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Die Brüder Schellenberg

Chapter 14: 12
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

12

Das Mädchen lachte noch hell heraus, als es über den Korridor eilte. Michael stieg mit Marion auf dem Arm vom Mont Blaue herab und begab sich in die Diele.

Hinter einer der vielen langweiligen weißen Türen hörte er die erregte Stimme seiner Schwägerin. Sie zankte. Das Dienstmädchen schlüpfte mit bestürzter Miene durch den Türspalt. Gleich darauf öffnete sich der eine Flügel der Tür, und Lise wurde sichtbar. Sie war in höchster Erregung und blickte Michael mit zornigen Augen an.

„Bestellen Sie es dem Herrn nur!“ rief sie und schob das zögernde Dienstmädchen in die Diele. „Bestellen Sie dem Herrn, was ich Ihnen sagte: Ich will nichts mehr mit den Schellenberg zu tun haben!“

Verblüfft und betreten tat Michael einen Schritt rückwärts. Er griff mit einer bedauernden Geste nach Hut und Mantel. „Nun, dann lebe wohl, Lise,“ sagte er und zuckte die Achsel. „Ich werde mich dir nicht aufdrängen.“

In diesem Augenblick streckten die Kinder die Köpfe in die Diele und riefen: „Michel! Michel!“

Lise trat einen Schritt vor. „Macht, daß ihr fortkommt!“ herrschte sie die Kinder an.

Michael ging. Welch eine unerquickliche Szene, dachte er. Wie tief muß Wenzel sie verletzt haben, daß sie so außer sich ist! In großer Erregung stieg er die Treppe hinab. Er bereute nun, daß er die Beleidigung Lises ohne jede Erwiderung eingesteckt hatte.

Aber Lise erschien am Geländer der Treppe und schrie mit einer rasenden Stimme in das Stiegenhaus hinein: „Ich will das Schellenbergsche Gesicht nicht mehr sehen! Ich habe genug davon!“ Dann schlug sie die Tür zu, daß das Haus zitterte. Oh, wie böse sie heute war!

Michael hatte indessen kaum das Foyer mit den Marmorsäulen und der weißen Marmorbank erreicht, als das junge Dienstmädchen nachgestürzt kam. „Die gnädige Frau bittet Sie, sofort heraufzukommen. Sie bittet vielmals, sie zu entschuldigen.“ Und als Michael, dessen Zorn schon wieder verraucht war, mit ihr die Treppe emporstieg, fügte sie entschuldigend und erklärend hinzu: „Die gnädige Frau ist außer sich. Ihr Herr Bruder hat schon seit Wochen das Haus nicht mehr betreten.“

Lise erwartete Michael in ihrem Musiksalon. Sie streckte ihm erregt die Hand hin, ihre Augen standen voll Tränen. „Verzeihe, Michael,“ rief sie aus. „Ich bin in einer Erregung, die unbeschreiblich ist. Du bist mir doch nicht böse, wie? Nein, du bist immer ein guter Kerl gewesen und verstehst alles.“

„Was in aller Welt geht hier vor?“ fragte Michael mit gerunzelter Stirn.

„Nimm Platz. Ich werde nach Tee klingeln. Bringen Sie Tee, Anna!“ Sie schrie das Dienstmädchen an, um ihre Beschämtheit zu verbergen.

Lise gehörte zur Klasse jener Blondinen, die zur Üppigkeit neigen und Gefahr laufen, frühzeitig ihre reinen Formen zu verlieren. Ihre sanften Wangen waren voll und immer lebhaft gerötet, als sei sie erhitzt, die Augen, die vorhin, als sie erregt war, so groß aussahen, waren von zarter, etwas verblaßter blauer Färbung. Ein heller, lockerer, etwas unordentlicher Haarschopf wippte über der Stirn.

Sie suchte nervös nach Zigaretten und warf sich auf den Diwan, der dicht neben dem Flügel stand. Das Zimmer war voll von Notenblättern und Büchern, in ziemlicher Unordnung. Der riesige Diwan war mit einer lachsroten Decke bedeckt, und darauf waren einige Dutzend Kissen in grellen Farben verteilt. Eine Stehlampe mit rotem Schirm und langen schwarzen Quasten stand neben dem Flügel.

„Wie schön, daß du gekommen bist, Michael,“ sagte Lise, nur um etwas zu sagen. So lächerlich es war, versuchte sie dem Dienstmädchen, das den Tee servierte, nach dieser erregten Szene vorzutäuschen, daß alles in bester Ordnung sei. „Du siehst gut aus, braun,“ plapperte sie. „Das Landleben bekommt dir gut. Ich war im Sommer in Heringsdorf mit den Kindern und Major Puchmann und seiner Frau.“

Sie plauderte noch dies und jenes, zuweilen mit einem kleinen, glucksenden Lachen, solange das Mädchen im Zimmer war.

Kaum aber hatte das Mädchen das Zimmer verlassen, als sie erregt nach Michaels Hand tastete und mit hilflosem Blick fragte: „Hast du Wenzel gesehen?“

„Ich bin erst seit kurzer Zeit in Berlin,“ erwiderte Michael. „Ich habe ihn nicht gesehen und wollte euch heute besuchen.“ Er sprach etwas unsicher und stockend, es fiel ihm schwer, sich zu verstellen. Den Brief von Lises Mutter erwähnte er absichtlich nicht. „Was, um alles in der Welt, ist mit Wenzel?“

Lise sah ihn lange an, dann erhob sie sich und ging ein paar Schritte, während sie die Zigarette zwischen den Lippen zernagte. „Was mit Wenzel ist?“ fragte sie. Sie blieb vor Michael stehen. „Ich weiß es nicht.“

„Du weißt es nicht?“

„Nein. Ich weiß seit – seit längerer Zeit nichts mehr von Wenzel. Es ist alles merkwürdig. Daß er nicht mehr bei Raucheisen tätig ist, weißt du wohl? Der alte Raucheisen hat ihn entlassen.“

„Entlassen?“

Lise zerknitterte die Stirn. „Entlassen oder nicht entlassen, jedenfalls ist er nicht mehr bei Raucheisen. Und irgend etwas muß ja wohl vorgefallen sein. Ich habe mit einigen Freunden Wenzels gesprochen, die bei Raucheisen arbeiten. Vielmehr nicht ich, ich habe Major Puchmann gebeten, mit ihnen zu sprechen, um der Sache auf den Grund zu gehen. Denn es gehen Gerüchte, Michael! Aber die Herren machten nur Ausflüchte. Sie sagten nichts. Jedenfalls schied Wenzel von heute auf morgen bei Raucheisen aus.“

Michael versuchte, Lises Hand zu fassen, um sie zu beruhigen. „Vielleicht hat es Wenzel nicht mehr bei Raucheisen gefallen,“ sagte er. „Laß dich doch von den Leuten nicht beschwätzen, Lise.“

Lise schüttelte den Kopf. „Beschwätzen?“ sagte sie und wurde immer erregter und geriet nahezu wiederum in den früheren Zustand der Verzweiflung. „Beschwätzen? Ich bin doch nicht irgendeine kritiklose Person, Michael. Es ist ja auch gar nicht die Hauptsache, was bei Raucheisen vorfiel. Aber nun höre: die Hauptsache ist, daß Wenzel ohne jede Erklärung, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Hause gegangen ist!“

„Er hat dein Haus verlassen?“

Lise schlug die Hände vors Gesicht. „Ja! Ich verstehe nicht, wie ich das alles ertragen habe. Oh, diese Schmach und Schande, mich hier sitzen zu lassen mit den Kindern. Was soll meine Mutter denken? Ich wagte es ihr nur anzudeuten. Was sollen meine Freunde denken? Müssen sie nicht glauben, ich hätte meine Pflichten verletzt, ich hätte irgendeine Liebschaft angefangen? Meine Verwandten, die alle hohe Beamte und Militärs sind, korrekt bis in die Fingerspitzen – für die es so etwas einfach nicht gibt. Oh, wie furchtbar ist dies alles!“

„Ich verstehe nicht –“

„Ich werde dir alles erzählen,“ sagte Lise, indem sie sich Mühe gab, sich zu beruhigen. Sie nahm wieder auf dem Diwan Platz. „Höre zu, Michael. Über ein Jahr war Wenzel bei Raucheisen. Zehn Minuten vor sieben, jeden Morgen, holte ihn das Auto ab. Punkt sechs stand er auf, und er machte sich selbst das Frühstück in der Küche, denn ich konnte dem Mädchen doch nicht zumuten, so früh aufzustehen. Zwischen sieben und neun Uhr abends kam er nach Hause. Wir besuchten Theater, Konzerte, Gesellschaften. Es ging alles vorzüglich. Schon nach einem Vierteljahr hatte Raucheisen Wenzels Gehalt verdoppelt. Ich atmete auf, denn die Jahre während des Krieges, die ich bei Mama zubrachte, waren nicht leicht gewesen.“

„Also bis dahin ist alles gut gegangen?“

„Sehr gut sogar. Er verrichtete seine Arbeit mit einem Eifer und einer Peinlichkeit, die nur ein Offizier kennt. Er war lieb und reizend zu mir. Obwohl er den ganzen Tag arbeitete, war er abends in den Gesellschaften noch in sprühender Laune.“ Lise legte die Stirn in Falten. „Vom Frühjahr an aber wurde es anders. Er wurde unruhig, er schlief schlecht, und er brachte Freunde mit ins Haus, die mir nicht sonderlich gefielen. Kennst du Mackentin, einen früheren Oberleutnant der Fliegertruppe?“

„Ich kenne ihn nicht,“ erwiderte Michael. „Aber ich hörte seinen Namen.“

„Oh, er hat ein widerliches Gesicht und so freche Augen. Wie eine Ratte. Dann kam noch ein früherer Leutnant. Seinen Namen habe ich vergessen. Sie schlossen sich in Wenzels Zimmer ein, qualmten, tranken und plauderten.“

„Spielten sie?“ fragte Michael.

„Nein, sie spielten nicht. Aber sie waren sehr laut, und Wenzel hatte seine Periode. Du weißt, daß er Perioden hat, wo er trinken muß.“

„Nun, Wenzel kann eine gute Menge vertragen,“ sagte Michael mit einem breiten Lächeln.

„Ich machte ihm Vorwürfe, aber er sagte nur: ‚Geschäfte, Geschäfte. Davon verstehst du nichts. Warte!‘ Dann kam er oft nach Mitternacht nach Hause und noch später. Er roch nach Wein und Zigarren, und es gab Szenen. Manchmal roch er auch nach zweifelhaften Parfüms. Das sage ich dir!“ schrie Lise plötzlich und hielt die verkrampfte Hand vor Michaels Gesicht. „Wenn ich herausbekomme, daß er mich schon damals mit Frauenzimmern hintergangen hat, dann soll es ihm leid tun!“

„Beruhige dich,“ unterbrach sie Michael. „Berichte weiter. Vielleicht spielte er. Es ist ja wohl möglich, denn er hatte ja früher zuweilen diese Leidenschaft. Urteile doch nicht so hart.“

„Du verteidigst ihn?“

„Natürlich, denn ich kenne ja auch seine guten Eigenschaften. Kann ein Mensch denn nicht Leidenschaften haben?“

Lise machte die Augen groß. „Leidenschaften? Weshalb? Mit welcher Berechtigung? Aber“ – korrigierte sie sich – „meinetwegen auch Leidenschaften – solange andere nicht darunter leiden. Vielleicht hast du recht, Michael. Es ist möglich, daß er in dieser Zeit spielte. Denn zuweilen hatte er viel Geld, und er warf es mit jener unangenehmen Geste auf den Tisch, die er hat, wenn er viel Geld besitzt.“

Michael errötete unwillig. „Unangenehme Geste? Verschwender sind mir lieber als Geizhälse, Lise.“

„Vielleicht urteile ich zu streng, du magst recht haben,“ lenkte Lise ein. „Aber kannst du verlangen, daß ich noch nachsichtig urteile – nach allem, was geschehen ist? Nun höre weiter. Schließlich blieb Wenzel ganze Nächte weg. Dann wieder kam er spät in der Nacht, um das Haus schon wieder um vier Uhr morgens zu verlassen. Ich machte ihm Vorwürfe. Er erwiderte nur, er habe zu arbeiten. Dieses Leben war eine Hölle, denn ich wußte, daß etwas mit ihm vorging, daß etwas nicht in Ordnung war. Eines Tages aber erfuhr ich durch Zufall, daß er gar nicht mehr bei Raucheisen tätig war. Er hatte mir nie ein Wort darüber gesagt.“

Michael schüttelte den Kopf. „Es mußte ihm natürlich peinlich sein. Verstehst du nicht, Lise?“

Lise fuhr fort: „Was er aber tat, konnte ich nicht erfahren. Er kam nicht mehr zu mir. Zuweilen schickte er einen Boten mit Geld. Das ist alles, was ich von ihm höre und sehe. Ich aber will seine Almosen nicht! Wenn es nicht anders wird, so werde ich die beiden Kinder nehmen und mich ins Wasser stürzen.“

„Lise!“ Michael lächelte.

Lise begann zu weinen. „Und dann die Gerüchte! Denke, Michael, daß alle meine Verwandten hohe Beamte und Militärs sind!“

Nun stieg Michael die Röte ins Gesicht. „Sei nicht böse, Lise,“ sagte er, „es langweilt mich, immerzu von deinen Verwandten zu hören. Wir Schellenberg sind auch kein hergelaufenes Gesindel. Mache dich nicht lächerlich –“

„Lächerlich?“ Lise tat äußerst erstaunt und verletzt. „Ah, ein Schellenberg!“ sagte sie. „Den Ton kenne ich!“ Sie stand auf, erregt, feindselig.

Schon bereute Michael. „Laß uns nicht streiten, Lise,“ sagte er. Und sofort war auch Lise wieder bereit, einzulenken. „Höre, Lise, sprich jetzt offen: Was, in Teufels Namen, ist vorgefallen?“

Lise nahm Michaels beide Hände, sah ihn an und flüsterte: „Ich weiß nichts Bestimmtes. Aber es gehen Gerüchte. Wenzel – es sind nur Gerüchte, man trug es mir zu – soll eine Unterschlagung begangen haben. Raucheisen wollte keinen Skandal und entließ ihn von einem Tag auf den andern.“

Michael erbleichte. „Wenzel und eine Unterschlagung! Aber Lise, laß dir doch so etwas nicht weismachen! Eher würde Wenzel sich eine Kugel durch den Kopf schießen. Ich kenne ihn ja.“

Lise sank in sich zusammen. „Vielleicht war es auch nicht gerade eine Unterschlagung, Michael. Vielleicht war es nur eine Inkorrektheit. Jedenfalls – wir sind arm und gehören nicht zu dem Gesindel, das heute in Deutschland obenan ist. Wir haben nichts mehr als unseren guten Namen.“

„Du weißt nicht, was Wenzel zur Zeit tut?“

Verzweifelt schüttelte Lise den gelben Haarschopf. „Ich weiß es nicht, nein. Ich weiß nur, daß er mit diesem Mackentin zusammen ist. Sie machen irgendwelche Geschäfte.“

„Nun gut,“ antwortete Michael, „ich werde ihn besuchen, wo wohnt er?“

Lise starrte ihn an. „Wo er wohnt? Auch das weiß ich nicht. Ich weiß gar nichts. Ich habe den Boten, der das Geld bringt, schon hier hereingenommen und ihm gedroht, ihn niederzuschießen, wenn er mir nicht seine Wohnung angibt.“

„Aber er sagte nichts?“ Michael lachte. „Siehst du, Lise, so war er immer. Immer hatte er so einen kleinen theatralischen Zug an sich. Und wie lange hast du ihn nicht mehr gesehen?“

„Drei Monate.“

„Wie?“

„Drei Monate.“

Michael sprang auf.

„Ja, drei Monate lang ertrage ich dies schon!“ schrie Lise. „Und jetzt ist es genug. Jetzt ist es genug!“ wiederholte sie.

„Arme Lise! Wie kann ich dir helfen?“

Lise dachte nach. „Helfen? Helfen? Es scheint aussichtslos. Aber –“ Sie dachte nach, und plötzlich hob sie das Gesicht in die Höhe, ein Gedanke erhellte ihre Augen. Sie sprang auf. „Höre, Michael,“ rief sie, „du wirst gehen und Wenzel suchen.“

„Wie soll ich ihn in dieser großen Stadt finden?“

„Du wirst ihn finden!“ rief Lise gläubig und überzeugt, begeistert von ihrem Einfall. „Ja, als sein Bruder wirst du ihn unbedingt zu finden wissen. Du wirst Erkundigungen einziehen. Es wird dir nicht schwerfallen ... Höre, Puchmann sagte mir, in der Nähe des Gendarmenmarkts, da sind einige kleine Kaffeehäuser und einige kleine Weinstuben, wo viele Börsenmenschen und Geschäftsleute verkehren. Dort soll Wenzel verkehren. Gehe nur, Michael, und suche ihn.“ Sie zog Michael am Ärmel, so daß er aufstehen mußte. „Gehe nun sogleich, und wenn du ihn findest, so erzähle ihm, was ich dir gesagt habe.“ Lise brach in Schluchzen aus, warf sich auf den Diwan und drückte das Gesicht in die Kissen.

Vergebens versuchte Michael, sie zu beruhigen.

„Geh! Geh!“ rief sie. „Suche ihn, und wenn du ihn gefunden hast, so sage ihm, daß er sofort zu mir zurückkehren soll. Es ist mir schließlich einerlei, was meine Verwandtschaft denkt. Aber höre, Michael,“ und Lise schlang ihren Arm um Michael und barg ihren blonden Haarschopf an seiner Brust, „höre und sage ihm, daß ich ihn trotz allem liebe. Es ist mir auch gleichgültig, was er getan hat. Ich werde ihm alles verzeihen. Sage ihm das.“

Michael ging. Lise, das Gesicht in Tränen gebadet, geleitete ihn hinaus. „Und versprich mir eins, Michael, sobald du ihn findest, so gib mir Nachricht. Rufe mich an. Schwöre es mir!“

Michael schwor.