Vor der Hütte hört man reden, und bald darauf kommt der Mann herein, der den Sarg bringt, den er selbst gemacht hat. Als dieser Mann hereinkommt und den Sarg, den er unter dem Arm trug, auf den Boden stellt, fängt die Garza entsetzlich zu schreien an. Alle Frauen in der Hütte beginnen ebenfalls gell zu schreien, und auch die Frauen, die vor der Hütte sitzen, schreien und klagen laut.
Der Sargmann hat den Hut abgenommen und wischt sich den Schweiß mit dem Handrücken. Es kommen nun einige andere Männer herein, und man wird sofort geschäftig, ohne das Schreien der Frauen zu beachten. Auch Sleigh ist mit hereingekommen.
Der Sarg wird nun auf eine Kiste gestellt. Er ist selbst nichts weiter als eine rohe längliche Kiste. Nichts daran ist gehobelt. Die Wände der Kiste sind außen mit blauem Papier beklebt, damit man das rohe Holz nicht sehen kann. Im Innern der Kiste ist trockenes Gras, und es sind trockene Maisblätter darin. Auf diesen Blättern ist eine Schicht zerbröckelter Kalkstücke.
Vier Männer, darunter Sleigh, fassen den Körper an seinen vier Ecken an und versuchen, ihn in den Sarg zu heben. Während sie ihn hochheben, fällt der Kopf tief herunter, und es gewinnt den Anschein, als wolle er abbrechen. Ich springe rasch hinzu und halte ihn mit dem kleinen Kissen, auf dem er ruhte, in gleicher Lage mit dem Körper. Dabei läuft mir der Verwesungsbrei über die Hände. Die Papierkleider fallen auseinander, und der ganze schöne Aufputz wird eine heillose Manscherei. Endlich haben wir den Körper in dem Sarge, und die Pumpmeisterin ist sofort tätig, um die Kleider wieder in Ordnung zu bringen.
Der Sarg ist nun auf den Tisch gestellt worden, und sobald er dort steht, wirft sich die Garza darüber, um das kleine Gesicht zu küssen. Aber als sie gerade ihren Mund auf die Lippen pressen will, sieht sie, daß keine Lippen mehr da sind, sondern nur Zähne, die aus einem grünlich-gelben Brei herausgrinsen, und daß der runde Augapfel, der losgelöst auf der Höhle liegt, sie fremd anstarrt. Eine dicke, durch die Bewegung des Körpers aufgerüttelte Wolke entsetzlichen Gestanks nimmt ihr den Atem und läßt sie mit einem Ruck zurückfallen. Dort steht sie, gierig nach frischer Luft ringend, und sie wirft ihre Arme so unsinnig und unnatürlich in der Luft umher, als seien sie plötzlich aus den Gelenken gefallen und gehörten nicht mehr ihr. Dann tastet sie mit flinken Fingern an ihrer Brust entlang und läßt die Hände wie von selbst über den Hals am Gesicht hinaufklettern, bis sie das Haar erreichen, das die Finger zerkrallen. Ihre Augen irren hilflos umher, ihre Arme fliegen mit einem Ruck hoch, und während sie einen grauenhaften Schrei ausstößt, bricht sie zusammen.
Andere Frauen springen sofort hinzu, flößen ihr Wasser ein und Schnaps, sprengen ihr Wasser ins Gesicht, versuchen, ihre Hände auseinanderzureißen, klopfen ihr auf die Backen und auf den Rücken. Nach einer Weile ist sie wieder munter. Es war der letzte Abschied von ihrem Jungen.
Ihr Mann, seit einiger Zeit schon völlig im Nebel, kommt nun torkelnd und stolpernd auf sie zu. Aus der hinteren Hosentasche zieht er die Tequilaflasche hervor und drückt sie ihr in die Hand. Die Frau nimmt die Flasche und verschwindet mit ihr in jenem engen Nebenraum. Durch die Stämmchen sehe ich, daß sie einen mordsmäßigen Zug tut, der einem frumben Raubritter die Augen auf Stiele setzen würde. Dann kommt sie wieder hervor, gibt ihrem Manne die Flasche zurück und wischt sich mit der Hand über den Mund. Der Mann nimmt die Gelegenheit, daß die Flasche nun doch einmal in der Hand ist, wahr und zieht sich einen wackeren Hieb durch die Kehle. Man muß die Feste feiern, wie sie fallen.
Der Sargmann holt einen Hammer aus der Hosentasche und aus der anderen zwei dicke Nägel. Er hält das für besser, als lange zu reden, was nun zu geschehen habe.
Die Frau hat diese Ansprache auch sofort begriffen. Sie kommt heran, deckt das Tuch ab und sieht auf das, was vom Gesicht noch übrig ist. Sofort summen dicke grüne Fliegen herbei, die sich auf das Gesicht setzen. Die Frau läßt das Tuch wieder auf das Gesicht fallen und steht nun eine Weile da, als ob sie auf etwas warte. Dann dreht sie sich rasch um, nimmt die kleine Gitarre herunter und legt sie neben den Kleinen in den Sarg. Wieder sinnt sie einen Augenblick, und dann rafft sie das verschrammte Blechwägelchen und den übrigen Jungenkram zusammen und packt es auch noch in den Sarg. Und dann sagt sie ganz still und andächtig: „Adios, Carlos mio!“
Niemand in der Hütte, wo alles dicht gedrängt steht, bewegt sich, niemand spricht etwas, niemand atmet.
Die Garza läßt den Kopf sinken, dreht sich völlig um, bis sie mit dem Rücken zum Sarge steht, und geht einen Schritt vorwärts der Wand entgegen, durch deren Stäbe man das Feuer sieht.
Mit flinken Händen hat der Sargmann den Deckel aufgesetzt, und er gibt zwei leichte Schläge auf die Köpfe der zwei Nägel, die er eingesteckt hat, leicht genug, daß man sie noch einmal herausziehen kann.
Nun geht es rasch. Vier Burschen nehmen den Sarg auf die Schultern, und stolpernd wird losgezogen. Die Männer, Frauen und Kinder folgen. Sie gehen nicht in einem Zuge, sondern in einem Haufen.
Garza torkelt zwischen zwei Männern, die nicht fähig sind, ihn gerade zu halten, weil sie mit sich selbst genug zu tun haben, um auf den Beinen zu bleiben.
Die Mutter geht neben der Pumpmeisterin, in deren Arm sie eingehängt ist. Immer noch hat sie das meergrüne Kleid an. Das Kleid hat Streifen und Flecke von Blut und schmutzigem Wasser. Die Blumen sind abgefallen.
Nach wenigen Augenblicken ist der Haufen bei der Brücke. Als der Sarg an der Stelle ist, wo die Kerbe eingehauen ist, bleiben die Träger stehen. Die Männer nehmen ihre Hüte ab. Die Garza beginnt herzzerbrechend zu weinen. Die Pumpmeisterin küßt sie und nimmt sie in ihre Arme.
Die Träger haben sich wieder in Marsch gesetzt. Der Haufe trottet schwätzend hinterher.
Sleigh bleibt eine Weile auf der Brücke stehen, dann dreht er sich um und geht heim.
Jetzt hat man die Brücke verlassen, ist an der Pumpstation vorüber und wandert nun auf dem Dschungelwege zum Friedhof, der ein paar Stunden weit entfernt ist.
Die Musik, ein Geiger und ein Gitarrespieler, fangen an, die Trauermusik zu machen. Daß es Trauermärsche gibt, wissen sie nicht, würden es auch nicht glauben, wenn man es ihnen erzählte. Daß es Choräle gibt, davon haben sie gehört, können aber keine spielen. Aber amerikanische Tänze, die können sie spielen. Und der kleine Junge soll doch mit Musik zu Grabe gebracht werden, weil er nun als kleiner Engel auf der Reise ist.
So setzt die Musik lustig ein mit: „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’ –.“ Jene Kulturwelle, die in genau bestimmten Intervallen von der europäischen und von der amerikanischen Hochzivilisation erbrochen wird, die in „Puppchen, du bist mein Augenstern“ ihren glorreichen Anfang nahm, die mit „Yes, we have no bananas“ die bewohnte und die unbewohnte Erde so verschlammte, daß ich, selbst in den unzugänglichen Dschungeln von Chiapas, Guatemala und Honduras, diesem hehren Ausdruck einer angebeteten Zivilisation nicht entgehen konnte, jene Kulturwelle hat nun einen weiteren, in die fernsten Winkel des Weltalls strahlenden Höhepunkt erklommen mit „It ain’t goin’ t’rain no’ mo’–“. Man muß Amerikaner durch Geburt sein, um die Geistlosigkeit, die Sinnlosigkeit, die Seelenlosigkeit, die Brutalität dieses Tanz-Chorals der Zivilisation in ihrem vollen Umfange erfassen zu können; wie man geborener Deutscher sein muß, um zu begreifen, daß „Puppchen, du bist mein Augenstern“ das hüpfende Vorspiel werden mußte für eine Tragödie der Gehirnlähmung, die einen fünfjährigen Weltraubmord ermöglichte.
Für den eingeborenen Bewohner der Tropen ist das Wasser etwas Heiliges, die köstlichste Gabe, die dem Menschen gegeben wurde. „Unser täglich Wasser gib uns heute!“ Flüsse und Seen sind schön, das gesegnetste Wasser aber sendet der Himmel herunter auf seine Kinder, wenn ihre Not am höchsten ist. „Es wird nun nie mehr regnen“ mag für den Herrn Gerichtsaktuar, der Angst um den neuen Hut seiner Gerichtsaktuarin hat, ein recht freudiger Gedanke sein. Aber der Fluch der Zivilisation und die Ursache, warum die nichtweißen Völker sich endlich zu rühren beginnen, beruhen darin, daß man die Weltanschauung europäischer und amerikanischer Gerichtsaktuare, Polizeiwachtmeister und Weißwarenhändler der ganzen übrigen Erde als Evangelium aufzwingt, an das alle Menschen zu glauben haben oder ausgerottet werden.
Würden die Indianer, deren Sprache wie Gesang ist, weil sie Ehrfurcht vor der Sprache haben, erkennen, wie tief die weißen Kulturschöpfer ihre Sprache zu erniedrigen vermögen und wie gedankenlos sie diese Erniedrigung ihrer Sprache allein in jener einen Zeile in die Welt hinausschreien und hinausmusizieren und hinaustanzen, so würde ich mich schämen, einem Indianer ins Gesicht zu blicken, und ich würde mein Gesicht mit Zinnober bemalen, nur um nicht mit meiner Rasse identifiziert werden zu können. Aber sie verstehen weder den Sinn jener Zeile, noch verstehen sie die Erniedrigung der Sprache, die in jener Zeile zum Ausdruck kommt. Übrig bleibt nur die Musik. Und durch jene Musik, die der einen Zeile völlig ebenbürtig ist, dringt die Kultur der weißen Rasse, die ja in der Musik ihren empfindungsreichsten Ausdruck sucht, in das Leben der farbigen Völker ein. Und in dieser Musik lernt der Indianer, dessen Seele und Empfindung noch ursprünglich sind, die Kultur der weißen Herrenrasse in ihrem Wert erkennen.
Daß dieser blöde Tanz hier als Begräbnismusik dient, offenbart, daß der Sinn der europäischen Musik hier seine Grenzen gefunden hat und genau wie die Religion, die von den Weißen gebracht wurde, auf eine undurchbrechliche Mauer stößt. Den Tod begreift der Mensch hier, aber die christliche Form des Begrabens ist ihm fremd. Sie ist ihm hohle Formel, die er rein äußerlich nachahmt. Und darum ist ihm die Tanzmusik bei dem Begräbnis nichts, das ihn stören könnte. Der Tod ist das Große, das Eigene; was darüber ist, das ist das Fremde. Die Tanzmusik ist am richtigen Platze. Wäre es anders, würde der Indianer in Verwirrung geraten.