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Die Brücke im Dschungel cover

Die Brücke im Dschungel

Chapter 8: 7
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

7

leigh war an der ganzen Sache ziemlich uninteressiert gewesen. Was ihn überhaupt lebhaft in Bewegung bringen könnte, habe ich bis heute nicht erfahren können. Aber vielleicht lerne ich etwas mehr von ihm, besser über ihn, wenn ich ihn später wieder einmal treffe. Als die Aufregung sehr hoch ging, sagte er mir, daß er wieder rübergehen wolle, um zu sehen, ob die Kuh jetzt vielleicht hereingekommen sei. Nun ist er zurück. Die Kuh ist noch nicht da, und sein Gespräch dreht sich nur darum, wo die Kuh sein könne und warum sie nicht komme.

Da kommt ein Junge an uns vorüber und geht zu Manuel. Ich folge ihm, um zu hören, was er will.

„Das ist ja gar nicht wahr, daß der Carlos nach Magiscatzin geritten ist“, sagt er sehr laut zu Manuel. „Der Carlos ist mit einem Jungen nach Tamalan geritten, aber nicht auf einem Pferde, nein, auf einem Esel.“

„Hast du es gesehen?“ fragt Manuel mißtrauisch.

„Natürlich habe ich es gesehen, sonst würde ich es dir doch nicht sagen.“

„Warum hast du denn das nicht früher gesagt?“

„Ich habe doch nicht gewußt, daß die andern erzählt haben, Carlos sei nach Magiscatzin geritten“, sagte der Junge entschuldigend.

Die Garza hat das alles gehört. Sie ist aufgeschnellt und kommt so rasch herbei, als sei sie in einem Satz hergesprungen.

„Was sagst du da?“ schreit sie auf den Jungen ein und schüttelt ihn bei beiden Schultern.

Der Junge wiederholt seine Rede und schwört bei allen Heiligen, daß er Carlos habe auf einem Esel fortreiten sehen, in der Richtung nach Ocampo.

Die Garza läßt den Kopf tief zwischen ihren Schultern versinken, und sie erscheint plötzlich ganz klein und zusammengedrückt. Ihr Mund steht weit offen, und ihr Blick flackert irre hin und her.

Der Pumpmeister rüttelt sie energisch am Arm. Er fürchtet, daß sie stehend sterben werde, wenn er sie nicht aufwecke. Dabei sagt er: „Regen Sie sich doch nicht auf, Carmelita, regen Sie sich doch nur nicht auf. Warten Sie doch erst einmal ruhig ab, bis Garza zurück ist.“

Die Frau sagt nichts darauf. Sie hat augenscheinlich überhaupt nichts gehört. Der flackernde irre Blick schweift weiter ruhelos umher.

Einer der Eseltreiber des Packzuges sagt nun: „Ich kenne den Weg nach Tamalan. Es ist ein ganz verfluchter Weg. Wenn man ihn nicht genau kennt, kommt man in der Nacht nicht mehr wieder. Habt ihr eine Mula oder einen Esel, dann will ich rüberreiten und nach dem Jungen herumhören. Meine Esel sind müde.“

Sogleich wird ihm ein Esel angeboten. Als er abreitet, kommt noch ein Junge mit einem Esel an, um ihn zu begleiten.

„Habt ihr auch Zündhölzer?“ ruft der Pumpmeister hinter ihnen her.

„Wir haben genug“, wird ihm zurückgerufen.

Die Garza wird immer aufgeregter. Die leise Hoffnung, die sie hatte, als die Leute alle so zuversichtlich waren, der Junge müsse in Magiscatzin sein, ist völlig verflogen. Stark war in ihr diese Hoffnung ja nie gewesen. Nun aber fällt die Frau zurück in jenen Zustand der Gewißheit, den sie besaß von jenem Augenblicke an, als sie den Kleinen vermißte. Was niemand sonst wissen kann, sie, die Mutter, weiß es: der Junge kommt nie wieder! Herz und Instinkt sagen ihr die Wahrheit. Alle mögen leugnen und zweifeln, sie zweifelt nicht. Sie hat ernsthaft keine Sekunde lang gezweifelt.

Mit dieser endgültigen Wiederkehr der Gewißheit verfliegt der irre flackernde Blick aus ihren Augen. Sie rafft sich zusammen. Sie muß etwas tun für ihr Kind, wäre es auch nur, um seinen kleinen Körper noch einmal zu liebkosen.

Sie eilt hinweg, zurück über die Brücke, heim in die häusliche Hütte. Eine Minute darauf sieht man sie auf der anderen Seite des Flusses mit einer Laterne durch die Gebüsche am Ufer streifen. Bald kriecht sie tiefer in den Dschungel, bald wieder kommt sie näher zum Ufer. Mit weit ausgestrecktem Arm leuchtet sie in das Wasser. Zuweilen ruft sie den Namen des Kindes. Es klingt gespensterhaft. Hier auf dieser Seite haben die Leute das Gefühl, als ob auf das Rufen eine Antwort folgen würde, die grauenhaft sein müsse.

Eine Weile steht sie dann drüben am Ufer, überlegend, was wohl zu tun sei. Die Laterne hängt am Arme herunter und beleuchtet die so festlich gekleidete Frau. Das Gesicht aber, das von unten her sein Licht empfängt, während oben und von allen Seiten die tiefen schwarzen Schatten der Nacht liegen, ähnelt weder einem menschlichen, noch einem tierischen Antlitz. Es ist eine grausige Fratze und Maske, die sich mit keinem Dinge auf Erden vergleichen läßt.

Hier, auf dieser Seite des Flusses, stehen die Leute in Gruppen und sehen hinüber zu der einsamen Mutter, die mit der Laterne am Ufer steht, um nach ihrem einzigen Kinde zu suchen. Zwei feindliche Lager, durch den Fluß getrennt; zwei gegenüberstehende Welten. Die eine Welt in ihrem tiefsten Schmerze, die andere hilfsbereit, aber doch im Herzen froh, daß es der andere ist, den es traf.

Es gehen einige Männer hinüber, um der Frau beim Suchen zu helfen. Sie kriechen ziellos in dem Dornengebüsch herum. Daß sie den Jungen dort finden könnten, glaubt keiner von ihnen; sie wollen nur der Mutter zeigen, daß sie nicht allein sei, daß man alles tun wolle, was nur in der Macht der Menschen liegt, um ihr zu helfen.

Die Frau bewegt sich langsam auf die Brücke zu. Während sie über die Brücke geht, leuchtet sie bei jedem Schritt in das Wasser hinunter. Aber das Wasser ist dick und gelb; der Schein der Laterne dringt nicht eine Handbreit unter die Oberfläche. Sie ist nun wieder auf dieser Seite. Die Pumpmeisterin legt ihr die Hand auf die Schulter und redet tröstend auf sie ein: „Wir wollen doch erst einmal sehen. Der Kleine ist wirklich mit den Jungen fortgeritten, das ist ganz sicher. Kommen Sie, setzen Sie sich auf die Bank und denken Sie jetzt nicht mehr daran; das können wir noch immer genug tun, wenn die Leute zurück sind.“

„Carlos ist nicht fortgeritten“, die Garza sagt es mit fester Bestimmtheit. „Er reitet nicht fort, wenn Manuel hier ist.“

„Ach, Kinder!“ erwidert die Pumpmeisterin. „Sie haben nur das eine, da wissen Sie nicht viel über Kinder. Ich weiß das besser von meinen Gören. Woran man gar nicht denkt, das tun sie gerade zuerst.“

Die Garza hat die Laterne vor sich auf den Erdboden gestellt. Sie dreht sich um und blickt mit schweren müden Augen zum Fluß hinüber. Dann wendet sie ihr Gesicht wieder der Gruppe zu, in der sie steht. Unschlüssig und ratlos sieht sie alle der Reihe nach an. Den Kopf legt sie schwerfällig in den Nacken und schließt für eine Weile die Augen. Plötzlich aber reckt sie sich zusammen und ruft mit keuchender Stimme: „Der Junge ist im Fluß. Er ist ertrunken!“

Erstarrt stehen die Anwesenden, als habe der Blitz zwischen sie eingeschlagen. Die Pumpmeisterin kann vor Entsetzen kaum schlucken. Endlich sagt sie: „Segne Sie Gott, Carmelita, wie können Sie nur so etwas Sündhaftes und Schauderhaftes sagen!“

Die Garza jedoch stößt einen tiefen Seufzer aus. Sie fühlt sich erlöst von einem Klumpen, der ihr seit langem in der Kehle gelegen hat und sie zu ersticken drohte. Sie reckt und dehnt den Hals, und ihr Blick wird mit einem Male sachlich und brutal nüchtern. Alles Irre und Flackernde ist daraus verschwunden. Sie steht bewußt und sicher in der Welt wie vielleicht nie zuvor im Leben.

Während die Leute noch wie entgeistert sind, nicht wissen, was sie tun oder sprechen sollen, redet die Garza frisch weg, um sich noch mehr Luft zu schaffen.

„Der Junge war ja so wild und ausgelassen den ganzen Abend. Er wußte ja kaum, was er tat, und wo er rannte. Ich konnte ihn nicht halten im Hause, er mußte wieder hinüber zu Manuel und rannte fort wie ein Wirbelwind. Er kennt den Weg und die Brücke ganz genau. Aber da hat er die neuen Schuhe an und war nicht ganz sicher auf den Beinchen. Als ich vorhin zum ersten Male hier über die Brücke kam, wäre ich beinahe ins Wasser gefallen. Ich sah die Laterne hier hängen und ging drauf zu; erst als ich gegen den Balken stieß, fiel mir ein, daß die Brücke gar nicht auf die Laterne zuläuft, sondern weit ab. Und als ich das bemerkte, da kam mir der Gedanke, wenn der Junge so wild drauflosläuft, dann fällt er sicher ins Wasser. Und als ich dann hier drüben ankam, war meine erste Frage die nach dem Jungen. Ich würde sonst vielleicht gar nicht an ihn sofort gedacht haben. Aber ich wußte gleich, es ist schon zu spät, denn mein Herz war ganz voll Angst.“

Niemand hat sie unterbrochen, und eine gute Weile spricht kein einziger der Zuhörenden. Dann aber sagt die Pumpmeisterin: „Aber das ist ja ganz unmöglich, man würde doch gehört haben, wenn der Junge in den Fluß stürzt.“

Ich blicke seitwärts, und meine Augen treffen die des Sleigh, der im gleichen Moment aufschaut und mich ansieht. Weder er noch ich fühlen das Bedürfnis, irgend etwas zu sagen.

„Nein, nein,“ sagt jetzt ein Mann, „das würde man sicher gehört haben. Das platscht doch, wenn so ein Junge in den Fluß fällt. Auch fällt so ein Junge nicht rein und ist gleich lautlos verschwunden. Der schreit und strampelt und macht Lärm.“

„Natürlich“, mischt sich nun der Pumpmeister ins Gespräch. „Ich kenne doch den Jungen, es verging doch kein Tag, wo er nicht hier herumgeschwommen und herumgeplantscht hat im Wasser. Er ist wie ein Fisch. Der hätte sich schon herausgekrabbelt, und wenn er das nicht gekonnt hätte, dann hätte er geschrien. Er ist doch Wasser gewöhnt.“

Die Garza hört dem allen zu, als ob über etwas gesprochen würde, das sie gar nicht berühre. Nun aber fühlt sie sich verpflichtet, ihren Jungen zu verteidigen: „Gewiß hätte er sich herausgearbeitet, oder hätte er geschrien, aber er konnte es ja nicht mehr. Er hatte doch die neuen Stiefelchen an. Er hat gewiß, als er so ausgelassen drauflostrabte, mit den Stiefeln gegen den Balken gestoßen. Wäre er barfuß gewesen, hätte er sich halten können. Aber die Sohlen waren spiegelglatt. Ehe er wußte, was überhaupt geschah, da war er übergekippt und hatte mit dem Kopf auf den Balken geschlagen, und ehe er zur Besinnung kam, war er schon unter dem Wasser. Er hat gar keine Zeit gehabt, zu strampeln oder zu schreien.“

Mit dieser Rede schließt die Garza ihre Erzählung ab. Sie hat nichts mehr zu sagen, und niemand kann sie überzeugen, daß es anders wäre oder daß der Junge nicht im Flusse sei.