Ein älterer Indianer kommt herbei, redet auf die Mutter ein und nimmt ihr das Kind ab. Er hält den kleinen Körper an den Füßen hoch, und aus dem Munde fließt nichts als Blut und nur ganz wenig Wasser. An der Stirn wird jetzt eine dicke Beule sichtbar. Nase und Mund sind verquollen, und der Oberkiefer ist aufgeschlagen. Ich taste den nach unten hängenden Schädel ab und fühle ein kleines Loch. Eine Laterne ist jetzt zur Hand, und ich sehe, daß dieses Loch offenbar von einem Nagel herrührt.
Ein anderer Mann preßt nun den Leib des Knaben, aber auch jetzt fließt nur wenig Wasser aus dem Munde, während immer noch Blut sickert.
Der Garza laufen die Tränen dick aus den Augen, und sie schnüfft ruckweise und schwer mit der Nase, die sie einige Male mit dem Kleide abputzt. Sie versucht, die Knie des Kleinen durchzudrücken, damit die Beinchen, die so spitzwinklig in den Kniegelenken eingekrümmt sind, daß die Hacken beinahe die Oberschenkel berühren, gerade werden mögen. Trotz ihres Schmerzes denkt sie doch schon an die „schöne Leiche“, die das Kind sein soll, das letzte, was sie für ihren Kleinen tun kann. Und mit den spitzen Beinchen dürfte die Leiche wohl nie schön aussehen. Aber die Knie sind schon ganz starr, und es gelingt ihr nicht. Endlich versucht der Mann, der bisher den Leib auspreßte, die Knie durchzubiegen, und nach langem geduldigen Kneten, Drücken und Ziehen gelingt es ihm auch. Während der Mann an den Knien massiert, streichelt die Mutter die kleinen Stiefelchen, deren fabrikneuer Lackglanz an vielen Stellen der langen Einwirkung des Wassers widerstanden hat. Sie drückt und preßt die Stiefelchen, und während sie, zweifellos, dumpf die geheimnisvollen Wege des Schicksals empfindet, daß die aus inniger Bruderliebe dargebotene Gabe gleichzeitig die mittelbare Ursache des Todes des beschenkten Kindes wurde, beginnt das hineingewürgte Weinen sie zu ersticken und nun, zum erstenmal, seit der Kleine vor ihren Augen ist, stößt sie einen markerschütternden Schrei aus, der die tiefe Nacht des Dschungels aufzureißen scheint.
Die wenigen Sekunden Schweigen, die diesem Wehschrei folgen, wirken so beklemmend, als versänke die Welt. Und abermals stößt die Garza einen Schrei aus. Diesmal ist er aber nicht so gell, jedoch mehr gezogen und klagend.
Die Männer, die herumstehen, fühlen sich gedrückt und scheu. Sie schlagen die Augen nieder, tasten an ihrem Gesicht oder an ihren Kleidern verlegen hin und her. Angesichts des Schmerzes der Garza schrumpfen sie in sich zusammen und werden ganz klein und ärmlich. Sie ahnen den Schmerz der Mutter, denn sie alle haben eine Mutter gehabt, eine Mutter, die, wie alle Mütter nichteuropäischer Völker, ihre Kinder mit einer, uns tierisch anmutenden, Zärtlichkeit lieben und behandeln. Sie ahnen das Weh der Mutter, aber weil sie Männer sind, können sie das Weh nicht fühlen. Und weil sie in diesem Gefühl von der Natur benachteiligt wurden, kommen sie sich jetzt allesamt so arm, so erbärmlich und so schuldbewußt vor. Keiner wagt die Mutter zu berühren oder sie zu trösten, sie stehen da wie kleine Jungen, die sich schämen.
Da kommt die Pumpmeisterin herbei, umarmt die Garza, als ob sie sie zerpressen wollte, und küßt sie wie wild auf den Mund, auf die Backen, auf die tränenden Augen. Sie hebt ihr feines Kleid auf und trocknet der Garza die Tränen und die Nase und küßt sie wieder und wieder. Dann haben sie beide ihren Kopf auf die Schulter der anderen gelegt, halten sich fest umarmt und schreien und schreien.
Wer hätte geglaubt, daß die feine Pumpmeisterin sich je so gehen lassen würde. Die Mütter. Die Mütter. Und die Männer werden noch kleiner, noch beschämter, noch ärmer und haben nur einen Wunsch: Auch weinen zu können. Sie verzerren die Gesichter und möchten am liebsten zehn Meilen weit entfernt sein.
Die Männer beneiden die beiden, die den kleinen Leichnam hochhalten und sich damit beschäftigen können. Nur etwas zu tun haben. Und die Männer fangen an, sich zu drehen und auf den Beinen hin und her zu treten, sie sehen sich um, ob nicht irgendwo eine Arbeit für sie wartet. Sie klauben Holz auf und werfen es wieder fort, weil es ja nun nicht mehr nötig ist, ein Feuer anzuzünden.
Sleigh kommt heran, steht eine Weile unschlüssig da und sagt dann zu mir: „Ich werde Kaffee kochen gehen, damit die Garza was Warmes kriegt.“
Die Pumpmeisterin löst sich nun aus den Armen der Garza und betrachtet den Kleinen, der immer noch mit den Füßen hochgehalten wird, weil man nicht weiß, was man Besseres tun soll. Sie hebt den Kopf an, streicht das Haar zurück und streichelt das Gesicht. Über ihre Hände läuft das wässerige Blut, und mit ihrem Kleide wischt sie dem Kleinen den blutenden Mund und die blutbeschmierte Nase ab. Das Blut läuft aber gleich wieder nach.
Der Kleine hat die Stiefelchen an und kurze neue Strümpfchen. Das kurze Höschen ist alt, geflickt und hat eine Menge Löcher, wie die Hose eines jeden kleinen Jungen, der nur die eine Hose hat für den allgemeinen Gebrauch. Hosenträger hat er nicht. An deren Stelle ist eine Strippe, die von einem vorderen Knopf rechts nach einem hinteren Knopf links über die Schulter geht. Dann hat er noch ein weißes zerrissenes Hemdchen an.
Während er jetzt so hoch hängt, rutscht aus einer der Hosentaschen ein kleines Holzpfeifchen hervor. Als es herunterfallen will, fängt es die Garza auf, und als sie es betrachtet, fängt sie an zu weinen, diesmal in einem stillen wehmütigen Zuge, der sie durch und durch schüttelt. Sie schiebt das Pfeifchen oben in ihre offene Brust.
„Hat er keinen Hut gehabt?“ fragt einer der Männer.
Erregt und als ob sie von einem Zauberbann erlöst wären, drängen die Männer, die diese Frage gehört haben, heran. Es gibt Arbeit. Sie dürfen ins Wasser springen, um den Hut zu suchen und herauszufischen.
Aber die Hoffnung auf Tätigkeit war verfrüht, denn die Mutter sagt, daß der Hut im Hause sei. Das sei mit einer der Gründe gewesen, warum sie nicht geglaubt habe, daß er fortgeritten sei. Die Hälfte von dem, was sie sagt, muß man sich freilich selbst zusammenreimen.
Wir stehen noch am Ufer, dicht neben dem Anfang der Brücke. Durch die Laterne, die hier einer hochhält, wird ein Teil der Brücke beleuchtet. Ich sehe auf, weil ich an Sleigh denke, der, wie mir erscheint, vor einer Woche zu mir gesagt hat, daß er Kaffee kochen gehen wolle.
Da kommt einer von der anderen Seite des Flusses über die Brücke. Er geht schwer und schleppend wie ein sehr alter Mann. Wenn er den Fuß hebt, so ist es, als klebe der Fuß fest und als müsse er ihn erst jedesmal losreißen. Den Kopf hält er ganz tief gebeugt. Ehe ich sehe, wer es ist, kenne ich ihn an seinem städtischen Texashute. Manuel.
Jetzt hat er den Anfang der Brücke hier erreicht. Eine Weile steht er still, dann kommt er langsam heran, ohne aufzusehen. Er ist bleich, soweit es die Farbe seiner Haut nur zuläßt. Sein Gesicht ist ganz schmal geworden. Seine Augen sind matt und müde.
Die Garza sieht auf zu dem großen Jungen. Ihre Augen stehen dick mit Wasser. Sie öffnet den Mund und will etwas sagen. Aber dann läßt sie den Mund zuklappen wie ein Automat.
Manuel steht nun ganz dicht vor den beiden Männern, die den Jungen halten. Den Kopf ganz tief auf die Brust gesenkt, hebt er langsam die Arme und streckt sie weit vor sich hin mit den offenen Handflächen nach oben.
Der Indianer, der den Jungen hochhält, sieht Manuel an wie einen Geist, der plötzlich erschienen ist. Dann stützt er den Kopf des kleinen Leichnams mit der einen Hand, hält den Körper wagerecht und legt ihn schweigend in die hingestreckten Arme des großen Bruders.
Niemand sagt ein Wort. Aber alle Männer und Burschen, die inzwischen ihre Hüte wieder aufgesetzt hatten, nehmen jetzt die Hüte ab, auch die beiden Männer, die sich bis zu diesem Augenblicke mit dem Kleinen beschäftigt hatten.
Eine Weile steht Manuel jetzt so da, den Kopf immer noch tief auf die Brust gesenkt und den Kleinen in den vorgestreckten Armen haltend wie ein Opfer, das dargebracht werden soll. Er ist jetzt der einzige, der den Hut auf hat. Und dieser hellgraue, breitrandige, hohe Hut über dem tiefbraunen Gesicht, das man kaum als Gesicht erkennen kann, läßt den Vorgang unwahrscheinlicher erscheinen als einen fremdartigen Traum.
Mir wird das Bild so unerträglich, daß ich dasselbe Angstgefühl bekomme, das ich für einige Sekunden empfand, während das Brett auf dem Wasser schwamm. Um dieses Gefühl zu zerstreuen, entschließe ich mich, zu handeln, irgend etwas zu tun. Ich gehe rasch auf Manuel zu, berühre seinen Arm und sage: „Bitte!“
Ob Manuel es gehört hat oder nicht, weiß ich nicht. Er verrät durch keine Miene, daß er verstanden hat, was ich sagte. Ich aber lege meine Hand auf die Brust des Kleinen, schiebe das Hemdchen zurück und lege mein Ohr auf die Stelle, wo sein Herz ist. Ich weiß, daß der Junge so gut wie tot war, ehe er das Wasser berührt hatte, und daß er bestimmt tot war, fünf Minuten nachdem ich den Platsch – nein, nachdem ich den Fisch im Wasser hatte hochspringen hören. Denn es war ein Fisch. Zweifellos. Ich möchte nicht, daß dieser Platsch mir mein ganzes Leben hindurch im Ohr klinge, wenn ich für eine Sekunde meine Gedanken ruhen lasse.
Der kleine Körper ist eiskalt, und auch nicht das leiseste Klopfen seines so fröhlichen Herzens ist zu vernehmen. Es hat auch niemand hier gehofft. Aber sie lassen mich handeln. Ich hebe den Kopf hoch, man sieht mich fragend an, und als ob ich nicht ganz sicher gewesen sei, lege ich mein Ohr ein zweites Mal auf die kleine Brust. Diesmal länger, und ich fühle die Kälte des Todes noch stärker als zuvor. Als ich nun wieder den Kopf hebe, wende ich mich ab, ohne jemand anzublicken, obgleich ich weiß, daß alle Augen auf mich gerichtet sind, als ob ich etwas Unerwartetes zu erzählen hätte. Aber man begreift durch mein Abwenden, daß Unerwartetes nun nicht mehr eintreten kann.
Mein Angstgefühl ist verflogen. Durch diese Handlung bin ich in die Trauergemeinde aufgenommen worden, sie zählen mich zu den ihrigen, weil ich an ihrem Schmerze Anteil nehme.