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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 22: 21
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

21

as schiert sich die Sonne hier um Leichen, um weinende Mütter, um Begräbnisse? Was schiert sich die Sonne um Zivilisationen, um echte Kultur, um unechte Kultur, um gute Musik, um schlechte Musik und um Ärger über Verpöbelung der Welt, der Rassen und der Seelen? Was immer es auch sei, das uns Weh bereitet, sie steht erhaben und mächtig im All. Sie ist der Gott, der alleinige, der sichtbare, der allgegenwärtige, der ewig junge und lachende Gott, wandernd am Firmament wie ein steter jubilierender Schöpfungsgesang. Sie ist Schöpfer und Erhalter und Erzeuger und Gebärer. Sie spendet und verschwendet, ist nimmer müde, fordert keine Gebete als Belohnung und droht nie mit höllischen Strafen. Was schiert sich die Sonne um ein Begräbnis? Steil steht sie hoch über uns, und ihre Glut brüllt. Und wir stolpern und staggern dahin, über Wurzeln, umgefallene Baumgiganten, über Löcher und ausgewaschene Furchen, wir drängen uns durch Gestrüpp, durch Dornengesträuch und durch hohes scharfes Gras. Schwätzend, lachend, rufend, kreischend, weinend und musizierend. Onesteps und Twosteps und Foxtrotts und immer, wenn den unermüdlichen Musikanten nichts einfällt, was sie spielen sollen, dann spielen sie das große Tedeum „It ain’t“. Der Sarg schaukelt bedenklich auf den Schultern der stolpernden Burschen, und wenn einer durch die trockene Erde in ein darunter ausgewaschenes oder von Tieren ausgegrabenes Loch bricht, schreit die ganze Herde, plötzlich aus dem stumpfen Dahinstolpern aufwachend: „La caja! Die Kiste!“ Und die am nächsten sind, springen hinzu, um die Kiste aufzuhalten, damit der Inhalt nicht vorzeitig verlorengeht und die Böschung hinunterschießt. Denn ehe man ihn in diesem Gewirr des Dschungels gefunden und herausgepellt hätte, würden die Geier, die an den Seiten des Weges lauern, wo sie von Baum zu Baum fliegen und die aussehen wie verwunschene Kapläne, ein Dutzend Fetzen herausgerissen haben, und es würde sich kaum noch recht lohnen, zum Friedhof zu ziehen.

Vor dem Sarge geht Morano, der mittlere Bruder. Er ist von einer Schar schreiender und quiekender Jungen umgeben. Einer von den Jungen schwingt fortgesetzt ein angebranntes Holzscheit, um es glimmend zu halten. Und Morano zündet seine Kracker an und schleudert sie in die Lüfte, wo sie knallend explodieren. Bei den ersten Knallern erhoben sich die Schwarzröcke mit schweren mächtigen Schwingen in die Lüfte. Jetzt aber haben sie sich schon daran gewöhnt. Schwer rudern sie von Baum zu Baum, mit gierigen und wütenden Augen den Zug anstarrend. Die heiligen Vögel der Tropen, die nicht geschossen, nicht gejagt oder gefangen werden dürfen, denn sie sind legitimierte Beamte, die Gesundheitspolizei des Dschungels, des Busches, der Prärien und der Sandmeere.

Manuel geht ganz für sich allein, als ob er nicht dazugehöre. Garza bleibt häufig stehen, zerrt die Flasche aus der hinteren Hosentasche und zieht einen Tüchtigen. Seine beiden Freunde helfen ihm dabei, und wer sonst gerade Lust hat, kommt herbei. Garza ist freigebig, und wenn diese Flasche leer ist, dann hat er in der linken hinteren Hosentasche eine andere Literflasche voll Leichenschmaus.

Die Mutter geht in der Herde. Wer es nicht weiß, würde nicht vermuten, daß sie die Trauernde ist. Sie geht nicht mehr im Arm der Pumpmeisterin, weil die nahe Berührung wegen der Glut, in der wir marschieren, unerträglich geworden ist. Aber die Pumpmeisterin geht neben ihr, und einige andere Frauen sind in ihrer Nähe. Man spricht, um den Weg abzukürzen. Man redet von tausend Dingen, die Frauen interessieren können, nur nicht mehr von dem Kleinen. Der Marsch ist schon ein Zurückwandern in das alltägliche Leben. Die Burschen, die den Sarg tragen, streiten unausgesetzt miteinander; niemand will tragen, niemand will ablösen. Es stinkt unerträglich in der Nähe des Sarges, und die Burschen binden sich Taschentücher vor die Nasen. Das Tragen ist ermüdend, lästig und unbequem. Die schwarzen Vögel würden nicht von Gestank oder von Anstrengung sprechen, aber streiten würden sie sich noch viel mehr, und die Schwachen hätten zu warten, bis die Starken schwerfällig auf einen Ast zufliegen müssen, um zu verdauen.

Es ist bewundernswert, wie die Musiker trotz der Gluthitze, trotz des Kletterns auf dem Dschungelwege – denn Wandern oder Gehen ist es nicht –, trotz einer langen Nacht unermüdlichen Zum-Tanz-Aufspielens unverdrossen und berufsfreudig den Trauermarsch spielen und dadurch der dahintrottenden Herde Sinn und Inhalt geben. Man würde sonst vergessen, warum man diese Reise überhaupt unternommen hat. Denn grün ist es rundherum und unter den Füßen, goldschimmernd blau ist der Himmel, die Sonne bläst schmetternde Fanfaren, die Vögel singen, von Blumen übersät und durchleuchtet ist der Dschungel, und Schmetterlinge, fächergroße und edelsteinkleine spielen jubelnde Farben durch die Luft. Es zirpt und geigt und flötet im Grase und im Laube.

Es lebt die Welt. Was ist ihr das Stückchen zerfließende Verwesung? Nichts. Nicht einmal Dünger. So reich ist sie, so verschwenderisch, daß sie dieses Düngers nicht braucht und ihn den Schwarzröcken zum Festmahle preisgibt. O Mensch, wie wenig bist du, wie wenig dein Mühen und Streben! Freue dich, liebe, stirb und rufe die Geier, den Rest zu tun!

Aber da ist das Dorf in Sicht. Hütten, Palmhütten und Grashütten. Nackte Kinder wimmeln herum die Menge; Hühner, Ziegen, Schweine, Esel und Hunde zwischen den Hütten, hinter den Hütten, in den Hütten, auf den Wegen. Die Leute kommen aus ihren Behausungen. Schweigend lassen sie den Zug herankommen und schweigend lassen sie ihn vorübergehen. Die Männer alle nehmen ihre Hüte ab, wenn der Zug an ihnen vorbeikommt. Selbst die nackten und zerlumpten braunen kleinen Wildlinge halten in ihrem Herumjagen inne, bleiben schweigend stehen und sehen dem Haufen mit weitaufgerissenen Augen nach. Eine Frau stößt einen gellenden Schrei aus, bückt sich, hebt ihr kleines Würmchen, das auf dem Boden strampelt auf und drückt es an ihre Brust, als wolle es jemand stehlen kommen. Dann bricht sie in langgezogenes Klagen aus, in das andere Frauen einstimmen und das aus dem Zuge heraus von der Garza und einigen anderen Frauen beantwortet wird.

Aus der Tienda kommt ein Mann herausgetorkelt. Er hat einen billigen weißen Leinenanzug an mit einer Jacke. Einen dünnen Zweig hat er in der Hand, mit dem er kreuz und quer in der Luft herumfuchtelt. Er hat schwer Topgewicht und kann sich kaum auf den Beinen halten. Es ist der Lehrer aus dem nächsten Dorf, das näher zur Bahn liegt. Er ist nur für zwei Monate in jenem Dorf, weil die Regierung jenem Dorfe nur für zwei Monate Schullehrergehalt bewilligt hat. Mehr Geld ist nicht da. Und wenn die zwei Monate um sind, geht der Lehrer wieder heim zu seiner Familie, die in einem anderen Staate lebt, sechshundert Kilometer von hier entfernt. Das Geld für die Heimreise muß er sich in den Dörfern zusammenbetteln gehen, weil von dem Gehalt, nachdem er sein Kostgeld bezahlt und seiner Familie den Rest geschickt hat, nichts mehr übrig ist.

Freunde der Garzas in dem Dorfe, wo er Schule hält, in einer Hütte, wo die Kinder keinen Tisch haben, um ihr Schreibheft oder ihr Lesebuch draufzulegen und sie deshalb auf den Knien schreiben müssen, haben ihn gebeten, hierher zu kommen und die Trauerrede für das Kind zu halten. Er hat sich sofort sehr früh aufgemacht, weil man ihm gesagt hatte, das Begräbnis sei um ein Uhr. Das war ein Mißverständnis. Es sollte heißen, daß der Zug um ein Uhr von Hause fortginge. Und jetzt ist es fünf Uhr.

Ich kenne den Lehrer von früher her, als er in einer kleinen Indianerstadt Schule hielt. Damals habe ich mit ihm und seiner Schule Schulfeiern und Schulausflüge mitgemacht und habe mit den erwachsenen Indianern, die Lesen und Schreiben lernen wollten, weil jeden Sonntag die Kommunisten herauskamen und ihnen predigten, das sei wichtig, die Abendschule besucht, wo ich zwar nicht Lesen und Schreiben lernte, wo sich mir aber eine neue Welt erschloß.

Der Lehrer ist kein Indianer, er hat nicht einen Tropfen indianischen Blutes; er sagte mir einmal, er sei Spanier. Ich glaubte es ihm aber nicht ganz, zur Hälfte hat er sicher maurisches Blut in sich, und wenn ich mich nicht täusche, ist er Ägypter. Er ist freilich hier im Lande geboren. Nun weiß ich, daß er ein sehr nüchterner Mensch ist. Aber da steht er nach einem langen anstrengenden Marsche hier vor der Tienda, wo es nicht nur Hosen, Stiefel und Laternen gibt, Mehl, eingemachte Pfirsiche, Kaffee, Hüte, Äxte und Revolverpatronen, sondern auch Tequila. Und dann kommt ein Indianer, der Vater eines oder mehrerer Kinder ist, die zu dem Lehrer in die Schule gehen, und er ersucht den Lehrer um die Ehre, einen Schnaps mit ihm zu trinken oder eine Flasche Bier. Der Lehrer möchte nicht nein sagen, um den Mann nicht zu beleidigen und um nicht den falschen Eindruck zu erwecken, daß er zu stolz sei, mit dem einfachen indianischen Arbeiter einen zu trinken. Und so trinkt er. Nach einer Weile kommt ein anderer Vater, und der Lehrer trinkt, weil er ja den zweiten unsagbar kränken würde, nicht mit ihm zu trinken, nachdem er doch mit dem ersten getrunken hat. Fünf Stunden sind lang, die Sonne glüht, das Wasser schmeckt lau wie Jauche, Kaffee ist nicht zu haben, Limonade, wenn zu viel getrunken, bläht auf, und den Schnaps kann man nicht ablehnen, und so ist der nüchterne Lehrer im Tran.

Der Zug geht weiter. Aus dem Dorfe folgen viele nach. Hinten torkelt der Lehrer und braucht den ganzen Weg für sich. In seinen Arm eingehängt ist jener Freund der Garzas, der den Lehrer gebeten hat, die Rede zu halten. Jener Freund ist noch betrunkener als der Lehrer, dessen Willenskraft wohl geschwächt, aber nicht betäubt ist. Der Lehrer versucht immer wieder, sich gerade zu halten, aber sein Begleiter schleift auf dem Boden entlang und macht durch sein Zerren und Herumdrehen und Hinstürzen den Lehrer mehr berauscht, als er es sonst wäre, wenn er ganz allein sein könnte und nicht unter dieser Suggestion des Schwerbetrunkenen stünde, der sich durchaus gehen läßt.