenden glücklich seyn können, und weil ich selbst Ihnen von Herzen gut bin, — nur deswegen wünsche ich Ihre Verbindung, und wenn Sie keine Abneigung dagegen haben, so umarme ich Sie mit der Einwilligung Ihrer Eltern hiermit als den künftigen Gatten meines Lorchens und als meinen Sohn.
Ich war betroffen, und zu gleicher Zeit gerührt. Lorchen schluchzte laut, und vermochte es nicht, ihr thränenschweres Auge zu mir zu erheben. Meine Mutter weinte auch, und rief: Stoß Dein Glück nicht muthwillig von Dir. — Den tiefsten Eindruck machte aber mein Vater auf mich. Er nahte sich mir, und faßte bewegt meine Hand. Gönne meinem Alter die Freude, Dich glücklich verheirathet zu sehn, sagte er, wo möglich in einem noch sanftern väterlichem Tone als er gewöhnlich zu mir sprach. Und wenn der Kammerherr mich aus dem Dienst stößt, in dem ich grau geworden bin, o so laß mich dann bei Dir ein ruhiges Plätzchen finden, wo ich sterben kann.
Die Möglichkeit eines solchen Falles trat lebhaft vor meine Seele, und bestimmte mich zu dem Entschluß, mich der Zufriedenheit anderer aufzuopfern, da mir eigenes Glück versagt war. So empfing ich Lorchens Hand, und daß sie mir auch ihr ganzes Herz gab, lehrten mir tausend Proben ihrer treuen, zärtlichen Liebe. Zwar vermochte ich es nimmer über mich, sie zu erwiedern, aber ich that, was ich konnte, und begegnete ihr stets mit allen Aufmerksamkeiten der Freundschaft, die ich für sie empfand, und mit all der Achtung, die sie verdiente. Für ihr sanftes Gemüth war die Liebe, was der Sonnenschein der unentfalteten Blume ist. Jede holde Fähigkeit, jede anmuthige Eigenschaft ihrer Seele entwickelte sich in ihrem wärmenden Strahle, und jede hatte den Zweck mich zu beglücken. Ach es wäre möglich gewesen, hätte ich nie Justinen gekannt! —
So schlichen mehrere Jahre vorüber, — Jahre, die noch jetzt in der Erinnerung mit Centnerschwere auf mir lasten, da ich mir vorwerfen muß, im vergeblichen, unverhehlbaren Kampf mit meiner so tief eingewurzelten Liebe zu Dir, Lorchens Herz oft, zwar wider meinen Willen, aber doch bitter, gekränkt zu haben. Dein Aufenthalt war so tief verborgen, und wir selbst sahen unsere Tage so einsam, so unbekümmert um alles, was in der Gegend vorging, verstreichen, daß die Nachricht Deines Lebens erst spät in unsere Abgeschiedenheit zu dringen vermochte.
Sie ergriff mich mit allen Schaudern der Wehmuth und der Freude. Kaum konnt' ich ihr glauben, und doch war sie mir zu süß, als daß ich an ihr hätte zweifeln mögen. Im ersten Rausch der Überraschung entwarf ich eine Menge lachender Plane, Dich wieder zu sehn, und Dich an dieß liebende Herz zu drücken, das noch immer so ganz Dein eigen war, — aber schnell zertrümmerte ein Blick auf meine Lage die goldenen Luftschlösser, die sich die Hoffnung erbaute, und ich fühlte mich wieder elend wie zuvor.
Lorchen hörte mit mir zu gleicher Zeit, daß das Gerücht Deines Todes ungegründet war. Ein Bauer, der damahls gerade von Mühlberg kam, hatte in dem Hause Deiner Eltern, wo Du so gefährlich krank lagst, erfahren, daß man fürchtete, Du werdest den Abend nicht erleben, und die Wahrscheinlichkeit galt ihm so viel, wie Gewißheit. Der Tod Deines Vaters, den man eben begrub, als ich mich selbst überzeugen wollte, wie es mit Dir stand, bestätigte mir fürchterlich die vernommene Trauerpost, denn unfähig zu fragen oder zu untersuchen, wem das schauerliche Leichenbegängniß eigentlich galt, hielt ich es in der schrecklichen Idee, mit der ich hergekommen war, für das Deinige, und nahm so den Wahn mit mir hinweg, der uns auf so lange trennte, und der giftig an dem Frieden meiner Seele nagte.
Die Bewegungen meines Innern entgingen Lorchen nicht, die bescheiden, aber aufmerksam jede meiner Regungen mit dem scharfem Blick der Liebe bewachte. Zwar sah sie, daß ich Meister meiner glühenden Wünsche war, und daß ich keinen Versuch machte, irgend eine meiner Pflichten durch Deinen theuern Anblick zu verletzen, aber sie bemerkte auch die Anstrengung, die es mir kostete, und überließ sich dem geheimen Gram gekränkter Zärtlichkeit, ohne daß eine Klage, oder nur ein Wort, das einem Vorwurf glich, die Sanftmuth ihrer Lippen entweiht hätte.
So näherten wir uns allmählig dem Zeitpunkt, der für uns entscheidend war. Der Kammerherr, dessen Unwillen gegen mich die Entfernung nicht besänftiget hatte, ließ mich auf einmahl nebst Lorchen zu sich fodern. Da wir saumseelig waren, seinen Befehl zu erfüllen, sandte er uns seinen eigenen Wagen mit der Bitte, an sein Sterbebette zu kommen. Ein fürchterlicher Traum hatte sein böses Gewissen geängstigt. Um den düstern Eindruck zu schwächen, den die Rückerinnerung auf seine Stimmung machte, beschloß er, sich durch einen Spazierritt zu zerstreuen, und dieser wurde durch einen unvorsichtigen, unglücklichen Sturz vom Pferde die Ursach seines Todes.
Als er die Annäherung desselben fühlte, regte sich das Andenken seiner lasterhaften Handlungen schmerzlich in seiner Seele mit allen den ängstlichen Vorstellungen der Zukunft jenseits des Grabes, die, — wenn auch die Welt ein langes Menschenleben hindurch partheiisch richtete, mit einer strengen unbestechbaren Gerechtigkeit, vor der der Bösewicht erschrickt, Gutes und Böses aus einander wiegt. Ach er hatte es sich nie einfallen lassen, daß in der Sterbestunde die lachenden Farben verbleichen, unter denen das Laster oft seine eigenthümliche Häßlichkeit verbirgt, und was ihm sonst im Genuß der Gesundheit und der rauschenden Freude als leichte, verzeihliche Galanterie erschienen war, grinzte ihn jetzt fürchterlich in der Gestalt des Verbrechens an.
Nicht ohne die lebhaftesten Erinnerungen an Dich betrat ich das Haus wieder, in dem Du so viel gelitten hattest, und an das Bild Deiner Thränen, das sich mir vorstellte, knüpfte sich das holde Andenken der Tage unsrer Liebe, und beides machte mein Herz weich, und mein Auge naß, das sich vergeblich sehnte, eine Spur zu erblicken, die mir Dein ehemahliges Daseyn verrieth. Man brachte mich mit Lorchen in das Schlafzimmer des Kammerherrn. Er hatte dem Geistlichen erklärt, daß er in meinem Beisein und vor mehreren Zeugen ein Dich betreffendes Bekenntniß ablegen wolle. Meine Eltern waren ebenfalls herbei gerufen worden, um gleichsam seine letzte Beichte mit anzuhören. Schweigend bildeten wir einen Kreis um das Bette, wo er entstellt, und in fürchterlichen Krämpfen lag. Die gnädige Frau spielte einstweilen in ihrem Zimmer Piket mit einem jungen Offizier ihrer Bekanntschaft. —
Mühsam rang der Sterbende nach so viel Kräften, als eine kurze Erzählung fordert, und in abgebrochenen Sätzen, doch klar und bestimmt, und unter allen Zeichen der Angst und der Reue erklärte er Deine engelreine Unschuld, und klagte sich selbst als den Urheber Deines Unglücks an. Ob ich gleich nie daran gezweifelt hatte, daß der Verdacht, der auf Dir ruhte, ungegründet wäre, so machte doch dieß entsetzliche Geständniß einen Eindruck auf mich, den meine Brust beinahe nicht weit genug war zu fassen. Selbst bei einer genauen Kenntniß des Kammerherrn hatte ich ihn doch einer solchen überlegten Abscheulichkeit nicht fähig gehalten, und sie stand mit allen ihren traurigen Folgen, wie eine geöffnete Halle, vor meinem starrenden Blick.
Alle Anwesenden, und auch meine Mutter waren aufs heftigste erschüttert, besonders Lorchen, die, als sie die entsetzliche Nachricht vernahm, mit einem lauten und dennoch leisen Schrei, wie er nur aus einem gebrochenen Herzen kommen kann, ohnmächtig zur Erde fiel. Die Sorge um sie entfernte mich aus dem Krankenzimmer. Ich brachte sie an die freie Luft, wo sich ihre Lebensgeister wieder sammelten. Nach einer halben Stunde kam der Pfarrer heraus, und verkündigte mir, daß der Kammerherr so eben unter convulsivischen Zuckungen verschieden sei. Bitten um unsre Vergebung waren seine letzten Worte gewesen.
Ich machte Anstalten, Lorchen nach Hause zu bringen. Sie selbst bat mit einer Hast darum, die mir verrieth, daß sie die Schwäche ihres Zustandes fühlte. Stumm saß sie neben mir im Wagen, nur zuweilen hob ein leises Schluchzen ihre beklommene Brust, die den verzehrenden Krampf des tiefsten Schmerzes verbarg. Bald nahm sie die Liebkosungen an, mit denen ich den Aufruhr ihres Innern zu stillen versuchte, bald wieß sie sie zurück und verbarg ihre Thränen. Als wir in Langenfeld ankamen, hatte schon ein Fieber mit zerstöhrender Gewalt ihren Körper ergriffen, der viel zu zart war, um nicht dem schleichenden Gifte eines langwierigen Grams und dem Sturm einer solchen Erschütterung zu unterliegen. Wir schickten sogleich nach dem Arzt, aber Lorchen mißbilligte es, als sie es erfuhr. Meine Stunde hat geschlagen, sagte sie, und Gottlob! daß es so ist. Ich sehe freudig meiner Auflösung entgegen.
Sie bat uns, sie allein zu lassen, und verlangte Schreibzeug. Ich bewachte im Nebenzimmer ihre kleinsten Bewegungen, um ihr sogleich beizustehn, wenn sie Hülfe bedurfte, aber sie war ganz ruhig, und schrieb mit vieler Fassung den Brief an Dich, den sie bis zu ihrem letzten Augenblick in ihrem Busen aufbewahrte. Als sie geendigt hatte, verlangte sie nach mir. Mit einer rührenden Innigkeit schloß sie mich in ihre Arme, und bat mich um Vergebung, daß sie, nächst dem Kammerherrn, das Werkzeug meiner Trennung von Dir gewesen sei. Sie entdeckte mir, daß sie längst eingesehen habe, daß sie nicht im Stande sei, mich für Deinen Verlust zu entschädigen, und ersuchte mich mit Wehmuth, wenigstens ihres guten Willens freundlich zu gedenken. Die unschuldige Ursache Deines Kummers wird bald nicht mehr seyn, sagte sie zu mir, — o benutze dann Deine Freiheit, um so glücklich zu werden, als ich Dich gern gemacht hätte! —
Endlich erschien der Arzt. In seinen bedenklichen Mienen lasen wir die Gefahr der lieben Kranken, ob er uns gleich aufmunterte, noch nicht alle Hoffnung sinken zu lassen. Verhehlen Sie mir es nicht, Herr Doktor, sagte Lorchen, der er Muth einsprach, daß mein Ende nicht mehr fern ist. Sie würden mich dadurch um unersetzlich kostbare Stunden betrügen. Hat man doch bei jeder kleinen Reise den theuern Zurückbleibenden so viel zu sagen, — wie viel mehr bei einer so ernsten Reise, als mir bevorsteht, — bei einer Reise, von der man niemahls wiederkehrt. —
O Justine! laß mich die bangen Stunden mit Stillschweigen übergehn, in denen ich an ihrem Bette saß, und Zeuge der frömmsten, sanftesten Ergebung war, mit der sie den Kelch des Todes hinnahm. So endigt sich nur ein Leben, das so schuldlos war, wie das ihre, — so stirbt nur die Tugend, der eine fleckenlose Vergangenheit Ansprüche auf die reinste Seeligkeit des Himmels giebt! — — —
Ehe sich ihr Auge auf ewig schloß, wandte sie es noch einmahl auf mich und ihre trostlosen Eltern, die mit mir ihr Lager umringten. Sie streckte uns zärtlich ihre Hände entgegen und sagte sanft: Weinet nicht, meine Lieben! mir öffnet sich eine bessere Welt, — mir winken die Gefilde eines ewigen Friedens! Ich sterbe gern, mein Lorenz, denn das Ende meines Lebens wird der Anfang Deines Glücks seyn. O genieße es so rein und unverfälscht, als mein Herz mit seinen letzten Schlägen Dir es wünscht, und gieb, wenn ich todt bin, der edlen, unschuldigen Justine mit Deiner Hand und Deiner ihr längst gewidmeten Liebe die Zeilen, die ich mit inniger Empfindung für sie geschrieben habe, und die man bei mir finden wird.
Sie mußte abbrechen, um sich zu erholen, denn das Reden wurde ihr schon schwer. Dann kehrte sie sich zu ihren Eltern, und sagte ihnen mit der ganzen Wärme ihres dankbaren Gefühls das letzte, bittre Lebewohl. Ich hoffe, fügte sie mit schon brechender Stimme hinzu, Sie werden nie vergessen, daß Lorenz das Liebste ihres Lorchens war. Lassen Sie ihn immer die Rechte eines Sohns genießen; — er wird suchen, Sie durch Sorgfalt und Pflege über den Verlust einer Tochter zu trösten, die Sie doppelt gut und liebenswürdig in Justinen wieder erhalten werden.
Hierauf verstummten ihre sanften Lippen. — Ihre Brust hob sich noch einige mahl unter stärkern Athemzügen, wie gewöhnlich, — und ihre schöne Seele war entflohn.
Die Betrübniß, die ich empfand, erreichte beinahe den Schmerz der biedern gebeugten Alten, und wurde ein Band, das uns noch fester an einander knüpfte, als das Verhältniß der Verwandtschaft und der Liebe. Wie die erste Heftigkeit unseres Kummers nachließ, drangen sie in mich, den Forderungen meines Herzens zu folgen, die jetzt nur geschwiegen hatten, da die Trauer der Freundschaft ihre heiligen Rechte behauptete. Sie betrachten Dich als ein theures Vermächtniß ihres Lorchens, von ihr selbst erkohren, die schmerzliche Lücke auszufüllen, die ihr Tod in unserm Cirkel riß, und mit offenen Armen versprachen sie mir freiwillig, Dich zu empfangen, und durch alle die Zärtlichkeit, die sonst der lieben Verstorbenen gehörte, Dir Deine ehemahligen Leiden vergessen, und unser vereintes Leben angenehm zu machen. Ich reißte also ab, und ein Zufall verschaffte mir in dem benachbarten Städtchen, durch welches ich kam, die Bekanntschaft Deines Schwagers, die ich seegne, da sie mich um so eher zu dem Ziel meiner Reise führte.
Ach! und Deine Mutter? — unterbrach ihn Justine, kämpfend mit Furcht und Hoffnung, und gespannt auf seine Antwort.
Nur zu sehr, versetzte Lorenz, hat die Erfahrung ihr gelehrt, wie unauslöschlich meine Liebe war, und wie elend es mich machte, sie verbergen zu müssen. Sie selbst bittet Dich, in meine Wünsche einzuwilligen, und läßt mich hoffen, daß wir, — wenn auch in keinem herzlichen, doch in einem anständigen Vernehmen mit ihr leben können.
Justinens Wangen überflog das reizendste Roth. Und die Kammerherrin? fragte sie schnell, gleichsam in Verwirrung, die sie verbergen wollte.
Da sie, erwiederte Lorenz, wegen ihrer bisher geführten Lebensart nicht mehr so recht in der Residenz in guten Gesellschaften geduldet wird, so hat sie beschlossen, Spillingen zu verkaufen, und im Auslande Gelegenheit zu neuen Abentheuern zu suchen, in denen sie wahrscheinlich nicht ehrenvoller bestehen wird, als in ihrem Vaterlande. Der Tod ihres Gemahls soll ihr nicht unangenehm gewesen seyn, weil sie erstlich dadurch unumschränkter über ihr Vermögen gebieten kann, und zweitens, weil sie für ihre Schönheit die Trauer vortheilhaft hält. Sie hat ihre Reise bereits angetreten, und also auch von dieser Seite ist die Luft jener Gegend rein, — wiewohl uns eigentlich ihr Daseyn eben so gleichgültig als ihre Abwesenheit seyn könnte, da eine sorgenfreie, wohlhabende Lage unsere Zukunft von jedermann unabhängig macht, ausgenommen von denen, denen ich sie danke. Werners, die mich, seit Lorchen starb, wo möglich noch mehr wie vorher als ihren Sohn ansehn, bestehen nämlich darauf, daß ich schon jetzt Langenfeld als mein Eigenthum betrachten soll, aber mir ist die kindliche Einschränkung zu lieb, in der ich bisher unter ihnen lebte, als daß ich nicht streben sollte, sie beizubehalten, da ihre Güte meine lebhaftesten Wünsche übertrifft.
Justinens Auge hing am Boden, und glänzte von Thränen, aber nicht von Thränen, wie sie der Kummer erpreßt. Lorenz beugte sich zu ihr, und umschlang sie innig. Laß mich nun das süße Wort vernehmen, sagte er, das vor dem Altar unsre Hände vereinigt, wie unsere Herzen es schon lange waren. Justine erröthete tiefer, — sie erhob ihren gesenkten Blick mit dem lieblichsten Ausdruck, der ihm ein sanft verschmolzenes Gemisch von Freude, Rührung und Zutrauen gab, und lächelnd neigte sie sich seiner Umarmung entgegen. Ja, Lorenz! sagte sie, ich war Dein, und ich bin es noch. Ach meine unendliche Liebe zu Dir ist es einzig, die mich werth macht, die Nachfolgerin eines so edeln Weibes zu seyn, wie das, welches Du verlohren hast. —
Zu den Glückwünschen und Freudenbezeugungen ihrer Verwandten gesellten sich auch die meinigen, die Justine nicht weniger herzlich aufnahm. Gern hätte ich der allgemeinen Einladung nachgegeben, die mich nöthigte, trotz dem sparsamen Raume des Hauses, die Nacht zu verweilen, aber mein Schicksal rief mich vorwärts, und ich mußte mich beugen unter dem eisernen Zepter der Nothwendigkeit. Unendlich interessant und theuer war mir trotz unserer kurzen Bekanntschaft jedes einzelne Glied dieser kleinen, lieben Familie geworden. An Färbers fand ich ein Paar treuherzige, ebenfalls wie Justine über ihren Stand gebildete Menschen, die aber den höhern Grad ihrer Kultur nur dazu anwendeten, wozu ihn eigentlich der reine Zweck einer guten Erziehung bestimmt, nämlich: zum feinern Genuß des Lebens, und zur wärmern Ausübung häuslicher und geselliger Tugenden, die, wenn sie auch ihren Wohnplatz zuweilen in einer rohen, ungebildeten Brust aufschlagen, doch nur unvollkommen dort, wie die Früchte eines milden Klimas unter einen nördlichen Himmelsstrich gedeihen.
Mit warmen Dank für ihre gastfreien Anerbietungen verließ ich das glückliche Ehepaar, deren stiller, einfacher Wandel gewiß den beiden Verlobten das schönste Beispiel eines unerschütterlichen, häuslichen Friedens gab. Justinen versprach ich in der Umarmung des Abschieds mit eben dem Antheil, den ich an ihrer traurigen Vergangenheit genommen hatte, sie einst in Langenfeld zu überraschen, und mich mit ihr ihrer schönern Zukunft zu freuen. Mir war, als fesselten mich tausend Banden an diese kleine, trauliche Hütte, in der ich so viel Edelmuth und Güte angetroffen hatte, — endlich mußte ich doch von ihr scheiden, aber das Bild ihrer liebenswürdigen Bewohner nahm ich in meinem Herzen mit hinweg.
Autun und Manon.
Eine Erzählung.
Als ich eines Tages eine meiner Freundinnen besuchte, fiel es mir nicht wenig auf, eine ältliche Frau, begleitet von einem jungen Frauenzimmer, ins Zimmer treten zu sehen. Die Schönheit der jungen Dame übertraf alles, was ich bisher noch gesehen hatte, sie war ungefähr fünfzehn Jahre alt, und die Tochter des ältern Frauenzimmers, wie ich nachher erfuhr. Sie war kaum aus dem Kloster gekommen, um ihren Vater zu sehen, und sollte nach drei Monaten wieder dahin zurückkehren, weil ihre Mutter nicht gern eine so große Tochter um sich sah, da sie selbst noch Ansprüche auf Schönheit machte. Damahls sah ich zum erstenmahl eine Person, die mein künftiges Schicksal bestimmte.
Herr von Ribaupierre war Offizier, er hatte die Welt gesehen, und große Reisen gemacht, durch die er zwar an Erfahrung reicher, aber an Vermögen desto ärmer geworden war. Alle Pläne, die er zur Vergrößerung seines Vermögens entworfen hatte, waren mislungen, und zuletzt hatte er gelernt, dem Glück nicht mehr zu trauen. Bei der Belagerung von Charenton wurde er mit drei Stichen in den Leib tödtlich verwundet. Man gab ihm die letzte Ölung, und nach einer allgemeinen Beichte, erhielt er die Absolution nicht eher, bis er gelobt hatte, sich mit seiner Frau, mit der er längst schon auf einen vertrauten Fuß gelebt hatte, trauen zu lassen. Sie wurden auf seinem Bette getraut, und als er sich wieder erholte, streute man aus, daß er schon seit einem Jahre heimlich verheirathet gewesen sey. Nach sechs Wochen erfolgte die Niederkunft des Fräuleins von Ribaupierre; ihr Gemahl wollte es niemahls erlauben, daß man sie Frau nennen durfte. Sie gebahr ihm eine Tochter. Nach der Geburt dieses Kindes lebte die Mutter sehr gut mit ihrem Gemahl, aber da sie schön und jung, und Herr von Ribaupierre in seinem achtundfunfzigsten Jahre war, so bekam er bald die unheilbare Krankheit der alten Männer. Er wurde mistrauisch, und lebte in keiner großen Harmonie mit einer Frau, der man weiter keine Vorwürfe machen konnte, als daß sie mehr Aufmerksamkeit zu erregen suchte, als einer verheiratheten Frau erlaubt ist.
Als der Tod diese Ehe zerriß, war es gerade um die Karnevalszeit, und Herr von Ribaupierre besuchte einen Ball bei dem Marquis von S., der sonst ein Freund des Fräuleins Ribaupierre war. Er wußte die Nachricht von ihrem Tode, und sie betrübte ihn nicht wenig. Doch ehe man sichs versah, trat Herr von Ribaupierre in einer eleganten Maske in den Saal, wo er schöne Gesellschaft fand. Er präsentirte dem Marquis einen Beutel voll Louisd'ors; der Marquis und mehrere andere von der Gesellschaft ließen sich ins Spiel ein, und verlohren. Ribaupierre gewann ansehnlich und gestand nachher, daß dieß der einzige glückliche Tag in seinem Leben gewesen sei, indem er zugleich den Tod seiner Frau zu seinem Gewinn schlug. Da er sich im Spiel so groß angekündigt hatte, nahm man ihn für einen reichen Mann und bat ihn, sich zu erkennen zu geben. Anfangs weigerte er sich, aber als er die Maske vom Gesichte zog, erkannte ihn der Marquis, und der Schrecken preßte ihm einen lauten Schrei aus. »Wie!« sagte er, »ein Mann, dessen Frau eben verschieden, kann sich in einem solchen Aufzug sehen lassen? Unglücklicher Mann!« fuhr er fort, »sind dieses die Thränen, die Sie um eine Gattin vergießen, die eine der schönsten und tugendhaftesten Frauen der Welt war?« — »Mildern Sie Ihre Ausdrücke, mein Herr!« gab ihm jener zur Antwort, »der Verlust meiner Gemahlin ist vielleicht größer für Sie, als für mich, mir gehörte sie an, aber Sie besaßen sie, ein Vortheil wiegt vielleicht den andern auf. Ich würde weinen, wenn ich mein Geld verlohren hätte, oder wäre doch traurig geworden, und dadurch hätte ich vielleicht den Damen gefallen, die meine Betrübniß auf die Rechnung meiner verstorbenen Gemahlin geschoben hätten, aber jetzt habe ich das Recht, mich zu freuen. Ich verliehre eine Frau, die mich immer betrübte, und gewinne sechshundert Louisd'ors. Ich muß mich freuen, aber nicht Sie, Herr Marquis, Sie verlohren Ihr Geld und eine Geliebte, und hiermit gute Nacht.« So verließ er den Saal, ohne eine Antwort abzuwarten.
Der Marquis schalt ihn, als er fort war, einen Narren und rohen Menschen; er bat seine Freunde, die Zeugen dieses Auftritts gewesen waren, um Verschwiegenheit; auch seinen Bedienten gebot er Stillschweigen, und erklärte feierlich, daß er in seiner künftigen Frau so viel Klugheit möchte erwarten können, als er in der Gemahlin des Herrn von Ribaupierre gefunden. Der Wittwer, der Verstand hatte, und erfuhr, daß sein Mißverhältniß mit seiner verstorbenen Gemahlin kein Geheimniß mehr war, fürchtete, man möchte ihm Händel zuziehen, zumahl, da schon hin und wieder ein Gerede von Vergiftung entstand. Er ließ Ärzte und Wundärzte herbeirufen, und den Leichnam öffnen. Da man den Tod seiner Gemahlin natürlich fand, so ließ er sie beerdigen. Übrigens gab er selbst die erste Veranlassung, seine Gemahlin für untreu zu halten, weil er behauptete, daß niemand ihre Aufführung kenne, als er selbst. Und dieser Grundsatz ist so allgemein in der Welt angenommen, daß, sobald ein Mann selbst über die Treue seiner Frau Zweifel aufwerfen kann, es die andern zwiefach berechtigt, das Böse zu glauben.
Aber seine Tochter konnte man trotz der Äusserungen ihres Vaters nicht verkennen, sie war ihm zu ähnlich, und je größer und schöner sie wurde, desto mehr nahm diese Ähnlichkeit zu, ob er gleich selbst einer der häßlichsten Menschen war. Der Tod ihrer Mutter brachte keine Veränderung der Lage des Fräuleins von Ribaupierre hervor, denn der Vater wollte nicht die Last auf sich nehmen, über eine Tochter von siebenzehn Jahren die Aufsicht zu führen. Allein da er anfing, schwächlich zu werden, rief er sie zu sich. Sie erschien in der Welt und trug Sorge für ein Vermögen, das sie einst zu erwarten hatte. Um diese Zeit, in ihrem zwanzigsten Jahre sah ich sie zum erstenmahl wieder, seitdem ich sie bei meiner Freundin gesehen hatte. Schon damahls war ihre Schönheit bewundernswürdig, aber als ich sie zum zweitenmahle sah, hatte sie noch unendlich gewonnen. Ihr Wuchs war majestätisch, ihr jugendliches Aussehn war durch die Weiße der Gesichtsfarbe noch erhöht; schöne schwarze Augen zugleich schmachtend und lebhaft, die Nase schön geformt, ein kleiner rother Mund und alle Gesichtszüge in schönster Harmonie, machten sie zum treusten Abbilde der heiligen Jungfrau. Ihr Anstand war edel und fest, ihre Bewegungen waren lebhaft, aber von einer natürlichen Sittsamkeit begleitet, die mich entzückte. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich mein Herz verwahren können, ich gab es hin; ich liebte Manon, oder vielmehr ich betete sie vom ersten Augenblick an, als ich sie sah. Umsonst stellte ich mir die Gerüchte vor, die bei dem Tode ihrer Mutter verbreitet worden, das wenige Vermögen, was ihr zu Theil werden würde, und ich glaubte fast, obwohl sie die schönste Person von der Welt war, die ich je gesehen, sie doch mit Gleichgültigkeit anzusehn. Aber ich betrog mich, ich sah sie den folgenden Tag in der Messe; ein einziger Blick, den sie auf mich warf, der mich wähnen ließ, er fordre mein Herz, zerstörte alle meine Entschließungen. Ich entschuldigte die Mutter, ihr Vater dünkte mich nur ein Unmensch, ein Verräther, und ich urtheilte, eine Frau, die nicht vollkommen tugendhaft gewesen wäre, hätte einer solchen Tochter nicht das Leben geben können. Ich überließ mich meiner Leidenschaft, und meine Aufmerksamkeit wurde nicht gleichgültig aufgenommen. Ich sprach, sie hörte mich an, aber ohne mir eine entscheidende Antwort zu geben. Lange schwebte ich in Ungewißheit, bis ein Vorfall mich die Entdeckung machen ließ, daß Manon mich liebte, und im Ernst daran dachte, mir ihre Hand zu geben.
Eines Tages fand sich ein Geistlicher bei ihr ein, und nach manchen gleichgültigen Gesprächen kamen wir auf die Ehe zu sprechen, und was sie aufheben oder verhindern könnte. Der Geistliche sagte, daß die Kirchengesetze ehemahls strenger als jetzt gewesen wären, und erzählte einige Beyspiele zum Beweise, daß man sonst nicht einmahl erlaubt habe, daß zwei Menschen, die zusammen ein Kind aus der Taufe gehoben, sich hätten verheirathen dürfen, daß man aber jetzt keine Gewissenssache daraus mache, obgleich diese geistige Verbindung eine körperliche aufheben sollte. So sähe man, setzte er im heiligen Eifer hinzu, täglich die Erfahrung bestätigt, daß die Kinder aus einer solchen Ehe eben so gut, wie die, welche aus einer Ehe, wo die Eltern zu nahe verwandt erzeugt wären, ihr ganzes Leben hindurch mit widrigen Schicksalen zu kämpfen hätten, und auch in ihren Sitten der verderbliche Einfluß bemerkt werden könnte. Gott zeige eben dadurch, welchen Abscheu er vor solchen Verbindungen habe, weil er keinen Segen dazu gäbe, so oft man auch Lossprechungen dafür zu erlangen suche.
Noch erzählte er uns, daß er bei einem rechtschaffenen Mann im Hause wohne, dessen Frau ehestens niederkommen würde, und längst schon darauf gedacht habe, mich und Manon Ribaupierre zu Pathen ihres Kindes zu wählen. Die Niederkunft erfolgte, der Vater trug mir die Pathenstelle an, und ich so wie die Eltern des Kindes glaubten, auch Manon würde einwilligen. Aber die Rede des Geistlichen hatte tiefern Eindruck auf sie gemacht, und da der Vater kam, um sie zur Erfüllung dieser christlichen Pflicht zu bewegen, und ihr sagte, daß er auch von mir das Versprechen habe, so antwortete sie lächelnd: »Ich habe mich nur im Scherz dazu verstanden, aber um Ihres Kindes willen darf ich es nicht, denn alle Kinder, bei denen ich Pathenstelle vertrat, und deren sind schon mehr als zwanzig, sind gestorben.« Jede Überredung war fruchtlos, sie wollte nie darin willigen, mit mir die Pathenstelle bei dem Kinde anzunehmen. Ihr Betragen machte mich empfindlich, und ich machte ihr Vorwürfe über ihre Hartnäckigkeit. Aber sie lachte der Vorwürfe, und erinnerte mich unvermerkt an die Worte des Priesters. »Mein Gedächtniß ist treu!« fuhr sie erröthend fort, und verließ mich. Diese unerwartete Erklärung, so verfänglich sie auch für ein Mädchen war, war mit soviel Schamhaftigkeit begleitet, daß ich nicht wußte, ob ich mehr erstaunen, oder mehr entzückt darüber seyn sollte. Aber auf einmahl wurde das Gespräch mit dem Geistlichen mir wieder gegenwärtig, ich ernannte eine andere Pathe, und Manon war nur bei dem Gastmahl gegenwärtig.
Ich dankte ihr für eine so ausserordentliche Erklärung, wir vereinigten uns über unsere Hoffnungen und es wurde beschlossen, daß ich um sie bei ihrem Vater werben lassen sollte. Ich war unabhängig und in einem Alter, wo ich niemand mehr Rechenschaft ablegen durfte; ohne Verwandte, die ich über meine Handlungen hätte um Rath fragen müssen. Ribaupierre hätte keinesweges Ursach gehabt, über einen Antrag dieser Art beleidigt zu werden; meine Familie war der seinigen gleich, mein Vermögen weit ansehnlicher, als das seine, und ich konnte in der That noch Ansprüche auf eine weit vortheilhaftere Verbindung machen. Alles dieß ließ uns hoffen, daß er uns nicht im Wege seyn, und sogleich meinen Vorschlag annehmen würde. Aber wir betrogen uns. Er antwortete meinem Fürsprecher, daß er mir sehr für die Ehre verbunden wäre, die ich ihm erzeigen wolle, aber daß er sie nicht annehmen könne weil es ihm unmöglich sei, sich von einem großen Theil seines Vermögens zu entblößen, das nur zu seinem anständigen Lebensunterhalt hinreiche. Solle er es mit seinem Schwiegersohn theilen; so werde er sehr eingeschränkt leben müssen; ausserdem habe er auch das Wenige, was er mit großer Mühe von den Trümmern seines Vermögens gerettet, für sich selbst gerettet. Nur um ihn in seinem Alter zu pflegen, und ihm das beschwerliche Leben zu erleichtern, habe er seine Tochter aus dem Kloster gezogen, wo er sie andernfalls gelassen haben würde, und nicht, um sie in die Arme eines Mannes zu führen, der sie vielleicht gar noch abhalten könnte, für ihren Vater die schuldige Anhänglichkeit und Achtung zu zeigen. Wenn sie nicht seinem Willen gemäß handeln wolle, so wisse er zu gut, was er besäße, und daß sie nichts von ihm verlangen könne, als ihr Mütterliches. Um sein Vermögen nach seinem Tode zu erhalten, müsse sie es erst durch ihre Zuneigung gegen ihn zu verdienen suchen, wo nicht, so wisse er, woran er sich zu halten habe. Dieß sei sein letzter Entschluß, setzte er noch hinzu, und er bitte sehr, daß man gegen ihn nie mehr davon sprechen solle, seine Tochter zu verheirathen, wenn man sein Freund bleiben wolle.
Diese so bestimmte Antwort war ein entscheidendes Urtheil. Seine Tochter weinte darüber, und ich war in Verzweiflung, aber es gab kein Mittel dagegen. Ribaupierre war zu bestimmt in seinem Willen, und er hatte Zeit gebraucht, um diesen Entschluß reifen zu lassen. Das letzte Mittel, das wir ergriffen, weit entfernt, uns weiter zu bringen, wie wir es gehofft hatten, hätte uns bald unwiederruflich zu Grunde gerichtet. Wir steckten uns hinter seinen Beichtvater, der ihm vorstellte, daß seine Tochter nicht leicht eine vorteilhaftere Heirath thun könnte, daß sie bald ein Alter erreichte, worauf man Rücksicht zu nehmen nöthig hätte, und daß es hohe Zeit sei, sie zu verheirathen; daß ich darin willigte, sie ohne Heirathsgut zu nehmen, nur die Versicherung verlange ich, daß ich ihn nach seinem Tode allein beerben solle. Indem er sich einen Schwiegersohn wähle, so hätte er, statt einer einzigen Stütze, deren zwey. Selbst sein Gewissen nahm er in Anspruch und stellte ihm vor, daß er dazu verpflichtet wäre, und tausend bösen Vorfällen dadurch vorbeugen könnte; denn ein Mädchen, dem man Zwang auflegte, und das von der Leidenschaft beherrscht würde, wäre leicht auf Abwege zu bringen. Kurz, der Geistliche erschöpfte mit der größten Beredsamkeit, die ihm die geistliche Liebe nur eingeben konnte, alle Gründe für unsere Vereinigung, aber sie gelang ihm nicht. Er hatte mit einem Manne zu thun, dessen Gemüth durch sein eigenes Unglück erbittert war, den die Erfahrung belehrt hatte.
Er gäbe gern zu, sagte er, daß die Verbindung für seine Tochter dem Anschein nach vortheilhaft wäre, da er aber niemanden Rechenschaft von dem Zustand seines Vermögens gegeben hätte, so könnte es sich doch vielleicht nach seinem Tode finden, daß sie eine so vortheilhafte Parthie wäre, als ich. Ihr Alter wäre noch nicht so gefährlich, um die Sache so eifrig zu betreiben. Drey oder vier Jahre mehr würden nicht mehr Falten in ihr Gesicht bringen, und wenn sie spät heirathete, so würde sie wenig Kinder bekommen, aber sie würden gesund seyn, und von einer starken Constitution. Sie würde ihren Verstand vollkommen ausgebildet haben, besser ihre Wirthschaft zu führen im Stande seyn und nicht mehr Gefahr laufen in die Zerstreuungen der Jugend zu fallen. Was mein Anerbieten betreffe, ihm den Genuß seines Vermögens zu überlassen, so lang er lebe, so danke er gar sehr für die Gnade, ihn genießen zu lassen, was sein Eigenthum sei. Beides, den Gebrauch des Geldes, so wie das Recht daran, könne ihm niemand streitig machen, und er wolle es sich auch bis an sein Ende bewahren, denn wenn er einmal sich des Rechts entäussert hätte, nach Gefallen darüber zu gebieten, so würde sein Sohn, wie seine Tochter glauben, daß dieser Genuß ein Raub wäre, den er an ihnen begangen hätte. »So gut bin ich nicht,« sagte er, »um zu sterben, weil es ihnen Freude macht, auch sollen sie nicht die Sünde auf sich laden, Gott zu beleidigen und meinen Tod zu wünschen. Die Welt giebt Beyspiele genug von Greisen, die einfältig gewesen sind, um sich aus mißverstandener Güte für ihre Kinder unglücklich zu machen, diese sollen mir nicht zum Muster dienen. Meine Tochter soll, so ist mein Wille, immer von mir allein abhängen, ohne weder mich, noch sich selbst der Großmuth eines Schwiegersohns zu überlassen.«
»Ich betheure bei Gott,« setzte er hinzu, »daß sie nie dieser Gefahr ausgesetzt seyn soll. Ich bedarf auch der Unterstützung eines Schwiegersohns nicht, meine Geschäfte bedürfen keines Gehülfen, noch keiner rechtlichen Fürsprache, alles ist im Klaren und in Ordnung, ich habe keine gerichtlichen Verfolgungen zu befürchten, weil ich niemand einen Heller schuldig bin. Ich selbst brauche nur die Dienste meiner Köchin und eines Bedienten, um mir den Stock zu reichen, wenn ich aufstehen will. Was mein Gewissen betrifft, so bin ich kein Casuist, aber ich finde nicht, daß ich dem gemeinen Menschenverstand zuwider handle, und ich verstehe noch weniger, wie von einer Heirath meiner Tochter mein Heil abhängen sollte. Fast scheint es, daß man mich einige Abweichungen von ihrer Seite wolle befürchten lassen, um mich bei einem höhern Gericht verantwortlich zu machen, wenn ich sie nicht verheirathen wollte. Aber auf dieses habe ich nur ein Wort zu erwiedern. Ich gebe gern zu, daß die Väter oder Mütter bei einer üblen Aufführung ihrer Kinder nicht schuldlos sind, wenn sie ihre Neigungen zwingen wollen, sei es durch eine Heirath oder durch das Kloster. Aber keines von beiden hat sie von mir zu befürchten. Bin ich tod, so ist sie frey, und kann nach ihrer Neigung eine Wahl treffen. Noch weniger bin ich gesinnt, sie wieder ins Kloster zu schicken, ich habe sie für mich und weil ich ihrer bedarf herausgenommen. Indeß wenn es ihr Wille wäre, würde ich sie auch davon nicht zurückhalten, doch fürchte ich dieses nicht, da es ihr so am Herzen liegt, sich zu verheirathen. Was die Befriedigung der Bedürfnisse unserer Kinder angeht, so finde ich die Ältern sehr strafbar, wenn sie ihre Kinder in die Nothwendigkeit versetzen, zu der Börse anderer ihre Zuflucht zu nehmen. Aber bei meiner Tochter ist dieß nie der Fall gewesen, sie hat alles, was sie bedarf und noch zum Überfluß. Ich versagte ihr nichts, und war immer der Erste ihren Beutel zu füllen, ohne erst zu erwarten, daß sie mich darum bat, und sie brauchte mir nie Rechenschaft darüber abzulegen. Darum würde es nicht Noth seyn, die sie zu Ausschweifungen führte, sondern nur Sinnlichkeit, und dafür kenne ich ein untrügliches Mittel, ich werde sie niemahls aus dem Gesichte verlieren, auch ihrer Kammerjungfer, auf die ich mich verlassen kann, befehlen, sie niemahls aus den Augen zu lassen. Ich werde sie jederzeit in die Messe begleiten, und sie immer in meinem Zimmer beschäftigen, ohne sie herausgehen zu lassen, wenn sie nicht von sichern Leuten beobachtet wird. Jede Art von Andachtsübungen und Wallfahrten, die ausser meinen Wänden geschehen könnten, werde ich zu hindern wissen. Briefe erlaube ich herzlich gern zu schreiben, denn diese sind es nicht, die das Geschlecht vermehren. Auch werde ich selbst Herrn d'Autun nicht verbieten, sie zu sehen, aber dieß muß immer unter meinen Augen geschehen. Sollte ich aller Maaßregeln ungeachtet betrogen werden, so würde Manon schuldiger vor Gottes Augen seyn, als ich. Ich werde nicht um fremder Sünde willen verdammt werden, und überlasse sie ihrem eigenen Gewissen. Ich hoffe, sie ist klug und zu gut erzogen, um Thorheiten zu begehen, aber würde sie sich welcher schuldig machen, so muß sie allein dafür büßen, und sie würde in diesem Fall aller Ansprüche auf mein Vermögen verlustig werden.« —
Seine lange Antwort war hier zu Ende, aber nicht sein Gespräch mit dem Beichtvater. Er hörte ein Geräusch, und konnte nicht zweifeln, daß ich mit seiner Tochter gehorcht hätte, wie auch der Fall war; wir waren in der größten Verlegenheit, er brach in laute Schmähungen aus, und beschämte seine Tochter so sehr, daß ihre Thränen flossen. Wir zogen uns zurück, mußten aber zuvor noch eine trefliche Ermahnung hören, die er an den Beichtvater richtete, ohne das Ansehen zu haben, als spräche er mit seiner Tochter.
»Bin ich nicht recht unglücklich, mein Herr,« sagte er, »ich habe mich erschöpft, und mein ganzes Leben alle Kräfte angewendet, mehr als man mir glauben wird, und jeder Versuch schlug mir fehl. Schreckliche Unglücksfälle haben mir den besten Theil meines Vermögens geraubt, über diese klage ich nicht, Gott wollte es; ich habe vielleicht nur wenige Zeit noch zu leben, von vielen Übeln gedrückt, fast ganz gelähmt will man mich meines Vermögens berauben. Und wer ist es? Meine einzige Tochter, die mir alles verdankt, und der allein meine Güte einiges Recht auf mich nach meinem Tode giebt. Man will mich überreden, mein Vermögen wegzugeben, das ich nicht entbehren kann, und an einen Menschen, der mir vielleicht nie danken wird. Denn meine Tochter wird nicht das Privilegium haben, einen Mann zu finden, der von anderm Teig geformt ist, als wir alle, und nach uneigennützigen Grundsätzen handeln wird. Ich beurtheile ihn nach mir, ich hatte ihrer Mutter in den Tagen meiner Liebe geschworen, sie ewig zu lieben, sie war unverständig genug, mir zu glauben, und erlaubte mir alles; drey glückliche Tage dauerte diese Verblendung, nach dieser Zeit war es das Herz nicht mehr, das mich zu ihr zurückführte, es war nur ein Bedürfniß der Sinne. Auch ist es wahr, daß wenn sich nicht die Folgen dieser Liebe gezeigt hätten und ich meine Krankheit nicht tödtlich geglaubt hätte, ich sie nie, ohngeachtet meiner Schwüre und meines Versprechens geheirathet haben würde. Ich heirathete sie nur um meines Kindes willen, man machte es mir zur Gewissenssache und es war mir unmöglich, dem Jesuiten zu widersprechen, dem ich meine Beichte ablegte. Ich liebte sie nicht mehr, der Genuß hatte die Liebe getödtet. Noch ist es mir unbegreiflich, wie ich dahin gebracht werden konnte, aber man sagte mir in jedem Augenblicke, daß ich sterben müsse, und weil ich es so oft hörte, so glaubte ich es am Ende selbst. Die Furcht des Todes hatte mich meiner ruhigen Überlegung beraubt. Man sieht in einem solchem Augenblicke die Dinge aus einem ganz andern Gesichtspunkt an, als in gesunden Tagen. Meine Frau wäre tugendhaft, sagte man mir, und ich glaubte es, man knüpfte meine ewige Seeligkeit an ihre Hand. Ich nahm sie nicht aus Liebe zu ihr, sondern um das Paradies zu erwerben. Ich erwarb es nicht, weil ich noch auf der Erde bin; aber doch war ich nicht in der Hölle, sondern im Fegefeuer, wo ich dafür büßte, daß ich am Leben blieb. Sie starb endlich, und ich gestehe es offenherzig, ihr Tod machte mir Freude. Und es ist so wahr, daß ich keine Liebe für sie mehr hatte, indem ich eine Stunde nach unserer Trauung ein Testament machte, worin ich ihr sehr wenig bestimmte, und auch den Händen meiner Frau nicht die Verwaltung des Vermögens anvertrauen wollte, das ich für unsere Tochter ausgesetzt hatte. Da sie früher starb, so hebt sich dieses Testament auf. Ich lebte ziemlich ruhig mit ihr, weil ich es nicht ändern konnte, aber ohne den Gedanken an meine Tochter, die ich immer liebte und noch liebe, hätte ihre Mutter sicher kein gutes Leben bei mir gehabt. Ich verschloß meine Augen über ihr Betragen, aber nichts entging mir, und ich wollte nur das Aufsehen vermeiden, was ich nie liebte. Ich selbst wollte nicht Dinge enthüllen, die mir die Ehre befahl, zu verbergen, und die mehr auf die Tochter, als auf die Mutter nachtheilig hätten wirken müssen, zudem hat sie immer den Schein beibehalten, der mich bei dem Betragen meiner Frau das Wesentlichste dünkt, denn das Übrige ist unbedeutend.«
»Ich sage es Ihnen, ehrwürdiger Vater,« fuhr er fort, »und unter dem Siegel der Beichte, daß ich immer unglücklich war; sey es in meiner Jugend durch meine Anstrengung und durch meinen Verlust, oder in spätern Jahren durch meine Heirath, indem meine Frau das Geheimniß besaß, mich wüthend zu machen, und doch die Herrschaft in Händen zu behalten; jetzt bin ich es durch meine Kränklichkeit und durch eine Tochter, die mir so viele Verbindlichkeiten schuldig ist, und mich doch verlassen, mich entblößt zurück lassen will, vielleicht mich gar als ihren Verfolger ansieht. Aber weil es ihr so wenig kostet, sich von mir loszureißen, so will ich auch versuchen, mich von ihr loszumachen, und das erstemahl, daß mir wieder jemand, durch sie veranlaßt, von einer Hochzeit spricht, oder die erste Thorheit, die sie begeht, wird mich bestimmen, sie zu verlassen. Ich werde an einen Ort flüchten, dem ich alles, was mir übrig geblieben ist, übergeben, und wo ich das Glück finden werde, ruhig sterben zu können.« Ich weiß nicht, ob er mehr sagte, denn seine Tochter zog sich zurück, sehr gebeugt durch ihre Neugierde, und darüber, daß ich alles mit gehöret hatte, sie bewog mich also, mich auch zurückzuziehen.
Wir hatten alle Ursache zu glauben, daß er die Bosheit haben würde in uns wechselsweise Widerwillen gegen einander zu erregen. Manon sollte durch sein Beispiel mir abgeneigt werden, und ich ihr durch das Beispiel ihrer Mutter. Diese Gedanken brachten uns in eine solche Verwirrung, daß wir es nicht wagten, uns anzusehen. Endlich kam der Beichtvater heraus und theilte uns das Resultat seiner Unterhaltung mit, so weit sie die Heirath betraf; von Manons Mutter, so wie von allem, was uns betrüben konnte, schwieg er. Er sagte uns nur, wir sollten nicht mehr an eine Heirath denken, weil es verlohrene Zeit und Mühe seyn würde. Er wollte selbst nicht rathen, noch mit Herrn von Ribaupierre darüber zu sprechen, er wäre zu fest und unerschütterlich in seinem Entschluß; und würden wir darauf bestehen, ihn zu einer Sinnesänderung zu bewegen, so würden wir uns selbst am meisten schaden. Er würde niemahls mehr für uns mit Herrn von Ribaupierre sprechen und sollte er auch hundert Jahre leben. »Gott bewahre!« rief ich aus. Und ich weiß selbst nicht, mit welcher Miene ich es muß gesagt haben, denn der Beichtvater und das Fräulein schlugen ein lautes Gelächter auf.
Der Vater ließ seine Tochter bald nach dem Gespräche des Geistlichen rufen. Sie bat mich noch den Abend wieder zu kommen, ich könnte, wenn das Wetter zum Spaziergang nicht günstig wäre, an ihrer Thüre sie aufsuchen, und so verließ ich sie.
»Glaubst Du,« sagte er zu seiner Tochter, als sie in sein Zimmer trat, »daß die Welt ihrem Ende schon so nahe sey, daß ein Priester Deine Sache ausfechten soll, wie ehemahls bei Deiner Mutter der Fall war. Entsage diesem Wahn, denn man hat nicht alle Tage eine so andächtige Krisis. Laß Dir's nicht einfallen, mich in meinen Handlungen zu leiten, ich bin zu alt, um Lehren anzunehmen, ich selbst gebe Dir keine. Ich lasse Dir Deinen Willen, Dich nach Deiner Phantasie zu betragen, aber beobachte Dich wohl, damit ich nicht Ursache finden kann, mich über Dich zu beklagen. Es war anfangs mein Entschluß, Dir den Umgang mit Deinem Geliebten d'Autun zu untersagen, aber es möchte bei den Leuten zu viel Gerede machen, und ich habe meine Meinung geändert. Deine Mutter gab viel Anlaß zum Geschwätze, und den will ich ersparen. Willst Du daher, daß ich an Dich denken soll, so erinnere mich selbst nicht daran. Betragt euch klug, Du sowohl, wie Dein Geliebter, und so, daß die Welt so wie ich mit eurem Betragen zufrieden seyn kann. Du kennst mich zu gut, und weißt, daß die Sprache eines Pädagogen meinem Charakter nicht angemessen ist. Ich sagte Dir nie etwas über diesen Punkt, ich glaube, daß Du immer weise gewesen bist, und hoffe, Du wirst es auch ferner seyn. Ich werde niemahls wieder über diese Sache mit Dir sprechen, aber gieb mir nie Gelegenheit zum Handeln, es brauchte nur eines Augenblickes, Dich unglücklich zu machen, und Du würdest ihn Dein ganzes Leben hindurch beweinen.« Nach dieser Anrede schwieg er, und hielt Wort, denn seit dieser Zeit öffnete er den Mund über diese Angelegenheit nicht mehr. Ich mußte mich dann entschließen, entweder das Vaterland zu verlassen, oder als ein treuer Romanenheld mein Leben im Gewebe der Liebe hinzuträumen, bis zu dem Tode des Herrn von Ribaupierre.