Der Winter war bis jetzt ziemlich mild gewesen. Reif, einige Frostnächte unter dem blitzenden Mond, das war alles. Nun aber war in der Nacht heftiger Schneefall eingetreten. Weiß und weich lag die Landschaft, völlig verändert. Es schneite auch am Tage, nicht besonders heftig, aber gegen Abend fiel der Schnee in ganzen Tonnen vom Himmel herunter. Am Morgen waren die Baracken fast einen Meter tief in den Schnee gesunken. Auf den Bäumen hingen ganze Fahnen von Schnee, und die Sonne glitzerte.
Man mußte Wege ausgraben. Die Tischler und Zimmerleute forderten eine besondere Kolonne an, da sie bis zum Bauch im Schnee zu ihrer Werkstatt waten mußten.
Wie wird es mit der Post und den Zeitungen und den Briefen? Die Radfahrer können unmöglich durchkommen. Aber siehe da, schon kamen die Boten an. Es waren jetzt sechs fröhliche junge Burschen, die den Dienst mit Begeisterung versahen. Sie kamen auf Skiern! Bestaunt und bewundert. Viele der Arbeiter, die diesen eifrigen jungen Leuten, die freiwillig Dienst taten, nicht grün waren – sie hielten sie für Mitglieder reaktionärer Verbände –, sahen sie von diesem Tage an mit anderen Augen an. Man denke: auf Skiern waren sie gekommen. Solche Teufelskerle!
Immer noch schneite es. Man mußte den Schnee von den Dächern fegen, sie bogen sich unter der Last. Aber die Arbeit erfrischte und ermunterte. So sonderbar es war, man sah in diesen Tagen nur heitere Gesichter.
Nun fing der Wind an zu fegen, und das war gut, denn er fegte die Straße frei und wehte den Schnee hinunter in den Kanal.
„Ein wahres Glück, Weidenbach,“ sagte Lehmann, „ist dieser Wind, denn die Stubben müssen heraus. Wir müssen die Sprenglöcher bohren.“
Nun knallte es wochenlang im Walde. Die Stubben flogen in die Luft.
Auch dieses Knallen, diese Stimme der Arbeit belebte und ermunterte. Laut und fröhlich ging es bei den Mahlzeiten her. Nur jene, die erst vor wenigen Tagen aus Berlin gekommen waren, ausgehungert, verstört, müde, verhielten sich noch still und stumpf.
An den Abenden aber herrschte in den Baracken starker Tumult. In der Tat, in keiner der Kneipen der Berliner Vorstädte, wo am Abend müde und verbrauchte Menschen verkehrten, herrschte eine solch ausgelassene Fröhlichkeit.
Die Spielkarten klatschten. Neckereien, allerhand Unfug, Gelächter.
Noch immer stand der Schlächter-Moritz im Mittelpunkt der Gesellschaft. Jeden Abend gab es ein lustiges Geplänkel zwischen ihm und Mutter Karsten. Moritz faßte die Alte unterm Kinn, verdrehte verliebt die Augen und sagte: „Nun, Großmutter, wann werden wir endlich Hochzeit feiern?“
„Oh, du loses Maul,“ erwiderte die Alte, „eine alte Frau zu verspotten, du Schlingel! Siehst du nicht meine Runzeln und daß ich keine Zähne mehr habe. – Hier hast du etwas!“ Und Moritz erhielt eine schallende Ohrfeige.
Aber die Bäuerin, die aus dem Dorfe gekommen war und Mutter Karsten beistand, seht an! Sie war eine Frau von ungefähr vierzig Jahren, derb, aber noch gut aussehend. Mit ihren vorstehenden glänzenden Augen folgte sie jeder Bewegung des Schlächters, und Moritz begann, ihr Augen zu machen. Schon stieß man sich an und machte Scherze.
An den Sonntagen sah man ihn häufig in der Küche sitzen, wo er die Kessel fegte. Die besten Bissen wurden ihm zugesteckt.
Ein kleiner, bleicher Geselle mit wachsgelbem Gesicht war vor kurzem in die Baracke gekommen. Er war von Beruf Schneider und spielte vorzüglich die Mundharmonika. Er spielte, und Henry Graf, der Kellner, begann seinen Niggertanz zu tanzen. Alle Wetter! Bravo! Er rückte einen kleinen steifen Hut aufs Ohr, schwang eine Gerte als Stöckchen, und wie schnell gingen seine Füße, man konnte sie kaum verfolgen. Dann begann er zu stampfen, die Absätze zu schleudern, und nun sang er in einer Sprache, die niemand kannte. Manchmal sah es aus, als falle er seitlich um, aber er tänzelte graziös dahin, das Hütchen kokett schwingend. Diese Nummer war stets ein großer Erfolg. Der größte Erfolg aber in den letzten vierzehn Tagen war der Boxkampf, den Moritz mit einem neuangekommenen hageren, düsteren jungen Mann auskämpfte. Dieser Hagere behauptete ein Boxer zu sein. Er renommierte und prahlte, daß er schon da und dort öffentlich im Ring erschienen sei. Niemand glaubte es, auch Moritz nicht. Ohne jeden Zweifel war Moritz der stärkste Mann im Lager, und er empfand es als einen Angriff auf seine Stellung, wenn der Hagere so unverschämt renommierte.
„Ein Boxer willst du sein? Du siehst nicht aus, als ob du weit kämest.“
„Nun gut, versuche es. Ich boxe auch mit dir.“
„Ah, ein Boxkampf!“
Alle versammelten sich im Kreise. Eine solche Sensation war noch nie dagewesen. Der Hagere zog den Rock aus, und Moritz schlüpfte aus seiner gestrickten Wollweste. Und da alles seine Ordnung haben mußte, wurde Georg zum Schiedsrichter erwählt.
„Über wieviel Runden soll der Kampf gehen?“
Der Hagere wackelte mit dem Knie. „Über zwanzig Runden, je drei Minuten.“ Alle Teufel!
Moritz aber übertraf ihn. Er wölbte die Brust und warf nach allen Seiten Blicke. „Wir boxen, bis einer ausgezählt wird,“ sagte er.
„Bravo, Moritz!“ Das war mehr, als man erwarten konnte. Ungeheure Erregung.
Es muß gesagt werden, daß Moritz nach fünf Runden, elend zusammengeschlagen, aufgeben mußte. Die Bäuerin aus dem Dorfe aber war dunkelrot und warf dem Hageren wütende Blicke zu.
Häufig prallten die Meinungen so heftig aufeinander, daß die Baracke in Wahrheit zu toben begann. Politische Gespräche waren in der Baracke verfemt. Lehmann entließ zwei junge Burschen, die offenbar nur in der Absicht in die Baracke gekommen waren, um Agitation zu treiben.
„Die Gesellschaft Neu-Deutschland kennt keine Parteien und keine Konfessionen, und wer in dieser Beziehung nicht pariert, fliegt augenblicklich hinaus. Ich habe strengsten Befehl und verstehe in dieser Beziehung keinen Spaß!“
An jedem zweiten Sonntag aber kam das Filmauto, immer mit großem Jubel empfangen. Drei Stunden lang wurden Filme vorgeführt, und die Männer, die einsam im Walde hausten, konnten sich nicht sattsehen. Lustspiele, Trauerspiele, alles durcheinander. Die Filme flimmerten schon stark und waren etwas zerschlissen, aber das war den Zuschauern einerlei. Den Schluß bildeten immer Filme, die die Stätten der Arbeit zeigten: Bergwerke mit sausenden Rädern und riesigen Fördermaschinen, Werften, wo die Arbeiter in den Eisengerüsten kletterten, Maschinenhallen, Gießereien, und am Schluß erschienen stets Filme der Gesellschaft Neu-Deutschland. Siedlungen, kaum begonnen, Siedlungen, in denen die Häuser emporwuchsen, Gärten, Siedlungen wimmelnd von Menschen, neue Werkstätten, kleine, völlig neue Städte ...