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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 13: 12
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

12

un steht das Brett ruhig im Wasser, als ob es entscheiden wolle, wohin es zu gehen habe.

Perez wickelt sich sein Hemd um die Lenden und tritt vom Ufer zurück, um von der Brücke aus das Brett zu beobachten. Aller Leute, die anwesend sind, bemächtigt sich jetzt eine atemlose Spannung. Die Männer haben die Hüte noch in der Hand, oder sie haben sie irgendwo hingeworfen. Niemand raucht. Man hört nicht ein Wort. Nur das Singen und Tschirpen des Dschungels tönt in der Luft. Gebannt hängen alle Augen an dem Licht. Niemand weiß, ob das Wunder vor sich gehen werde, wie es Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende vor sich gegangen ist. Ein einziger Glaube erfüllt diese Versammlung von Menschen, und nicht einer denkt, daß jenes Licht versagen könne. Es muß versagen, wenn der Junge nicht im Wasser ist; denn wenn er nicht ertrunken ist, kann er nicht rufen, und das Licht kann nur dem Rufe folgen. Plötzlich ein unterdrückter Aufschrei und der gleichzeitige Atemzug eines vielköpfigen Körpers:

Das Brett hat sich bewegt.

Unendlich langsam schwimmt es vom Ufer fort nach der Mitte des Flusses zu. Es bleibt stehen, wiegt und wackelt ein wenig auf dem Wasser und rückt, kaum merklich, wieder weiter voran.

Die ganze Front der geländerlosen Brücke ist mit Menschen besetzt, die auf dem Boden knien, die Hände auf den Balken stützen, den Kopf weit über den Rand der Brücke halten und mit stieren Augen auf das Brett starren. Niemand wagt zu atmen, teils aus Spannung, teils aus einem Gedanken heraus, daß der Atem den Lauf des Brettes beeinflussen könne.

Ich sehe alle diese braunen, dunkelroten und dunkelgelben Gestalten der Reihe nach an. Die schwarzen Augen spiegeln in einem Funken das Licht auf dem Brette wider. Nackte Körper und von zerfetzten Hemden halbbedeckte Körper. Auf den Scheiteln und in den Nacken das dicke, schwarze, strähnige, ölig glänzende Haar. Die Füße nackt oder mit rohen Sandalen bekleidet. Dazwischen die Frauen mit ihren roten, grünen, blauen und gelben Gazekleidern und mit grellfarbenen Blumen im Haar, durch den Gegensatz ihrer europäisch erscheinenden, in modernen Fabriken hergestellten Kleidung viel unheimlicher wirkend als die Männer, deren halbe oder zerlumpte Kleidung natürlicher und harmonischer erscheint.

Der Gedanke an die mysteriöse Handlung, die diese unheimlichen Gestalten vornehmen, ihre abergläubische Hoffnung, daß das Wunder sich vollziehen werde, das trübe Licht der Laternen von der Pumpe her, das flackernde Aufflammen eines der Uferfeuer, das wieder angefacht worden ist, das schwimmende Brett mit dem Licht im Wasser, das der Mittelpunkt aller Augen ist, das dumpfe Schweigen dieser Masse von Menschen und das Singen des Dschungels, beginnt so entsetzlich auf mir zu lasten, daß ich fühle, mich nur durch einen gewaltigen Schrei von dem Alpdruck, der mir die Kehle abschnürt, befreien zu können. Wo ist die Welt? Wo ist die Menschheit geblieben? Ich bin auf einem anderen Planeten, von dem ich nie mehr zurück kann, zu meiner Rasse, zu meinen Wiesen und meinen Wäldern und meinen Bergen. Ein einziger hier braucht jetzt nur aufzustehen, mit dem Finger auf mich zu weisen und zu sagen: „Der da, der Weiße, der Fremde, der ist schuld; der hat das Unglück über die Mutter und über uns alle gebracht. Er ist hierher gekommen, und sofort hat der Fluß, der ihn haßt, uns das Kind geraubt. Seht ihr es nicht an seinen Augen, mit denen er unsere Kinder vergiftet?“

Ich wäre nicht der erste Weiße, der in ein Indianerdorf kam und mit seinen Augen ein oder zwei oder gar noch mehr Kinder mordete, gesunde Frauen tödlich erkranken, kräftige Männer im Busch verunglücken ließ, Hühnern die Eier aus dem Neste wegguckte und die Jaguare herbeisang, um die schönsten jungen Kühe zu schlagen. Und wenn sie mir hier meine Zauberei und Morderei heimzahlen und ich nicht wieder zurückkehre, wer wird je erfahren, wo ich geblieben bin, wo meine Gebeine faulen und meine Knochen bleichen? Die Geier arbeiten schneller als die Alligatoren und die Riesenkrebse. „Auf einer Reise durch den Dschungel umgekommen.“ „Beim Fischen von Alligatoren gepackt worden.“

Aber warum sollte ich Unbehagen empfinden? Da steht ja Sleigh, weiß am Körper wie ich, Gedanken, die ich denke, Sprache, die ich spreche. Er steht hinter den Knienden und blickt ebenfalls nach jenem Brette. Sollte diese Masse von einem dummen, ihr aber sehr vernünftig erscheinenden Gedanken ergriffen werden, Sleigh ist meine Rettung. Er würde an seinem großen Hute rücken und würde sagen: „Aber das dürft ihr doch nicht machen. Das ist ja dumm. Er hat den Jungen nicht ins Wasser geworfen.“ Dann würde er sich zu mir wenden und sagen: „Ich muß nach der schwarzen Kuh sehen, vielleicht ist sie jetzt hereingekommen.“ Und dann würde er mich allein lassen. Wenn ich in Stücke gerissen bin, wird er zurückkommen und zu den Leuten sagen: „Wer hätte so etwas gedacht? Ich glaube nicht, daß er den Jungen ins Wasser geworfen hat.“ Sleigh! Wer ist Sleigh? Er lebt ein halbes Menschenalter unter diesen Indianern, er hat eine Indianerin zur Frau und hat Kinder mit ihr. Er ißt nur indianische Kost und fühlt sich in einem Hause, wie es hier Weiße haben, ungemütlich. Nicht der aus einer Kreuzung hervorgegangene Wolfshund ist er, nein, er ist der aus Bewußtsein und aus Gleichgültigkeit gegenüber dem zivilisierten Menschen sich selbst erzeugte Wolfshund. Ohne eine Miene zu verziehen, wird er dabeistehen, wenn diese erregte Masse plötzlich eine lächerliche Idee bekommt und mich zerfleischt.

* * *

Das Brett ist jetzt etwa fünf Schritte vom Ufer entfernt. Es rastet wieder eine Weile, beginnt nun zu quirlen und gerät quirlend in die Strömung des Flusses. Die Strömung ist eine ganz leichte, sie ist kaum bemerkbar, aber doch vorhanden. Einen Schritt folgt das Brett der langsamen Strömung, dann bleibt es stehen und quirlt wieder auf der Stelle.

Abermals folgt es der Strömung drei oder vier Schritte, was eine gute Weile in Anspruch nimmt. Und abermals steht es, quirlt herum und kommt nun ganz langsam zurück, der Strömung entgegen.

Die Menge findet nichts Auffallendes oder gar Verwunderliches in der Tatsache, daß jenes Brett der Strömung entgegengleitet. Das erscheint diesen Leuten in dem Falle durchaus natürlich. Sie sind nunmehr überzeugt, daß der Junge im Wasser ist, daß er ruft, und daß er nicht die Strömung hinuntergeschwemmt ist.

Das Brett kommt zurück, so langsam freilich, daß man sein Kommen nur bemerken kann, wenn man die Punkte markiert, wo es vor einer Weile war, und wo es jetzt ist.

Nun hat es sich verfangen in dem Geäst eines irgendwo am Ufer abgerissenen Strauches, der sich in Wasserpflanzen festgehängt hat.

Regungslos sieht die Menge zu, und auf den Gesichtern vieler zeigt sich Enttäuschung. Einer der Männer will hineinspringen, um das Brett zu befreien, aber der alte Indianer verbietet es ihm und sagt: „Kein Strauch und nichts kann das Brett festhalten. Laßt uns geduldig warten.“

Und in der Tat, es dauert nicht allzulange, da quirlt das Brett wieder und dreht sich aus den umklammernden Ästen heraus. Es schwimmt weiter der Strömung entgegen, und langsam kommt es wieder auf die Brücke zu.

Nun steht es am siebenten Pfeiler, stößt leicht gegen ihn und wird wieder abgestoßen. Es beginnt nunmehr auf den sechsten Pfeiler loszuwandern. Dort angekommen steht es lange und ganz ruhig.

„Jetzt steht es! Da ist der Junge!“ wird von einem Dutzend Stimmen gleichzeitig gerufen.

„Laßt uns warten!“ sagt der Alte. „Das Licht steht noch nicht.“

Und kaum hat er das gesagt, da löst sich das Brett von dem Pfeiler los und wandert, immer längsseit der Brücke haltend, auf den fünften Pfeiler zu. Auf seinem Wege wird es wieder und wieder von der leisen Strömung getroffen, wodurch es mehrere Male von der Brücke einen Fuß oder einen halben abgetrieben wird. Aber immer kommt es zurück zur Brücke mit einer Beharrlichkeit, als würde es von einem festen Willen gelenkt.

Es hängt nun wieder am fünften Pfeiler. Aber nicht lange. Dann dreht es sich um diesen Pfeiler und wandert schneckenlangsam unter die Brücke.

Die Leute klammern sich mit den Händen fest an dem Balken und stecken die Köpfe weit herunter, um die Wanderung des Brettes besser verfolgen zu können. Ein großer Teil springt erregt auf und läuft auf die andere Längsseite der Brücke hinüber, weil man jetzt von der anderen Seite ebensoviel bereits sehen kann wie von dieser. Andere wieder haben sich in die Mitte der Brücke flach auf den Bauch gelegt und stieren durch die weiten Spalten der Bretter auf das Wasser hinunter. Das Brett ist immer dieser Pfeilerverstrebung entlang gekrochen, bis es endlich mitten unter der Brücke ist. Dort hält es eine Weile und wandert nun, immer genau mitten unter der Brücke haltend, auf den vierten Pfeiler zu, jedoch nur auf die Länge eines Fußes.

Hier steht es nun. Und hier steht es jetzt wie genagelt. Es kehrt sich weder an Strömung noch an die leichte Brise, die über das Wasser fegt.

Der Menschen bemächtigt sich eine ganz ungeheuerliche Erregung. Man hört ihr schweres Atmen. Den meisten bricht dicker perlender Schweiß aus. Das lastende Schweigen wird von einem gelegentlichen Flüstern unterbrochen, so schüchtern, als habe man Angst vor der eigenen Stimme.

Das Brett beginnt nun, ohne sich auch nur einen Finger breit von der Stelle fortzubewegen, zu tänzeln und zu schaukeln und dreht sich dabei langsam im Kreise. Es macht den Eindruck, als wolle es nach unten gehen, auf den Grund des Flusses, und als sei auf der Unterseite des Brettes ein Haken, an dem es nach unten gezerrt würde.

Der Alte beobachtet das Brett sehr scharf und ausdauernd. Endlich sagt er: „Da könnt ihr jetzt tauchen. Da liegt der Kleine.“

Eine Stelle, an der ihn niemand gesucht, niemand vermutet hätte. Denn wie kann er, der über den Rand der Brücke gestolpert ist, unter der Brücke liegen?

Perez ist schon im Wasser, und sofort folgen ihm zwei andere Männer. Perez ist der erste an der Stelle. Er schiebt das Licht beiseite und taucht unter.

Nach wenigen Sekunden kommt er wieder hoch und ruft: „Der Junge ist da. Ich habe ihn gefühlt.“

Die Leute auf der Brücke sind alle aufgestanden und sehen auf Perez, der von dem flackernden Licht trübe beleuchtet, ein unheimlich entsetztes Gesicht zeigt.

Die Garza hat den Mund weit aufgerissen, kann aber nicht schreien. Sie ballt eine Faust und steckt sie in den Mund. In ihren Augen jagen Grauen, Angst vor der letzten brutalen Wahrheit und ein schwacher Glimmer von Zweifel und Hoffnung. Nicht wissend, wohin ihren Blick zu lenken, starrt sie mit einem Ruck nach der Richtung auf den Weg nach Magiscatzin, wo der letzte Funke der Hoffnung ruhen bleibt.

Kein Wort fällt, man hört nur das leichte Scharren von Füßen auf der Brücke.

Perez ist wieder getaucht und mit ihm einer der Männer.

Sie kommen hoch mit den Händen voll faulen Ästen und Gestrüpp.

Dann tauchen sie aufs neue. Es blubbert, abgerissene Pflanzen und kleines Gesträuch quirlen hoch. Triefend taucht einer der Männer auf, und drei oder vier Sekunden später erscheint auf der Wasserfläche etwas Schwarzes, das langsam hochkommt, bis man erkennt, es ist der dichte Haarschopf des Perez. Sein Kopf ist nun ganz über Wasser. Er schüttelt sich, prustet, atmet und schluckt und kommt nun weiter nach oben. In seinen Armen hat er den kleinen Carlos, dessen Beinchen, mit den neuen Stiefelchen an den Füßen, in einen unnatürlich spitzen Winkel eingekrümmt sind.

„Chiquito mio!“ schreit die Garza und rennt zum Ufer, wo sie Perez erwartet.

Perez kommt herangewatet und steigt die niedrige Uferböschung empor. Nun steht er vor der jungen Mutter, die in ihrem grünen flimsigen Tanzkleide und mit den glutroten Blumen im Haar ihn mit weit ausgestreckten Armen empfängt. Mit unsagbar trauriger Geste, wie sie nur Tiere und Menschen des Urwaldes und Dschungels ausdrücken können, legt er den kleinen Leichnam in die ausgestreckten Arme der Mutter. Er tut es mit solcher Zartheit, als wäre der Körper hauchdünnes Glas.

In diesem Augenblick schreien die Pumpmeisterin und eine Anzahl anderer Frauen schrill auf, und der Schrei geht in das klagende Trauerschreien über, das eine Weile andauert und dann abebbt.

Die Garza hat den Kleinen gegen ihre Brust gepreßt. Mit der einen freien Hand quetscht sie seine feuchten und geschrumpelten Händchen.

Perez schleicht sich scheu hinweg, als habe er das ganze Herzeleid verursacht.