Der Pumpmeister hat sein Suchen und Fischen mit dem Haken aufgegeben. Der Haken liegt verlassen auf der Brücke, und der Pumpmeister steht nun auch bei den Gruppen in der Nähe der Pumpe. Er erzählt von einigen Todesfällen, die er erlebt hat, die aber in gar keiner Beziehung zu diesem Ereignis stehen.
Die Garza war die erste, der Kaffee angeboten wurde. Sie ist der respektierte Ehrengast der Pumpmeisterin. Und die Pumpmeisterin ist hier in dieser Dschungelsiedlung ungefähr dasselbe, was eine Baronin in einem armseligen Bergdörfchen in einem europäischen Lande ist. Sie kann ein wenig lesen und ein wenig schreiben, und sie ist deshalb eine hochgebildete Frau, die in die Schule gegangen ist. Ihre Kinder haben keine Läuse oder nur hin und wieder ein paar, und sie laufen nur selten nackt herum. Wenn sie auch nicht gerade immer ein Hemd an haben, so doch wenigstens eine Hose oder ein Röckchen. Das kann man nicht einmal von den Kindern Sleighs sagen. Die Frau Pumpmeisterin selbst hat vier verschiedene Musselinkleider und wenigstens drei Hemden. Mehr hat sie nicht, das weiß jeder. Hosen hat sie sogar vier, von denen zwei aber nicht mehr ganz für voll gerechnet werden können. Sie hat Ohrringe, echtes Gold. Auch hat sie einen spanischen Kamm fürs Haar, der mit Perlchen besetzt ist. Diese Perlchen, weiß auch jeder, sind aber nicht echt. Der Pumpmeister hat einen Sonntagsanzug mit einer Jacke. Sie haben eine Uhr im Hause, eine Weckuhr, ferner einen Spiegel, sogar ein Messer, nicht zu reden von den beiden Gabeln, die sie haben. Und was das größte ist, ein eisernes Bett mit Drahtmatratze. Wer hat das sonst noch? Vielleicht der Präsident in der Hauptstadt. Aber kein Wunder, der Pumpmeister gehört ja zur Eisenbahn. Da ist nichts in der Welt, das größer wäre. Und was die Pumpmeisterin sagt, ist mehr wert, als was der Priester sagt, bei dem man nie weiß, was er meint und was er vielleicht hintennach beabsichtigen mag. Wenn man mit der Frau Pumpmeisterin gut befreundet ist, kann man die Königin von England leicht entbehren. Ob die Königin von England zwei Paar gelbseidene Strümpfe hat und drei Taschentücher, von denen eines gestickte Kanten hat, das soll erst noch bewiesen werden. Denn was die Leute so erzählen, darf man noch lange nicht immer glauben.
In eine Gruppe, die weiter ab von der Pumpe steht, kommt plötzlich Bewegung. Man hört schnelles Sprechen und Fragen.
„Der Junge war nicht da?“ klingt nun eine Stimme deutlich heraus.
Der Eseltreiber und der ihn begleitende Junge sind von Tamalan zurückgekommen.
„Nein, er war nicht dort.“
„Habt ihr denn überall herumgefragt?“
„Ganz natürlich. Alles schlief, und wir sind in jede Hütte gegangen, haben die Leute aufgeweckt und nach dem Kleinen gefragt.“
„Habt ihr euch auch erkundigt, ob vielleicht der Kleine durchgekommen ist?“
„Auch das haben wir getan. Es ist heute niemand aus Tamalan hier herum gewesen und auch niemand aus der hiesigen Gegend dort vorbeigekommen. Die Hunde würden gelärmt haben, wenn da jemand in der Nacht durchgeritten wäre.“
„Und auf dem Wege?“
„Auf dem Wege war keine frische Spur, wir haben abgeleuchtet. In der Richtung nach Tamalan sind die nicht geritten.“ Die redende Gruppe kommt näher heran, bis sie im Licht der Laterne steht. Das Gespräch ebbt ab, weil man nichts mehr zu fragen weiß.
Die Garza steht auf von ihrem Sitz und sieht auf den Eseltreiber, der seine Augen verlegen von einem zum andern wandern läßt. Er will jetzt etwas zur Garza sagen. Aber in diesem Augenblick setzt sie sich wieder. Sie weiß es schon. Der Eseltreiber wendet sich langsam um. Er hat einen Ausdruck im Gesicht, als ob er am Tode oder wenigstens am Verschwinden des Kleinen schuld wäre. Erst als er ganz aus dem Gesichtskreis der Frau heraus ist, sich zwischen eine Gruppe von Männern gemischt hat und eine Zigarette raucht, fühlt er sich wieder wohler.
Ich gehe zur Brücke, wo ein Indianer weiter mit der Stange tastet, während ein anderer dicht neben ihm auf der Brücke kniet und mit einer Laterne immer da ins Wasser leuchtet, wo der andere mit der Stange hineinfühlt.
Da mit einemmal läßt der Mann die Stange auf dem Grunde, dreht sich um, sieht mich mit großen Augen an und sagt halblaut: „Senjor, ich habe ihn. Da fühlen Sie selbst.“
„Seien Sie ganz ruhig, Perez,“ gebe ich zur Antwort, „sonst haben wir gleich alle Leute hier, und wir können nichts tun. Wir wollen erst durchaus sicher sein. Halten Sie die Stange ruhig an der Stelle.“
Ich trete nun dicht an seine Seite und nehme ihm die Stange behutsam ab. Ich taste am Grunde und fühle in der Tat etwas, das ein menschlicher oder tierischer Körper sein könnte. Vorsichtig, um den Grund nicht aufzurühren und den Körper vielleicht fortschwemmen zu lassen, hebe ich die Stange und führe sie, leise suchend, wieder nach unten, um das Gefühl voll in die Fingerspitzen zu lenken. Und wieder fühle ich den Körper.
„Na?“ fragt Perez.
„Sicher bin ich noch nicht“, erwidere ich.
Ich taste nun weiter, ob dieser Fund auch die Ausdehnung eines menschlichen Körpers hat, denn bis jetzt haben wir ja nur einen Ballen, der die Brust oder der Unterleib sein kann oder der Oberschenkel. Aber der Fund hat keine Ausdehnung in der Länge, sondern die Ausdehnung geht gleichmäßig nach jeder Richtung, und nach langem geduldigen Abfühlen komme ich zur Überzeugung, daß der vermeintliche Körper ein versandeter Ballen Gras oder dünner Strauchäste ist, der sich dort unten irgendwie festgehakt hat. Was immer es auch sein mag, der Körper eines Kindes ist es nicht. Perez sieht ein, daß er sich geirrt hatte. Er gibt jetzt auch auf, setzt sich auf die Brücke und dreht sich eine Zigarette.
Nach einer Weile gehen wir zur Pumpe, und die Pumpmeisterin bietet uns Kaffee an, Bohnen und Tortillas; denn inzwischen waren die Männer an die Reihe gekommen, Kaffee trinken zu dürfen. Der Kaffee steht in den fünf Tassen eingegossen auf einem hölzernen Gegenstand, den die Pumpmeisterin ihren Küchentisch nennt. Wer von den Männern Durst auf Kaffee empfindet, kommt heran, nimmt sich eine Tasse, schüttet Zucker hinein, und wenn er sie ganz oder halb ausgetrunken hat, stellt er sie wieder auf das Brett, damit ein anderer trinken kann. Auf Frijoles und Tortillas habe ich augenblicklich keinen Appetit, dagegen tut der Schluck Kaffee mir so wohl, daß die Pumpmeisterin mir das Behagen ansieht und lächelnd fragt: „Mas?“ Da ich sehe, daß drei volle Tassen unberührt dastehen und die Männer offenbar alle schon getrunken haben in der Zeit, während ich mit Perez an der Brücke fischte, kann ich dem Angebot nicht widerstehen, wofür mich die Pumpmeisterin dankbar anblickt, daß ich ihren Kaffee für so gut befinde.
Die Brücke ist nun ganz verlassen. Niemand ist in ihrer Nähe. Hier stehen die Leute wieder in Gruppen umher und schwatzen. Die Mädchen und Frauen sitzen herum, wo sie etwas zum Sitzen gefunden haben, und schwatzen und lachen. Durch den Kaffee ist alles mehr lebendig geworden. Die Welt scheint nicht mehr so düster auszusehen. Man hat vollständig vergessen, was während der letzten Stunden alle Anwesenden erfüllte. Die zunehmende Müdigkeit der Leute, die alle seit Sonnenaufgang auf den Beinen sind, läßt die Gefühle erschlaffen. Man sieht die Garza sogar zwei- oder dreimal lachen. Es hat sich dadurch, daß der Junge im Fluß nicht gefunden wurde, die Gewißheit festgesetzt, daß der Kleine nicht ins Wasser gefallen ist, sondern daß er entweder nach Magiscatzin geritten ist, wie die beiden Jungen behaupten, oder aber, daß er in irgendeinem Winkel sich hingelegt hat und eingeschlafen ist.
Man hat sich darüber geeinigt, daß man warten wolle, bis Garza von Magiscatzin zurück ist. Sollte er den Jungen nicht bringen und auch nichts erfahren haben, so wolle man bis Sonnenaufgang hier beieinander sitzenbleiben und dann bei Tageslicht von neuem den Fluß absuchen. Die Stimmung ist im Grunde die gleiche, die bis zu jenem Augenblick herrschte, an dem der Junge vermißt wurde.
Ein paar Männer, denen das Herumstehen zu langweilig wurde, haben sich wieder zur Brücke aufgemacht und fangen abermals an, mit der Stange zu tasten und mit dem Haken zu fischen. Plötzlich fängt auch die Garza wieder an zu schreien, und sie rennt wie rasend zu der Brücke und gebärdet sich, als ob sie hineinspringen wolle. Sie schwenkt die Laterne über das Wasser, während sie sich weit hinüberlehnt, und schreit unaufhörlich: „Mein Kleiner! Mein Liebling! Ninjo, ninjo mio!“ Der Pumpmeister und noch ein anderer Mann laufen herbei und halten sie fest. Sie wehrt sich, schlägt um sich und kreischt: „Laßt mich los! Was wollt ihr denn von mir?“