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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 2: 1
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

1

ann und wo ich Sleigh eigentlich zum erstenmal getroffen hatte, weiß ich so genau nicht mehr zu sagen. Doch wenn ich mich recht erinnere, so war es an einem moderigen Pfuhl im Dschungel, wo ich meine Pack-Mules tränken wollte. Ja, so war es. Es fällt mir jetzt ein, daß, als ich zum Pfuhl geritten kam, ich in die Mündung eines auf mich gerichteten Sixshooters sah. Sleigh hatte gehört, daß sich jemand nähert, und im Dschungel oder im Busch läßt man es nicht darauf ankommen, sondern man sieht sich rechtzeitig vor. Man weiß ja nicht, wer der Ankömmling ist und welche Absichten ihn leiten. Ich hätte es genau so gemacht.

„Stick ’em up, boy! Die Flossen hoch!“

Seelenruhig zog er mir meinen Shooter aus der Tasche des Patronengürtels und schob ihn in seinen Gurt. Wir wechselten ein paar Worte. Er erzählte mir, daß er auf weiter Fahrt sei.

Als dann sein Pferd getränkt war und er den Wasserbeutel gefüllt hatte, saß er auf und sagte: „Zweihundert Schritt, da können Sie Ihren Klicker abholen; ich bin kein Bandit, aber ich weiß ja nicht, ob Sie vielleicht einer sind. Savvy?!“ Ich folgte ihm, und als zweihundert Schritte zwischen uns lagen, winkte er, ließ meinen Revolver fallen und sauste ab. Ich ging zurück zum Pfuhl, ohne ärgerlich auf ihn zu sein; denn ich hätte es ganz genau so gemacht. Er hatte das Trommelröhrchen nur früher hoch als ich, und das entschied, wer das Recht zum Kommandieren hatte. Daß er ein ehrlicher Bursche war, bewies er; denn er konnte mir meine Mules abnehmen und den letzten Faden vom Leibe ziehen. Dann hätte ich noch dankbar sein müssen, wenn er mir den Hut, meine Hose und meine Stiefel gelassen hätte, weil, würde einem auch dieses genommen, man im Dschungel schon lieber um den Gnadenschuß ersucht.

Drei Monate später ritt ich, in einer ganz anderen Gegend, durch ein Indianerdorf. Vor einer grasgedeckten Lehmhütte sah ich einen Weißen stehen, den einzigen Weißen im Dorf. „Hallo!“ rief er herüber. Es war Sleigh.

Ich mußte in seine Hütte kommen, um seine Familie kennenzulernen. Seine Frau war Vollblutindianerin, und sie hatten drei Kinder. Die Frau mußte mir ein Ei backen und etwas vorsetzen, das er Kaffee nannte.

Seit zwanzig Jahren lebte er unter den Indianern oder zwischen ihnen. So genau ließ sich in der kurzen Zeit, die ich in seiner Hütte verbrachte, das wahre Verhältnis nicht feststellen.

Ein Jahr darauf etwa machte ich von Matehuala über Tula eine ziemlich beschwerliche Reise, um an den Tamesi zu kommen mit der Absicht, Alligatoren zu jagen. Es war aber nicht viel los damit; teils war der Dschungel so dicht und undurchdringlich, daß man den Fluß nicht erreichen konnte, teils war die Gegend so sumpfig und morastig, daß man es aufgeben mußte, an die eigentlichen Jagdgebiete heranzukommen. Ich ritt deshalb weiter den Fluß hinunter, um die größeren Nebenflüsse abzusuchen.

So kam ich eines Tages an eine kleine Pumpstation, die das Flußwasser viele Meilen weit zu einer anderen Station pumpt, von wo aus es wieder weitergepumpt wird, bis es die Eisenbahnlinie erreicht. Ein Teil des Wassers dient zur Auffüllung der Lokomotivkessel; der größere Teil des Wassers jedoch wird von der Bahn in Tankwagen zu einigen Dutzend von Dörfern und kleinen Städten, die an der Bahnlinie liegen, gefahren, um die Bevölkerung mit Wasser zu versorgen.

Der Pumpmeister war ein Indianer. Mit Hilfe eines vierzehnjährigen indianischen Jungen bediente er die Pumpe. Der Kessel wurde mit Holz geheizt, und das Holz wurde von einem anderen Indianer mit Maultieren von der fernen Bahnlinie herangeschafft.

Der Kessel machte den Eindruck, als ob er jeden Augenblick aus den Nähten gehen würde, und die Pumpe, die zweihundert Jahre alt zu sein schien, ächzte, stöhnte, schwitzte, quietschte, keuchte und blubberte, daß den Alligatoren und Jaguaren der Aufenthalt hier in der Nähe sicher nicht zum Paradiese wurde.

Dem Pumpmeister konnte das nur angenehm sein, denn er wohnte ja hier dicht neben seiner Pumpe in einer Hütte, vereint mit seiner ganzen Familie. Je mehr die Pumpe stöhnte und ratterte, um so sicherer konnten seine Kinder sich hier herumtummeln und im Flusse schwimmen.

In der Nähe der Pumpe führte eine Brücke über den Fluß. Die Brücke war breit genug, daß Wagen oder Autos sie benutzen konnten; aber sie hatte kein Geländer. Das wäre auch eine ganz überflüssige Geldausgabe gewesen.

„Hay muchos caimans, Senjor“, sagte der Pumpmeister.

„Wo?“ fragte ich.

„Weiter rauf oder runter. Natürlich nicht gerade hier an meiner Pumpe. Das wäre mir gar nicht einmal lieb. Die würden mir die kleinen Schweinchen und die Hühner alle wegstehlen.“

„Was ist denn da drüben auf der anderen Seite?“ fragte ich.

„Da ist Prärie. Ein Cattle-Ranch. Eine Viehweide. Gehört einem Amerikaner. Dahinter kommt dann wieder Dschungel. Und dann etwa zwanzig Meilen durch den Dschungel, da kommt ein Camp, da bohren sie auf Öl. Die haben hier die Brücke gebaut. Die müssen ja hier rüber, wenn sie das Material von der Bahn holen.“

„Wer ist denn auf dem Rancho?“

„Ein Gringo.“

„Ach was, ich meine, wer nach dem Vieh sieht?“

„Das habe ich Ihnen doch soeben gesagt: Ein Gringo.“

„Wo wohnt er denn?“

„Gleich da hinter dem Busch.“

„Muy bien! Da will ich doch mal rüber, sehen, wie es ihm geht.“

Hinter dem Gebüsch waren sechs oder acht der üblichen Indianerhütten, rauchende Indianerfrauen und herumjagende nackte braune Kinder die Menge. Hier war Gras und Wasser im Überfluß; also fanden auch die Indianer ihren Lebensunterhalt. Die Weide gehörte ihnen zwar nicht, aber daran störten sie sich nicht. Jede Familie hatte ein paar Ziegen, einige Esel, ein Dutzend Hühner, und im Wasser waren so viele und so schwere Fische, daß die Leute um ihre Mahlzeiten nie verlegen zu sein brauchten. Ein umgebogener Nagel mit einem kleinen Fisch daran und einem Stück Schnur war das ganze Angelgerät. Die Männer arbeiteten bei den Ölsuchern, oder sie brannten Holzkohle, um die Bedürfnisse zu befriedigen, die ihnen die Zivilisation gebracht hatte. Aber diese Bedürfnisse beschränkten sie auf das Allernotwendigste. Weder die müßig auf dem Erdboden hockenden Frauen, noch die kreischenden Kinder ließen sich durch mich stören. Nach meinem Manne zu fragen, hielt ich für überflüssig, denn im Hintergrunde sah ich eine Hütte, die zwar nach Indianerart gebaut, jedoch größer und sorgfältiger angelegt war. Kein Zweifel, da wohnte mein Amerikaner.

Ich ritt zur Hütte, bis ich in respektvoller Entfernung der Tür war, wo ich ruhig hielt, ohne die Bewohner durch Rufen zu stören. Eine Tür war es ja eigentlich nicht, sondern es war eine türgroße Öffnung in der Wand. Aber da die Leute eine solche Öffnung Tür nennen, fühle ich mich nicht berechtigt, ihr einen anderen Namen zu geben.

Nachdem ich eine Weile gewartet hatte, kam eine Frau, eine Indianerin, heraus und sagte: „Pase, Senjor!“

Ich stieg ab, und als ich in die Hütte trat, fand ich, daß die Frau die Gattin meines alten Bekannten Sleigh war. Sie begrüßte mich mit großer Herzlichkeit, lud mich zum Niedersitzen auf einem ächzenden Korbstuhl ein und sagte mir, daß ihr Mann gleich kommen würde, er sei auf der Pastura, um einen Stier hereinzubringen, der gedoktert werden müsse, der Stier sei von einem anderen Stier gespießt worden, und nun könne man in die Wunde schon die ganze Faust tief hineinstecken, und es seien bereits fingerdicke Würmer drin.

Es dauerte auch nicht allzulange, da kam Sleigh an mit seinem Stier, den er mit Hilfe eines Indianerjungen in den Korral trieb. Dann stieg er vom Pferde und schüttelte mir die Hand. „Haben Sie nicht vielleicht eine Zeitung bei sich?“ fragte er gleich darauf. „Ich habe seit acht Monaten kein Stück Zeitung in der Hand gehabt, und manchmal möchte man ja doch gern wissen, was los ist.“

„Ich habe den Brooklyn Eagle hier, ist aber auch schon fünf Wochen alt, alles, was ich habe.“

„Geben Sie her, der ist ja noch ganz warm von der Presse, wenn er erst fünf Wochen alt ist.“

Er setzte sich seine Brille auf. Das tat er sehr bedächtig und umständlich, denn sie war – für ihn wenigstens – mehr wert als ein dicker Brillantring. Während er sie an den Ohren zurechtrückte, sagte er: „Rosita, gib dem Senjor etwas zu essen, er hat Hunger.“

Von jeder Seite las er zwei Zeilen, dann nickte er, um seine volle Zustimmung mit dem darin Gedruckten zu bekunden, sehr nachdenklich, faltete die Zeitung zusammen, setzte die Brille ab und sagte gedankenschwer: „Es ist doch gut, daß man wieder einmal eine Zeitung gelesen hat.“

Sein Wunsch nach einer Zeitung war nunmehr vollkommen befriedigt. Von den paar Zeilen, die er gelesen hatte, hatte er auch nicht einen einzigen Gedanken aufgenommen oder auch nur gefaßt. Was kümmerte ihn dieser Trubel der Welt, der sich in den Zeitungen austobte? Hätte er in der Zeitung gelesen, die ganzen Vereinigten Staaten und Kanada seien durch eine Wassersflut von der Erdoberfläche hinweggespült worden, so würde er gesagt haben: „Wer hätte so etwas denken können, wir haben hier gar nichts davon gemerkt. Ich wollte vorige Woche noch an meine Schwester schreiben, die ist Sekretärin bei einer Methodistengemeinde, aber das ist ja nun nicht mehr notwendig. Wer hätte auch so etwas denken können!“ Dabei würde er auch nicht eine Miene seines Gesichts verzogen haben.

„Ich bin hier auf Alligatoren“, sagte ich.

„Großartig, Mann! Massenhaft. Die können Sie hier herdenweise schießen. Aber wir könnten ja erst einmal auf einen Hirsch gehen.“

„Warum nicht. Haben Sie denn viel Wild hier?“

„Massenhaft! Bleiben Sie nur ein paar Tage hier und sehen Sie sich um. Was haben wir denn heute? Donnerstag. Da kommen Sie gut. Meine Frau geht morgen früh mit den Kindern auf Besuch zu ihrer Mutter. Ich bringe sie bis zur Station. Den Morgen darauf bin ich wieder zurück, dann sind wir hier ganz allein und haben die ganze Hütte für uns. Eines von den Nachbarmädchen kommt herüber zum Kochen. Da können wir hier ganz angenehm hausen.“