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Die Brüder Schellenberg

Chapter 40: 10
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

10

Für Wenzel Schellenberg gab es nur zwei Dinge: Arbeit und Vergnügen. Dazwischen eingeschoben ein paar Stunden Schlaf. Er befand sich unausgesetzt in einer Art Rausch. Die Arbeit berauschte ihn. Und an den Abenden und in den Nächten versuchte er sich zu betäuben durch Vergnügungen aller Art. Er besuchte die Theater, aber er zog die leichtere Muse vor, Operetten, Revuen, Dinge, die lachen machten, die ihn sättigten, ein Rausch von Farben und Fleisch. Die ernsteren Dinge verschob er auf später. Es wird wohl eine Zeit kommen, da ich nicht mehr die „hohe Fahrt“ habe, sagte er zu sich, da ich im Rennen zurückfalle, wie alle, und dann habe ich immer noch Zeit genug, mich mit diesen Dingen zu beschäftigen. Dazu rechnete er auch Museen und Konzerte. Oh, er liebte die Musik, aber sie mußte wild sein und ein mörderisches Tempo haben. Er liebte die Zigeunerkapellen, deren Musik dahinfegte. Eine rumänische Zigeunerkapelle, die er in einer Bar entdeckt hatte, mußte bei seinen Einladungen aufspielen. Ihr Spiel entzückte ihn so sehr, daß er große Summen an diese Kapelle verschenkte. „Diese Lieder soll man spielen, wenn ich einmal sterbe! Sterben – sollte! Denn ich sterbe nicht!“

Zu den Pflichten des kleinen Stolpe gehörte es auch, herauszufinden, wo in Berlin „etwas los war“. Irgendeine besondere Varieténummer, irgendeine Tänzerin, die gefiel, eine Kapelle, die berauschte, ein Clown, über den man sich totlachte. Stolpe hatte keine leichte Arbeit.

„Es ist immer das gleiche, Stolpe,“ sagte er. „Sie müssen sich mehr umtun.“

Als Stolpe ihn einmal zu Seehunden führte, die mit Bällen balancierten, wurde er fast böse. Stolpe klopfte die Theater in den Vororten und im Osten ab. Da gab es zuweilen irgend etwas Prachtvolles zu entdecken, etwas Starkes, etwas Schamloses, etwas außergewöhnlich Häßliches, etwas außergewöhnlich Komisches, irgendeine kleine Tänzerin oder Sängerin, die Schellenberg interessieren konnte.

Schellenberg selbst gab häufig Einladungen. Da waren die offiziellen, bei denen Direktoren von Banken und Geschäftsfreunde mit ihren Frauen erschienen. Das war notwendig, aber Schellenberg langweilten diese Abende maßlos. Dann gab es die intimen Einladungen für seine Freunde, bei denen gespielt, gesungen und gezecht wurde. Die Gesellschaften währten bis zum frühen Morgen, und es ging hoch her.

Ende Oktober, das Wetter war prachtvoll, kam Wenzel die Lust an, ein Herbstfest auf seinem Gut Hellbronnen zu geben. Der leuchtende Himmel, den er über den Häuserschluchten glühen sah, verlockte ihn. Stolpe schrieb die Einladungen und reiste nach Hellbronnen voraus, um die Vorbereitungen zu treffen.

Mit diesem Landgut Hellbronnen hatte es eine ganz besondere Bewandtnis. Es war ein altes Jagdschlößchen, und Mackentin hatte vor dem Kriege bei einem Manöver einmal, ganz zufällig, in diesem Schlößchen in Quartier gelegen. Durch einen Kameraden erfuhr Mackentin, daß Baron Müncheberg, der Besitzer von Hellbronnen, das Jagdschlößchen verkaufen wolle. Wenzel kaufte es, ohne es gesehen zu haben. Als er ein Vierteljahr später die Zeit fand, es zu besichtigen, war er entzückt.

Das Jagdschlößchen, ein alter Schinkelbau, lag inmitten eines alten Parkes, von einem Gartenfreund vor mehr als hundert Jahren geschaffen. Das aber war nicht alles, es gab in diesem Park Wandelgänge, Taxushecken, romantische Spielereien, einen kleinen Irrgarten und eine kleine Naturbühne. Aber das war noch nicht alles. Das Jagdschlößchen spiegelte sich in einem stillen, kleinen See, der drei kleine Inseln hatte. Auf diesen Inselchen waren Pavillons errichtet, und zwei der Inseln waren durch eine japanisch anmutende hohe Brücke miteinander verbunden.

Wenzel hatte das Jagdschlößchen und die Pavillons von seinem Architekten Kaufherr instandsetzen lassen.

Das Sommerfest, das er zur Einweihung gab, hatte bis heute noch keiner der Gäste vergessen. Wochenlang sprach man davon. Eine Schauspielertruppe hatte auf der kleinen Naturbühne einige Szenen aus dem „Sommernachtstraum“ gespielt. Nicht den ganzen „Sommernachtstraum“, das wäre ja langweilig gewesen. Ein Feuerwerk lohte über dem See. Kurzum, es war unvergleichlich. Gegen zweihundert Gäste waren anwesend.

Zu diesem Herbstfest sollte etwa nur ein Dutzend Gäste geladen werden, nur der intimste Freundeskreis. Sie wurden in einigen Automobilen verfrachtet und trafen mit dem sinkenden Abend in Hellbronnen ein. Schon empfing sie die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Zigeunermusik.

Jenny war entzückt von Hellbronnen. „Es ist ja wie ein verwunschenes Schloß,“ sagte sie.

„Ich will Ihnen Hellbronnen zeigen,“ sagte Wenzel, nahm sie ohne viele Umstände unter dem Arm und führte sie fort.

Das Fest selbst enttäuschte Jenny. Sie fühlte sich nicht wohl bei all diesem Lärm, bei all diesem lauten Gelächter, bei dieser rasenden Musik und bei den Scherzen der Gesellschaft. Es waren die intimen Freunde und Bekannten Schellenbergs, zwei mit ihren Frauen, die einen leichtsinnigen Ton liebten, die andern zumeist mit Freundinnen, eleganten Geschöpfen, eine Kollegin von ihr darunter und eine sehr bekannte und sehr schöne Tänzerin, berüchtigt durch ihre Skandale. Unter den Herren befanden sich einige bekannte Bankiers, die Söhne reicher Eltern, ohne Tadel angezogen, ohne Tadel der Scheitel, die Hände, aber blasiert und langweilig. Sie erzählten Witze, die Jenny schon alle im Kaffeehaus dutzendmal gehört hatte. Welche Leere.

Die Mahlzeit war verschwenderisch. Es gab reichlich zu trinken, und selbst die Damen wurden rasch ausgelassen. Die Tänzerin stieg auf den Tisch und tanzte zwischen den Gläsern und Blumen. Ihr Erfolg war groß. Wenzel hob sie vom Tisch und drückte sie an die Brust. Und als Jenny dies sah, zerriß es ihr das Herz. Sie litt fast unaufhörlich an diesem Abend. Wenzel bevorzugte sie. Wenzel stellte sie in den Mittelpunkt der Gesellschaft, aber doch fuhr ihr jeder seiner freien, offenen Blicke, die er einer anderen Frau zuwarf, wie ein Messer ins Herz, ja wie ein Messer, das auf beiden Seiten geschliffen ist und sehr spitz, so fühlte sie es. Aber sie liebte sein Lachen. Nie hatte sie ihn so lachen gehört. Er lachte ausgelassen wie ein Knabe.

Nach dem Abendessen wurde es vor den Fenstern plötzlich hell wie bei einem Brande. Wenzel hatte riesige Pechfackeln am Seeufer aufstellen lassen. Sie brannten alle zur gleichen Zeit. Feuerströme wälzten sich in dem stillen Wasser. Es sah herrlich aus, fast erschreckend. Man beglückwünschte Wenzel zu dieser Idee.

„Man muß ja etwas sehen,“ sagte er. „Was sollen wir mit dieser Nacht anfangen, und wie schauerlich finster ist es doch auf dem Lande.“

In einem Boot fuhr die rumänische Kapelle mit ihrer rasenden Musik davon. Die Gesellschaft verteilte sich in vier kleine Boote, und man ruderte zu den Inseln. Wenzel half der Tänzerin beim Aussteigen. Er legte seine große knochige Hand um ihren schlanken Körper, und wieder litt Jenny. Großer Gott, sagte sie sich, hoffentlich ist es bald zu Ende.

In den Pavillons gab es Kaffee, Liköre und Schleckereien. Die Damen fröstelten, die jungen Bankiers stülpten den Rockkragen in die Höhe und sagten: „Es ist kalt, Schellenberg!“

„Nun gut, so fahren wir zurück. Fahrt voraus.“

„Wollen Sie hier bleiben, Schellenberg?“

„Ihr werdet schon sehen!“

Die Boote stießen ab, und alle wunderten sich, was Schellenberg unternehmen werde.

In diesem Augenblick aber sprang Wenzel von der japanisch anmutenden Brücke aus im Hechtsprung ins Wasser und schwamm hinter den Booten her. Er lachte und prustete. „Ich will euch nur zeigen, daß es nicht kalt ist!“ schrie er. Am Ufer angekommen, schüttelte er sich wie ein Pudel, der aus dem Wasser steigt.

Jenny zitterte am ganzen Körper. Sie trat dicht an Wenzel heran, berührte seinen nassen Ärmel und sagte: „Sie werden sich erkälten, kleiden Sie sich sofort um.“

Schellenberg lachte, aber mitten im Lachen brach er ab und sah Jenny in die Augen. Der Ton, in dem sie ihre Bitte aussprach, hatte ihn betroffen gemacht. Jenny war ganz bleich. „Ich gehorche!“ rief er und verschwand schnell im Hause.

Es wurde getanzt, gelacht, getrunken. Oh, Jenny war glücklich, als sie wieder in Berlin war.