Ich bin hungrig geworden und gehe hinüber zu Sleigh. Das Mädchen ist schon lange aufgestanden, hat den Mais gerieben, Tortillas gebacken, Bohnen gekocht und Kaffee aufgestellt. „Der Kaffee ist noch nicht fertig,“ sagt Sleigh, „wir müssen noch eine Weile warten. Verflucht noch mal, ich bin doch jetzt schläfrig.“
Er nickt ein, fährt aber gleich wieder auf und fragt: „Haben Sie den Jungen nicht gesehen? Er hat doch die Milch fortzubringen.“
„Der Junge steht drüben am Feuer und hilft knallen“, gebe ich zur Antwort.
„Den will ich mir gleich heranholen.“ Er steht auf, und wir gehen wieder zurück zu den Garzas.
Gerade kommt Garza von seinem Ritt heim. Er hat ein dickes Bündel Kerzen, ein Paket gemahlenen Kaffee und zwei kleine Kolben braunen Zucker. Außerdem hat er drei Flaschen Tequila, die er aus dem Basttäschchen zusammen mit den anderen Sachen herausholt. Die eine Flasche ist schon halb ausgekostet. Freilich, der Weg ist lang. Und wer die halbe Flasche ausgekostet hat, das sieht man. Garza hat sich einen ganz netten Flicker angesäuselt. Gleich geht die halbe Flasche rund. Garza hatte nur ein paar Pesos in der Tasche. Aber in der Tienda hat man sich, angesichts des traurigen Falles, nicht geweigert, ihm zu borgen. Wie sollte er denn das Begräbnis zustande bringen ohne Tequila, ohne Kerzen, ohne Kaffee, ohne Zucker? Jedoch in der Tienda weiß man genau: Diese Schuld wird bezahlt, wenn Garza sonst vielleicht auch nichts bezahlen würde. Etwas hat er ja gleich angezahlt, und da die Preise doppelt so hoch sind als in der Stadt, so hat der Besitzer der Tienda schon jetzt die Selbstkosten mit einem ansehnlichen Gewinn in der Tasche. Kein Schlachtfeld ist so traurig, so beweinenswert, daß nicht irgendeiner daran verdienen könnte. Alles läßt sich zu Geld machen, seien es Tränen oder sei es Lachen, sei es Freude oder sei es Weh; der Mensch muß seinen Kummer so gut bezahlen wie seinen Tanz, und selbst seine letzte Höhle unter der Erde, wo er niemand mehr im Wege ist, muß bezahlt werden.
„Muchacho!“ ruft Sleigh. „Teufel noch mal, was ist denn mit der Milch?“
„Vengo, Senjor.“
„Aber sofort. Senjor Velasco wird einen Heidenlärm machen.“ Sehr aufgeregt ist Sleigh nicht. Es ist ihm ganz gleichgültig, ob Senjor Velasco, der Tiendabesitzer in dem näher zur Bahn gelegenen Dorfe, Lärm macht oder nicht. Sleigh hört den Lärm nicht, und wenn er zur Tienda kommt, um die Quittungen zu vergleichen, so daß er mit seinem Farmer abrechnen kann, und der Senjor Velasco sollte etwas sagen wegen der Milchverspätung, dann dreht ihm Sleigh den Rücken, geht raus und setzt sich aufs Pferd. Die Kühe liebt er, aber sein Farmer, der Velasco und die Milch interessieren ihn nicht besonders.
Wir gehen wieder zu seiner Hütte und frühstücken auf einer Kiste, wo das Mädchen das Essen auf einer Zeitung ausgebreitet hat.
Sleigh sieht über die Tafel hin und sagt dann zu dem Mädchen: „Backen Sie uns noch jedem ein Ei.“
Das Mädchen geht zu einer Ecke, wo neben dem Bettgestell ein Korb steht, in dem eine Henne mit schläfrigen Augen sitzt. Als das Mädchen näher kommt, reißt die Henne die Augen weit auf. Aber das Mädchen läßt sich nicht einschüchtern. Mit einem Griff hat sie die Henne gepackt und aus dem Nest gepfeffert. Die Henne läuft gackernd und mit den Flügeln schlagend herum, fliegt auf unsere Tafel, wirft meine Kaffeetasse um, fliegt lärmend wieder herunter und wieder auf das Nest zu. Das Mädchen hat zwei Eier weggenommen, und die Henne setzt sich beruhigt wieder auf die übrigen zurückgebliebenen Eier. Gleich sitzt sie wieder so schläfrig und mit sich selbst zufrieden da, als ob sie nie gestört worden wäre. Sie nimmt es nicht sonderlich tragisch, weil sie nicht zählen kann; denn zählen können und sich erinnern können sind die einzigen echten Quellen der Tragik.
Nachdem wir gefrühstückt haben, halten wir es für wünschenswert, zu schlafen.
Musik weckt mich auf. Die zwei Musiker, die gestern abend kommen sollten, und die, wenn sie gestern abend gekommen wären, jetzt vielleicht nicht zum Begräbnis hier sein brauchten, spielen einen Foxtrott.
Sleigh ist schon lange vor mir aufgewacht und kriecht durch das Gebüsch, weil sich ein Kalb losgerissen hat und er es suchen muß. Ich wasche mich, trinke einen Schluck Kaffee, esse einen Löffel voll schwarzer Bohnen in eine Tortilla gewickelt und gehe zu den Garzas.
Hier ist nun eine große Versammlung. An jedem Baum und an jedem Pfahl ist ein Esel oder ein Maultier oder ein Pferd angebunden, gesattelte und ungelsattelte. Frauen in ihren Sonntagskleidern, viele Männer und eine Herde von nackten und halbnackten Kindern schwirren herum. Es sind mehr Feuerwerkskörper gebracht worden, und es wird in einem fort geknallt. Die Musik, die ja die ganze Nacht hindurch zum Tanze aufgespielt hat, hat schon wieder aufgehört, um die Kräfte für den langen Marsch zu sparen. Ein paar Männer liegen betrunken und schlafend herum, wo sie eben hingefallen sind. Niemand stört sie. Wenn ihnen die Sonne, die jetzt mit ihrer ganzen Kraft herunterglüht, zu heiß wird und sie davon aufwachen, kriechen sie zu einem Baum in den Schatten. Oft erreichen sie den Schatten nicht, sondern bleiben unterwegs liegen wie ein Klumpen.
Ziegen und Schweine laufen zwischen den Leuten umher, Hunde beißen sich oder spielen herum, Hühner zanken sich mit Truthühnern um Würmer und weggeworfene Tortillas, die Esel trompeten und suchen dann wieder mit den Pferden und Maultieren auf dem Erdboden herum, ob noch ein Grashälmchen vergessen wurde. Denn gestern war hier alles grün, jetzt aber, seitdem so viele Pferde und Esel hier gestanden haben, ist der Boden wie abrasiert. Obgleich das Tierzeug den herumsitzenden und auf dem Boden hockenden Leuten in einem fort zwischen die Beine läuft, die Leute werden nie nervös oder wütend auf die Tiere. Ab und zu ruft mal eine Frau: „Perro! Hund!“ oder „Muchacho! Junge!“ (Kosename für das Schwein), wenn die Tiere es gar zu arg machen. Manchmal aber fliegt den Tieren doch ein Scheit Holz gegen den Kopf, wenn sie mit einem Basttäschchen mit Tortillas, das sie gestohlen haben, ausrücken wollen.
Bei einigen Gruppen wird laut geschwatzt und noch lauter gelacht. Gruppen von jungen Burschen singen oder spielen auf der Mundharmonika.
Man möchte nicht denken, daß da drinnen in der Hütte ein Leichnam liegt. Wenn es den Leuten plötzlich einfällt, hören sie auf zu lachen oder dämpfen ihr Geschwätz, während sie die singenden und musizierenden Burschen mit einem kurzen Wort zur Ruhe mahnen.
Je näher man zur Hütte kommt, je ernster sind die Leute, und je leiser reden sie. Hier wird es eigentlich nur dann laut, wenn die Tiere zu aufdringlich werden.
Vor dem Eingang der Hütte hat man mehrere Decken dachartig ausgespannt, damit die Leute unter diesem Dach im Schatten sitzen können, denn die Hitze lastet wuchtig und schwer. In den Tropen, in der Tierra Caliente, um ein Uhr mittags, und kein Wölkchen am Himmel, und die Elf-Uhr-Brise ist heute ausgeblieben. Gerade heute, während sie gestern ein guter Wind war, der bis fünf Uhr anhielt.
Ich nehme den Hut ab und gehe in die Hütte. Die Hütte ist gefüllt mit Frauen, die sich mit ihren Pappfächern unermüdlich und rein mechanisch gleichmäßig kühle Luft zufächeln. Die Kerzen sind ganz zusammengebogen, und an jeder Kerze ist man tätig, um sie gerade zu halten. Die Mehrzahl der Kerzen stehen in Konservenbüchsen, die mit Wasser gefüllt sind. Die Flamme guckt nur ein kleines Stückchen aus dem Wasser heraus; sobald die Flamme einen Finger lang zuviel herausguckt, biegt sich die Kerze sofort in einen rechten Winkel um, als sei sie aus warmer Butter gemacht. Wenn die Flamme das Wasser erreicht, wird das Wasser wieder ein Stück abgegossen, und kommt die Flamme zu tief in die Blechbüchse, wird die Kerze herausgenommen und eine neue hineingesteckt. Die Kerzen liegen alle in einer großen Schüssel mit Wasser, aber das hält sie nur solange in der Form, solange sie im Wasser liegen, werden sie in die Hand genommen, legen sie sich gleich um. Es erfordert die ungeteilte Aufmerksamkeit mehrerer Burschen, um die Kerzen in Ordnung zu halten.
Die Garza hat wieder einmal das Tuch vom Gesicht des Kleinen genommen. Sein Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Es fließt bereits wie Brei auseinander. Die kleine Wunde an der Oberlippe, die, als der Kleine aus dem Wasser kam, kaum zu sehen war, hat sich zu einer schwärenden großen Fläche erweitert infolge der raschen Verwesung. Beide Lippen sind schon fortgelaufen, und das Gebiß liegt offen da wie bei einem Skelett. Auch das Zahnfleisch ist eine breiartige eiterähnliche Masse, die seitlich an den Zähnen herunterläuft. Die Nase ist mehr als zur Hälfte fortgefressen, und von der kleinen Wunde, die am Kopfe war, hat sich eine andere zerfallende Fläche gebildet, die den Schädelknochen freigelegt hat. Unter dem Auge, wo die Beule war, hat der Zerfall auch begonnen, und das Auge, seiner Umkleidung beraubt, liegt starr und allein auf der Augenhöhle. Es ist nicht die tropische Hitze allein, die eine so grauenhafte Zerstörung in einer so kurzen Zeit anrichten konnte, sondern es ist die Hitze, vereint mit der Überfülle des Wassers, das der Körper im Flusse aufgenommen hatte.
Der ganze kleine Körper ist nun in rockartige Gewänder von rotem, blauem und grünem Papier gehüllt. Die Gewänder sind mit Sternen und Kreuzen, die aus Gold- und Silberpapier geschnitten sind, übersät. Das Kunstwerk aus Kottbus oder Birmingham ist nicht mehr zu sehen. Papier ist nicht nur geduldig, es kann auch wohltätig sein. Hier ist es sogar erlösend, und von den vielen Sünden, die das Papier auf dem Gewissen hat, mögen ihm für diese Tat einige vergeben werden. Beinahe jede der Frauen hat sich daheim, noch in der Nacht, sobald sie von dem Tode des kleinen Jungen hörte, sofort hingesetzt und Papierröcke für den Jungen gemacht. Und da sich die Frauen ja nicht durch Draht miteinander verbinden können, so weiß keine, ob der Kleine auch ein schönes Papierkleidchen haben wird für seine letzte Reise. Deshalb hat jede Frau für den Kleinen ein Röckchen gemacht, und jede Frau hat es mitgebracht, und jede bringt es mit soviel Freude und soviel Liebe zu der weinenden Mutter, daß die Mutter nicht anders kann, als die Kleider anzunehmen und sie mit Hilfe der Geberin dem Kleinen anzuziehen. Glücklicherweise haben nicht alle Frauen nur Röckchen gebracht, sondern manche nur Sterne und andere nur Kreuze und wieder andere nur Bänder aus Gold- und Silberpapier.
Nun kommt eine Frau herein, die ich kenne. Sie ist die Mutter jenes jungen Mannes, den ich beinahe zum Leben wiedererweckt hätte, wenn der Spanier nicht gekommen wäre. Ob ich in jenem Dorfe dasselbe Ansehen unter den Indianern genösse, wenn der Spanier nicht gekommen wäre und ich den jungen Mann hätte vom Tode auferwecken müssen, ist fraglich. Aber ich glaube, ich würde mich derselben Anerkennung trotzdem erfreuen, weil ich mich sechs Stunden mit Wiederbelebungsversuchen abgegeben hatte, was ja auch dann anerkannt werden muß, wenn es erfolglos sein sollte. Die Frau begrüßt mich vor allen anderen Anwesenden zuerst, und sie tut es sehr herzlich. Sie hat für den Kleinen auch eine Krone gemacht. Diese Krone ist nicht so geschmackvoll wie die Krone, die von der Pumpmeisterin noch in der Nacht gefertigt worden war. Aber diese Frau hält ihre Krone für schöner. Sie geht zu dem Leichnam, nimmt das Krönchen vom Kopfe des Kleinen und setzt ihm ihre Krone auf.
Die Pumpmeisterin steht dabei, sieht es und läßt es geschehen. Ich sah in der Nacht, mit welcher Liebe die Pumpmeisterin das Krönchen machte und wie sehr sie sich freute, daß es so gut gelungen war und daß der Kleine so hübsch darin aussah. Sie sieht ihre Nebenbuhlerin eine Weile an und macht dann eine kurze Bewegung, als wolle sie es verhindern, daß ihre Krone so ohne Zeremonie ausgetauscht wird. Aber dann lächelt sie, legt ihre Hände über ihre Brust, sieht neidlos dem Vertauschen zu und ist zufrieden. Jeder will dem Kleinen und der Mutter ja nur Liebes tun und Liebe zeigen. Wozu also um das Krönchen einen Streit beginnen und das Prioritätsrecht geltend machen! Das erste Krönchen hat ja seinen Zweck völlig erfüllt, mag nun das zweite Krönchen an die Reihe kommen.
Die Frau mit der zweiten Krone hat die erste Krone abgenommen und wirft sie beiseite mit einer Gebärde, als ob sie sagen wolle: „So ein Dreck!“
Die Krone ist allerdings schon ein wenig beschmutzt von der zerfallenden Kopfhaut. Die Pumpmeisterin bückt sich, hebt ihre Krone vom Erdboden auf, zerknüllt sie zwischen den Fingern so unauffällig wie möglich, geht dann damit hinaus und wirft sie in das große Feuer, wo die Kracker angezündet werden.