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Die Brücke im Dschungel

Chapter 9: 8
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About This Book

The narrative unfolds in a jungle setting where the author recounts an encounter with a character named Sleigh. The meeting occurs at a muddy watering hole, where the author is confronted by Sleigh, who is cautious and points a gun at him. After a brief exchange, Sleigh reveals he is on a journey and instructs the author to wait a distance away before he drops the gun and departs. This encounter highlights themes of survival, caution in unfamiliar territories, and the unspoken rules of trust and suspicion among individuals in the wilderness.

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ie Leute freilich geben sich keineswegs zufrieden. Man erinnert sich der Jungen, die auf der Brücke saßen und sangen, gerade zu der Zeit, als das Unglück sich zugetragen haben solle. Aber die Jungen haben nichts gehört und nichts gesehen. Sie saßen am Ende der Brücke mit dem Gesicht zum Wasser und dachten nur an ihr Singen. Dicht in ihrer Nähe ist der Junge nicht hineingefallen. Außerdem ist es so schwarze Nacht, daß sie es auch kaum bemerkt haben würden, wenn sie die Brücke im Auge gehabt hätten. Einen Platsch haben sie auch nicht gehört. Wenn sie ihn gehört haben, so haben sie ihn nicht aufgenommen, denn hochspringende große Fische platschen ebenfalls. Aber daß diese Burschen, die am nächsten waren, nichts bemerkt haben, veranlaßt die Leute, der Garza einzureden, sie bilde sich Dinge ein, die gar nicht geschehen könnten.

Die Garza sagt nichts darauf.

Jeder der Anwesenden weiß einen neuen Gedanken aufzubringen, um zu beweisen, daß es so, wie die Garza annimmt, nie gewesen sein könne, daß es überhaupt ganz und gar ausgeschlossen sei, daß der Junge in den Fluß gefallen sei, und vor allen Dingen, daß es undenkbar wäre, daß er so geräuschlos in den Fluß gestürzt sein könne. Niemand unterstützt die Mutter in ihrer Meinung. Man glaubt den Jungen an den allerunmöglichsten Stellen, an denen ein Junge nur sein könne, selbst im Feuerloch des Dampfkessels der Pumpe, aber im Fluß glaubt ihn niemand.

Schließlich wenden sich ein paar der Männer an mich, weil ich gar nichts sage, und fragen mich geradezu, was ich von der ganzen Sache denke. Ich weiß, wo der Junge ist, und Sleigh weiß es auch. Sleigh blickt mir gerade ins Gesicht, während ich gefragt werde von den Männern, die mir am nächsten stehen in der Gruppe. Ich sehe, daß Sleigh die Achseln zuckt, als ob man die Frage an ihn gerichtet hätte.

Und ich antworte: „Was kann ich da sagen? Ich kenne ja nicht die Schlupfwinkel hier herum, in die sich der Junge verkriechen könnte.“

Ja, ob ich denn glaube oder es für möglich halte, daß der Junge in den Fluß gefallen sei?

„Möglich,“ sage ich, „möglich ist alles, und möglich ist durchaus, daß der Kleine ins Wasser gefallen ist. Wo Wasser ist, kann immer jemand hineinfallen, ob er will oder nicht.“

„Der Senjor hat recht,“ antwortet einer der Männer, „im vorigen Jahr ist doch hier in demselben Wasser, nur weiter unten, der Ägypter ertrunken, der dort seine Hütte hatte und Gemüse pflanzte.“

„Das lag aber ganz anders,“ erwidert einer, „der Ägypter badete und kam an eine tiefe Stelle, wo er versank und nicht wieder heraufkam.“

Ein alter Indianer kommt etwas näher und fragt mich: „Was denken Sie denn, Senjor, was wir tun könnten?“

„Ich denke, wir suchen den Fluß ab. Wenn der Junge im Fluß ist, müssen wir ihn ja finden, und dann wissen wir wenigstens, wo er ist. Wenn die Männer zurückkommen und haben ihn nicht gefunden, und wir finden ihn im Flusse auch nicht, dann müssen wir wohl den ganzen Dschungel absuchen.“

Die Garza ist mit ihrer Laterne schweigend zur Brücke gegangen, sie hat die Brücke überquert, und sie steht jetzt an der anderen Seite der Brücke, nicht weit vom Ufer. Nach einer Weile leuchtet sie über den Rand in das Wasser hinunter, und dann stößt sie einen markerschütternden Schrei aus.

Ein paar Jungen rennen hinüber und kommen zurück mit der Botschaft, daß die Frau durchaus nichts im Wasser gesehen hat. Es war kaum nötig, uns das zu sagen; denn jeder wußte, daß sie an jener Stelle nichts sehen konnte, selbst wenn der Junge dort versunken sein sollte.

Nun beginnt die Frau unausgesetzt gellend zu schreien. Wenn der eine Schrei verklungen ist, ertönt gleich darauf der folgende. Es ist das Wehklagen indianischer Frauen, die einen Toten beweinen. Es klingt nicht wie Weinen, es klingt vielmehr wie ein den Himmel anklagendes langgezogenes Schreien. Viele große Säugetiere, denen der Gefährte oder das Junge erschossen, erschlagen oder geraubt wurde, schreien und klagen in genau der gleichen Weise. Hört man dieses wehklagende Schreien der Frauen zum ersten Male, glaubt man nicht, daß es ein Schreien des Trauerns wäre. Lebt man länger unter den Indianern, hört man den tiefen Schmerz aus dem Schreien so deutlich heraus wie aus dem stillen Weinen einer europäischen Frau.

Wäre der Tod des Jungen gewiß oder hätte man gar seinen kleinen Leichnam gefunden, so würden sofort alle Frauen in dieses Schreien, das man kilometerweit hören kann, mit einstimmen. Einstimmen mit all dem Mitgefühl und der Mittrauer, die eine Mutter und eine Gattin der anderen aus der Tiefe eines warmen und stark empfindenden Herzens zeigen kann.

Aber die Frauen, noch nicht überzeugt von dem Tod des Jungen, bleiben ruhig und tasten nur nach ihren Kindern und legen die Säuglinge sofort an die Brust als den sichersten Platz, den sie ihnen bieten können.

Zwei Männer gehen hinüber und führen die unaufhörlich schreiende Frau zart und besorgt auf diese Seite des Flusses, um sie auf eine Bank zu setzen.

Die Pumpmeisterin kommt sofort heran, gibt ihr Wasser zu trinken und streichelt sie mütterlich.

Die Männer stehen eine Weile herum, nicht wissend, was zu tun. Sie fühlen sich unbehaglich in Anwesenheit der Mutter, die ihr Kind verloren hat und die, trotz der Zartheit, mit der sie behandelt wird, jetzt eigentlich ganz allein in der Welt ist. Es überkommt die Männer nach und nach ein Schuldbewußtsein, daß sie mehr für die Mutter hätten tun können. Sie stehen herum, drücken sich herum und reden kaum. Sie zwingen sich, nicht nach der Mutter zu sehen, und wenn die Frau hin und wieder aufschreit, werden ihre Gesichter zerquält. Das Unbehagen, das sie belästigt, wird endlich so stark, daß sie das einzige tun, was Männer auf der ganzen Erde tun, welche Hautfarbe sie auch immer haben mögen, sobald sie sich überflüssig zu fühlen beginnen. Sie fangen an, tätig zu werden, sich zu beschäftigen, nur um nicht in Gegenwart der Mutter so schuldbewußt dazustehen.

Ohne viele Worte zu machen, ohne daß jemand die Führung übernimmt, beginnen sie zu arbeiten wie ein Ameisenvolk. Sie schleppen Holz herbei und zünden auf beiden Ufern große Feuer an, auf jedem Ufer zwei Feuer, so angelegt, daß die Längsseiten der Brücke beleuchtet werden. Einer entkleidet sich und geht in den Fluß. Er beginnt entlang der Brücke zu tauchen. Das ist ein Wagnis und kann das Leben kosten. Das Wasser ist, besonders auf dem Grunde, mit Dornengestrüpp, das sich von den Ufern losgerissen hat, bedeckt und kann sich leicht um die Füße oder Arme des Tauchenden schlingen. Da sind große, grausig aussehende Krebse auf dem Grunde, Schlangen und was sonst noch alles ein Fluß im tropischen Dschungel nur beherbergen mag.

Ein anderer und wieder ein anderer springt in den Fluß. Und bald sind sechs tiefbraune Männer im Fluß. Die Mädchen und Frauen stehen auf der Brücke oder an den Ufern und sehen den Bemühungen der nackten Männer zu.

Die sehnigen schlanken Körper der Männer, die alle so jünglingshaft erscheinen, haben einen stumpfen metallischen Glanz. Das lange strähnige, dichte Haar erscheint noch schwärzer und massiger, wenn die Köpfe auftauchen und von Wasser triefen. Während sie sich an den Brückenpfeilern anklammern, um neuen Atem zu schöpfen, blicken sie zuweilen hinauf zu den Frauen und Männern, die auf der Brücke stehen, und wenn sie auch nichts sagen, so steht doch in ihren traurigen Augen immer wieder die Nachricht: „Nada! Nada! Nichts! Nichts!“

Ein uralter Indianer mit weißem Haar ist unter den tauchenden Männern. Seine Brust ist nicht mehr so voll wie die der jüngeren Männer, und er kann nicht so lange tauchen wie die übrigen, aber wenn die anderen aufgeben wollen, weil jetzt in der Nacht nicht viel zu erwarten sei, ermuntert er sie immer wieder zu neuer Tätigkeit.

Der Pumpmeister kommt mit einem mächtigen Eisenhaken, den er an ein langes Tau gebunden hat, und schrittweise geht er an der Brücke entlang, wirft den Haken weit hinaus in den Fluß und zieht ihn langsam heran. Aber immer, wenn man glaubt, er hat den Körper gefunden, so ist es nur dickes moderiges Dschungelgebüsch, das der Haken gepackt hat.

Von den Ufern lodern die Feuer, und auf der Brücke stehen Männer und Burschen, halten flammende Holzscheite hoch empor, um das Wasser zu erleuchten. Andere laufen mit brennenden Scheiten auf der Brücke entlang, andere an den Ufern, teils um ausgehende Leuchtscheite wieder anzuflammen, teils um dort das Wasser zu erleuchten, wo besonders gefährliche und unübersichtliche Stellen sind und von wo aus die tauchenden Männer nach Licht rufen.

Ich sehe Sleigh an der Pumpe stehen und gehe hinüber zu ihm. „Hätte man ein Boot,“ sage ich, „könnte man mehr tun. Es ist schade, daß der Pumpmeister keines hat.“

„Da ist ein Boot, weiter unten am Fluß,“ sagt Sleigh, „der Holländer hat eins. Das ist aber einige Meilen runter. Da können wir vor Sonnenaufgang nicht hin.“

Er geht zu einer Gruppe von Männern, die über andere Dinge reden und augenblicklich keine Teilnahme an dem Ereignis nehmen, weil man ja nicht immerfort dasselbe tun kann.