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Die Brüder Schellenberg

Chapter 4: 2
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

2

In einer Nebenstraße fand Georg nach langem Suchen ein kleines Hotel, das ihm billig genug schien. Er kroch unter die Decke und schlief, völlig erschöpft, augenblicklich ein, obschon es noch früh am Abend war und die Treppen und Türen des Hotels (für Wochen und Tage!) unaufhörlich knarrten. Nach tiefem Schlaf erwachte er früh am Morgen, dampfend am ganzen Körper, aber erfrischt und in zuversichtlicher Laune. Selbst die mürrischen Mienen der Zimmermädchen und Kellner, die in den Einzelgästen ein schlechtes Geschäft sahen, konnten ihm die Laune nicht verderben.

Er suchte eine Kaffeeschenke auf, und während er sein bescheidenes Frühstück einnahm, entwarf er einen genauen Plan für den heutigen Tag. Es galt vor allem zu handeln, nicht eine Stunde durfte er verlieren: seine Barschaft ging zu Ende! Erstens, sagte er sich, erstens also wollte er nochmals das Warenhaus besuchen, um nach Christine zu fragen. Es gab ja keinen Grund, sich zu erregen, verstehe mich recht, er würde Christine finden, heute, morgen. Berlin war eine Stadt der Ordnung, niemand konnte sich hier verbergen.

Zweitens wollte er bei Winter & Co. vorsprechen, jener Baufirma, bei der er zuletzt als Zeichner beschäftigt war, und anfragen, ob es Arbeit für ihn gäbe. Sollte ihm bei Winter kein Erfolg beschieden sein, nun, so gab es andere Firmen, Hausmann & Brune oder Hegelström oder Feinhardt. Er war nicht verlegen, oh, keineswegs.

Wenn die Zeit reichte, so wollte er – drittens – die wenigen Bekannten und Freunde besuchen, die er in Berlin besaß. Das waren vor allem der Bildhauer Stobwasser und der Zeichner Katschinsky. Vielleicht würden sie ihm raten können, was er beginnen solle. Mein Himmel, sechs Monate waren eine Ewigkeit! Er mußte ganz von vorn anfangen.

Es regnete noch immer, feine Regenschnüre rieselten auf dieses endlose Berlin herab. Die Wasserperlen lagen auf den Haaren der Hunde und auf den Lackschuhen der Damen, die in ihre Mäntel gewickelt vorübereilten. Die Straßenkehrer fegten den gelben Schlamm mit Gummistreifen in die Gosse, und Automobile mit großen Walzen wuschen den Asphalt der Straßendämme.

Das Warenhaus war noch völlig verödet. Die Geländer wurden poliert, es wurde Staub gewischt, der Fußboden gewichst. Die glatzköpfigen Herren gingen auf den Teppichen hin und her und gähnten. In der Damenabteilung wurden die Vitrinen abgestaubt, die Wäsche zurechtgelegt.

„Christine März?“ Die Verkäuferinnen kannten sie nicht.

„März?“ sagten sie. „Nein. Es gab große Veränderungen im Personal. Viele Damen wurden entlassen.“ Die Kassiererin mit dem Kneifer kam hinzu. Sie kannte Christines Namen. „Ich erinnere mich,“ sagte sie. „Aber ich glaube nicht, daß Fräulein März noch bei uns ist. Es scheint mir – wenn ich mich recht erinnere, hat sie vor einigen Monaten gekündigt. Sie hatte etwas Besseres gefunden.“

„Besseres?“

„Vielleicht täusche ich mich. Fragen Sie in der Personalabteilung nach.“

Zu allem Unglück war der Chef der Personalabteilung bei einem Termin auf dem Gericht, und die Schreibdamen wagten es nicht, Auskunft zu geben. Der Chef aber würde bestimmt am Nachmittag hier sein.

Gut, also am Nachmittag.

Bei Winter & Co., wo Weidenbach zuletzt gearbeitet hatte, wurde er mit Anteilnahme empfangen. Man erinnerte sich seiner. An der Tür und den Schalterfenstern erschienen einige neugierige Gesichter. Jemand nickte ihm zu. Der stattliche und nach Pomade duftende Prokurist kam heraus und erklärte ihm höflich, daß eine Vakanz zur Zeit – leider! – nicht offen sei. „Später vielleicht. Versuchen Sie es in einigen Wochen, Herr Weidenbach. Und mit Ihrer Gesundheit geht es wieder besser?“ Ein Lächeln, eine Verbeugung.

Georg empfahl sich.

Er erwog, ob es sich überhaupt lohnte, zu Hausmann & Brune zu gehen. Es war eine kleine Firma, die nicht immer mit Aufträgen versehen war. Sie baute Laden aus, Dachwohnungen. Das war ihre Spezialität. Indessen, er beschloß einen Versuch zu machen. Aber – Hausmann & Brune waren nicht mehr zu finden! In den früheren Geschäftsräumen standen, so schien es von außen, Öfen und Herde. Ein Herr, in einen Pelz gehüllt, ging hinter den angelaufenen, nassen Scheiben auf und ab, eine riesenhafte Erscheinung.

Georg klopfte. „Ist hier Hausmann & Brune?“

Ein rothaariger junger Mann, schmächtig und klein, erschien, in einen Pelz eingewickelt, im Türrahmen und putzte sich den Kneifer. „Nein, hier ist Mohrenwitz Söhne, Öfen und Heizungsanlagen.“

„Und Sie wissen nicht, wohin Hausmann & Brune verzogen sind?“

Der Rothaarige zog sich kopfschüttelnd zurück.

Bei der Firma Hegelström hatte Georg vor zwei Jahren, als er nach Berlin gekommen war, als Volontär begonnen. Diese Firma machte alles: Häuser, Kirchen, Theater, Läden, Innenausstattungen, was man wollte. Hegelström war einer der begabtesten und meistbeschäftigsten Architekten Berlins. Er hatte jahraus, jahrein gegen zwanzig Zeichner sitzen.

Georg aber fand die Bureaus verödet. In dem kleinen dunklen Vorzimmer saß ein älterer Herr, der Prokurist. Georg erkannte ihn wieder.

„Mein Name ist Weidenbach,“ sagte er, indem er seiner Stimme einen mutigen Klang gab und ungeniert näher trat, „ich habe bei Ihnen vor zwei Jahren sechs Monate lang als Volontär gearbeitet und frage an, ob Sie Beschäftigung für mich haben.“

Der Prokurist drehte ihm erstaunt den grauen Kopf zu und lächelte hämisch. Er war schlecht rasiert und sah verwahrlost und ungemütlich aus, wie ein verärgerter zottiger Hofhund, der auf Streit wartet. „Beschäftigung?“ keuchte er, „Sie wollen Beschäftigung? Sie glauben wohl, daß wir nur auf Sie gewartet haben, Herr Weidenbach? Oder sind Sie hierher gekommen, um sich einen Scherz zu erlauben?“ Er stand auf, schob die Hände in die weiten Hosentaschen und weidete sich an Georgs Verlegenheit. „Sie sollten also nicht wissen, daß Hegelström bankerott gemacht hat?“

„Hegelström – bankerott?“

„Ja, junger Mann, und ich sitze hier und verwalte die Masse, das ist meine Beschäftigung. Wir haben umgeworfen. Die Zehlendorfer Terrainkäufe haben Hegelström ruiniert. Ich war immer dagegen gewesen, aber Hegelström hörte ja nicht auf mich. Seine Gläubiger haben ihm ohne Gnade die Kehle zugezogen. Und Sie wissen das nicht? Wo in aller Welt steckten Sie, daß Sie das nicht wissen?“

Georg entschuldigte sich, er sei lange Zeit krank gewesen.

Der Prokurist ächzte: „Ich sitze hier noch bis zum Ersten. Dann liege auch ich auf der Straße. Sie wissen also nicht, was mit Hegelström geschehen ist? Ganz Berlin sprach wochenlang von nichts anderem.“

„Nein, wie sollte ich es wissen?“

„Er hat sich vergiftet, junger Mann. Uns allen wird schließlich nichts anderes übrig bleiben, als Arsenik zu fressen. Die Zeiten sind miserabel. Hegelströms Sozius ist Antiquitätenhändler geworden, wie viele Architekten. Er hat einen kleinen Laden in der Kantstraße. Besuchen Sie ihn. – Ja, nun erinnere ich mich wieder an Sie, Herr Weidenbach. Sie haben seiner Zeit die kleinen Villen entworfen, die Hegelström so gut gefielen, nicht wahr?“

„Es waren kleine Landhäuser für Zehlendorf.“

„Ja, richtig. Und Sie waren krank, sagen Sie? Warten Sie einmal – es ist mir so, als habe man mir etwas von Ihnen erzählt? Oder habe ich über Sie etwas in den Zeitungen gelesen?“

Georg wurde blutrot.

Der Prokurist aber gab es gottlob sofort auf, in seinem Gedächtnisse nachzuforschen. „Es sind schwere Zeiten für das Baugewerbe, Herr Weidenbach,“ fuhr er fort. „Es gibt keine Aufträge, und die meisten Neubauten wurden eingestellt. Raten? Nein, ich kann Ihnen keinen Rat geben, ich wüßte nichts.“

Georg war schon in der Türe, als ihm der Prokurist hämisch lachend nachrief: „Vielleicht gehen Sie zu Schellenberg! Versuchen Sie es doch einmal bei ihm!“

„Schellenberg? Wer ist Schellenberg?“

„Schellenberg, das ist ein Unternehmer, der den Arbeitslosen zwanzig Pfennig die Stunde bezahlt, und dazu verspricht er ihnen eine Villa auf dem Monde. Ich sehe schon, Sie haben nicht übel Lust, zu ihm zu gehen – hahaha. Aber nun leben Sie wohl, Herr Weidenbach.“

Bestürzt verließ Georg das Haus.

Er hatte heute nicht mehr den Mut, bei anderen Firmen sein Glück zu versuchen. Kurz entschlossen sprang er auf eine Elektrische, um nach Charlottenburg zu fahren, wo sein Freund Stobwasser wohnte.