Garza fiedelt noch immer. Der Junge ist schon hundertmal nicht zum Abendessen gekommen, man hat ihn schon dutzende Male wer weiß wo suchen müssen, oft hat er sich einen Esel genommen und ist auf und davon geritten aus reinem Vergnügen. Die Frauen haben immer gleich den Sack voll Angst. Obgleich niemand zu tanzen versucht, er ist nicht beleidigt oder verärgert, unverdrossen spielt er weiter. Wenn einer besser spielen kann als er, so mag er sich doch melden, er will ihm gern seine Geige leihen. Aber da soll erst einmal einer kommen, der besser spielt. Das ist ja eben die Sache, man muß spielen können, und er kann spielen, besser als alle hier in der Runde. Die Onesteps, Twosteps, Walzer und Foxtrotts schieben sich ja alle ein wenig ineinander, so daß man immer erst eine Weile hinhören muß, was er eigentlich spielt; und wenn man dann überzeugt ist, daß er einen Foxtrott meint, dann ist es ein Walzer.
Ab und zu spielt wieder einer auf der Mundharmonika, die von Hand zu Hand oder richtiger von Mund zu Mund zu gehen scheint, denn zwischendurch hört man immer sprechen und zuweilen etwas lauter: „Gib mir mal, du kannst ja nicht.“
Die Jungen auf der Brücke singen nicht mehr. Vielleicht sitzen sie noch da und erzählen sich etwas, vielleicht auch haben sie sich zu den Mundharmonikaspielern gesellt oder zwischen die Gruppen hier gemischt.
Die Garza kommt schon wieder zurück. Da wir ja am nächsten zur Brücke stehen, muß jeder, der zum Pumpplatz will, an uns vorbei.
Sie kommt so natürlich zuerst auf uns zu. Ihr Gesicht hat den ersten Schimmer von Angst angenommen. Die Augen sind starr und weit auf uns gerichtet mit einer ganz stillen Hoffnung, daß wir, während sie drüben auf der anderen Seite des Flusses war, etwas erfahren haben könnten. Ihr Haar, das so sorgfältig geordnet war, ist an der einen Seite ein wenig aufgezaust. Sie ist auf das Dach geklettert, und sie hat zwischen Gestrüpp gesucht.
„Er ist auch nicht auf dem Dache, Senjores. Die andern haben auch überall nachgesehen. Sie haben ihn nicht gefunden.“ Sie sagt es so, als ob die Worte Blei wären. „Drüben ist er nicht.“ Sie geht hinüber zu ihrem Manne. Während er ruhig weiterfiedelt, redet sie auf ihn ein. Dann schweigt sie plötzlich und sieht ihn groß fragend an, seine Meinung erwartend.
Er zieht noch einen langen Strich, dann setzt er den Bogen ab und läßt die Hand aufs Knie fallen. Die Geige hat er noch an der Brust, denn kein Indianer hier hält die Geige gegen das Kinn. Über die Geige hinweg sieht er mit seinen schwermütigen Augen seiner jungen Frau ins Gesicht. Plötzlich ruckt er zusammen. Er hat mehr in den Augen gelesen, als sie für ihn hineingeschrieben hatte. Er öffnet den Mund weit, und der Unterkiefer scheint zu erschlaffen. Jetzt endlich nimmt er die Geige auch herunter und stützt sie aufs Knie; und während er den Kopf sinken läßt, übergibt er die Fiedel dem großen Meister, den er jetzt kommen sieht.
Der Junge ist noch keine Stunde fort. Er ist dutzende Male halbe Tage fortgewesen und hat sich hunderte Male viele Stunden lang wer weiß wo herumgetrieben, aber noch nie hat Garza seine Frau so gesehen wie jetzt.
„Manuel!“ ruft die Frau.
Manuel kommt von seinem lachenden Mädchen, der er noch ein lustiges Wort zurückruft, langsam heran.
Lachend sagt er: „Was ist denn, Mutter?“
„Wir können Carlos nicht finden“, sagt sie, ängstlich in seinem Gesicht suchend, ob er nicht das erlösende Wort sprechen würde.
Das Lächeln auf dem Munde Manuels wird um einen Grad leichter, und er sagt: „Ich habe ihn ja gerade eben noch gesehen.“
„Wo?“ ruft die Mutter, während sich ihr Gesicht merkwürdig aufhellt, als wäre es plötzlich von strahlender Mittagssonne getroffen worden.
„Ja, hier, er wollte sich an meinem neuen Taschentuch die Nase abputzen. Das tat er auch. Dann schob er mir das Tuch wieder in die Hosentasche. Da, hier ist es. Dann puffte er mich in die Seite, trat mich auf den Fuß, und fort war er wie ein Coyote.“
„Du sagst, gerade eben noch?“ drängt die Mutter auf ihn ein.
„Ja, natürlich, gerade eben noch. Oder –“
„Was oder? Was oder?“ Die Mutter schüttelt ihn heftig an den Armen.
„Oder – Warte mal, das kann auch schon zehn Minuten her sein.“
Die Garza läßt kein Auge von seinen Lippen.
„Laß mich mal denken. Es kann auch eine halbe Stunde her sein. Vielleicht noch mehr. Ja, ich glaube, es ist länger her. Seit dann habe ich ihn nicht mehr gesehen.“
Das Gesicht der Garza verdunkelt sich mit einem Ruck. Die Stirne zieht sich über der Nasenwurzel zusammen wie in einem Krampf, und das ganze Gesicht scheint zusammenzuschrumpfen, als ob es verwelke.
„Nachdem war er noch drüben bei mir. Er reichte mir den Faden, damit ich die Blumen zusammenbinden konnte. Das war nachher –“ Trotz ihrer fliegenden Angst rekapituliert die Frau so genau, als läse sie das aus einem Buche. „Das war nachher, denn er sagte mir, daß er dir das Taschentuch aus der Tasche gezogen habe, und wenn du nicht so ein guter Manuel wärest, dann würde er es dir sicher stehlen.“
Nun sieht sich Manuel besorgt um, dreht sich und hofft augenscheinlich, den kleinen Bruder im selben Augenblick irgendwoher aus der Nacht auftauchen zu sehen, denn er hat ihn zu lebensdeutlich vor Augen.
Garza ist aufgestanden und steht unschlüssig da, er weiß nicht, was er tun soll. Seine Geige hat er gedankenlos auf die Bank gelegt.
Die Pumpmeisterin ist näher gekommen, mit ihr einige andere Frauen. Es kommen jetzt auch Männer näher heran, um zu hören, was hier los sei. Die Pumpmeisterin redet beruhigend auf die Garza ein, sie hat selbst Kinder, und die sind alle Augenblicke zu suchen, manchmal an Stellen, wo es kein Mensch vermuten würde. Auch die übrigen Frauen sprechen ihre Erfahrungen aus: „Das kleine Kroppzeug kommt immer wieder. Nur ja keine Angst, Carmelita. Wenn er Hunger hat oder sich irgendwo ausgeschlafen hat, dann werden Sie ihn schon erscheinen sehen.“
Manuel hat sich entfernt. Nach einer Weile hört man ihn aus der Finsternis herausrufen: „Carlos! Carlos!“
Alle, die hier herumstehen, hören auf zu sprechen und lauschen auf die Antwort. Aber man hört nur das Singen und Wimmern des Dschungels und das Sprechen der mehr abseits stehenden Gruppen.
Durch das Rufen Manuels werden auch die übrigen Gruppen aufgescheucht, sie beginnen sich zu bewegen und an dem Tanze, dessen erste Takte sich noch schwerfällig hinschleppen, teilzunehmen.
Der Pumpmeister geht zu dem offenen Schuppen, wo die Pumpe und der Kessel stehen, und leuchtet mit einigen Zündhölzern herum. Alle sehen hinter ihm her und erwarten, daß er den Jungen jetzt gleich da irgendwo am Arme hervorzerren wird. Als er aber wieder zurückkommt, sieht jeder ein, daß es unsinnig war, zu erwarten, der Junge würde sich zwischen dem verölten und verschmierten Eisengestrüpp verkrochen haben.
Gequält sieht die Garza von einem zum andern. Sie hält eine Faust am Munde und nagt daran herum. Ihre Augen werden wie die eines Tieres, das instinktiv eine Gefahr herannahen fühlt. Ein Gedanke kommt ihr. Sie nimmt die Faust vom Munde fort, birgt sie in die linke Hand, hält so beide Hände eine Weile vor der Brust und dreht sich dann rasch entschlossen um. Sie geht schnell auf die Brücke zu. Nach wenigen Schritten bleibt sie stehen, läßt Kopf und Arme entmutigend sinken und kommt mit schweren schleppenden Schritten zurück zu der Gruppe.
Garza weiß nicht, was er tun soll. Er dreht sich endlich gedankenlos eine Zigarette.
„Carlos! Carlos!“ hört man hin und wieder aus verschiedenen Richtungen her Manuels Stimme. Das veranlaßt mehrere Burschen nach anderen Richtungen auszustreifen, und bald vernimmt man von überall her den Ruf „Carlos!“ Nach jedem Ruf folgt ein Schweigen, und manchmal scheint es, als ob selbst der Dschungel für kurze Momente mitschwiege, um ein Menschenkind retten zu helfen.