„Senjora! Senjora Garza!“ ertönt da die rufende Stimme zweier Jungen, die offenbar von drüben, von der anderen Seite herangesaust kommen.
„Also, da ist er ja, der Junge“, ruft die Pumpmeisterin aus. Alle Gesichter entspannen sich, und eilige Worte fliegen hin und her, um rasch etwas zu sagen, ehe die heranspringende Neuigkeit einem die Möglichkeit nimmt, etwas ungemein Wichtiges auszusprechen.
Ein paar Burschen und Mädchen entfernen sich von der Gruppe, gelangweilt. Es war ja die Aufregung wahrhaftig nicht wert. Wie kann denn der Junge verlorengehen.
Die Garza schluckt, und sie leckt sich die trockenen Lippen. Dann holt sie tief Atem, als habe sie seit Stunden nicht geatmet. Dennoch läßt sie sich nicht überwältigen. Es steigt Hoffnung in ihrem Gesicht auf, aber der Zweifel bleibt die stärkere Empfindung. Sie hat sich so sehr in Gewißheit hineingearbeitet, daß sie nicht leicht herausfinden kann.
Nun sind die Jungen heran. Atemlos reden sie drauflos: „Senjora, Sie suchen Ihren Chiquito, Ihren kleinen Carlos?“
„Ja doch, wo ist er denn?“ rufen die Umstehenden, während die Mutter mit weiten verglasten Augen auf die Jungen starrt, als kämen sie aus einer andern Welt.
„Aber der Carlos ist doch nach Magiscatzin geritten“, sagt der größere der beiden Jungen.
„Ja, das ist er,“ bestätigt der kleinere, „das ist er ganz bestimmt.“
„Na ja also“, sagt die Pumpmeisterin gedehnt und klopft der Garza freundschaftlich auf die Schulter.
„Habe ich doch schon gesagt“, spricht eine andere Frau. „So ein Junge kann doch nicht so ganz einfach aus der Welt herausfallen.“
Die Männer sagen nichts, und die meisten entfernen sich von der großen Gruppe, um wieder ihre unterbrochenen Gespräche aufzunehmen.
Die Garza zieht die Stirne zusammen, als fiele ihr das Nachdenken sehr schwer. Sie hält beide Hände vor den Leib und sieht die Jungen an. Die Jungen wollen hinwegtrollen. Aber die Garza hält den einen am Arme fest, und dadurch bleibt der andere von selbst auch stehen.
„Ihr sagt, er ist nach Magiscatzin geritten?“
„Ja freilich.“
„Worauf denn?“
„Auf einem Pferd!“
„Auf einem Pferd? Auf wessen Pferd denn eigentlich?“
Ganz ruhig fragte die Garza das.
„Ein großer Junge kam vorbei auf einem Pferde“, erwidert nun der ältere der beiden Burschen.
„Ja, ein großer Junge“, mischt sich der Jüngere ein. „Und Carlos stand gerade hier, und da sagte –“
„– und da sagte der Junge,“ nun redet wieder der Ältere, „willst du nicht mitkommen, Carlos, ich reite schnell.“
„Was hat denn da der Carlos gesagt?“ fragt die Garza.
„Reitest du nach Magiscatzin? hat Carlos gefragt. Da hat der große Junge genickt, und Carlos sagte, dann könne er sich ja in Magiscatzin Bonbons kaufen, er habe zwanzig Centavos. Und der Junge hat wieder genickt und gesagt, das könne er wohl, und sein Pferd sei ein sehr schnelles Pferd.“ Wenn der eine der beiden Jungen aufhört zu reden, fängt jedesmal gleich der andere an. Die Geschichte scheint ganz wahr zu sein. Das können sich zwei Jungen nicht so gut von selber ausdenken.
Die Leute sind wieder dichter herangekommen. Die Garza blickt eine Weile auf die Jungen, dann sieht sie sich um, blickt in die Gesichter der Umstehenden, die infolge des trüben Lichtes der verräucherten Laternen kaum richtig zu erkennen sind. Inzwischen ist Manuel näher gekommen, weil er hörte, daß hier eine Neuigkeit sei. Der Blick der Garza fällt jetzt auf Manuel und bleibt eine Weile darauf haften, als ob sie bei ihm Rat suche. Dann wendet sie sich rasch zurück zu den Jungen und sagt laut: „Das glaube ich nicht. Das glaube ich nicht. Carlos reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist und Manuel Montag früh schon wieder abreisen muß. Und wenn er wirklich nach Magiscatzin geritten wäre, so hätte er es Manuel gesagt.“
„Er ist aber doch mit dem großen Jungen geritten“, besteht der ältere Bursche auf seiner Behauptung.
„Wer war denn der Junge?“ fragt die Garza.
„Das wissen wir nicht, wie er heißt.“
„So, das wißt ihr nicht?“ sagt die Garza. „Kennt ihr den Jungen?“
„Nein, wir kennen ihn nicht“, sagt der Ältere, während der Jüngere behauptet: „Ich habe ihn aber schon einmal hier vorbeikommen sehen mit einem beladenen schwarzen Esel.“
Nun mischt sich der Pumpmeister ein: „Wie sah denn der Junge aus?“
Bisher haben die Jungen klar und sicher gesprochen. Als sie aber diese Frage beantworten sollen, fangen sie an, sich fortgesetzt zu widersprechen. Sie vermögen nicht genau anzugeben, wie der Junge ausgesehen hat. Sie können nicht einmal sagen, ob er auf einem Sattel saß oder nur auf einer Matte, und über die Farbe des Pferdes und das Brandzeichen wissen sie gar nichts. Dagegen stimmt die Zeit wieder, denn sie behaupten, es sei ungefähr etwas mehr als eine gute Stunde her, seit Carlos fortgeritten sei. Das wäre also um acht Uhr gewesen. Und um diese Zeit lief der Junge aus der Hütte fort, um rüber zur Pumpe zu rennen, wo Manuel war und der Vater die Geige spielte. Seitdem hat ihn die Mutter nicht mehr gesehen. Als alle Anwesenden, mit Ausnahme der Mutter, erklären, daß sie die Erzählung der beiden Jungen für glaubhaft halten, weil mehrere Männer und Burschen vorübergeritten seien und die Jungen gar keinen Grund hätten, zu schwindeln in einer so ernsten Sache, setzt sich Garza aufs Pferd und reitet nach Magiscatzin, um nach Carlos zu fragen. Es ist möglich, jener Junge auf dem Pferde ist nicht aus der Gegend hier, sondern macht eine Reise und hat Carlos in Magiscatzin abgesetzt, und Carlos kann nicht zurück. Der Junge ist doch nur sechs Jahre alt und mag leicht unüberlegte Streiche dieser Art machen. Nun sitzt er wahrscheinlich in jenem kleinen Dorf und heult, weil er nicht zurück kann in der Nacht. Durch die Beschäftigung des Aufsattelns, durch das Fortreiten ihres Mannes und infolge der Zuversicht aller übrigen Leute wird die Garza ein wenig von ihren schweren Befürchtungen abgelenkt. Sie fühlt sich leichter, setzt sich zu anderen Frauen auf eine Bank und mischt sich in deren alltägliches Geschwätz über alltägliche Dinge.
Manuel steht gegen einen Baum gelehnt. Er weiß nicht recht, was er tun soll. Zu den Mädchen gehen, da herumsitzen und kichern, hat er keine Lust. Endlich aber macht er sich doch auf und geht langsam auf jenes hübsche Mädchen zu, mit der er schon früher am Abend geplaudert hatte.