Der Wind pfiff über die Heide. Er war noch naß vom Schnee, aber schon war ein lauer Hauch des Frühlings in ihm. Ein heftiger Südweststurm brauste seit einigen Tagen dahin.
Von Glücksbrücke an, dessen Baracken in der Ferne, am Horizont verschwammen, bis zu den mächtigen Werkstätten von Glückshorst erstreckte sich jetzt eine einzige ungeheure Fläche, nur unterbrochen von einem windgeschüttelten Birkenhain, den die Axt plangemäß verschont hatte. Er sollte später ein „Park“ werden.
Die Maschinen waren gekommen und hatten den Boden von Glückshorst, wo früher der Wald stand, aufgerissen, zermalmt, umgegraben und gewalzt. Tag für Tag zogen große Traktoren und Motorwalzen auf den neugeschaffenen Straßen langsam hin und her. Auf dem Kanal waren Frachtkähne angekommen, die Schottersteine und Schlacke brachten. Auf diesen Straßen waren Scharen von Arbeitern beschäftigt. Am Kanal unten entluden andere Gruppen die Kähne. Feldbahnengeleise zogen kreuz und quer über das Gelände.
Lehmann kam in diesen Wochen kaum aus den Stiefeln. Ein Glück nur, daß die Tage länger wurden. Er erhielt Schreiben über Schreiben aus Berlin, Ingenieure kamen, das Telephon klingelte von früh bis nachts. Es war zum Verrücktwerden. Natürlich drängten sie. Zuerst hatten sie ihn gelobt, nun stellte es sich heraus, daß er eine ganze Woche zurück war. Lehmann schrie und wetterte, und trotzdem er nur einen Arm hatte, hatte er sich ein Fahrrad zugelegt. Auf diesem Fahrrad fuhr er den ganzen Tag hin und her. Es ging ihm nicht mehr rasch genug.
Von dem großen Arbeitertrupp abgesondert, arbeitete ein kleines Häufchen Männer, das Georg Weidenbach befehligte. Der General mit seinem langen Bart war in dieser Gruppe und der krummbeinige Schlosser, der vorgab, seinerzeit bei Wenzel Schellenbergs großem Neubau gearbeitet zu haben. Sie schleppten Meßstangen und Meßbänder, visierten, maßen und schlugen Pflöcke ein. Georg trug einen zerknitterten, zerweichten und beschmutzten Plan unter dem Arm. Er hatte den Auftrag erhalten, Glückshorst zu vermessen.
„Sie bringen mich zur Verzweiflung!“ schrie ihm Lehmann durch den Sturmwind zu. „Diese Burschen in Berlin glauben, wir können hexen! In drei Tagen sollen die Kähne mit dem Baumaterial kommen! Was sagen Sie dazu. Es ist einfach verrückt!“
An diesem Abend blies der Wind so heftig, daß die freiwilligen Postfahrer, diese Kolonne frischer Jungen, kaum auf ihren Rädern vorwärtskamen. Von dieser Gruppe der Radfahrer löste sich einer los und erkämpfte sich durch den Sturm den Weg bis zu Weidenbach. Er überbrachte Georg einen Brief.
Ein Brief! Noch immer zitterte Georg, wenn er einen Brief erhielt.
Er klemmte den Plan unter den Arm und musterte im sinkenden Tageslicht die Aufschrift: es war ein Brief von Stobwasser. Es war schon so düster, daß Georg kaum mehr imstande war, den Brief zu lesen. Aber eines verstand er doch sofort: der Brief enthielt eine Angabe über Christines Aufenthalt! Georg erbleichte. Er war so erregt, daß er gute zehn Schritte zur Seite trat. In dem Briefe war die Rede davon, daß Christine sich an Jenny Florian mit einer Bitte gewandt hatte. Jenny Florian, unterrichtet von Stobwasser, hatte dem Bildhauer augenblicklich Mitteilung gemacht. Berlin, im Norden, irgendwo da draußen, die Spur war also gefunden! Dann folgten lange Betrachtungen über das wirtschaftliche Elend der jungen Künstler in Berlin. Georg las nicht weiter.
Ohne ein Wort zu sagen, verließ er seine Arbeitsgruppe und begab sich raschen Schrittes zu den Baracken, zuletzt lief er. In Lehmanns Bureau war Licht. Außer Atem, bleich und in größter Erregung, trat Georg ein und bat um einen sofortigen Urlaub von zwei Tagen. Noch heute abend wollte er nach Berlin.
„Aber zum Teufel mit Ihnen!“ schrie Lehmann. „Sind Sie toll geworden? Gerade jetzt?“ Plötzlich aber hielt er inne. Sein Blick war auf Georgs Gesicht gefallen. „Aber was ist mit Ihnen?“ fragte er voller Teilnahme. „Wie sehen Sie aus? Setzen Sie sich! Was ist passiert?“
„Es hat sich nichts Unglückliches ereignet,“ sagte Weidenbach, und das Blut kehrte langsam in sein Gesicht zurück. „Im Gegenteil, etwas Glückliches oder vielleicht etwas Glückliches, es ist noch nicht ganz sicher.“
„Um so besser,“ erwiderte Lehmann. „Natürlich, wenn es sein muß, müssen Sie fahren, das sehe ich ein, so fatal es ist. Sie wollen also zwei Tage Urlaub haben. Vielleicht können Sie es früher schaffen? Ich werde unterdessen Ihre Arbeit mit übernehmen. Kommen Sie in einer Stunde zu mir, zu einer längeren Besprechung. Daß Sie heute abend noch gehen, hat ja keinen Sinn.“
Aus den Fenstern der Tischlerei strömte helles Licht. Unter eines dieser Fenster stellte sich Georg, um Stobwassers Brief nochmals und aufmerksam zu lesen. Ohne Zweifel, er hatte recht gelesen, Christines Spur war gefunden, nicht ihre Adresse, aber doch wenigstens eine Spur! Und endlich fand Georg auch die Sammlung, den Brief Stobwassers zu Ende zu lesen.
„Sei glücklich, Georg,“ schrieb Stobwasser, „daß du eine Beschäftigung hast. Vielleicht komme ich auch bald zu dir hinaus. Uns allen hier, die wir die Fahne der Kunst noch hochhalten, geht es miserabel. Ich mache Schnitzereien für eine Möbelfabrik, aber zu welchem Preise! Katschinsky hat sich in den Film gerettet und scheint eine Zukunft vor sich zu haben. Allen andern aber geht es elend.“ Und Stobwasser berichtete von bekannten Malern und Bildhauern, die heute einen Gegenstand um den andern verkauften und verpfändeten, um das nackte Leben zu fristen. Eine junge Geigerin, Meisterschülerin eines berühmten Virtuosen, spielte jeden Abend für zwei Mark im Kino. Ein bekannter Maler und Radierer zeichnete für einige Groschen Porträts in den Kaffeehäusern. Die guten Theater brechen zusammen, die Filme und Revuen triumphieren. „Was soll werden?“ rief Stobwasser aus. „Die Regierungen kümmern sich nicht um uns, die Städte, kaum noch die Zeitungen. Soll die Kunst in diesem Lande zugrunde gehen –?“