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Die Brüder Schellenberg

Chapter 46: 16
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About This Book

The narrative focuses on the lives of two brothers and their circle, portraying how ambition, duty, and personal longing are strained by modern urban life. It follows Georg Weidenbach’s convalescence and tentative return to the city, his anxious search for Christine, and vivid department-store tableaux that contrast abundance and emotional emptiness. Interwoven episodes examine family bonds, shifting social hierarchies, and the psychological toll of recovery, desire, and economic change.

16

In Schweiß gebadet traf er vor Stobwassers Werkstatt ein.

Er war so von Sinnen, daß er die Tür aufklinkte, bevor Stobwasser noch auf sein Pochen antworten konnte. Er stürzte in die Werkstatt und prallte zurück: Ein junges, nacktes Mädchen lag auf einem kleinen Sofa. Stobwasser stand und modellierte eifrig.

„Du mußt helfen, Stobwasser!“ schrie Georg, dessen Hände flogen. „Helfen mußt du!“ Er zerrte den Bildhauer in den Hof hinaus und erzählte wirr, atemlos, unzusammenhängend.

Aber das Herz eines Freundes ist wie das einer liebenden Frau, und Stobwasser verstand sofort alles.

Er blieb mit gespreizten Beinen stehen, den Kopf gesenkt, und dachte nach. „Wir werden Rat schaffen,“ sagte er. „Die Hauptsache ist nur, daß du dich beruhigst, Weidenbach.“

„Oh, ich bin sehr ruhig,“ erwiderte Georg mit einem abwesenden Lächeln. Er zitterte am ganzen Körper. Er strich sich über das Gesicht, und seine Hand war so naß, als habe er sie in Wasser getaucht.

Stobwasser nahm Hut und Mantel. „Sie können sich anziehen,“ sagte er zu dem Modell, und sie gingen.

„Nicht so schnell!“ rief er Georg zu, der schon wieder zu laufen begann. „Wir wollen es bei Katschinsky versuchen. Oh, wie ich meine Armut verfluche!“ schrie er laut. „Für sich allein arm zu sein, was bedeutet es? Aber – oh, wie ich meine Armut verfluche!“

Katschinsky hatte die Wohnung gewechselt. Seit seinen Erfolgen beim Film wohnte er in einer großen Pension im Westen. Unglückseligerweise hatte er Besuch. Er kam in die Diele, runzelte die Stirn, als er die beiden keuchenden Freunde sah, denen der Schweiß auf der Stirn stand. Er trug einen Hausanzug aus dunkelblauer Seide und schwarze Hausschuhe aus Lackleder.

„Was gibt es?“ fragte er und ließ sich in einem Korbsessel der Diele nieder. Aber augenblicklich stand er wieder auf. „Zweihundertfünfzig Mark!“ rief er aus. „Ich habe keinen Pfennig, nur Schulden!“

„Du mußt das Geld schaffen!“ schrie Stobwasser.

Katschinsky runzelte wieder die Stirn und verzog die Lippen zu einem spöttischen Lächeln. „Wie soll ich eine so große Summe herbeischaffen?“ fragte er. „Sagt doch selbst.“

„So gib alles, was du hast!“ rief Stobwasser. „Wir werden es verpfänden!“

Katschinsky zuckte die Achseln und wandte sich der Tür zu. „Ich habe leider keine Zeit mehr,“ sagte er hochmütig. „Ich habe Damenbesuch.“

„Du bist ein Schuft!“ schrie Stobwasser, als Katschinsky die Tür schon geschlossen hatte.

Sie wischten sich beide den Schweiß von der Stirn.

„Dann wollen wir es bei Jenny selbst versuchen,“ riet Stobwasser und stürzte die Treppe hinab.

Im feierlichen Foyer des Hotels, wo sorgfältig gekleidete Damen und Herren still in Klubsesseln saßen, mißbilligte der Portier ihre Eile und Hast. „Es ist dringend,“ sagte Georg und eilte die Treppe empor.

Jenny war zu Hause, welch ein Glück! Aber der Page machte sie darauf aufmerksam, daß Fräulein Florian Besuch habe. „Herr Schellenberg ist soeben gekommen,“ verkündete er voller Ehrfurcht.

„Wir lassen bitten, es ist in dringender Angelegenheit,“ sagte Stobwasser, und der Page klopfte zögernd und scheu an Jennys Tür. Nach geraumer Weile verschwand er.

Es vergingen nur wenige Minuten, da kam Jenny heraus auf den Flur. Sie hatte eine Zigarette zwischen den Lippen und ging mit leichten, tänzelnden Schritten, aber ganz langsam, auf die beiden zu.

„Was gibt es?“ fragte sie mit einem schönen Lächeln. „Und wer ist das? Sind Sie es, Weidenbach?“

„Was es gibt?“ fragte Stobwasser und erzählte hastig.

Jenny dachte nach. Sie zog an der Zigarette, schüttelte den Kopf, blickte zu Boden. „Wie peinlich,“ sagte sie. „Ich habe kein Geld. Es ist fast Monatsende. Aber wartet, es wird sich Rat finden. Ich hoffe es.“

Mit denselben langsamen tänzelnden Schritten ging sie in ihr Zimmer zurück. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und hob triumphierend drei Geldscheine in die Höhe. „Nun, seht ihr!“ rief sie freudig aus. „Oh, Weidenbach, wie freue ich mich, Ihnen gefällig sein zu können! Grüßen Sie Christine.“

Schon stürzten die beiden die Treppe hinab.

„Wir werden ein Auto nehmen!“ entschied Georg.

Drei Stunden, nachdem Georg Christine verlassen hatte, war er schon wieder zurück. „Ich bringe das Geld!“ rief er dem grauhaarigen Weib mit der gespaltenen Stirn zu, indem er sich den Schweiß von der Stirn wischte.

Aber die Alte hatte es sich anders überlegt. „Es sind nur zweihundertundfünfzig Mark! Es sind aber mehr als dreihundert Mark!“ keifte sie. „Wir haben uns barmherzig erwiesen, und das ist nun der Dank!“

Da aber verwandelte sich Georg plötzlich. Er schwang die Faust und machte Miene, sich auf die Alte zu stürzen. Stobwasser hatte ihn nie so gesehen. „Wir geben nicht mehr! Wir können nicht mehr geben! Das ist alles, was wir aufbringen konnten!“ schrie Georg mit drohender Gebärde. Und nun willigte die Alte ein, daß Christine die Wohnung verlassen könne.

Aber Christine war so schwach, daß sie nicht imstande war, die Treppe hinabzugehen. Georg nahm sie auf den Arm und trug sie hinunter. Stobwasser kam hinterher mit dem Kinde, das in einen alten Lappen gewickelt war. Der junge Mensch und das alte Weib mit der gespaltenen Stirn schrien freche Scherze in das Stiegenhaus hinab.

Sie fuhren nach Stobwassers Werkstatt.

„Es ist ein Glück, daß ich heute geheizt habe!“ rief Stobwasser vergnügt aus und rieb sich die Hände. „Ich heize nur, wenn ich Modell habe.“

Der Bildhauer schürte den Ofen, daß das rostige Rohr, das durch die Werkstatt führte, zu krachen begann. Er kochte Tee. Dann stürzte er aus dem Hause, um das Abendbrot einzukaufen. Brot, Butter, Eier und sogar ein Viertel Schinken besorgte Stobwasser.

„Nun wird es gemütlich bei uns!“ rief er vergnügt aus, und auf seinen Wangen erschienen rote Flecke vor Eifer. „Es ist selbstverständlich, daß ihr bei mir übernachtet, wo solltet ihr hin? Wir werden uns schon zurechtfinden. Und Sie, Christine, Sie sollen sich ausruhen,“ sagte er, während er den Tisch abräumte, einige Zeitungen über die schmutzige Tischplatte breitete und das Abendbrot servierte.

Christine schwieg noch immer. Georg und Stobwasser hatten sie genötigt, sich auf Stobwassers Bett auszustrecken. Da also lag sie nun, bleich und still, die fiebernden Augen zur Decke gerichtet, das Kind an ihrer Seite. Sie wiegte nur unmerklich den Kopf hin und her, wenn Georg eine Frage an sie richtete. Ihre Lippen zuckten verquält, und wenn er sie berühren wollte, so ging ein Zittern über ihren ganzen Körper.

Stobwassers Tiere hatte der große Besuch unruhig gemacht. Die Vögel sprangen neugierig in ihren Käfigen hin und her. Der Kakadu knarrte und streckte den Kopf durch das Gitter. Der grüne Papagei turnte an seinen Ringen und schlug mit den Flügeln. Die pechschwarze Katze aber saß auf dem Bettpfosten und starrte mit ihren großen grünen Augen unaufhörlich auf das kleine Kind. Das Kind begann zu schreien, und Christine reichte ihm die Brust. Sie neigte dabei leicht den Kopf, und ein unmerkliches Lächeln lag auf ihrem bleichen Gesicht. In dieses Gesicht hatte das Schicksal Furchen und Linien geschrieben, so daß Christine um zehn Jahre gealtert schien. Sie trank eine Tasse Tee, dann lag sie wieder still und sah zur Decke empor. Bald schlief sie erschöpft ein.

Stobwasser und Georg saßen still. Der Bildhauer rauchte seine Pfeife, und nur zuweilen flüsterten sie einige Worte.

„Was ist mit ihr?“ fragte Stobwasser leise.

„Ich weiß es nicht, sie ist krank.“

„Nun, es wird alles gut werden.“

„Und das Kind, Stobwasser? Was sagst du zu meinem Kinde?“ Georgs Augen glänzten. „Mein Kind!“

„Es ist in der Tat ein sehr schönes Kind,“ antwortete Stobwasser voller Überzeugung. „Ein außerordentlich schönes und genial aussehendes Kind!“

Und wieder schwiegen sie lange, und jeder dachte seine eigenen Gedanken.