WeRead Powered by ReaderPub
Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 16: 15
Open in WeRead

About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

15

ie Mehrzahl der Leute ist vor der Hütte geblieben, wo sie auf dem Erdboden hocken, rauchen und schwätzen. Ab und zu kommen einige hinein, während andere wieder hinausgehen.

Der mittlere Junge, der halbverrückte, hockt gleich rechts beim Eingang der Hütte auf dem Boden und heult still vor sich hin. Niemand achtet auf ihn, und er selbst macht sich nicht bemerkbar, faßt nirgends zu und kümmert sich um gar nichts. Ob er um den kleinen Stiefbruder weint, oder darum, weil er die Frauen weinen sieht, oder weil er nichts Besseres zu tun weiß, oder weil er glaubt, es sei seine Pflicht zu weinen, genau so gut wie es sonst seine Pflicht ist, zu essen, wenn er gerufen wird, das weiß niemand zu sagen. Aber niemand interessiert sich auch für ihn. Er ist der Fremde hier, der einzige Fremde seit dem Augenblicke, wo ich zur Trauergemeinde zähle.

Manuel kommt jetzt still hereingeschlichen. Er sieht auf den Kleinen, geht dann zu dem Altarbrett, nimmt den halbabgebrochenen Blechkamm herunter und kämmt dem Kleinen den Scheitel wieder auf die andere Seite. Er gebraucht dazu eine unglaublich lange Zeit. Die Pumpmeisterin steht dicht daneben, zwischen dem Leichnam und dem Altarbrett, und näht aus Pappstreifen und aus goldenem, silbernem, rotem und blauem Papier, das sie sich zu verschaffen gewußt hat, eine Krone zusammen mit einem Kreuz darauf. Das Kreuz hat einer der Männer mit seinem Messer aus einer Konservenbüchse geschnitten und mit Hilfe tropfenden Stearins mit Goldpapier beklebt. Die Pumpmeisterin nimmt unzählige Male Maß rund um das Köpfchen herum, damit das Krönchen auch passen möge. Die Tränen kollern ihr immer über das bunte Papier, das sie verarbeitet; aber immer, wenn sie das Krönchen aufpaßt und es bei jedem Aufsetzen schöner aussieht, lächelt sie. Und jedesmal, wenn sie es zurückgenommen hat von dem Kopfe des Kleinen, kommt ihr eine neue Idee, um wieviel schöner und lieblicher noch sie das Krönchen gestalten könne. Zwei Männer sind damit beschäftigt, dem Kleinen die Knie, die noch immer zu spitz nach oben stehen und verkrampft aussehen, durchzubiegen. Nach einer Weile glückt es auch, und man legt ein Brettchen, das mit einem Steine belastet ist, über die Knie, um sie eine Zeit so zu halten, damit sie nicht wieder zurückknicken.

Ich sehe, daß der Mund weit offen hängt. Es stört mich durchaus nicht, und ich finde, daß diese Geste für einen kleinen Jungen, der so plötzlich in eine neue Welt sieht, ganz natürlich ist und er gut seine Reise so antreten kann, ohne daß es ihm jemand übelnehmen wird. Aber die Mutter denkt anders darüber, und sie stellt sich eine schöne Leiche feierlicher vor. Sie versucht, den Mund zu schließen. Aber der Mund will nicht halten. Ich lasse mir einen Streifen von einem alten Hemd geben und binde ihn dem Kinde über den Unterkiefer und den Scheitel.

Wenn irgendein Indianer sich an dem Jungen betätigt, so wird kaum darauf geachtet, und man sieht sehr gleichgültig zu. Sobald ich aber herankomme und das Kind auch nur berühre, drängen sie alle um mich herum, und was nur in der Hütte Platz findet, strömt von draußen herein. Es macht auf mich ganz den Eindruck, als ob sie alle von mir erwarten, daß ich ein großes Wunder verrichten, den Kleinen gar wieder ins Leben zurückrufen würde. Denn der Gedanke, daß ich dem Jungen etwa gar nachträglich noch etwas Böses durch den Blick meiner Augen oder durch die Berührung meiner Hände antun könnte oder möchte, ist lange verschwunden. Ich kenne die Leute hier nur seit drei Tagen, aber sie kennen mich alle. Mein Ruf ist bis hierher gedrungen, lange, ehe ich kam. Und dieser Ruf wurzelt in einer Geschichte, die sich in einem fern von hier liegenden Indianerdorfe, das aber zu demselben Flußgebiete gehört, vor längerer Zeit zugetragen hat. Im Mittelpunkt jener Geschichte war auch ein toter Indianer, den ich, nachdem er schon acht Stunden tot war, wieder zum Leben, oder richtiger, zum Atmen brachte, und den ich auch, das ist unerschütterlicher Glaube der Leute jenes Dorfes, ins Leben zurückgerufen haben würde, wenn sich nicht ein Teufel von einem nichtswürdigen Spanier hineingemischt hätte, der eine gegenteilige Behandlungsweise anordnete, der man folgte, und die den Indianer innerhalb von zwanzig Minuten, was alle Anwesenden mit eigenen Augen sahen, tötete. Daß jene Geschichte bis in dieses ferne Dschungeldorf schon gedrungen war, erfuhr ich erst einige Tage später.

Jedenfalls wird dieses Hochbinden des Unterkiefers anerkennend beurteilt, und ich rutsche dadurch in den engeren Kreis der Trauergemeinde.

Die Pumpmeisterin, mit Hilfe eines Mannes, biegt nun die Ärmchen über die Brust und bringt die kleinen Hände zum Falten. Weder die Arme, noch die Hände wollen halten. Deshalb werden sie nun mit einem Bindfaden, der in das Fleisch einschneidet, zusammengebunden.

Dem Kleinen ist das Krönchen aufgesetzt worden. Verwunderlich, mit wie geringen Mitteln die Frau ein solches kleines Kunstwerk zuwege gebracht hat. Wenn man nicht ganz dicht dabeisteht, kommt man nicht auf die Idee, daß die Krone aus Papier ist. Würde der Kleine nicht diesen entsetzlichen Matrosenanzug aus New Jersey oder Crimmitschau anhaben, der einen mehr zum Weinen als zum Lachen bringen kann, würde das Kind aussehen wie der in einer armen Hütte aufgewachsene Sohn eines entthronten texkukischen Königs, der im Tode seine Würde zurückerhalten hat.

Die Pumpmeisterin betrachtet den Knaben eine Weile lächelnd, und es kommt ihr ein neuer Gedanke. Der Kleine ist noch nicht schön genug. Sie geht hinaus, bricht einen dünnen Zweig von einem Strauche und beginnt nun, mit dem Papier, das sie noch zur Hand hat, jenen Zweig auszuschmücken. Und als es getan ist, da ist ein goldenes Zepter entstanden mit einem kleinen Kreuz am oberen Ende.

Sie bindet dem Kleinen die Hände los. Die Arme spreizen ein wenig auseinander, und die Händchen, die dadurch auch auseinandergehen, stehen starr über der Brust frei in der Luft. Durch das Ineinanderfalten der Hände sind die Finger gespreizt worden. Sie sind in dieser Form erstarrt und sehen aus wie Krallen, die irgend etwas über der Brust packen wollen. Die Frau legt das Zepter in die kleinen Hände, schließt sie wieder, biegt sie abermals zum Falten ineinander und bindet sie endlich zusammen.

Gerade als sie damit fertig ist, tritt Garza, der von Magiscatzin zurückgekommen ist, in den Eingang der Hütte.

Er steht ganz still im Eingang. Dann blickt er, ohne mit der leisesten Geste in seinem Gesicht zu verraten, was in ihm vorgeht, auf seinen Prinzen und sein Nesthäkchen. Nun nimmt er langsam den Hut ab und kommt ganz nahe heran. Die Garza, die Pumpmeisterin und alle übrigen, die in der Hütte sind, sehen ihn an. Sie alle wissen, wie sehr er den Kleinen, das einzige Kind, das er von seiner jungen Frau hat, liebt.

Mit leeren Augen, als ob da nichts wäre, sieht er auf den kleinen Leichnam. Er versteht das nicht und faßt es nicht. Es kommt ihm gar nicht zum Bewußtsein, daß der Junge tot ist, daß er ihn nie wieder herumlärmen hören wird. Nach einer Weile dreht er sich um und blickt auf den Boden, als ob er etwas suche. Als er wieder aufsieht, kollern ihm die Tränen aus den Augen wie kleine Kieselsteine. Er fragt nicht wann, er fragt nicht wo, er fragt nicht wie. Er ist ganz interesselos. Er wendet sich ab, macht eine scharrende Bewegung mit dem einen Fuß, steht dann eine Weile am Eingang, mit dem Kopf gegen den Stamm gelehnt, und geht hinaus.

Ein paar Männer, seine näheren Freunde, kommen auf ihn zu. Er aber sieht sie nicht. Er verläßt den Hof, setzt sich wieder auf sein Pferd und reitet fort.

Ich gehe nun hinüber zu Sleigh. Hier vor der Hütte liegen die Leute herum und schlafen. Andere sitzen und schwätzen. Wieder andere gehen oder kommen. Aus allen Hütten sieht man Licht schimmern. Die Esel schreien kläglich, und der Dschungel singt sein ewiges Lied, unbekümmert, was um ihn herum vor sich geht. Ihm gegenüber zählen die Menschen für nichts, er verachtet sogar ihren Dünger, den er gar nicht annimmt, sondern den Fliegen und Käfern überläßt.

Sleigh pustet am Feuer und hat nun endlich den Kaffee fertig.

„Wollen Sie eine Tasse trinken?“ fragt er mich.

„Bringen Sie den nur erst einmal da rüber zu den Frauen, damit die etwas bekommen“, sage ich.

„Gut,“ erwidert er, „ich koche gleich eine zweite Kanne, dann können Sie davon haben.“

Das Mädchen schläft auf dem Boden unter ihrem Moskitonetz ruhig weiter. Wahrscheinlich hat ihr Sleigh das von dem Jungen erzählt. Aber das läßt sie kühl.

„Wollen Sie nicht so gut sein und die Tassen bringen?“ Sleigh deutet auf das Brett, wo einige Emailletassen stehen. „Zwei lassen Sie nur hier für uns.“

Ich nehme die Tassen, und wir ziehen ab, hinüber zu den Garzas. Sleigh stellt den Kaffee und die Tassen hin und bietet der Garza zu trinken an. Sie nimmt die Tasse und trinkt mechanisch den heißen Kaffee hinunter. Auch die Pumpmeisterin und einige andere Frauen kosten von dem Kaffee. Dann dreht sich die Pumpmeisterin eine Zigarette und reicht das Tabakbeutelchen der Garza, die auch zu rauchen beginnt, aber sich nicht setzt, sondern steht oder herumhantiert. Viel kann man jetzt nicht mehr tun. Endlich setzt sie sich doch, hält es aber nicht aus. Sie springt auf und läuft hin und her, bald dies in die Hand nehmend, bald jenes wieder fallen lassend. Die Kerzen biegen sich und müssen wieder gerade gestreckt werden, damit sie nicht so schnell verbrennen. Ein paar andere Kerzen liegen in einer Schüssel mit Wasser, um sie kühl zu halten. Dann fangen die Frauen an, aus den Lumpen, aus alten Kleidern und Hemden bunte Bänder, Stickereieinsätze und Häkelkanten abzutrennen, um das für den weiteren Aufputz des kleinen Leichnams zu verwenden.