Die Burschen, die auf der Brücke sitzen, singen noch immer. Sie singen längst andere Lieder, aber für den Uneingeweihten scheint es stets die gleiche Melodie zu sein. Nicht aber für die Burschen. Rundherum ist Schwatzen, Lachen, Kichern und Quieken.
„Und ich sage Ihnen, die werden gleich wieder zementieren“, spricht Ignacio, der Ölarbeiter, mit Wichtigkeit.
„Wie tief seid ihr denn?“ fragt Sleigh.
„Elfhundert Fuß.“
„Da wird doch noch nicht zementiert,“ sagt der Pumpmeister, „da gibt es doch Bohrungen, wo sie bis auf viertausend Fuß hinuntergehen.“
„Weiß ich doch am besten“, sagt darauf Ignacio mit fachmännischer Sicherheit, obgleich er erst seit fünf Wochen im Ölfeld arbeitet. „Aber ich sage Ihnen, die zementieren Montag oder Dienstag.“
Garza fiedelt unermüdlich, aber keiner folgt seiner Lockung. Das Singen der Burschen ebbt ein wenig schwermütig ab, und in das laute Schwätzen und Lachen der Leute bricht ein verhaltenes Gähnen ein. Nur ein paar der Kinder quieken.
„Warum die zementieren sollen bei elfhundert Fuß, sehe ich nicht ein“, sagt der Pumpmeister noch einmal.
In dem Augenblick tönt vom Fluß, der die ganze Zeit hindurch schlief und schwieg, ein Platsch herüber.
Der Platsch ist kurz und wird von niemand empfunden. Niemand achtete darauf. Und doch war er, als riefe der Fluß: „Vergeßt mich nicht, ich bin noch immer da und werde euch alle überleben!“
Ich sehe Sleigh an, und er sieht mich an. Auch er hat den Platsch gehört, schenkt ihm aber keine Bedeutung.
Es war, als ob von den Jungen, die da auf der Brücke saßen und sangen, einer aus Übermut hineingesprungen oder von andern hineingeschubst worden war. Aber nein, so war es nicht. Ich hörte kein folgendes Plätschern, kein Juchzen oder lachendes Zurufen. Das Wasser gab keinen weiteren, auch noch so leisen Laut von sich. Die Jungen ließen den abgeebbten Gesang wieder anschwellen. Sie waren von dem Platsch nicht beunruhigt worden. Es war also keiner der Jungen hineingesprungen. Wahrscheinlich hatte jemand einen Stein hineingeworfen; das war sicher ein dicker Stein gewesen. Doch wozu? Diese Mühe macht sich niemand.
Garza fiedelt und fiedelt. Ich denke, die Finger müssen ihm ganz lahm sein.
Es kann aber auch ein großer Fisch gewesen sein, der plötzlich hochschnellte und wieder zurückfiel ins Wasser. Nein, das war es nicht. So hatte es nicht geklungen.
„Warum die zementieren werden“, antwortete Ignacio, „das werde ich Ihnen sagen. Die haben schon zwei zementiert, weiter drin. Die bohren so lange, bis sie Öl spüren, und dann zementieren sie sofort und sagen, sie haben nichts gefunden, die Biester.“
Es kann ja auch ein Hund hineingesprungen oder hineingeworfen worden sein?
Der Pumpmeister schüttelt den Kopf und sagt: „Das machen die Gringos nicht. Wenn die Öl finden, dann holen sie es auch raus bis auf das letzte Faß, das sie kriegen können. So eine Bohrung kostet doch wenigstens zwanzigtausend Dollar. Die schmeißen doch ihr Geld nicht weg und bohren da nur zum Spaß, bohren nur bis elfhundert und machen dann dicht, weil sie bis dahin nichts haben. Auf sechzehnhundert oder achtzehnhundert kann ja das dickste Öl liegen.“
Ein Hund kann es auch nicht sein, der würde plätschern, um ans Ufer zu kommen. Aber da war kein Plätschern hinterher, kein Rufen, kein Kreischen, nichts. Nur der eine kurze Platsch und vorbei.
Ignacio ist wissend. Er kennt die Geheimnisse der Ölmagnaten. „So können Sie nur reden,“ sagt er zum Pumpmeister, „weil Sie durchaus nichts von Öl verstehen. Wenn die nicht bis auf dreitausend Fuß bohren, sondern schon vorher zementieren, so beweist das gerade, daß sie auf Öl gestoßen sind, oder aber, daß sie es fühlen. Dann machen sie rasch dicht und sagen, es sei überhaupt kein Öl da.“
Manuel steht bei einem Mädchen, schwatzt auf sie ein, und sie lacht, lacht in einem fort. Er ist doch ganz anders als die anderen Burschen hier herum. Das macht eben, er arbeitet in Texas, er sieht die Welt und lernt, die schönen Mädchen von den weniger schönen zu unterscheiden.
„Das müssen Sie mir nun nicht einreden, Ignacio,“ antwortet der Pumpmeister, „die Gringos mag alle der Teufel holen, da kehre ich mich nicht darum, aber stupid sind sie nicht, das können Sie mir nicht erzählen.“
„Das behaupte ich ja gar nicht,“ widerspricht Ignacio eifrig, „eben das ist es, sie machen ja gerade die Bohrlöcher dicht, weil sie nicht stupid sind. Sie zementieren nur deshalb, weil sie noch nicht das ganze Land hier herum in Vorpacht haben. Das machen sie, um die Bohrungspachten niedrig zu halten. Sobald sie alles Land in Pacht halten, dann kommen sie raus mit dem Öl, dann brechen sie die ganzen Zementierungen wieder aus, und dann sollen Sie mal sehen, wie das Öl hier flutet.“
Weder Sleigh noch ich mischten uns in das Gespräch der beiden. Der Pumpmeister machte große Augen und sah Ignacio an wie einen Weltweisen. Dann sagte er in einem Ton, aus dem deutlich die Bewunderung vor der Klugheit des Ignacio herauszuhören war: „Ich glaube, Sie haben recht, Ignacio. Das sieht ihnen ganz ähnlich, diesen Americanos. Ich sage es ja, stupid sind die ganz gewiß nicht, wenn sie auch sonst niederträchtige Biester sind.“
Darauf antwortete Ignacio triumphierend: „Ja, man muß nur die Augen und Ohren aufmachen, dann kann man schon etwas lernen und sehen, auf welche Weise die ihr Geld machen. Mir können die alle nichts vormachen, ich bin ihnen weit über, diesen Burschen.“
Inzwischen hatte sich ein anderer Mann neben Garza gesetzt und ihm die Geige aus der Hand genommen. Die Mädchen sahen alle auf, weil er so tat, als ob er nun einmal zeigen wolle, wie man zum Tanze aufzuspielen habe. Ein paar Takte schien es auch, daß er wirklich hervorragend spielen könne, und die Mädchen zupften bereits an ihren Kleidern herum. Aber dann war es auch schon aus, und er spielte schlechter als Garza.
Zwei Mädchen wagten es endlich, zu tanzen. Nach zehn Schritten aber setzen sie sich wieder. Wenn wenigstens eine Gitarre da wäre, dann ließe sich so etwas wie Musik zusammenstoppeln.
Dennoch denkt niemand an Aufbruch. Man ist einmal hier, und irgend etwas wird ja wohl geschehen. Wo so viele Leute beieinander sind, geschieht immer etwas. Vielleicht kommt doch noch der große Musikmeister, auf den sie alle in einem unbestimmten Gefühl warten.
Ignacio hat sich von uns entfernt. Er sucht sicher eine andere Gruppe auf, die er mit seiner großen Entdeckung auf die Knie zwingen kann.
Eine junge, hübsche Frau kommt auf uns zu. Sie hat ein meergrünes Gazekleid an, durch das man den weißen Unterrock schimmern sieht. In dem schwarzen, sorgfältig durchgekämmten Haar hat sie zwei dicke rote Blumen, und sie trägt einen kleineren Blumenstrauß an die Brust gesteckt und einen mit dicken roten Blumen am Gürtel.
„Haben Sie Carlos nicht gesehen?“ Sie fragt es ganz leichthin. „Er hat noch nicht sein Abendbrot gegessen. Er ist ja ganz aus dem Häuschen vor Aufregung, weil Manuel gekommen ist. Das geht in einem fort: „Buenas noches!“ und „Adios!“ und „Bonito!“ und „Bonita!“ und immer gleich wieder auf und davon.“
„Hier war er nicht, ich habe ihn nicht gesehen“, sagt der Pumpmeister.
„Kann sein, daß er hier war,“ sagt Sleigh, „aber ich habe nicht auf ihn geachtet.“
Ein anderer Mann kommt auf uns zu, und wir reden von dem neuen Dampfkessel, der dem Pumpmeister schon seit zwei Jahren versprochen wurde, aber immer noch nicht angelangt ist.
Die junge hübsche Frau sieht Manuel und geht zu ihm rüber. Ich sehe, wie er den Kopf schüttelt und dann wieder auf sein lachendes Mädchen einredet.
Die Frau – es ist die Gattin Garzas und die Mutter des kleinen Carlos – geht nun zu ihrem Manne. Er dreht sich gerade eine Zigarette, hört gleichgültig zu und schüttelt dann mit dem Kopfe.
Eine Weile steht die Frau unschlüssig und nachdenklich da. Dann sieht sie sich zwischen den Leuten und den Kindern um. Alle die Personen sitzen, stehen und laufen in dem trüben Licht herum wie bunte gespenstische Schatten. Die Gesichter, die alle tiefbraun, viele beinahe schwarz sind, sind weniger zu erkennen als die grellfarbigen Kleider der Mädchen und die hellen Hemden und Hosen der Männer. Zuweilen sieht es aus, als ob Kleidungsstücke herumlaufen, über denen ein großer Hut hängt und mitläuft, denn die Gesichter und Hände verlaufen in der Nacht.
Einige Male sehe ich noch die Frau Garza zwischen den Gruppen hin und her streifen, dann aber achte ich nicht mehr auf sie.
Garza hat die Fiedel wieder genommen. Man sieht ein, daß er von allen, die es nun versucht haben, immer noch am besten spielt.
Aus irgendeinem Winkel der Nacht heraus bläst jemand auf einer Mundharmonika. Wieder versuchen einige Mädchen zu tanzen, und wieder stellen sie den Versuch nach einer Runde ein.
Die Frau des Pumpmeisters steht auf, nimmt eine Laterne fort und geht damit ins Haus. Der Platz wird dadurch noch gespenstischer. Drüben bei den Eseltreibern ist das Feuer am Verlöschen, und die beiden Männer und der Junge kommen näher heran, um unter Menschen zu sein. Sie finden gleich Bekannte, stellen sich bei ihnen hin, spucken aus und mischen sich in das Gespräch.
Da kommt die Garza in der Richtung von der Brücke auf uns zu. Sie geht sehr eilig und sagt, noch während sie geht: „Der Junge ist nicht da. Ich kann ihn nicht sehen. Wo steckt er nur?“ Ihr Gesicht, das vorhin noch nebensächlich, alltäglich geschäftig war, nimmt jetzt einen auffallend deutlichen Ausdruck der Besorgnis an. Sie zieht die Stirne hoch, öffnet ihre Augen weit und richtet sie fragend auf uns. In diesen Augen schimmert ein leiser Verdacht, gegen den sie sich noch zu wehren sucht. Und ein zweiter Verdacht glimmert hindurch, ob wir vielleicht etwas ahnen, aber unsere Ahnung vor ihr verbergen wollen. Hilflos sieht sie sich nach allen Seiten um, wo sie noch suchen könnte. Dann blickt sie uns wieder an. In ihren Augen ist eine Wandlung vor sich gegangen. Der Verdacht, die leise Ahnung fangen an, Gestalt anzunehmen.
Der große Musikmeister ist erschienen! Der größte, den die Menschen haben. Gleich wird er zum Tanze aufspielen. Zu einem wirbelnden Tanze, bei dem die Fanfaren des letzten Tages der Welt zu hören sein werden.
Die Tänzer beginnen sich langsam aufzustellen. Zuerst nur die, wie bei jedem Tanze, die gehört haben, daß die Musik eingesetzt hat.
„Machen Sie sich doch keine Sorgen, Carmelita,“ sagt der Pumpmeister, „der Junge ist müde geworden und hat sich hingelegt zum Schlafen.“
„Im Hause ist er nicht, ich habe jeden Winkel durchsucht.“
„Er wird bei andern Leuten sein.“
„Nein, auch nicht.“
„Vielleicht irgendwo unter eine Decke gekrochen, oder er liegt auf einem Dache, wo er eingeschlafen ist, und wo es kühl ist“, sagt jetzt Sleigh.
An das Dach hat die Frau nicht gedacht. Das kann sein, er schläft ja oft mit dem andern Jungen auf dem Dache, sie hat ihm ja oft den Fetzen Decke hinaufwerfen müssen. In ihre Augen kommt ein Schein von Hoffnung. Sie eilt davon. Wieder über die Brücke zurück.
Die Pumpmeisterin ist mit der Laterne aus der Hütte zurückgekommen, und der Platz wird wieder ein wenig heller.