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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 17: 16
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

16

leigh und ich, wir gehen wieder zurück zu seiner Hütte. Bei dem zylinderlosen rauchenden Blechlämpchen, das kaum Licht verbreitet, sitzen wir um den leeren Platz herum, wo sonst der Tisch steht, der ja jetzt einem anderen Zwecke dient. Wir blinzeln rüber in das offene Holzfeuer, wo die Kaffeekanne mit frischem Wasser aufgestellt ist, das Sleigh, wie ich gesehen habe, eben aus dem Fluß geschöpft hat.

Daran denke ich jetzt gerade, und ich sage: „Hören Sie, Sleigh, wo bekommen Sie denn hier das Wasser her zum Trinken, Kochen und Waschen?“

Er sieht mich erstaunt an und erwidert: „Ich denke, das ist doch groß genug, daß man es sehen kann, wo wir das Wasser herholen.“

„Doch nicht vom Flusse?“ frage ich. Ich frage das keineswegs erschreckt, denn ich lebe zu lange in den Tropen, im Busch, im Dschungel und auf Dörfern, um zu wissen, was Wasser bedeutet.

„Meinen Sie wirklich aus dem Flusse dort?“ wiederhole ich meine Frage, weil er ein ganz dummes Gesicht macht.

„Ja denken Sie denn vielleicht, wir lassen uns das Wasser in zugekorkten Bierflaschen von Mexico City oder gar aus dem Yosemite-Tal per Post schicken? Sie sollten doch wahrhaftig nicht eine so unerlaubte Frage stellen. Haben Sie denn seinerzeit, als wir uns an dem Dreckpfuhl da oben trafen, nicht mit Wonne geschlürft, ohne zu fragen, wer eine halbe Stunde vorher reingespuckt hat?“

„Was das Spucken anbelangt, da muß ich Ihnen schon sagen, daß ich noch nicht gesehen habe, daß ein Indianer ins Wasser spuckt, das andere Leute zum Trinken gebrauchen müssen. Amerikaner habe ich aber schon oft in Zisternen und Tanks spucken sehen. Brunnen im Kriege zu vergiften, das haben auch nur die Weißen erfunden; wenn die Indianer es rechtzeitig gelernt und getan hätten, wäre Mexiko nie spanisch geworden.“

„So bös meint das einer auch nicht, wenn er schon mal ins Wasser spuckt. Er denkt sich nichts dabei. Ich freilich tu es nicht.“

„Recht haben Sie, Sleigh,“ sage ich, „er denkt sich nichts dabei. Das ist eben die Sünde. Aber nun zu dem Wasser da aus dem Flusse –“

Er sieht mich eine Weile grinsend an und antwortet: „Das Wasser, das Sie bisher getrunken haben, solange Sie hier in diesem Hause sind, war das Wasser aus dem Flusse. Sie glauben doch nicht, daß ich für Sie besonders das Wasser erst abkoche oder ehnt–ke–eime, wie Sie das nennen.“

„Sie wissen ganz gut, was ich meine,“ antworte ich, „da ist doch nun gerade der Kleine darin ertrunken, kaum fünfzig Schritt von hier.“

„Ja, das weiß ich. Na und was weiter? War der Kleine vielleicht ein Giftpilz?“

Sleigh hat recht. Und daß da hin und wieder einer im Flusse ertrinken mag, ist schließlich auch nicht schlimmer, als wenn die Kühe, Pferde und Esel in das Wasser gehen, sich halbe Stunden lang darin aufhalten, um sich abzukühlen, Männer, Frauen und Kinder darin baden und Wäsche darin gewaschen wird.

„Mich,“ sagt Sleigh nach einigen Minuten Schweigens, „mich interessiert viel mehr das mit dem Licht und dem Brett. Es ist doch eigentlich eine ganz merkwürdige Sache. Meine Frau hat mir schon davon erzählt. Die tun es daheim auch. Und das Licht findet den Ertrunkenen immer.“

„Immer?“ frage ich zweifelnd.

„Immer!“ bestätigt Sleigh. „Meine Frau hat mir erzählt, daß dieses Licht sogar in einer ganz starken Strömung stromauf geht, wenn der Ertrunkene in jener Richtung liegt.“

„Das bezweifle ich ganz entschieden, ich glaube es einfach nicht und halte das für übertrieben.“

„Meine Frau hat es selbst gesehen, und ich glaube es“, sagt Sleigh, ohne sich aufzuregen. „Diese Indianer können eben mehr als wir.“

„Auch das bezweifle ich“, antworte ich und meine es so. „Der Indianer kann nicht mehr als wir und weiß viel weniger als wir. Kein Farbiger kann mehr, auch nicht ein Chinese oder ein Inder. Das sind alles Märchen, die man sich erzählt, weil man die Sprache nicht genügend kennt, weil einem die Sitten und Gebräuche fremd sind und darum geheimnisvoll anmuten. Ich kann Sie versichern, Mann, daß ich Durst und Hitze leicht ertrug, wenn Indianer umklappten oder vom Felde mußten.“

„Das gebe ich zu,“ sagt Sleigh, „Sie und wir alle haben den Willen, das und das zu tun. Die Leute legen keinen Wert darauf, den Willen zu haben. Sie fragen sich: Wozu? Für den Weißen den Sklaven zu machen? Aber Sie wissen doch ebensogut, wie ich es weiß, daß die Indianer sich von einer Klapperschlange beißen oder einem Gift-Skorpion stechen lassen und es tut denen gar nichts, während unsereiner in ein paar Stunden alle ist auf Nimmerwiedersehen.“

„Jeder von denen ist auch nicht immun“, widerspreche ich.

„Sicher nicht, weil eben nicht jeder die Mittel kennt.“

„Und die sterben an Fieber und an anderen dummen Sachen genau so gut wie wir.“

„Natürlich, sie sind ja Menschen.“ Damit steht Sleigh auf und stirrt das Feuer, um den Kaffee zu beschleunigen.

Nachdem er sich wieder gesetzt hat, sagt er: „Wenn Sie der Meinung sind, daß hier keine geheimen Naturkräfte, die nur die Eingeborenen kennen, mitwirken, dann geben Sie mir doch eine natürliche Erklärung.“

„Das eben kann ich nicht. Die Erklärung finde ich nicht.“ Und in der Tat, ich wüßte nicht einmal, in welcher Richtung ich eine Erklärung für den merkwürdigen Vorgang suchen soll.

Mir steigt eine Erinnerung an eine andere Methode auf, die ich einmal sah, und ich sage: „Ich habe einmal etwas gesehen, das zuerst sehr geheimnisvoll erschien, mir aber später, als ich darüber nachdachte, klar wurde. Ich habe einmal gesehen, wie ein Ertrunkener gefunden wurde dadurch, daß man Pulverladungen unter Wasser explodieren ließ und der Ertrunkene zum Vorschein kam. Aber das wirkt nur, wenn der Verunglückte schon einen Tag oder gar länger im Wasser ist. Durch die Explosionen wird das Wasser aufgerührt, und der Körper, der ja jetzt schon an und für sich versucht, hochzukommen, wird an die Oberfläche getrieben.“

„Das ist natürlich“, erwidert Sleigh. „Aber so einfach liegt dieser Vorgang hier nicht. Ich lebe lange genug hier unter diesen Leuten, und ich habe so viele merkwürdige Dinge gesehen, daß ich sie Ihnen gar nicht erzählen will, weil es ja doch zwecklos wäre, denn Sie würden nichts davon glauben.“ Mit Sleigh sich in solche Gespräche einzulassen, führt zu nichts. Ich weiß es nicht seit heute nur, ich weiß es länger. Er glaubt es und sucht nicht nach irgendeiner Erklärung. Darum drehen sich Unterhaltungen dieser Art mit ihm immer im Kreise. Im Grunde genommen ist es mir auch gleichgültig. Ich habe es gesehen vom ersten Anbeginn bis zum letzten Ausgang. Die Handlungen waren durchaus klar. Unter einer Suggestion stand ich keineswegs, ich war nicht einmal schläfrig, sondern vollauf munter. Freilich, einen Zeugen, einen weißen Zeugen habe ich nicht. Sleigh ist kein Zeuge. Seine Kritik, wenn er überhaupt an irgendeinem Dinge in der Welt Kritik übt, was ihm nie einfällt, zählt nicht mit, wenn es sich um Angelegenheiten handelt, deren Mittelpunkt Indianer sind. In seiner Vorstellung sind die Indianer mit allen geheimnisvollen Kräften ausgestattet, von denen man nur je geträumt hat. Er glaubt alles und schließt jedes neue Kapitel ab mit dem, was seine Augen sahen, seine Ohren hörten und seine Frau ihm erzählte.

Es macht vielleicht die Umgebung. Ich überrasche mich selbst damit, daß ich anfange, nach keiner Erklärung zu suchen, sondern es so hinzunehmen, wie ich es sah. Warum nicht? Es lebt sich hier leichter und schöner, harmonischer und beglückender, wenn man sein Hirn nicht mit Grübeleien belastet. Nimm es hin, wie es ist, freue dich darüber, liebe, tanze und sterbe. Das ist hier – vielleicht überall – der ganze Sinn des Lebens. Alles andere ist der Unsinn des Lebens, aus dem alles Unheil und Herzeleid entspringt.

Ich sehe auf und bemerke, daß Sleigh die Hütte verlassen und das Lämpchen mitgenommen hat. Und auf dem krachenden Korbstuhl vor mir, von dem man sich nicht erklären kann, wie er überhaupt noch zusammenhalten mag, sitzt Perez. Perez, der Indianer, der den Kleinen aus dem Flusse brachte.

„Hören Sie, Perez, Sie wollten mir doch zwei Gelbhauben besorgen, zwei junge?“

„Ich bin jetzt lange nicht im Busch gewesen. Ich gehe auch vorläufig nicht rauf.“ Er sitzt breitbeinig auf dem Stuhl, dessen Sitzhöhle nur noch eine Handbreit über dem Erdboden ist. Die Hände hängen zwischen den Beinen weit herunter.

„Warum gehen Sie denn nicht in den Busch? Brennen Sie keine Kohle mehr?“

„Ja, sehen Sie, Senjor, der Gringo da oben sagt, ich hätte ihm sein Maultier gestohlen, ich sei ein Bandit.“

„Das glaube ich nicht, daß Sie ein Bandit sind, ich glaube auch nicht, daß Sie die Mula gestohlen haben.“

„Bestimmt nicht, Senjor, bei der Heiligen Jungfrau und dem Kinde nicht. Ich will doch hier gleich in die Hölle versinken, wenn ich ein Bandit bin. Der Gringo ist nicht ehrlich. Er sagt, er hätte meine Fußspuren neben denen seiner Mula außerhalb des Fences gesehen und durch den Busch verfolgt. Ich gehe da nie hin, wo er die Fußspuren gesehen hat.“

„Ich habe davon gehört. Senjor Griggs sagt, die Mula sei hundertfünfzig Pesos wert gewesen.“

„Esta bien, Senjor, da können Sie gleich sehen, daß der Gringo kein ehrlicher Mann ist. Achtzehn Pesos haben mir diese vereiterten Hundesöhne in Llerra für die Mula bezahlt, und dann sagt dieser Mann hundertfünfzig Pesos. Es ist ja zum Lachen. Und nun gar noch zu sagen, ich hätte das Tier gestohlen, das ist eine so niederträchtige Lüge. Anständig ist es nicht. Ganz gewiß nicht.“ Er ist aufgestanden und zum Feuer gegangen, um sich seine Zigarette anzuzünden.

Sleigh kommt zurück mit dem Lämpchen und einem irdenen Topf voll frischgemolkener Milch.

„Die Kuh ist jetzt hereingekommen. Ich weiß nicht, wo die gesteckt hat“, sagt er, schüttet Kaffee in das kochende Wasser und bringt die Kanne her.

Er gießt mir Kaffee ein und dann sich selbst. „Sie bekommen gleich meine Tasse, Perez“, sagte er zu dem Indianer.

„Schon gut“, erwidert der.

„Lag der Kleine gleich so flach auf dem Boden?“ fragt Sleigh.

„Nein, die Füße und die Hände waren in Wasserkraut verwickelt“, sagt Perez. „Ich glaube nicht, daß er je hochgekommen wäre, wenn wir ihn nicht geholt hätten.“

„Wie wußten Sie denn, daß der Junge an dieser Stelle war?“ frage ich.

„Das Licht stand doch über ihm. Das haben Sie ja selbst mit eigenen Augen gesehen.“

„Allerdings. Aber wie kann denn das Licht wissen, wo der Junge ist, wenn es keiner von uns allen weiß?“

„Aber das ist doch sehr einfach, Senjor. Er ruft das Licht heran, und das Licht muß kommen. Da ist durchaus nichts Unheimliches dabei.“

Sleigh lacht: „Da hören Sie es. Es ist ganz einfach. Gar nichts Unheimliches dabei. Ich habe es Ihnen doch schon gesagt. Das ist das ganze Geheimnis. Zaubern können die so wenig wie wir. Der Junge ruft, und das Licht kommt. Alles sehr klar wie der helle Tag.“

„Also, Perez, wie ist es mit den jungen Gelbhauben?“

„Ich gehe nicht rauf in den Busch. Es hat keinen Zweck. Die haben kaum zu brüten angefangen. Warum soll ich da in dem Busch herumkriechen, wenn ich doch keine bringen kann, weil jetzt keine da sind. Zwei Monate später.“

Er hat nun seinen Kaffee in der Hand und schlürft ihn langsam hinein. Sleigh gießt mir noch eine Tasse voll und trägt den Rest der Kanne rüber zu den Garzas.

Nach einer Weile kommt er wieder. Er geht zum Feuer, um sich eine Zigarette anzuzünden. Dann hockt er sich nach Indianersitte auf den Boden, weil keine andere Sitzgelegenheit vorhanden ist. Das Mädchen unter dem Moskitonetz auf dem Boden hat vor einer Weile ihrem weinenden Kinde zu trinken gegeben und schnarcht jetzt, daß die Hütte bebt.

Perez und Sleigh werden schläfrig, lassen den Kopf sinken und blinzeln schwer mit den Augen. Als Sleigh im Schlafe fühlt, daß die Zigarette ausgegangen ist, erhebt er sich und geht zum Feuer. Nachdem die Zigarette wieder glüht, steht er eine Weile mit dem Rücken gegen einen Pfosten gelehnt und nickt abermals ein. Er schläft jedoch nur einen Wink, dann wird er wach und geht zum Eingang. Er sieht zu dem klaren Nachthimmel auf und sagt: „Es ist zwei Uhr vorbei.“

Ich ziehe meine Uhr und sage: „Zwanzig nach.“

„Dann muß ich melken gehen“, erwidert er darauf. „Perez, kommen Sie mit?“

„Freilich.“ Er schlief so fest, daß ihm die Zigarette aus der schlaffen Hand gefallen ist. Er ist aber sofort munter, sucht gleich die Zigarette, nimmt das Lämpchen, zündet die Zigarette daran an und folgt mit dem Lämpchen Sleigh, der mit einem Eimer zum Korral geht, wo die Kühe stehen.

„Sie können sich hinlegen und ein wenig schlafen“, sagt Sleigh zu mir, ehe er in der Nacht verschwindet.