Früh am nächsten Morgen begab sich Georg in das Bürohaus „Neu-Deutschland“, um dem Referenten seine Bitte vorzutragen, Christine und das Kind nach Glückshorst mitnehmen zu dürfen.
Der Umbau des Bürohauses der Gesellschaft schien nahezu beendet zu sein. Es wimmelte von Menschen. Boten und Beamte eilten hin und her. In den Vorhallen standen Scharen von Männern, abgerissen und bleich, die Arbeit suchten.
Der Referent schüttelte den Kopf, als er Georg angehört hatte. „Es ist unmöglich,“ sagte er. „Die Siedlung ist ja erst im Bau. Ich würde es ja gerne tun, mißverstehen Sie mich nicht. Welch ein Jammer und welch ein Elend!“ rief er aus. „Können Sie begreifen, daß ich oft verzweifle? Solche Fälle wie den Ihrigen höre ich täglich hundertmal. Das Elend strömt zu diesem Hause herein wie eine Flut, und diese Flut steigt mir bis an die Lippen! Ich werde versuchen, Herrn Schellenberg oder einen seiner Sekretäre zu erreichen.“ Der Referent telephonierte.
Michael Schellenberg aber hatte soeben sein Büro verlassen und wollte wegfahren. Welch ein Verhängnis! „Folgen Sie mir,“ sagte der Referent eilig. „Vielleicht treffen wir ihn noch.“
Als sie auf den Flur traten, kam Michael soeben die Treppe herab. Er schien es sehr eilig zu haben. Der Referent trat auf ihn zu und trug ihm in aller Kürze Georgs Bitte vor. Michael schüttelte den Kopf und ging rasch weiter. Als er an Georg vorüberkam, sah er ihm in die Augen und blieb eine Sekunde stehen.
„Handelt es sich um Sie?“ fragte er.
„Ja,“ erwiderte Georg, „um mich. Ich würde herzlichst bitten –“
Michael zog die Uhr. „Ich habe mich schon verspätet,“ sagte er und runzelte die Stirn. „Ich muß ins Ministerium. Kommen Sie mit mir. Sie können mir ja unterwegs den Fall vortragen.“ Hastig und ungeduldig schob er den zögernden Georg ins Auto, und der Wagen fuhr ab.
Georg erzählte rasch seine Geschichte, während Michael ihn mit klaren prüfenden Augen anblickte.
„Es ist gut,“ sagte Michael, als Georg geendet hatte. „Nehmen Sie Fräulein März und das Kind getrost mit nach Glückshorst. Und werden Sie recht glücklich,“ fügte er hinzu, indem er Georgs Hand schüttelte. Er klopfte ans Fenster. Der Wagen hielt, und Georg stieg aus.
Rasch machte Georg für Christine und das Kind die allernötigsten Einkäufe, und dann fuhren sie ab.
Christine fügte sich willig. Sie hatte nur eine Bedingung gestellt, daß er, Georg, nie eine Frage an sie richte. Sie selbst werde ihm einst alles erzählen.
Als es dämmerte, kamen sie in Glückshorst an. Eine Weile standen sie verlegen auf der Straße. Der Wind blies. Christine hielt das in eine Decke gehüllte Kind auf den Armen, dann erstattete Georg Lehmann Bericht und übergab Christine und das Kind der Fürsorge der Mutter Karsten. „Was für ein schönes Kind!“ rief die Alte aus und hob das Kind in die Höhe, um das Geschlecht festzustellen. „Ein Knabe! Wie heißt er?“
„Er heißt Georg,“ sagte Christine.
„Etwas bleich sieht Ihre kleine Frau aus,“ sagte Mutter Karsten dann zu Georg. „Aber wir werden sie schon herausfuttern.“
Der Schlächter-Moritz streckte den dicken Kopf in die Tür, dann überbrachte er der Baracke die Neuigkeit. Aber die Männer regten sich nicht im geringsten darüber auf. Eine Frau, ein Kind, was war weiter dabei?
„Sie kommen gerade noch zur rechten Zeit, Weidenbach,“ sagte Lehmann. „Morgen früh fangen wir mit den Häusern an.“