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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 19: 18
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

18

er Gesang hat nun aufgehört. Der Sänger hat die letzte Viertelstunde nur noch mit Mühe gesungen, so heiser war er geworden. Alle, die noch nicht schlafen, drücken sich jetzt herum und versuchen, sich zu entfernen, ohne die Garza zu beleidigen oder ihr wehe zu tun. Es wird geredet und gestanden und wieder gesetzt, bis die Männer, die nachträglich gekommen waren, um zu singen, zu ihren Pferden gehen, aufsitzen und unter auffallend vielem und auffallend lautem Reden davonreiten. Sie sind alle vorher noch einmal in die Hütte gegangen, haben sich den Kleinen noch mal angesehen und der Frau die Hand gegeben. Die Frau hatte zu jedem „Gracias!“ gesagt und war dann mitten in der Hütte stehengeblieben, ohne den Fortreitenden nachzublicken.

Aber die Garza bleibt dennoch nicht allein.

Inzwischen ist die Sonne aufgegangen, und der helle Tag ist erschienen wie mit einem Sprung. Er drängt sich in die Hütte, wo die Kerzen flackernd und rauchend weiter neben der Leiche brennen.

Das helle Tageslicht gibt der Hütte wieder ein anderes Aussehen. Man hatte sich an die Nacht so gut gewöhnt, daß man nichts Unheimliches und nichts Außergewöhnliches während der letzten Stunden mehr empfunden hatte. Der Tag aber zerstört das mitleidslos. Eine neue Unheimlichkeit erfüllt die Hütte, und man muß sich in der neuen Unheimlichkeit erst wieder zurechtfinden.

Jetzt erst, nicht in der Nacht, wirken die brennenden Kerzen gespensterhaft. Und gespensterhaft sieht die verweinte, verhärmte und hohläugige Garza jetzt aus. Sie hat noch immer das meergrüne Gazekleid an mit den völlig verwelkten Blumen im Gürtel. In der Nacht sah das Kleid natürlich aus, jetzt aber gehört es weder zu der Frau, noch zu der Hütte, noch zu dem kleinen Leichnam. Das Kleid hat sich ganz und gar von der Frau losgesagt, es hat keine Gemeinschaft mehr mit ihr. Die Frau ist die Mutter des Kleinen noch immer, aber das Kleid hüllt nicht länger mehr den Körper der Mutter ein. Es ist ein dreckiger Fleck, der der Mutter in jeden Winkel folgt. Und da der schmierige Fleck immer hinter ihr ist, kann die Mutter ihn nicht sehen und wegwischen.

Der kleine Junge war schön, und er war er selbst in der Nacht. Jetzt ist er nicht mehr er selbst, nicht mehr schön, nicht mehr der kleine Junge. Der helle Tag hat ihn zu einem stinkenden Kadaver gemacht, der in einen Affenanzug gewickelt ist. Der Oberkiefer beginnt bereits zu verwesen, der Mund ist grünlich geworden, die Oberlippe ist aufgebrochen, und widerlicher gelbgrüner Eiter kriecht daraus hervor. Um die Gelenke der gefalteten Hände sieht man die tiefen Rinnen, die jener Bindfaden, der die Hände in faltender Geste zusammenhalten sollte, eingeschnitten hat, und die faltenden Hände sehen aus, als habe ein Folterknecht sie zur Strafe gefaltet.

Der erste Strahl der Sonne fällt durch die dünnen zusammengebundenen Stämmchen der Wand in die Hütte. Die Garza folgt dem Strahl mit den Augen und blickt in die Sonne und dann auf den Jungen, und nun sieht auch sie zum erstenmal, daß der Junge gegangen ist, daß dort Aas liegt, das sie nicht mehr küssen kann, ohne sich zu schaudern und zu schütteln. Und der Morgenwind, der durch die Wände fegt, hebt eine dicke Wolke unerträglichen Gestanks von dem Aas auf und wirft sie ihr ins Gesicht. Die Mutter wendet sich ab und seufzt tief auf.

Als sie wieder hinblickt zu dem Aas, sieht sie, daß zwei dicke grüne Fliegen auf der Oberlippe sitzen, und daß die Hütte von anderen Fliegen zu summen beginnt, die auf das Aas zufliegen. Und die Frau deckt ein Tuch über das Gesicht. Sie kann das Gesicht ihres Kindes nicht mehr sehen.

Aber sie hat keine Gelegenheit, sich ihrem Schmerze hinzugeben oder sich hinzusetzen und zu brüten. Mit dem anbrechenden Tage sind Frauen und Männer angekommen von fernen Plätzen. Denn die Nachricht von dem Tode des Kleinen verbreitet sich immer weiter, und sobald die Leute davon hören, setzen sie sich auf ihre Esel oder Mulas und ziehen zu der beweinenswerten Mutter, ihr zu sagen, daß man sie liebe, und daß man mit ihr weine. Und da es Sonntag ist, fällt es den Leuten leichter, zu kommen.

Die Männer steigen ab, helfen dann den Frauen und Kindern von den Tieren, drehen sich eine Zigarette und beginnen mit anderen Männern, die herumstehen, zu schwatzen.

Die Frauen gehen nacheinander in die Hütte, bleiben eine Weile stehen, betrachten den Leichnam, und dann gehen sie zur Garza, umarmen und küssen sie. Dann fangen sie an zu weinen, und die Garza beginnt nun wieder zu schreien und nimmt das Tuch von dem Gesicht des Kleinen. Die Frauen, die Berge von Blumen mitgebracht haben, dicke Kränze und Gold- und Silberpapier, stellen das beiseite und gehen näher zu dem Leichnam, um ihn sich genau anzusehen.

„Er sieht so schön aus, der kleine Carlos!“ sagt die eine Frau bewundernd und ehrlich. Sie wiederholt es noch einmal, um es zu bekräftigen.

Aber die Garza hat es bereits beim ersten Male gehört, trotz ihres Schluchzens, und sofort hört sie auf zu weinen. Ein Lächeln des Stolzes huscht über ihr Gesicht, und sie sagt dankbar: „Muchas gracias, Senjoras! Muy muchas gracias!“ Sie bedankt sich überschwenglich für die Bewunderung der aufgeputzten Leiche, als habe man ihr persönlich eine Schmeichelei gesagt. Aber es ist keine Schmeichelei, die Frauen meinen es so. Die Leute sind alle bitterarm, und die angekommenen Frauen sind meist barfuß, haben nichts weiter als ein schwarzes Baumwolltuch um den Kopf gelegt, um die Sonne abzuhalten, und durchlöcherte und geflickte Kattunkleider verhüllen ihren Körper nicht überall. Diejenigen, die ihre Säuglinge mithaben, geben ihnen nun, neben dem Leichnam sitzend, zu trinken, wobei sie abwechselnd weinen und abwechselnd fragen, wie es gekommen sei.

Die Garza hat das Gesicht des Kleinen sofort wieder zugedeckt. Der Gestank des Kadavers, der mit jeder Minute, mit der die Sonne höher kommt, immer unerträglicher wird, der Geruch der schwelenden Kerzen, das schwere Ausatmen der Tausende von Blumen, die so peinvoll sterben und nicht sterben wollen, der beißende Rauch des großen Feuers, wo die Kracker angezündet und abgeschossen werden, dieser beißende Rauch, der durch den Wind in die Hütte getrieben wird, der Geruch von Schnaps, Kaffee, Zigaretten und Schweiß lastet in der Hütte und zieht nicht ab, weil er sich unter dem Grasdach festnistet. In zwei Stunden wird die Morgenbrise vorüber sein, und dann wird bis elf Uhr kein winziger Lufthauch sein, und das Innere der Hütte wird schlimmer sein als das Innere eines Ofens, in dem Tierkadaver langsam verbrannt werden. Die Leute aber sitzen und tun so, als ob sie es nicht empfinden; die Garza muß dort sein, und also bleiben auch sie da.

Die Männer haben ihre Zigaretten ausgeraucht. Sie nehmen nun ihre Hüte ab und kommen herein wie verlegene Schuljungen. Einer nimmt das Tuch vom Gesicht, die Männer kommen näher heran, stehen eine Weile, dann gehen sie wieder hinaus. Das Hinausgehen ist noch verlegener als das Hereinkommen. Sie wissen nicht, ob sie der Garza die Hand geben sollen oder nicht, ob sie etwas sagen oder fragen sollen oder ob sie besser ganz schweigen. Es sieht aus wie Verlegenheit, aber in Wahrheit sind die Leute nie verlegen. Ihr Benehmen wird nur geleitet von dem einen Gedanken: Was tun, um die Mutter ihren Schmerz vergessen zu lassen?

Trotz ihrer unbeschreiblichen Armut, einer Armut, bei der Kartoffeln und Kaffee ein Festmahl sind, von dem sie tagelang, wenn nicht wochenlang sprechen, trotz ihrer Lumpen, trotz ihrer Unkenntnis des Lesens und Schreibens, sie alle sind von einer rührenden Höflichkeit. Ihre Zeremonien sind nicht leere Gesten, sie sind Teile ihres Wesens, eines Wesens, das in tausend Jahre alter Kultur wurzelt. Ihr Takt wird von ihrem Herzen bestimmt, nicht von Formeln, die ihnen eingetrommelt wurden.

Ich sitze auf einer Kiste neben dem Ausgang. Die Männer müssen an mir vorüber, um hinauszugehen. Es ist soviel Platz, daß sie schlendernd vorübergehen können, ohne daß sie mich berühren müssen. Aber jeder einzelne, der an mir vorbeigehen will, bleibt erst stehen und sagt: „Con su permiso, Senjor! Mit Ihrer gütigen Erlaubnis!“ Worauf ich, der ich nur unter meinesgleichen unhöflich bin, weil man mich sonst für idiotisch halten würde, antworte: „Pase, Senjor!“, und der Mann sagt: „Gracias, Senjor! Ich danke!“ Nun erst geht er wirklich vorüber, denn meinen Blick und meinen Atem zu kreuzen, ohne ein höfliches Wort zu sagen, wäre ihm unerträglich. Aber wenn auf der Kiste nicht ich, der Weiße, sitzt, sondern ein verlumpter Indianer, so wird der Vorübergehende genau die gleichen Worte gebrauchen und sie mit einer Geste der Hand begleiten. Denn was bin ich in seinen Augen denn mehr als jener verlumpte Alte?

So höflich und so taktvoll sind die Leute, und sie alle nennen sich Katholiken, aber ich habe nur einmal seit gestern abend gesehen, daß sie das Kreuz in die Luft malen, und das war nur, als der Alte ein Kreuz über das Brett machte, ehe es ins Wasser gesetzt wurde. Während den Leuten alle Gesten aus dem Herzen kommen, das Schlagen des Kreuzes und das Herumfingern am Rosenkranz sind ihnen eingedrillte Gesten, deren Sinn zu begreifen die vierhundert Jahre der Übung nicht gelangt haben, und die nun anfangen, ganz blaß und sinnlos zu werden. Jede Formel und jede Geste und somit auch jede Religion gehört zu ihrem eigenen Klima, zu ihrer eigenen Umgebung, zu ihrer eigenen Rasse. Verpflanzt man sie in eine andere Umgebung, so wird sie inhaltlos und verliert ihre Zeugungskraft; sie kann nicht mehr gebären, sich nicht mehr verjüngen, und nach einem qualvollen Degenerieren stirbt sie endlich aus.