Am Samstag morgen kam Sleigh zurück. Ich hatte inzwischen ein wenig gefischt und alle Hütten gut versorgt.
„Heute abend ist Tanz,“ sagte Sleigh, „drüben an der Pumpe. Der Pumpmeister hat Musik bestellt. Er hat auch einen Kasten Bier und zwei Kasten Limonade herangeschafft, damit er die Kosten für die Musik herauskriegt.“
„Wie stark ist denn das Orchester?“
„Ein Geiger und ein Gitarrespieler.“
„Die können doch soviel nicht kosten.“
„Ja, denken Sie denn, daß er an dem Bier und der Limonade viel verdient?“
Das Indianermädchen kam, um für uns zu kochen. Sie brachte ihren Säugling mit, obgleich sie selber kaum aus den Säuglingsjahren heraus war.
„Der Mann ist ihr davongelaufen, dem armen Ding“, sagte Sleigh.
Sie war sehr häßlich, und das ist eine Ausnahme hier unter den indianischen Mädchen, die an Schönheit miteinander wetteifern.
„Ihr Mann hat sie sicher nur des Nachts gesehen, und als er sie bei Tageslicht betrachtete, da ist er so aus allen Himmeln gefallen, daß er sich in Nebel verflüchtete, so will mir scheinen“, sagte ich. „Sie soll eigentlich jener Nacht dankbar sein, denn auf andere Weise wäre sie nie zu einem Kinde gekommen, und seit sie nun ein Kind hat, findet vielleicht ein anderer Gefallen an ihr, unter der Suggestion, daß sie verborgene Schönheiten haben müsse.“
„Sie haben ganz recht“, erwiderte Sleigh. „Ihren Spaß hat sie gehabt, und sie ist eigentlich nicht darum mißgestimmt, daß der Bursche abgezogen ist, als vielmehr, daß der Spaß nicht dauernd ist.“
Dann aßen wir unsere Tortillas und Frijoles.
Nachmittags ritten wir auf die Prärie hinaus, um uns das Jungvieh anzusehen und nach frischen Antilopenfährten zu suchen.
Am Abend, als wir wieder bei unseren Tortillas und Frijoles saßen, fragte ich Sleigh, ob an dem Tanzvergnügen nur die Leute teilnehmen, die hier herum wohnen. Er erklärte mir aber, daß wenigstens hundert oder hundertzwanzig Personen anwesend sein werden, die aus allen Richtungen herkommen, aus den verstecktesten Hütten im Dschungel und von den schmalen Flußarmen und Standpfuhlen, fünf bis acht Meilen im Umkreise.
Wir gingen nun rüber zur Pumpstation. Als wir an einer der Nachbarhütten vorüberkamen, sahen wir, daß vor dem Eingang an einem Pfahl eine Laterne hing, die den sandigen Platz vor der Hütte hell erleuchtete. Auf einer rohen Bank saß ein etwa vierzigjähriger Indianer mit einem dünnen Vollbart und spielte auf einer Geige Tanzmusik. Er spielte herzlich schlecht, hielt aber gut den Takt.
„Ja, ist denn der Tanz hier?“ fragte ich Sleigh.
„Das glaube ich doch nicht.“
„Die haben hier aber den Platz gefegt, und da hängt doch eine Laterne. So großartig gehen die nicht mit dem Petroleum um, daß sie aus purem Vergnügen hier Licht machen.“
„Wir werden ja gleich beim Pumpmeister hören. Vielleicht machen die hier einen Tanz für sich. Da sind doch immer zwei oder drei Parteien. Kann sein, daß sie den Pumpmeister nicht mögen.“
An der Pumpstation hing eine düstere verräucherte Laterne. Der Platz war gefegt. Ein paar Burschen saßen herum. Auf einer Bank quetschten sich einige Mädchen in bunten Musselinkleidern. Musik war keine da.
„Was ist denn los?“ fragte Sleigh den Pumpmeister.
„Ich weiß nicht,“ antwortete der, „die Musik ist nicht gekommen. Jetzt ist es zu finster, jetzt kommt sie nicht mehr, der ganze Weg geht ja durch Dschungel. Die haben es mir doch so bestimmt versprochen, aber vielleicht sind sie an der Station hängengeblieben und machen da Musik.“
„Was ist denn drüben beim Garza los, macht der einen Extratanz?“
„Möglich. Der große Junge ist heute abend auf Urlaub gekommen, er arbeitet in Texas. Der alte Garza sucht immer nach einer Gelegenheit, wo er seine musikalischen Talente zeigen kann.“
Wir gingen nun wieder zurück zu Sleighs Hütte, denn er wollte sehen, ob eine bestimmte Kuh, die er am Nachmittag auf der Prärie nicht finden konnte, hereingekommen sei.
Garza saß noch immer vor seinem Jacalito und wimmerte auf der Fiedel. Neben ihm hockte auf dem Erdboden „der große Junge von Texas“. Er war ein zwanzigjähriger Bursche, gut gewaschen und gekämmt, hatte ein neues Hemd an und fühlte sich sonnig, der verwöhnte Gast in seiner Familie zu sein. Auf dem linken Knie hatte er eine Tasse mit schwarzem Kaffee, und auf das rechte Knie stützte er den rechten Ellbogen. In der rechten Hand hatte er eine mit Queso und Chile gefüllte Tortilla. So, jede überflüssige Kraftverschwendung peinlichst vermeidend, führte er bald die linke, bald die rechte Hand, alles auf Kugellagern laufend, an den Mund, um sein Nachtmahl einzunehmen und sich für den anstrengenden Zehnstundentanz zu stärken. Irgendwie würde es ja wohl zum Tanzen kommen; denn wo eine Violine in der Nähe war, da war auch Tanzmusik möglich.
„Bist du denn immer noch nicht fertig, Manuel?“ rief jetzt eine Kinderstimme. Und hinter der Hütte kam ein sechsjähriger Junge vorgesaust und sprang dem zufriedenen Manuel wie ein Panther auf den Nacken, so daß Kaffee und Tortilla, oder was davon noch übrig war, in den Sand kollerten.
Der Kleine saß fest im Nacken, zerraufte dem armen Manuel das strähnige Haar und trommelte ihm mit den kleinen Fäusten auf den Kopf und die Schultern, daß Manuel endlich aufstehen mußte. Carlos rutschte den Rücken hinunter, stellte sich vor den großen Bruder hin und begann, ihn zum Boxkampf herauszufordern. Aber Carlos war nicht ganz auf der Höhe. Gewöhnt, immer barfüßig herumzulaufen, stand er jetzt nicht sicher auf den kleinen Füßen. Manuel hatte ihm von Texas ein Paar echt amerikanische Stiefelchen mitgebracht, und Carlos hatte sie natürlich sofort anziehen müssen, um seinen großen Bruder zu ehren.
Garza, unbekümmert um die Dinge, die da in seiner Nähe sich abspielten, kratzte unermüdlich auf seiner Fiedel herum.
„Der Kleine ist ganz verrückt nach seinem erwachsenen Bruder“, sagte Sleigh, während wir auf seine Behausung zugingen. „Eigentlich sind sie gar nicht einmal Brüder. Der Große ist von der ersten Frau, der und noch ein anderer Junge von fünfzehn. Der Junge von fünfzehn ist nicht ganz richtig im Kopf, er hat zuweilen ganz verrückte Tage. Der Kleine ist von der zweiten Frau des Garza, eine noch ziemlich junge Frau. Aber der Große und der Kleine würden sich am liebsten auffressen vor Liebe. Der Manuel ist nur des Kleinen wegen auf Urlaub gekommen. Er hat seinen ersparten Lohn auf der Bahn verfahren, um ihm die Schuhe zu bringen und eine kleine Gitarre. Der mittlere, der Halbverrückte, ist gegenüber beiden, und selbst gegenüber seinem Vater, völlig indifferent. Ich glaube, er haßt den Kleinen fürchterlich, und wenn er ihm irgend etwas Hinterlistiges antun kann, so läßt er es sich nicht entgehen.“
Inzwischen waren wir zur Hütte gekommen, wo das Mädchen sich auf dem Erdboden ihr Lager zurechtmachte. Sleigh ging hinaus, um nach der Kuh zu sehen. Das Mädchen, ohne sich um meine Anwesenheit zu kümmern, streifte ihr Kleid von den Schultern herunter bis dicht an die Hüften und gab ihrem Säugling zu trinken. Dann schob sie das Kleid wieder hoch, kroch mit dem Würmchen im Arm unter das Moskitonetz und, wie ich an dem Gewoge des Netzes bemerken konnte, zog sie sich darunter aus. Darauf streckte sie, mit einem wohligen Seufzer, der dem vollbrachten Tageswerk galt, alle viere von sich. Ob diese kleine Welt da draußen vor der Hütte einer Tanzlustbarkeit oder einer mysteriösen Tragödie entgegeneilte, war ihr durchaus gleichgültig.
Es fing an, langweilig zu werden. Das kleine rauchige Lämpchen – ein Stückchen Docht in einer kleinen Blechflasche mit Petroleum – machte die Hütte gespenstisch. Die Decke war trockenes Gras. Die Wände waren dünne Stämmchen, durch die man in die Nacht hinaussehen konnte. Käfer, Motten und Schmetterlinge, so groß wie beide ausgebreiteten Hände, kamen auf das flackernde und rußende Flämmchen zugeflogen. Hin und wieder gluckste es in dem nahen Flusse, wenn ein Fisch hochsprang oder ein Tierchen vom Ufer hineinplanschte. Der ganze Erdboden und die umgebende Atmosphäre war angefüllt mit einem nimmer ermüdenden Zirpen, Pfeifen, Quietschen, Winseln und Wimmern. Ein Esel begann kläglich zu trompeten, und einige andere antworteten ihm, um sich Mut gegen die Gefahren der Nacht einzuflößen. Dann brüllte eine Kuh. Ein Mule kam wild angetrabt, von einer eingebildeten oder wirklichen Bestie in Angst gejagt. Als es einige Schritte von der Hütte stand und jemand drin sitzen sah, war es beruhigt, schnüffelte eine Weile auf dem Boden herum und trottete gemächlich wieder hinaus in die Nacht. Abgebrochene Stücke menschlicher Reden und Laute klangen heran und wieder hinweg. Ein gelles Lachen, das scharf durch die Nacht schlug und alles andere übertönte, einen Moment schrill über dem Erdboden hing und sofort hinweggeschluckt wurde, schien die Dunkelheit aufzufärben. Aber als es so hart abgeschnitten verlöscht war, lastete die Dunkelheit schwärzer und wuchtiger als zuvor. Zuweilen wehten einige Noten von der Geige durch die Nacht. Sie schwirrten tänzelnd und krächzend, kamen und gingen, ohne eine Verbindung mit Musik zurückzulassen.
Plötzlich stand Sleigh in dem türlosen Eingang wie ein Schatten. Alles, was man von dem Schatten sehen konnte, war das helle Gesicht.
„Ob das Mädel noch einen Schluck Kaffee zurückgelassen hat?“ fragte er. „Ich habe Durst.“
Das Mädchen verstand nicht Englisch, aber Kaffee hatte sie verstanden und aus dem fragenden Tonfall heraus instinktiv begriffen, was er meinte. Sie hatte geschlafen, denn ich hörte sie schnarchen. Aber das leise Herankommen Sleighs, das ich nicht gehört hatte, das hatte sie im Schlafe deutlich vernommen, und sie war dadurch wach geworden.
„Da steht noch Kaffee auf dem Feuer“, rief sie unter ihrem Netz hervor.
„De veras?“ sagte Sleigh. Dann ging er zum Feuer, wo die Kanne in den glimmenden Holzstückchen stand.
Er goß sich eine Tasse voll.
„Wollen Sie auch noch haben, Gale?“
„No, thanks just the same.“
Das Mädchen schnarchte bereits wieder.
Sleigh setzte sich mir gegenüber und sagte nach einer Weile: „Blitz und Donner noch mal, ich habe das dreckverfluchte Luder von Kuh nicht gesehen. That fucking son of a bitch hat doch ein Kalb hier. Kommt jeden Abend herein, auch des Mittags. Das Kalb ist fest. Ich glaube, wir haben einen Löwen herum. Vielleicht gar ein Pärchen. Dann geht’s bitter. Dem Pena ist vor ein paar Nächten eine feine Milchziege ausgeblieben. Nie wiedergekommen. Die Kuh ist sonst sehr pünktlich.“
„Wie alt ist denn das Kalb?“ fragte ich.
„Acht Wochen. Aber die hängen hier bei uns vier, fünf Monate an der Milch herum. Da ist ganz bestimmt etwas nicht in Ordnung. Ich werde ja morgen sehen. Jetzt in der Nacht kann ich doch nichts tun. Wir wollen uns was erzählen.“
Eine Minute darauf schlief er, nickte aber zu meinem Gespräch, runzelte die Stirn, zog den Mund zu einem Lächeln und machte vorschriftsmäßig alle die Gesten, die ich auf das, was ich sagte, von ihm erwartet hätte, wenn er völlig wach gewesen wäre. Aber er schlief seelenruhig.
„He!“ rief ich plötzlich laut. „Wenn Sie schlafen, brauche ich doch nichts zu sagen.“
„Schlafen?“ fragte er verwundert und mit einem beleidigten Ton in der Stimme. „Ich habe alles gehört, was Sie gesagt haben. Den Ladron Gomez kenne ich persönlich ganz gut, ich habe ja in Cuichapa Vanille gebaut, und in Huatusco war ich zwei Jahre mit einem Kakaofarmer.“
„Was ist denn nun eigentlich mit der Tanzgeschichte? Wird getanzt oder wird nicht getanzt? Wenn nicht, dann fange ich jetzt an zu schlafen. Das ist ja zum Auswachsen.“ Ich wurde in der Tat ungeduldig.
„Wir gehen jetzt wieder rüber zur Bomba, zur Pumpe. Da werden wir nun sehen, was los ist. Der Pumpmeister wird wohl Rat geschafft haben.“
Er zog sich gemächlich die ledernen Cowboy-Hosen herunter, kramte irgendwo einen zerbrochenen Kamm hervor, kratzte sich damit durch das Haar, und dann gingen wir los.
Als wir an der Hütte des Garza vorüberkamen, hing die Laterne noch vor dem Haus; aber Garza selbst saß nicht mehr da. Auch von den Jungen sahen wir keinen. In der Hütte war trübes Licht, und ich sah durch die Staketen, daß die Frau darin Toilette machte.
„Scheint doch Tanz zu sein,“ sagte ich zu Sleigh, „die Senjora da drin zieht sich ihr Bestes an.“