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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 15: 14
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

14

anuel schreitet langsam über die Brücke, mit dem Kleinen vor der Brust. Neben ihm geht die Garza, von einer Frau begleitet, die ihren Arm um die Schulter der trauernden Mutter geschlungen hat. Hinterher folgen alle Männer und Burschen, den Hut in der Hand. Als Manuel an der Stelle der Brücke angekommen ist, unter der Carlos gefunden wurde, bleibt er einen kurzen Moment stehen. Die Garza stößt einen klagenden Schrei aus, und die Frau schlingt sie fester in ihre Arme, um sie zu trösten. Einer der Männer tritt zur Seite, ergreift sein Machete und haut an dieser Stelle des Seitenbalkens eine tiefe Kerbe in das Holz als ein Denkmal. Der Zug geht weiter, erreicht das andere Ufer und kommt über die Dschungellichtung zu dem gekehrten Platze der Hütte, wo am Abend der Garza fiedelte und Carlos dem großen Bruder das Haar zerzauste.

Wir kommen in die Hütte. In ihrem Innern ist sie eine der ärmlichsten Indianerhütten, die ich je gesehen habe. Weder Tisch noch Stühle noch Bank. Nicht einmal das einfache, zusammenklappbare Holzgestell mit einem darüber gespannten Segeltuch, das hier der Mehrzahl der Bevölkerung als Bett zu dienen hat, ist vorhanden. Ein Gerüst aus dünnen rohen Baumstämmchen, mit Bast und Bindfaden zusammengehalten, wird von dem Ehepaar als Bett benutzt. Eine alte Decke, als Kissen ein Bündel Gras. Der Schlafplatz der Jungen ist oben auf dem Grasdach der Hütte, mit dem Himmel als Decke und Moskitonetz.

In der Hütte sind vorausgeeilte Frauen schon tätig gewesen. Sie haben Kerzen herbeigeschafft, sie in leere Flaschen gesteckt und auf Kisten aufgestellt. Die Hütte bekommt dadurch ein feierliches Aussehen, das die Garza, als sie beim Eintreten die Lichter erblickt, zu einem erneuten Ausbruch des Schmerzes hinreißt. Aber sie schüttelt den Schmerz diesmal rasch ab und fängt an, sehr geschäftig zu werden. Zuerst weiß sie nicht recht, wo beginnen. Sie rennt in diese Ecke, dann in jene, ergreift diesen Gegenstand, dann wieder einen andern und legt ihn wieder aus den Händen. Dann endlich geht sie zu einer Kiste, die auf dem Erdboden steht und die der Kleiderschrank der Familie ist, und nimmt einen völlig zerknitterten und verkrumpelten Ballen Stoff heraus. Sie hält ihn eine Weile in der Hand und dreht sich suchend um.

Da sitzt Manuel hockend auf einem Sack, der zu einem Drittel mit Maiskolben gefüllt ist. Er sitzt da wie eine Bronzestatue, den Kopf noch immer gesenkt und auf den Armen den kleinen Bruder vor sich.

Sleigh erscheint im Eingang des Jacalito. Auf dem Kopfe trägt er seinen Tisch, den einzigen, den er hat. Er läßt ihn jetzt herunter und bringt ihn in die Hütte, wo er ihn in der Mitte, dem Eingang gegenüber aufstellt. Gleich darauf kommt die Pumpmeisterin mit zwei weißen Bettüchern, die sie auf dem Tisch ausbreitet.

Manuel steht auf und legt den Kleinen auf den Tisch. Er sieht auf ihn nieder, dann dreht er sich um und geht hinaus in die Nacht.

Die Garza umklammert die kleinen Händchen, die zerweicht und alt aussehen, und preßt sie so hart, als wollte sie ihnen damit wieder Wärme einflößen. Nun sieht sie, daß der Kopf flach liegt und daß wieder Blut aus Mund und Nase sickert. Sie geht zu ihrer Bettstatt und kommt mit einer Handvoll Gras zurück, das sie ihm als Kissen unterlegen will. Auf halbem Wege bleibt sie stehen, sieht auf ihr Kind und läßt das Gras fallen. Eine Frau läuft fort und kommt im Augenblick zurück mit einem kleinen schmutzigen Kinderkopfkissen. Die Pumpmeisterin kramt in den Lumpen herum, sucht sich etwas zusammen, und sie näht mit flinken Fingern ein zweites Kissen.

Die Kissen und die weißen Tücher bekommen große nasse blaßrote Flecken, die sich immer weiter ausdehnen.

Die Garza zieht dem Kleinen nun die Stiefelchen aus, die Strümpfe, die zerflickte und zerlöcherte Hose und das zerrissene Hemdchen.

Die Pumpmeisterin findet einen Kamm und kämmt dem Kleinen das Haar. Erst macht sie einen Scheitel links, dann gefällt er ihr nicht, und sie macht ihn rechts.

Die Hähne krähen zum zweitenmal in der Nacht. Es ist ein Uhr.

Die Garza hebt jetzt den zerknüllten Ballen Stoff von der Erde auf und verwandelt ihn zu einem ganz billigen blauen Matrosenanzug, den Sonntagsanzug des Kleinen und sein größter Stolz. Sie zieht ihm das Höschen und das Jäckchen an. Der große Matrosenkragen hat drei schmale weiße Kanten. In seinem geflickten Höschen, der quer über die Schulter gezogenen Strippe und dem zerrissenen Hemd sah der Junge schön aus, ein echtes Kind des Dschungels. Nun aber sieht er aus, als sei er in einer Fabrik in Manchester, Chemnitz oder New Jersey per Gros als Nr. 3½ angefertigt worden. Immerhin, sein braunes, wenn auch verquollenes Gesichtchen, die strengen Züge seines reinen unvermischten Indianerblutes triumphieren über die blaßhäutigen Krämer, die eine Welt zu vergiften suchen. Über seinem Gesicht vergißt man die Peitschmeister und Schwitzhöhlen New Yorks, wo die weißen Sklaven sich die Schwindsucht anarbeiten, damit der Sohn des Dschungels in einem billigen Matrosenanzug, dessen Sinn hier niemand versteht, begraben werden kann. Denn zu seinen Lebzeiten hat der Junge den Anzug nur ein einziges Mal getragen, und das war, als er ein Jahr jünger war.

Weder die Hosen noch die Jacke lassen sich zuknöpfen, weil der Anzug lange nicht mehr paßt, und weil der Körper nun auch noch aufgeschwollen ist. Die Garza versucht es immer wieder, und immer wieder ist es vergebens. Endlich preßt sie den Körper so fest zusammen, daß sie zuknöpfen kann, und nun sitzt der Anzug so prall, daß man meint, er müsse gleich platzen. Sie wringt die Strümpfe aus und hält sie gegen das kleine Feuer, das auf dem Erdboden in der Hütte brennt, und wo ein irdener Topf mit Wasser aufgestellt ist für Kaffee. Dann zieht sie dem Kleinen die Strümpfe an und endlich auch die neuen Stiefelchen.

Während der ganzen Zeit schnaubt sie mit der Nase, ohne ein Taschentuch zu gebrauchen, das sie ja auch gar nicht besitzt. Wenn es ihr ein wenig zu viel wird, hebt sie ihr Kleid an und gebraucht es für diesen Zweck, oder sie nimmt einen Lumpen auf, der mit aus der Kiste gerissen wurde.

An der einen Seite der Wand ist ein Brett befestigt dadurch, daß zwei Bindfaden nach je einer Ecke des Brettes gehen, während die Hinterkante des Brettes auf zwei kurzen Pflöcken aufliegt. Auf diesem Brett steht, gegen die Staketenwand gelehnt, ein Muttergottesbild ohne Rahmen. Daneben einige kleine Bildchen mit Heiligen und mit einem Spruch oder Gebet auf der Rückseite. Vor dem Muttergottesbilde steht ein Glas mit einem Lichtchen, das nie ausgehen darf. Aber wenn man kein Öl kaufen kann und auf Dinge zu achten hat, die wichtiger für das Leben sind, so geht das Lichtchen eben doch aus, wie es mit allen Sachen geht, die ewig sind. Aber die Pumpmeisterin hat auch dieses Lichtchen in Ordnung gebracht, und es glimmt wieder. Auf dem Brettchen stehen noch verwelkte Blumen in mehreren zerbrochenen Scherben. Außerdem lag das Nähzeug darauf, das die Pumpmeisterin für das Kissen gebrauchte, der Kamm, Haarnadeln, Streichhölzer und noch so allerlei andere Kleinigkeiten, darunter das Spielzeug des Kleinen: ein kleines, verbogenes und verschrammtes Blechauto, ein Angelhaken, eine Schleuder aus einem alten Autoreifen gefertigt, eine bunte Glaskugel, zwei Messingknöpfe, ein abgebrochener Flaschenkork, einige Zigarettenbildchen und die kleine Gitarre, die Manuel mitgebracht hat. An der Seite des Brettes, über die Ecke gehängt, ist ein ganz billiger Rosenkranz.

Durch Aufstellen von dünnen Stämmchen, die mit Bast verbunden und oben am Dache befestigt sind, ist auf dreiviertel Breite der Hütte eine Wand geschaffen worden, die einen schmalen Raum der Hütte abtrennt, in dem alte Säcke liegen, Sattel- und Zaumzeug, ein alter Korb, in dem die Hühner die Eier hineinlegen und ausbrüten. Außerdem hängt hier das Wochentagskleid der Garza. Die paar Lebensmittel, die im Hause sind, etwas Kaffee, brauner Rohzucker, Reis, Fett und Bohnen sind in einem zerrissenen Schilfkorbe, der an einem Drahte in der Hütte hängt, damit die Ratten und Mäuse nicht heran können. Dieser Korb baumelt so im Wege, daß er immerfort in Bewegung ist, weil immerwährend von jemand, der größer ist als die Garza, mit dem Kopfe daran gestoßen wird. Aber niemand denkt daran, den Korb für diese Zeit anderswo hinzuhängen. Gegenüber dem Feuer auf der Erde, an der Wand, steht das Blech zum Backen der Tortillas, drei braune Tontöpfe, von denen einer halb zerbrochen ist, eine eiserne alte Pfanne und der große Stein, auf dem mit einem knüppelartigen kleineren Stein der Mais zermahlen wird.

Es sind inzwischen noch mehr Kerzen gebracht worden, vier brennen neben dem Leichnam und zwei sind vor das Muttergottesbild gestellt worden. Durch diese brennenden Kerzen, durch die vielen Leute, die in der Hütte sind, aus- und eingehen und durch die Frauen, die alle ihre Sonntagskleider anhaben des Tanzes wegen, sieht der Jacalito, die Hütte, gar nicht mehr so arm aus. Er sieht wahrhaft festlich aus und reich, und man vergißt zuweilen ganz, weshalb diese festliche Stimmung hier in der Hütte lagert.