Da die Hütte nun stockfinster ist und ich wirklich nichts Besseres zu tun weiß, taste ich mich zu jener Ecke, wo das Bett steht. Das Bett? Hängematte wäre richtiger. Aber gegenüber dem Lattengestell, das die Garzas haben und Bett nennen, ist das hier ein Luxusbett.
Stiefel aus, reinbalanciert, Moskitonetz dicht gezupft und losgeschlafen.
Alligatoren, Brücken, Eseltreiber, Pumpen, Königinnen von England, Kinderleichen, nackte Indianer, brennende Kerzen unter Wasser, Kühe mit einem Jaguar im Genick, selbstspielende Mundharmonikas, auf Maultieren reitende Banditen, ein vom Erdboden verschwundenes Kanada, unausgebrütete Gelbhauben, geigensingende Muttergottesbilder, die mit Stahlfedermatratzen tanzen wollen – nein, ich kann nicht einschlafen. Es ist alles Wirbel und Dröhnen im Kopfe, aber kein Schlafen. Dann drösele ich doch ein, und Mister Griggs liegt im Wasser. Ich kann ihn deutlich liegen sehen, weil das Wasser ganz klar ist. Ich habe den Mann nie gesehen, weiß aber, daß er Griggs heißt und Gelbhauben auf Hufspuren ausbrütet. Niemand sieht ihn im Wasser, weil ich auf Griggs zeige und sage: Da liegen zwei neue Kinderstiefel. Die Chinesen lassen Pulver unter Wasser explodieren, um die Kaffeekanne, die in einem Maissack ertrunken ist und von Alligatoren festgehalten wird, hochzutreiben. Von der Explosion wache ich auf. Und wieder höre ich die Explosion und abermals, bis ich völlig wieder wach bin und höre, daß draußen geschossen wird.
Ich stehe auf und ziehe mir wieder die Stiefel an. Schlafen kann ich ja doch nicht. Es ist noch schwarze Nacht. Ich sehe nach hinten durch das Geflecht der Hütte und bemerke das dünne Flämmchen der Blechlampe, das den melkenden Sleigh und den danebenhockenden Perez, dessen Geschwätz ich bis hier höre, ungewiß beleuchtet.
Die Stiefel an und den Hut auf, gehe ich zum Eingang der Hütte. Drüben bei den Garzas ist helloderndes Feuer. Und beim Schein dieses Feuers sehe ich zahlreiche Männer, die von ihren Pferden steigen und ihre Revolver abfeuern. Ich hin. Die Mehrzahl der Männer kenne ich, alle Indianer.
Ein hier im Lande geborener Spanier ist darunter, der in Quintero eine Tienda unterhält, einen Laden, in dem man alles bekommt. Die Kunde von dem Verschwinden des Jungen ist, schneller als die Post das könnte, auf zehn Meilen im Umkreise schon verbreitet. Trotz der Nacht. Und die Leute sind mit Pferden gekommen, um suchen zu helfen. Sie haben auch Feuerwerkskörper gleich mitgebracht für den Fall, daß der Junge nur tot gefunden wird.
Wenn unter den Indianern ein Kind stirbt, so werden zahllose sehr krachende und knallende Feuerwerkskörper abgebrannt, um dem Himmel anzuzeigen, daß ein Engel ankommt. Bei Erwachsenen Feuerwerk abzubrennen, wäre verkehrt, weil man den Teufel nicht unnützerweise darauf aufmerksam machen soll, wenn ein alter Sündenknochen zum Verhandlungstermin erscheint. Deshalb geht die Bestattung von Erwachsenen geräuschlos vor sich. An kleinen Kindern ist der Höllenonkel nicht so sehr interessiert, da ärgert er sich, wenn er das Böllern hört, weil ihm eine zukunftsreiche Seele verlorengeht, während im Himmel sich alle festlich rüsten, sobald sie das Knallen hören, um den kleinen Engel, der unterwegs ist, herzlich empfangen zu können.
Daß der Junge inzwischen gefunden ist, haben die neu angekommenen Leute schon vernommen. Die Feuerwerkskörper nimmt der fünfzehnjährige Stiefbruder, der Halbverrückte, gleich in Verwahr. Von diesem Augenblicke an hat er für nichts anderes mehr Sinn, als sich mit der Knallerei zu befassen. Einer muß es ja sowieso tun, und er ist der Nächste dazu. Zu weinen hat er längst aufgehört, und für ihn kommt nun der lustige Teil der Veranstaltung.
Die Männer nehmen alle den Hut ab und gehen nacheinander in die Hütte, um sich den Kleinen anzusehen und die Garza dadurch von ihrem Kummer abzulenken, daß jeder fragt, wie es gekommen sei.
Die Garza erzählt es wieder und immer wieder und natürlich immer mit den gleichen Worten. Durch dieses so häufige Wiederholen der traurigen Geschichte wird das Ereignis immer alltäglicher, immer nüchterner, immer sachlicher. Ihr selbst scheint es zuweilen, als sei das eine durchaus natürliche Begebenheit, an der gar nichts Außerordentliches zu sehen ist. Je häufiger die Geschichte erzählt wird, je mehr wird sie der Tragik entkleidet, je mehr wird sie zu einem bloßen Wortgeläute, zu einem Bericht, zu einem Ereignis, das irgendeiner anderen fremden Person geschehen ist. Die Begebenheit wird unpersönlich, sie wird geschichtlich, sie verläßt Herz, Seele und Geist und wird klingendes lautes Wort. Zu ihrem Erstaunen fühlt die Frau, daß sie jetzt schon manchmal auf den kleinen Leichnam blicken kann mit dem abrückenden Gedanken, daß er ihr Kind gar nicht sei. Ihr Kind war ein lustiger, munterer, immer geschwätziger Bub und nicht so ein kalter stumpfer Klumpen, wie er daliegt. Durch den Anzug und durch die Krone und das Zepter ist er überhaupt noch weiter von ihr abgerückt und ihr sehr fremd geworden. Und wenn sie wieder weint, so ist es eigentlich schon gar nicht mehr so oft des Jungen wegen. Sie weint ihretwegen, sie kommt sich so bemitleidenswert vor, daß sie nun kein Kind mehr hat, dem sie leibliche Mutter ist. Auf diesem Gefühlswege und wenn sie einige andere Frauen bemerkt, die herum sind, kommt es ihr zum Bewußtsein, daß sie nicht einmal eine Ausnahme ist, für die sie sich den ganzen Abend hielt. Sie ist nur die übliche Mutter. Was sie zu leiden hat, ist das Los einer jeden Mutter auf Erden. Aber es ist gewiß die Müdigkeit und die ungeheure Abspannung nach diesen entsetzlichen Stunden, daß sie jetzt gefaßter ist.
Die Männer kommen wieder heraus und sitzen nun vor der Hütte herum, wo sich ein Heerlager aufgetan hat. Männer, Burschen, Frauen und Mädchen liegen herum und schlafen oder dröseln vor sich hin. Mehrere Burschen helfen dem Morano beim Knallen. Sie dürfen aber nur das Feuer schüren, an dem Morano die Körper entzündet, oder sie dürfen diejenigen Kracker in die Hand nehmen und noch mal versuchen, die nicht gezündet haben und die Morano fortgeworfen hat.
Die Männer haben auch Tequila mitgebracht, und die Flasche geht rund. Auch der Garza wird die Flasche hineingebracht, und sie tut einen gesunden Zug von diesem feuerscharfen Schnaps, der normale Menschen mit einem Ruck auf die hinteren Kanten wirft. Aber diese mit Chile ausgeschwefelten Kehlen und Mäuler können noch ganz andere Dinge, unheimliche Dinge schlucken, ohne eine Muskel des Gesichts zu verziehen.
Einer jener Männer, die jetzt gekommen sind, ein ganz armer Indianer, nimmt nun ein Buch aus der Hosentasche und blättert darin eine Weile herum. Und dann fängt er an zu singen. Lesen kann er nicht. Aber die gedruckten Worte geben ihm doch ein Bild, durch das er sich auf die Versanfänge leichter besinnen kann. Manche Strophe singt er dreimal oder noch öfter. Sobald er begonnen hat, fallen einige andere Männer in den Gesang mit ein.
Nun beginnt er die zweite Strophe, und im Innern der Hütte fallen auch die dort herumsitzenden Frauen, darunter die Pumpmeisterin, in den Gesang mit ein, zuerst ein wenig zurückhaltend, dann kräftiger. Manchmal singt der Indianer allein, weil sich die übrigen Zigaretten drehen oder wieder einen Schluck aus der Flasche nehmen oder des Singens müde sind.
Der Mann aber singt ununterbrochen. Er trinkt keinen Schnaps, denn er ist ein Kommunist und gehört zu den Agraristas, zu jener energischen Gruppe von indianischen Landarbeitern, die das alte indianische Gemeinde-Landrecht wieder einführen wollen, das die Spanier bei der Eroberung durch blutige Gewalttaten aufhoben und für ungültig erklärten.
Der Sänger wird von niemand bezahlt, er singt aus reiner Menschenliebe, um der Mutter über den Schmerz hinwegzuhelfen, denn das Kind wird weder von einem Geistlichen in das Grab gebetet, noch von einem Arzt angesehen. Das kostet Geld, und weil Priester und Arzt zwei Tagereisen weit entfernt wohnen, würde es noch mehr kosten. Außerdem kann das Begräbnis so lange nicht aufgeschoben werden, denn trotzdem es noch kühle Nacht ist, stinkt der Junge schon außerhalb der Hütte.
Gesungen werden Kirchenlieder. Ohne Zweifel. Denn ab und zu hört man etwas wie Heilige Jungfrau aus den Reimen heraus. Aber niemand, der Kirchenlieder kennt, würde glauben, man sänge hier jetzt solche Lieder. Denn der Gesang hat weder im Rhythmus noch in der Melodie auch nur die allerfernste Ähnlichkeit mit dem, was wir uns unter Kirchenchorälen vorstellen. Wahrscheinlich wurde so gesungen, als die ersten spanischen Mönche hier durch die Dschungel zogen. Niemand unter den lebenden Menschen weiß, wie Choräle vor vierhundert Jahren in Europa gesungen wurden, denn die geschriebenen Noten aus jener Zeit geben uns darüber nicht mehr Aufschluß als die ägyptischen Hieroglyphen uns etwas aussagen über die Aussprache und Betonung ägyptischer Worte. Ein- oder zweimal in ihrem ganzen Leben haben die Männer hier eine Kirche besucht, wo die Choräle mit der Orgel begleitet wurden. Drei- oder viermal im Jahre kommt ein Priester in eines der Dschungeldörfer, wo er die Beichte hört und Absolution erteilt. Dann wird gesungen ohne Musikbegleitung. So bleibt etwas von der wahren Melodie, wie sie die Orgel festhalten kann, im Gedächtnis der Leute haften. Das übrige verschwindet ganz aus dem Gedächtnis und wird nun mit Teilen aus anderen weltlichen Gesängen und Tänzen vermischt. Bei Totenfeiern wird dann gesungen, und jedesmal kommt eine neue Beimischung durch neue Sänger hinzu. Nun aber können die Eingeborenen überhaupt nicht so singen, wie wir meinen, daß gesungen werden muß. In ihren Gesängen klingt heute noch die schrille Note der Gesänge ihrer heidnischen Vorfahren durch, und diese Note ist so urmächtig, daß sie den ganzen Gesang allein zu tragen hat.
Dieser Totensänger ist weit bekannt und gesucht als der beste Sänger. Man folgt seinem Gesange mit Andacht und Rührung, und glänzende Augen sind bewundernd auf seinen Mund gerichtet.
Als die erste Strophe begann, fing die Garza in der Hütte an gellend zu schreien und zu jammern. Sie verfiel in eine Raserei des Schmerzes und hämmerte mit ihren beiden harten Fäusten auf ihren eigenen Schädel ein, als wollte sie ihn in Stücke zertrümmern. Sie warf sich über den Leichnam und schrie: „Mein Kleiner! Mein Kleiner! Warum? Warum?“ Und dann begann sie wahnsinnig zu fluchen in der gräßlichsten Art und Weise. Schließlich gab man ihr die Tequila-Flasche. Sie wehrte sich dagegen und versuchte, die Flasche herunterzuschlagen. Aber endlich hatte sie doch den Mund so voll mit dem Schnaps, daß sie schlucken mußte, und man hielt die Flasche an ihren Mund und goß immer noch hinterher. Das Betäubungsmittel half nicht viel. Sie wurde ein wenig müde und stumpf. Doch wenn sie des Gesanges gewahr wurde und die Frauen in der Hütte mitsangen, stieß sie aufs neue ihre erschütternden Schreie aus.
Der Junge an dem großen Feuer läßt in kurzen Zeitunterbrechungen seine Raketen und Kracker knallen. Und hat der Gesang für eine Weile ausgesetzt, so wird die Garza durch das Knallen wieder daran erinnert, daß der Kleine oben als Engel erwartet wird.
Der Gesang hat für eine Weile aufgemuntert, aber nun fallen die Leute doch wieder in ihre Müdigkeit zurück. Die meisten legen sich glatt auf die Erde, kauern sich ineinander wie Hunde und schlafen sofort. Andere halten den Tequila für den wertvolleren Teil des gegenwärtigen Lebens und schlafen darum nicht, weil sie fürchten, um einen Schluck zu kurz zu kommen.
Auch drinnen in der Hütte sitzen die Frauen schläfrig, und zwei haben sich auf das Staketengestell gelegt, das den Garzas als Bett dient. Auf dem Erdboden glimmt das Feuer. Töpfe stehen daran, aber niemand kümmert sich darum, was darin ist, ob es kocht, ob es überflüssig ist oder ob man die Töpfe absetzen könne. Niemand weiß offenbar, wer die Töpfe angesetzt hat und zu welchem Zwecke. Aber es fragt auch niemand. Man ist ziemlich interesselos geworden.