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Die Brüder Schellenberg cover

Die Brüder Schellenberg

Chapter 27: 25
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

25

Die Axt klang im Walde. Die Sägen kreischten, und die elektrisch angetriebenen ambulanten Kreissägen sangen mit einem schrillen Ton vom Grauen des Tages bis zum Einbruch der Nacht. Achtung! Mit krachendem Gesplitter fielen die Bäume, einer nach dem andern. Schon kletterten Leute mit Axt und Säge in den Kronen der gestürzten Bäume, um die Äste zu entfernen. Über die ganze Waldfläche zerstreut lagen die Leichen der gefällten Föhren und Fichten. Es roch nach feuchten Spänen und Harz.

Lehmann, der Einarmige, hatte seine Schar prachtvoll in der Hand und trieb zur Arbeit. Überall war er. Überall war auch Georg Weidenbach, der zu einer Art Unterführer aufgerückt war. Er dirigierte, schrie, gab Befehle, nahm selbst die Axt zur Hand. Sein Gesicht war rot von der Arbeit und vom Frost.

Schon lichtete sich der Wald, und die Heidefläche, die an ihn grenzte, war bereits von den Baracken aus sichtbar. An klaren Tagen sah man auf der Heide kleinere und größere Arbeitsgruppen, bald hier, bald dort, an der Arbeit. Dann und wann ertönte ein dumpfer Knall: sie sprengten die Stubben der Bäume, die vereinsamt auf der Heide gestanden. Meist aber war die Heide in Dunst und Nebel eingehüllt, und man sah nichts.

Die Zahl der Baracken hatte sich vermehrt. Es waren noch zwei große Schuppen dazugekommen, in denen die Belegschaft, über hundert Köpfe stark, hauste. Ein wenig abseits stand eine mächtige Baracke mit einer Reihe großer Fenster, die, sobald es dunkel wurde, ihr Licht wie große Scheinwerfer in die Finsternis warfen. Auch hier kreischten und sangen die Sägen. Eine Schar von Tischlern und Zimmerleuten war hier an der Arbeit, und Martin, der Zimmermann, der in den ersten Wochen bleich und elend in der Baracke lag, war hier Meister. Zwei große Schuppen waren noch geplant. Glückshorst sollte eine der großen Tischlereien der Gesellschaft werden. Sie machten da drinnen Fenster und Türen, Stühle und Bänke, Tische, primitive Pritschen zum Schlafen, immer die gleichen Maße und Größen.

In dem kleinen alten Schuppen, in dem die Holzfäller anfangs gehaust hatten, befand sich heute nur noch die Küche, wo Mutter Karsten mit den Töpfen rasselte. Bei ihr hauste noch eine stämmige Bäuerin, die aus dem Dorf zu ihr gekommen war. Dazu hatte Mutter Karsten Gehilfen, die sie schalt und anspornte. Man konnte nie flink genug bei ihr sein, ohne jede Pause ging ihr rasches Mundwerk.

Neben der Küche hatte sich Lehmann eingerichtet. Er hatte dort eine Pritsche mit einem Strohsack und einer Pferdedecke, einen Tisch und einen Stuhl, wie sie in der Tischlerei hergestellt wurden. Auf dem Tisch stand das Telephon, das vom Morgen bis zum Abend klingelte. Das Bureau war voller Pläne, Rollen und Bücher. In all der Unordnung saß Lehmann, die Pfeife im Munde, und lächelte und wühlte in den Papieren. Oh, er war zufrieden. Die Station Glückshorst, seine Station, war tüchtig in Schwung gekommen. Die Zentrale hatte ihn beglückwünscht und ihm eine große Karriere prophezeit. Und darüber freute sich Lehmann. Er war früher Offizier gewesen, lange ohne Brot und Stellung und hatte eine Mutter und zwei Schwestern zu erhalten. Für sich selbst brauchte er nichts. Ein Paket billigen Tabaks, das war alles.

An der Türe seines Bureaus schlug Lehmann jeden Morgen die Vakanzen der Berliner Arbeitsnachweise an und musterte dann die Leute aus, die sich für die Vakanzen meldeten. „Du wirst noch vierzehn Tage hierbleiben, du bist erst gekommen. Wir wollen diesen Freund da hinschicken. Er hat Frau und Kind in Berlin sitzen. Und dich, Moritz, kann ich hier nicht entbehren, dich brauche ich hier. Mit dir habe ich ganz besondere Dinge vor, warte nur, bald sollst du es hören.“

Moritz stand mit breiten Schultern und wölbte die Brust und wurde rot über das Lob. Täglich gingen Leute nach Berlin zurück, und andere Arbeitslose kamen. Manchmal waren es zehn, manchmal zwanzig, manchmal mehr.

Die Neuankömmlinge mußte Georg in die einzelnen Kolonnen einreihen. Es gab leichtere und schwerere Arbeiten, Arbeiten, die jeder Dummkopf leisten konnte, und Arbeiten, die etwas Verstand verlangten. Georg hatte es gelernt und wußte mit einem raschen Blick die Fähigkeiten der einzelnen Leute einzuschätzen. Die Musterung dauerte keine fünf Minuten, und schon ging es an die Arbeit.

Georg war – als er den zweitägigen Urlaub erhielt – in Berlin gewesen. Aber seine Reise war völlig ergebnislos verlaufen. Bei den polizeilichen Meldestellen wußte man nichts von Christine. Er war auch nochmals in dem düsteren Hause bei dem Schlosser Rusch gewesen, da er hoffte, der Schlosser könne ihm, im nüchternen Zustande, nähere Auskunft geben. Und wenn nicht er, so vielleicht irgendein Hausbewohner. Alles vergeblich. Die Stunden vergingen schnell. Sein Urlaub war nur kurz, und es reichte kaum noch zu einem kurzen Besuch bei Stobwasser, den er immer noch hustend und frierend in seiner kalten Werkstatt vorfand.

Georg war schon völlig ohne Hoffnung, als er plötzlich einen Brief von Stobwasser erhielt. Seht an, das erste Wort, das Georg in die Augen sprang, war der Name Christines. So also war es: Katschinsky hatte es Stobwasser berichtet. Die schöne Jenny Florian, die Schauspielerin, jetzt bei der Odysseus-Film-Gesellschaft als Diva engagiert, hatte vor mehreren Wochen eine Nachricht von Christine aus Berlin erhalten. Unglücklicherweise aber war die schöne Jenny auf Reisen, sie filmte in Italien. Erst in einigen Wochen wurde sie zurückerwartet.

So hieß es, sich gedulden.

Eine Hoffnung! Ein Strahl von Hoffnung! Georg stürzte sich in die Arbeit, damit die Tage vergingen. Plötzlich schlug sein Herz wieder freier.