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Die Brüder Schellenberg

Chapter 13: 11
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

11

In diesem Herbst kehrte Michael früher als sonst von Sperlingshof zurück. Ganz plötzlich hatte er die Zelte abgebrochen. Die Pläne reiften! Es gab viele Arbeit hier in der Stadt, und jeder Tag war kostbar. In diesem Winter wollte er die Arbeitsgemeinschaft gründen, eine Gemeinschaft der besten und verantwortungsvollsten Köpfe Deutschlands. Besuche, Besprechungen, Korrespondenz, Arbeit in Hülle und Fülle, fast ohne Pause, sechzehn Stunden am Tag und mehr.

Es war nur zu verständlich, daß er keine Zeit fand, sich nach Wenzel umzusehen. Jeden Tag nahm er sich vor, ihn aufzusuchen. Merkwürdigerweise dachte er in diesen Wochen häufig an den Bruder.

Eines Tages aber fand er unter der eingegangenen Post einen umfangreichen Brief von einer Hand, die ihm bekannt vorkam. Die Schrift und die grünlichschillernde Tinte berührten ihn nicht sympathisch. Da erinnerte er sich, daß es die Schrift der Schwiegermutter Wenzels war, einer Frau von dem Busch, einer arroganten und herrschsüchtigen Dame, der er am liebsten aus dem Wege ging.

Was will sie nur von mir? dachte er erstaunt und schon etwas ärgerlich. Ich habe gehofft, sie würde mir für immer böse sein, wegen unseres letzten Disputs. Sie hatten damals über Sozialismus debattiert, und Michael, den der anmaßende Ton der Frau von dem Busch tief verletzt hatte – sie nannte die Arbeiter nur Tagediebe und Faulpelze, die sich volltrinken –, hatte ihr vor allen Leuten mit ziemlicher Schärfe bewiesen, daß sie nicht einmal wisse, was Sozialismus sei, obschon sie ihn verdamme.

Frau von dem Busch war eine jener Damen, die in ihrem Leben nichts gearbeitet haben, von ein paar gehäkelten Deckchen abgesehen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend mußten die Mädchen für sie rennen. Sie tat nichts ohne eine ungeheure Verschwendung von Worten, sie verbreitete Unruhe. Immerzu war sie auf Reisen, Nizza, Italien, Marienbad. Ohne Unterbrechung hatte sie es mit den Ärzten zu tun. Ihr Mann war Landrat gewesen und hatte keineswegs Glücksgüter hinterlassen. Wovon bestritt sie ihren Haushalt, ihre Reisen? Niemand wußte es. Sie hatte große Pläne mit ihrer einzigen Tochter Lise gehabt. Irgend etwas ganz Außergewöhnliches hatte sie erwartet, einen Prinzen oder Vanderbilt oder einen russischen Fürsten. Gott mochte es wissen. Sie konnte es Wenzel niemals verzeihen, daß er ihre Pläne zunichte machte.

„Eine verdrießliche Sache,“ sagte Michael ärgerlich, nachdem er einen Blick in den Brief geworfen hatte, und steckte ihn in die Tasche. Erst am Abend, als er seine Abendmahlzeit in einem stillen Restaurant einnahm, machte er sich an die Lektüre. Weshalb schreibt sie nicht an Wenzel direkt? dachte er. Was habe ich mit ihr zu schaffen?

Der Brief der Frau von dem Busch versetzte Michael in schlechte, nervöse Laune. Er errötete ein paarmal vor Unwillen, zuweilen aber amüsierte er sich und mußte laut auflachen. Zuletzt aber erschrak er. Was war das? Wenzel?

Frau von dem Busch begann mit der Versicherung, daß sie an Michaels gute Eigenschaften glaube, während sie bei Wenzel zu ihrem Bedauern nie gute Eigenschaften entdecken konnte, so sehr sie sich auch bemüht habe. (Eine boshafte, taktlose Person! dachte Michael.) „Ich schreibe an Sie, Michael, im Vertrauen auf Ihr gutes Herz, wenn Sie auch heute vielleicht noch Weltanschauungen huldigen, die ich nicht billigen kann, ja, die ich bekämpfen muß. Aber Ihre Jugend entschuldigt Sie.“ („Welche Unverschämtheit!“ sagte Michael laut vor sich hin.)

„Lises Briefe beunruhigen mich,“ fuhr Frau von dem Busch fort, nachdem sie Wenzel erneut einen Hieb versetzt hatte. „Sie schreibt wenig, ausweichend und unaufrichtig. Sie wissen ja, Michael, daß ich gegen diese Ehe eingenommen war. Mein mütterliches Herz hat mich gewarnt. Was könnte Lise heute sein, wer könnte sie sein! Sie verkehrten nie in meinem Hause, Sie können also nicht wissen, wer bei mir aus- und einging, der höchste Adel und sogar Fürstlichkeiten. Alle bewunderten Lise und prophezeiten ihr eine große Karriere, und Professor Livonius sagte, in drei Jahren würde sie Primadonna an der Hofoper sein. Ich verbringe schlaflose Nächte, wenn ich an all das denke. Ich habe meine Tochter Ihrem Bruder nicht gegeben, Sie wissen es. Er hat sie einfach geraubt, geraubt wie ein gemeiner Straßenräuber!“ (Hier mußte Michael laut auflachen, so daß die beiden Kellner zu ihm herblickten. In der Tat hatte sein Bruder Lise seinerzeit entführt, es war am Anfang des Krieges, und Wenzel hatte nur fünf Tage Urlaub.)

Nach einer langatmigen, jammernden Betrachtung über den Verfall der Sitten kam Frau von dem Busch wieder zu ihrem Thema zurück. Ihre schlimmsten Befürchtungen, schrieb sie, schienen sich zu erfüllen. „Lise schreibt mir, daß Sie Wenzel schon seit einem halben Jahre nicht mehr besuchten. Ich begreife sehr wohl, daß Sie sich, wie fast alle Menschen, von ihm zurückziehen.“ (Oh, wie unverschämt ist diese Alte, dachte Michael zornig.) „Denn, wie Lise mir schreibt, haben nach und nach alle seine Freunde ihn verlassen, auch Lises Bekannte bleiben aus, und sie hatte doch einen so reizenden Kreis geachteter Persönlichkeiten, Legationssekretäre, Attachés und hohe Offiziere. Aus Freundschaft und Achtung zu unserer Familie verkehrten sie bei Lise. Aber es ist kein Wunder, daß einer nach dem andern wegbleibt. Meine Tochter aber ist tief unglücklich, ich fühle es aus jeder ihrer Zeilen. Sie wissen, lieber Michael, daß Ihr Bruder seit drei Monaten nicht mehr im Raucheisen-Konzern tätig ist.“ (Wenzel? Was ist mit Wenzel? dachte Michael erschrocken über diese unerwartete Nachricht.) „Weshalb? Wissen Sie den Grund? Und er hatte gewiß dort eine wundervolle und ausgezeichnet bezahlte Stellung. Was ist vorgefallen? Geben Sie mir Auskunft! Lise schweigt sich darüber aus. Von Berliner Bekannten konnte ich Positives nicht erfahren, sie machten nur Andeutungen, die mich noch mehr beunruhigten. Etwas ist hier nicht in Ordnung. Ich wäre nach Berlin gekommen, muß aber zu meiner Schwester nach Bremen reisen und von dort aus nach Frankfurt am Main, wohin mich eine alte Freundin dringend bittet. Ich hätte gewünscht, daß Lise mehr Vertrauen zu ihrer Mutter habe. Gehen Sie zu ihr, machen Sie ihr Vorwürfe! Welch törichter Stolz, sich vor seiner Mutter zu schämen. Aber ich kann mir vorstellen, daß Lise nicht gerne über diese unerquicklichen Dinge spricht. Ich weiß nicht, ob Sie Ihren Bruder letzthin gesehen haben. Lise schreibt mir, daß er in den letzten Monaten von einer außerordentlichen Ruhelosigkeit ergriffen war. Er kam oft tagelang nicht nach Hause. In ihrem heutigen Briefe nun gesteht mir Lise, daß Wenzel seit zwei Wochen in Geschäften abwesend ist. Ich fühle, daß Lise sich in der allergrößten Erregung befindet. Was ist aus Ihrem Bruder geworden?“

Michael hatte diese Mitteilungen mit dem größten Erstaunen und mit einem leichten Erschrecken gelesen. Der Brief schloß mit der Bitte, zu Lise zu gehen, sie auszuforschen und sodann ihr, Frau von dem Busch, ausführlichen Bericht zu erstatten. Ungeduldig warte sie auf seine Nachricht.

Michael erhob sich und schlüpfte in den Mantel. Verstimmt und beunruhigt verließ er das Restaurant.

Er beschloß, Lise morgen zu besuchen.

Am nächsten Tage, etwas nach vier Uhr, machte sich Michael auf den Weg zu Lise. Sie wohnte draußen im Westen, in einer jener Straßen, die sich alle gleichen, in einem jener Häuser voll von falschem Prunk, die alle verschieden sind. Das Treppenhaus war ganz aus Marmor. Neben dem Lift stand eine Bank aus weißem Marmor, auf die sich niemand setzte, weil sie eisigkalt war. Lise aber fand Treppenhaus und Bank herrlich.

Das Mädchen, eine hübsche, schlanke Person mit einem Häubchen auf dem Kopfe, empfing ihn mit freudig erstaunter Miene. „Herr Doktor Schellenberg! Ist es möglich?“ rief sie aus und öffnete die Tür so weit als es möglich war.

„Ist meine Schwägerin zu Hause? O ja, ich höre sie.“

Aus Lises Zimmer drang Gesang und Klavierspiel. Lise übte zwei-, dreimal die gleiche Kadenz. Sie hatte einen hohen, etwas spitzen Sopran.

„Gnädige Frau haben Stunde,“ sagte das Mädchen. „Ich darf nicht stören. Aber die Stunde muß bald zu Ende sein.“

„Führen Sie mich unterdessen zu den Kindern,“ bat Michael.

Sobald er nur den Kopf in das Kinderzimmer steckte, erscholl lautes und freudiges Geschrei der beiden Kinder. Marion, das Mädchen, das die Züge Lises trug, wollte sich augenblicklich auf ihn stürzen. Sie kauerte auf einem Schemel in der Mitte des Zimmers. Der Junge aber, Gerhard – schon jetzt zeigte sein Kopf die breiten und etwas derben Züge der Schellenberg –, schrie die Schwester in erregtem Tone an. „Steige nicht aus, Marion! Du wirst sofort ertrinken! Du kannst ja nicht schwimmen! Und du, Onkel, bitte, gehe nicht weiter. Siehst du nicht, daß dieser Strich der Wannsee ist?“ Gerhard saß oben auf dem Kleiderschrank. In der Hand hielt er eine Tute aus zusammengerolltem Papier, die er zuweilen an den Mund setzte, um schauerlich zu tuten. Das Zimmer war in großer Unordnung, die Kinder nicht ganz sauber und etwas vernachlässigt. In der Ecke stand idyllisch ein Nachtgeschirr.

„Was gibt es?“ fragte Michael lachend.

„Marion sitzt auf einem Segelboot, das soeben gekentert ist, Onkel,“ erklärte Gerhard hastig und erregt vom Schrank herab, denn er fürchtete, das Spiel könnte gestört werden. „Und ich bin der Leuchtturmwächter und tute um Hilfe. Steige nicht aus, Marion, du wirst augenblicklich ertrinken! Siehst du nicht die hohen Wellen? Und der Wind bläst – huh!“

Marion warf Michael hilfesuchende Blicke zu, während sie sich krampfhaft an ihrem Schemel festhielt, als fürchte sie fortgeweht zu werden. In ihrer Angst hatte sie sich das Höschen naßgemacht. Sie war nahe daran, in Tränen auszubrechen.

„Nur keine Angst, Marion,“ beruhigte sie Michael, „wenn du ins Wasser fällst, so ziehe ich dich sofort wieder heraus!“

„Du mußt um Hilfe schreien, Marion! Oh, wie dumm du bist!“

„Hilfe! Hilfe!“ zeterte die Kleine.

„Das Rettungsboot kommt!“ tutete Gerhard.

Blitzschnell, wie eine Katze, sprang er vom Schrank und rutschte auf einem Stuhl über den Fußboden langsam heran an Marions Schemel. Er warf Marion unter vielen Zurufen eine Schnur zu und zog sie auf ihrem Schemel in eine Ecke. Nun waren sie angekommen.

„Komm hierher, Onkel!“ rief der Knabe, „wir sind auf der Pfaueninsel.“

Die Stimme des Knaben, der bisher, vom Spiel erregt, wild und laut geschrien hatte, war plötzlich sanft und weich. „Weshalb kommst du so selten, Onkel? Man sieht dich gar nicht mehr!“ fragte er und sah Michael mit einem langen, reinen Blick an. Marion aber kletterte an ihm in die Höhe, wie an einem Baum, und bedeckte seine Wange mit Küssen, während sie die dünnen Arme um seinen Hals legte.

„Ich hatte zu arbeiten,“ antwortete Michael verlegen, denn er fühlte, daß der Knabe ihm nicht glaubte.

Gerhard sah ihn von der Seite an. „Ihr mit eurer Arbeit!“ sagte er und zuckte geringschätzig die Achsel. „Auch Papa behauptet immer, er müßte arbeiten, und dabei sitzt er doch Tag und Nacht in den Weinstuben.“

„Aber Gerhard!“ erwiderte Michael mit sanftem Tadel. „Pfui, wie häßlich. Was sagst du da? Wer sagt dir, daß Papa Tag und Nacht in den Weinstuben sitzt?“

„Nun, Mama,“ antwortete der Knabe und verzog die Lippen.

Michael verteilte die Schleckereien und mußte mit Marion zusammen eine Schokoladenstange verspeisen. Sie aß an einem Ende und er am andern, bis sie mit den Lippen zusammenstießen. Nun, aber ja – wollten sie zusammen spielen. Onkel! Sie wußten genau, daß Michael ihnen entrissen wurde, sobald die Gesangsstunde zu Ende war.

„Komm, Onkel!“ rief Gerhard, „was wollen wir spielen? Wir wollen den Mont Blanc besteigen, willst du?“

„Nun schön, meinetwegen,“ stimmte Michael lächelnd zu. „Wie geht das: den Mont Blanc besteigen?“

Marion aber heulte. „Ich will nicht auf den Mont Blanc. Onkel, man muß auf den Schrank klettern, und ich fürchte mich.“

„Ach wie dumm und albern du bist, du Heullise!“ rief der Knabe und stampfte mit dem Fuße. „Fünftausend Meter, was ist schon dabei?“

Michael beruhigte das Mädchen. „Also, Marion, wenn ich in deiner Nähe bin, so wirst du wohl Mut haben. Sieh zu, ich werde dich an der Hand führen, und es wird dir nichts geschehen. Fallen wir herunter, nun was schadet es, so fällst du in meine Arme.“

Gerhard aber betrieb augenblicklich eifrig die Vorbereitungen. Ein Tisch wurde an den Schrank geschoben und auf den Tisch ein Stuhl gestellt. An den Tisch wiederum wurde ein Stuhl gerückt. Nun wurden sie alle drei mit einer Schnur aneinander gebunden, und Gerhard, mit einem Stock bewaffnet, begann den Aufstieg. Er schlug mit dem Stock Stufen in das Eis, er ließ Warnungen ertönen, so daß Marion zu zittern anfing. Schließlich aber ging alles gut ab, und alle drei waren oben.

In diesem Augenblick öffnete das Mädchen die Tür und sagte, während sie in lautes Lachen ausbrach: „Die Stunde ist eben zu Ende, ich werde Sie sofort der gnädigen Frau melden.“