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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 12: 11
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

11

n der Nähe der Pumpe bildet sich jetzt eine Gruppe von Männern, die immer größer wird. Es wird lebhaft geredet, zugestimmt, genickt, gestikuliert. Der Wortführer ist jener weißhaarige alte Indianer, der mit den jungen Männern getaucht und endlich, ganz blau gefroren, hatte aufgeben müssen. Die Gruppe, den heftig redenden Alten in der Mitte, bewegt sich der Hütte des Pumpmeisters zu.

Auch die Brücke wird wieder belebter, obgleich sich doch nichts Neues ereignet hat. Überall sieht man eine merkwürdige Geschäftigkeit. Hier auf der Brücke weiß man nicht, was jene Gruppe beabsichtigt. Aber man legt offenbar keinen Wert darauf, es zu erfahren. Es wird immer emsiger gefischt und getastet.

Nun gehe ich hinüber zur Pumpe, und ich höre, wie der Alte zu der Pumpmeisterin sagt: „Eine starke Kerze, ja.“

„Ich habe nur ein paar dünne im Hause“, antwortet die Frau.

„Wer hat denn wohl hier eine dickere Kerze?“ fragt der Alte.

„Ich glaube nicht, daß jemand hier überhaupt Kerzen hat, und wenn da noch welche sind, dann auch nur die dünnen. Aber die fallen ja immer zusammen“, erklärt die Pumpmeisterin.

„Ja, wenn wir nur eine Kerze hätten“, wiederholt der Alte.

„Oiga!“ sagt nun die Pumpmeisterin. „Ich habe noch eine Kerze, aber das ist eine geweihte, die ich noch hier habe von einem Corpus-Christi-Fest.“

„Die ist um so besser,“ nickt der Alte, „bringen Sie die nur her.“

Die Pumpmeisterin nimmt eine Laterne und verschwindet in ihrer Hütte.

Der Alte sieht sich um und entdeckt eine Kiste, die bisher als Sitz diente. Er schleift die Kiste unter das Licht der Laterne und bricht ein Brett heraus. Es ist ein ganz dünnes Brett, etwas länger als breit. Er sieht über die Fläche und untersucht, ob das Brett auch ganz eben ist, ob auch alle vier Ecken gleichmäßig aufliegen.

„Das Brett wird gehen“, sagt er zu den Umstehenden, die nicht wissen, was er vorhat.

Nun kommt die Pumpmeisterin heraus, sie hat in der Hand eine halbabgebrannte Kerze, von der Art jener starken Kerzen, die von Kindern bei kirchlichen Festen getragen werden.

Der Alte legt das Brett auf den Erdboden, hängt die Laterne ab, stellt sie neben das Brett und markiert mit dem Fingernagel die genaue Mitte des Brettes. Dann zündet er die Kerze an, tropft auf den markierten Mittelpunkt des Brettes Stearin und klebt die Kerze mit großer Sorgfalt auf dem Brette fest. Die Laterne hängt er nun wieder zurück an den Stamm.

Die Männer, die herumstehen, sehen aufmerksam zu, wissen jedoch nicht, worauf das alles abzielt, fragen aber auch nicht, um den Alten nicht zu stören.

Nun hebt der Alte das Brett mit dem brennenden Licht auf und trägt es vor sich zum Ufer des Flusses. Die Männer und auch eine Anzahl Frauen folgen ihm. Auf der Brücke wird man aufmerksam. Das Suchen und Fischen wird eingestellt, und auch diese Leute kommen näher, bleiben aber alle auf der Brücke stehen, um das Ereignis besser zu beobachten.

Eine uralte Indianerin hockt auf der Brücke, sieht auch zu, ist aber nicht neugierig und viel weniger interessiert an den Vorgängen als sonst irgend jemand. Sie raucht und raucht. Immer wenn sie einen Zug getan hat, betrachtet sie die Zigarette und drückt das Maisblatt etwas fester zusammen. Ich habe das Empfinden, daß sie außer dem alten Manne die einzige Person hier ist, die weiß, was da vor sich gehen soll. Ich hocke mich neben sie und gehe geradeswegs auf den Kernpunkt los: „Was wollen denn die da tun?“

„Die werden jetzt den Bastard suchen.“ Sie sagt das so leicht und so selbstverständlich, als ob sie an dem Erfolge nicht mit dem leisesten Gedanken zweifle.

„Wie meinen Sie das, Senjora? Suchen?“

„Ja suchen. Und nun werden sie ihn auch gleich haben, wenn er überhaupt im Wasser ist.“

„Wir haben doch die ganze Zeit gesucht und haben ihn nicht gefunden“, sage ich, um sie mehr zum Reden und zum Erklären zu bringen.

Sie grinst ironisch. „Wie das heutzutage die Esel tun, die ja so klug sind und alles besser wissen, so werden die das Böckchen nie finden. Da können sie alle miteinander suchen, vier Wochen lang. Und wenn er nicht von selber auftreibt und die Caimans und das Fisch- und Krabbenzeug noch etwas von ihm übriglassen, so kriegt ihn sein Vater nie mehr zu Gesicht.“

„Aber was hat denn das Licht damit zu tun? Wir haben doch tausendmal und überall herumgeleuchtet, und das Licht ist doch nicht heller als die Fackeln und Feuer, die wir hatten.“

„Ihr mit euren Laternen und Haken und Stangen. Das ist alles für den Hund, aber nicht für einen Menschen. Das Licht findet ihn ganz von selbst, wir brauchen nur aufzupassen, wo es hingeht.“

„Wie kann denn das Licht ihn finden, wenn wir ihn nicht finden?“

Auf diese Frage schweigt sie eine Weile, zieht ein paarmal an der Zigarette, betrachtet sich die Zigarette dann mit gedankenvollen Augen und sieht mich an, als ob sie überlegen wolle, ob ich einer Antwort wert sei.

Ich dränge nicht, sondern blicke nur hinüber zu der Gruppe, die sich jetzt in einem Kreise um den Alten sammelt, der in der Mitte steht und das Brett mit dem Licht in halber Armeslänge vor sich hält. Er sieht jetzt aus wie ein alter heidnischer Priester, der eine geheimnisvolle religiöse Handlung vorzunehmen bereit ist.

Die Alte betrachtet mich mit halbgeschlossenen Augen, und da sie offenbar bemerkt, daß ich sehr ernst bleibe und die Vorgänge am Ufer mit keiner Geste oder Miene abfällig beurteile, spricht sie, mich unausgesetzt im Auge behaltend: „Der Junge ruft doch unausgesetzt.“

„Der Junge ruft?“ frage ich erstaunt. „Ich höre nichts.“

„Freilich nicht“, sagt die Alte. „Ich kann das auch nicht hören. Kein Mensch kann das Rufen hören. Aber das Licht hört das Rufen.“

„Das Licht?“ frage ich. Und weil ich glaube, nicht genau verstanden zu haben, was sie in ihrem vermischten Dialekt gesagt hat, frage ich noch einmal: „Sie wollen sagen, das Licht hört das Rufen!“

„Wenn er überhaupt im Wasser ist, dann ruft er. Und er wird das Licht zu sich heranrufen. Und das Licht wird kommen. Das Licht wird zu ihm kommen und wird bei ihm stehenbleiben, weil es seiner Stimme folgen muß.“

Es war Nacht. Beinahe Mitternacht. Und es war im Dschungel, und ich war mitten unter Indianern. Als die Alte das so erzählte, als ob es sich um irgend etwas ganz Alltägliches handele, kam mir der Gedanke, daß entweder sie irre ist, oder ich bin es. Aber ich hatte auch gleichzeitig das Gefühl, daß in dieser Umgebung, unter diesen Umständen und unter diesen Vorgängen, die sich seit nun etwa vier Stunden zugetragen hatten, alles andere, was die Alte mir erzählt haben würde, unnatürlich geklungen hätte, daß sie gar nicht anders reden konnte, als sie in Wirklichkeit tat.

Ich blieb bei ihr hocken. Sie sagte nichts mehr, rauchte ruhig weiter und blickte gleichgültig zu der großen Gruppe hinüber. Der Alte hielt das Brett mit dem brennenden Licht noch weiter vor sich und begann nun laut zu reden. Es war wie eine Beschwörung. Nach einer langen Reihe von Worten folgte jedesmal ein Satz, der durch eine Pause eingeleitet wurde und mit gehobener Stimme gesprochen wurde. Dieser Satz wurde von allen Anwesenden in einem singenden getragenen Tone als Refrain nachgesprochen.

Alle Männer hatten den Hut in der Hand und folgten der Zeremonie ernst und feierlich.

Es kam häufig das Wort „Heilige Jungfrau“ darin vor, was als Refrain gesprochen wurde. Aber das Gefühl, daß, wenn die Indianer beten, sie zwar den Namen des christlichen Gottes und der christlichen Heiligen auf den Lippen tragen, jedoch in ihrer Vorstellung ihre alten heidnischen Götter haben, hatte ich vorher nie so stark und unabweisbar empfunden wie in dieser Nacht. Sie sprachen „Heilige Jungfrau“, aber sie meinten die indianische Göttin Cioacoatl. Wie kann ein zimtbrauner Indianer sich vorstellen, daß die gnadenreiche Göttin, die er bittet, in seinem Herzen zu wohnen, eine weiße Hautfarbe hat, die Farbe, die ihn an Leichen und an Aas erinnert, die Farbe einer Haut, deren Ausdünstung ihm unangenehm ist? Die Namen der Götter und Göttinnen hat er gewechselt, ihre Gestalt, ihre Hautfarbe, ihr Wesen nicht.

Diese Beschwörung geht eine gute Weile nun vor sich. Endlich hebt der Alte das Brett sehr hoch, so hoch seine Arme reichen, so daß es sich im Wasser widerspiegelt, und spricht noch einen langen Satz, der mit einem von allen gesprochenen Refrain endet.

Blitzschnell hat sich Perez ausgekleidet, und während er bis zu den Schenkeln im Wasser steht, reicht ihm der Alte das Brett mit der brennenden Kerze.

Perez hält das Brett hoch über sich und watet in den Fluß, bis ihm das Wasser über die Hüften reicht. Jetzt wartet er eine Zeit, damit das Wasser, das durch sein Waten in Bewegung gekommen ist, sich beruhige. Dann setzt er ganz behutsam das Brett auf den Wasserspiegel und watet so ruhig als möglich zum Ufer zurück. Das Brett folgt ihm ein klein wenig, weil das Hinauswaten einige schwache Wellen zurückließ.