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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 10: 9
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

9

s ist ein Bild, unvergleichlich in seiner Großartigkeit. Da sind die lodernden Feuer. Dunkelrote und braune Burschen stehen herum, werfen neue Scheite auf oder stirren das Feuer, um ihm mehr Leuchtkraft zu geben. Auf der Brücke stehen Männer mit brennenden Ästen, die sie hoch empor halten, oder die sie, auf der Brücke kniend, zum Wasser richten, das die wechselnden Bilder widerspiegelt. Frauen und Mädchen, in ihren bunten Tanzkleidern und mit Blumen im Haar, Säuglinge im Arm oder Kinder an der Hand, stehen auf der Brücke oder wandern umher, sprechend zu anderen Frauen, oder in das Wasser blickend oder schnell zu einem Punkte laufend, wo gerufen worden ist, als habe man etwas gefunden oder entdeckt. Die flackernden, flammenden Scheite werfen das Licht bald hierhin, bald dorthin, wie der leichte Wind es weht. Die eine oder andere Gestalt, die man ins Auge fassen will, steht bald im vollsten Lichte da, bald im schwärzesten Schatten, bald im schwelenden Rauch halbverschleiert, bald in einer lächerlich grotesken Form, hervorgebracht durch wechselnde Streifen von hellem Licht, tiefem Schatten und wehendem Rauch.

Dann tauchen die braunen nackten Gestalten im Wasser auf oder unter, klammern sich an den Brückenpfeilern fest, um sich für eine Weile auszuruhen oder die Pflanzen, die sich ihnen um die Beine geschlungen haben, abzuzerren. Hin und wieder kriecht einer an das Ufer und geht zum Feuer, um die erstarrten Hände anzuwärmen. Breitbeinig steht er am Feuer, den Rücken dem Flusse zugekehrt und streckt die offenen Hände vorwärts zum Feuer, während ihm ein Bursche eine angezündete Zigarette in den Mund schiebt.

Hier drüben fängt ein Kind, das eingeschlafen war, zu weinen an, und ein zweites wacht davon auf und schreit. Schnell kommen die Mütter herbei und geben ihnen zu trinken. Die kleineren Kinder sind nun alle eingeschlafen und liegen zusammengekauert auf dem Erdboden. Manche sind eingewickelt in ein Tuch, manche in eine Decke, manche in eine Reitmatte, manche liegen auf einem leeren alten Sack, und wieder andere liegen auf dem nackten Erdboden. Die größeren Kinder, soweit sie nicht interessiert an dem Tauchen der Männer sind, wo sie sich in einem fort darüber streiten, ob Sanchez bis sechzig unter Wasser war oder ob Jose diesmal bis hundert unten bleiben würde, drücken sich herum und besprechen Streiche, die sie an anderen Jungen verüben wollen, oder sie probieren irgend eine neue Schleuder aus. Andere musizieren auf einer Mundharmonika.

Die Esel des Packzuges grasen in der Nähe des Ufers, und wenn sie gerade nichts weiter wissen, trompeten sie in die Nacht. Sie fühlen sich außerordentlich wohl, in der Nähe so vieler lodernder Feuer und herumlaufender Menschen zu sein. Käme jetzt ein Jaguar vorüber, sie würden ihn dreist einladen, er möge ihnen doch ein wenig Gesellschaft leisten, denn sie haben gar keine Angst vor ihm.

Die Pumpmeisterin steht in ihrer Küche und kocht Kaffee. Was sie Küche nennt, und was die Mehrzahl der anwesenden Leute eine großartige Küche nennen würden, ist ein offener Raum. Nein, Raum kann man nicht sagen. Die Küche hat nur eine Wand, und diese Wand ist gleichzeitig die Wand der Hütte. Das Grasdach der Hütte ist hier weit überhängend und bildet so die Küche. Damit das überhängende Dach infolge der Schwere nicht herunterbrechen kann, ist es an beiden Ecken sowie in der Mitte mit einem Stamm gestützt. Durch diese drei rohen Stämme wird die Küche abgegrenzt. Der Küchenofen ist eine große flache Kiste, die mit Erde ausgefüllt ist und auf vier Pfählen ruht in einer Höhe, daß sie recht handlich für die Frau ist. Auf dieser Erde in der Kiste brennt ein offenes Holzfeuer, dessen Flammen durch einige rohe Steine zusammengehalten werden, damit die Hitze dicht an die Blechkanne kommt, die unmittelbar auf dem brennenden Holze steht. In einem irdenen Topfe, der neben der Kanne auf dem Feuer steht, sind schwarze Bohnen zum Kochen aufgestellt, für den Fall, daß jemand Hunger bekommen sollte. Ein Blech steht bereit, auf dem die Pumpmeisterin Tortillas anzuwärmen gedenkt. Der Schilfkorb, in dem sie die Tortillas, die vom letzten Mahle übriggeblieben sind, aufbewahrt, hängt an einem Draht, der an einem der Stämme befestigt ist, die das Gras des Daches halten.

Die Garza ist zu ihrer eigenen Hütte gegangen. Was sie dort sucht oder erwartet, weiß sie selbst nicht zu sagen. Sie kommt jetzt wieder über die Brücke zurück, die Laterne an der herunterhängenden Hand tragend. Eine Weile sieht sie den Tauchenden zu, dann geht sie weiter zur Pumpe, völlig gedankenlos und in einer Weise, als ginge sie das alles, was hier geschieht, nichts an.

Manuel sitzt stumpf und brütend auf einer Bank. Als er die Garza plötzlich vor sich sieht, blickt er sie groß mit leeren Augen an wie irgendeine Fremde. Dann, als ob ihm etwas einfiele, steht er rasch auf, geht über die Brücke und wandert auf dem sandigen Wege, der auf der anderen Seite durch den Dschungel zu fernen Dörfern führt, in die Nacht hinaus.

Der Pumpmeister wirft unermüdlich seinen schweren eisernen Haken hinaus in den Fluß und zieht ihn sorgfältig ein, manchmal leer, manchmal mit einer Last Wasserpflanzen und Gestrüpp beladen.

Die Tauchenden fangen an müde zu werden. Immer seltener tauchen sie unter, und immer länger müssen sie sich an die Brückenpfeiler klammern oder in der Nähe des Ufers ausruhen, wo das Wasser weniger tief ist und wo sie stehen können. Da das Wasser nun kühler wird, fangen sie auch noch an zu frieren. Der weißhaarige Alte muß aufgeben. Bald schwimmen auch die jüngeren ans Ufer, holen sich ihre Hosen, Hemden und Sandalen und laufen zu den Feuern, die ebenfalls Zeichen von Müdigkeit zeigen und lange nicht mehr so lodernd und lebhaft brennen wie eine Stunde bevor. Denn die Burschen und Männer müssen immer weiter in den Dschungel kriechen, um das notwendige Holz heranzuschleppen.

Schließlich fallen die Feuer gänzlich zusammen, und sie sind bald nur noch Gluthaufen. Die flammenden Äste und Scheite, die auf der Brücke als Fackeln dienten, sind nur noch funkensprühende Keulen, die ausgedient haben und wertlos sind, nun ins Wasser geschleudert oder in die Gluthaufen am Ufer geworfen werden.

An der Pumpe ist eine der Laternen ausgegangen, und ein Junge läuft mit der Laterne zu den Hütten, um Petroleum zu borgen.

Zwei der Taucher stehen an einem Gluthaufen auf dieser Seite und rauchen. Sie haben sich nicht angekleidet, sondern nur das Hemd um die Hüften gewickelt, um wieder bereit zu sein, sobald sie gerufen werden sollten. Denn es kann ja jemand einen neuen Gedanken haben.

Die Leute alle, insbesondere die Männer, die im Fluß getaucht haben, halten nun die Geschichte, die die Garza erzählte, für wahrscheinlich, und dennoch glaubt niemand, daß der Junge im Wasser ist. Sie haben keinen andern Gegenbeweis als allein nur den, daß ein Mensch, auch wenn er nur ein Junge ist, nicht so leicht und geräuschlos stirbt. Der Tod ist ein so großer Vorgang, daß er nie schweigend sein kann. Da ist immer Geschrei damit verknüpft oder Schießen oder Stechen oder Mit-dem-Pferde-Stürzen oder der Krach eines gefällten Baumes oder das Plätschern und Kreischen eines ins Wasser Gefallenen oder das Herumwälzen des an den Blattern Erkrankten. Daß der Tod inmitten von sechzig oder mehr Menschen, die sich zum Tanze versammelt haben, so ganz still erscheinen kann, ohne daß sich auch nur die Luft bewegt, das begreift keiner von diesen Leuten. Man hat auch nur alles das getan, um der Mutter zu zeigen, daß sie nicht allein auf der Welt ist, und daß man das einzige Hemd, das man hat, hergeben würde, könnte man ihr dafür den Sohn zurückbringen.

Nun beginnen einige Männer mit einer langen Stange, die sie sich geschaffen haben dadurch, daß sie zwei dünne Stämme mit Bast zusammenbanden, den Grund des Flusses an der Brücke entlang abzutasten, weil jemand den Gedanken hatte, man könne mit einer Stange den Körper deutlich fühlen, falls er überhaupt im Wasser sei.

Das Bild hat sich inzwischen völlig verändert.

An den glimmenden verlöschenden Feuern sitzen oder stehen die braunen Gestalten herum, rauchend und redend. Sie sind so ungewiß beleuchtet, daß man nur bewegende Schatten sieht. Ein erregtes Gespräch hebt an, das plötzlich abbricht, als habe es die Nacht verschlungen, um bei einer anderen Gruppe auszubrechen, als sei es unterirdisch hinübergekrochen. Dann hört man nur halblautes Reden, aber man sieht heftige und eindringliche Gesten. Auf der Brücke sitzen andere, kauern oder halten die Beine über den Rand der Brücke und schaukeln mit den Füßen. Andere wieder, die nichts Besseres zu tun wissen, wehen die verglimmenden Äste durch die schwarze Luft und zeichnen funkelnde Figuren.

Irgendwo in einem Winkel der Nacht wird auf der Mundharmonika gespielt. Aus einem anderen Winkel der Finsternis hört man das Kichern eines Mädchens und das hastige, unterdrückte und erregte Sprechen eines Mannes. Dann wieder, von einem anderen Winkel her ein hartes, abweisendes Hin- und Herreden eines Paares, das sich verkrochen hat. Von ferner her tönt das unternehmende lustige Pfeifen eines Burschen, der in der Stimmung eines Siegers zu sein scheint. Auf dem Pumpplatze haben sich wieder Gruppen gebildet, die meist mit langen Pausen sprechen, weil schon alles zwanzigmal gesagt worden ist. Die Frauen und Mädchen sitzen herum oder gehen, ohne sich jedoch vorzudrängen, zur Küche der Pumpmeisterin, wo sie heißen Kaffee in kleinen Emailletassen erhalten. Der Kaffee ist schwarz, und jedesmal, wenn die Frau eine Tasse hinreicht, deutet sie auf eine Konservenbüchse, die mit Zucker gefüllt ist, und neben der ein kleiner Löffel liegt.

Die Pumpmeisterin hat nur fünf Tassen, alle verschieden in Form und Farbe, und mit diesen fünf Tassen versorgt sie alle Frauen mit Kaffee. Aber der Kaffee ist bald alle, und die Pumpmeisterin beeilt sich, frischen zu kochen.

Niemand trinkt mehr als eine kleine Tasse, manche der Frauen trinkt die Tasse nur halb und reicht die andere Hälfte ihrer Nachbarin; denn die Nacht ist nun recht hübsch kühl geworden, und jedem wird ein Schluck heißer Kaffee wohl tun.

Auf der Brücke sind einige der Männer immer noch damit beschäftigt, die Längsseiten der Brücke Schritt für Schritt mit der Stange abzutasten.

Jetzt krähen die Hähne zum erstenmal in der Nacht. Also ist es elf Uhr.